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Unpersönliche und unvollständige Verben

Unpersönliche Verben werden unpersönlich konstruiert und häufig mit „es“ übersetzt. Viele können mit Objekt, Infinitiv oder AcI stehen. Unvollständige Verben können nicht vollständig konjugiert werden, sondern haben nur einzelne Formen.

Unpersönliche Verben

Du kennst das sicher: Im Lateinunterricht wird häufig nach Subjekt und Prädikat im Satz gesucht. Auch im Deutschunterricht hast du das sicher schon gemacht und gelernt, dass beides in einem Satz vorhanden sein muss. Doch wie ist das in folgendem Satz?

  • Es regnet.

Wer oder was ist denn „es“? Das muss ja das Subjekt sein. Aber für was steht „es“? Jemand kann doch nicht regnen!? Dieses Phänomen gibt es auch in der lateinischen Sprache. Man spricht hier von unpersönlichen Verben. Diese existieren nur in der 3.Person Singular und im Infinitiv. Es gibt neben Wettererscheinungen noch zwei weitere Verben:

  • pluit (es regnet)
  • ninguit (es schneit)
  • tonat (es donnert)
  • oportet (es gehört sich/es ist nötig)
  • constat (es ist bekannt/es ist Tatsache)

Die Übersetzung ins Deutsche fällt nicht schwer, weil sie 1 zu 1 geschieht.

Unpersönliche Ausdrücke (mit Objekt)

Anders ist es bei Verben, die eine bestimmte Bedeutung haben, wenn sie unpersönlich gebraucht werden. Das Verb accidere zum Beispiel kann in allen Formen gebildet und verwendet werden. Aber es kann auch unpersönlich gebraucht werden und heißt dann: accidit (es geschieht). Es kann dann mit einem (Dativ-)Objekt stehen:

  • mihi accidit (Es geschieht mir.)

Dasselbe gilt zum Beispiel auch für fugere (fliehen). Unpersönlich verwendet heißt es „es entgeht“ und steht mit Akkusativ:

  • me fugit (Es entgeht mir.)

Das gilt für die unpersönlichen Ausdrücke:

  • accidit (es geschieht) [mit Dativ]
  • libet (es gefällt) [mit Dativ]
  • licet (es ist erlaubt) [mit Dativ]

  • fugit (es entgeht) [mit Akkusativ]

  • iuvat (es freut/gefällt) [mit Akkusativ]
  • decet (es gehört sich (für)) [mit Akkusativ]

Das Übersetzen ist nun nicht mehr 1 zu 1. Du musst darauf achten, dass im Deutschen das entsprechende Verb oft nicht mit demselben Kasus steht wie im Lateinischen!

Unpersönliche Verben der Empfindung

Noch ein bisschen komplizierter wird es bei den Verben der Empfindung. Sie werden im Lateinischen nämlich unpersönlich konstruiert, im Deutschen aber nicht. Dazu gehören:

  • piget (sich ärgern)
  • pudet (sich schämen)
  • paenitet (bereuen)
  • taedet (sich ekeln)
  • miseret (Mitleid empfinden)

Der Empfindende steht im Lateinischen dabei immer im Akkusativ, ist also ein Objekt. Im Deutschen dagegen ist er das Subjekt. Das muss bei der Übersetzung beachtet werden! Die Ursache der Empfindung steht im Genitiv. Ein Beispiel:

  • Se piget sui magistri. (Er ärgert sich über seinen Lehrer.)

Um dir diese Verben besser merken zu können, gibt es diesen Spruch:

  • Me piget, pudet, paenitet – taedet atque miseret

Unpersönliche Verben mit Infinitiv und AcI

unpersönl. V m Inf u AcI

Hier ist noch ein Satz. Kannst du das Subjekt bestimmen?

  • Errare humanum est. (Irren ist menschlich.)

Das Subjekt ist hier kein Nomen, sondern ein Verb, genauer gesagt der Infinitiv errare (irren). Deutlicher wird, dass hier ein unpersönlicher Ausdruck vorliegt, wenn du den Satz umstellst: Es ist menschlich zu irren. Der bloße Infinitiv als Subjekt gilt dabei stets als Neutrum Singular. Es heißt also immer humanum est. Du siehst: Unpersönliche Verben können auch mit Infinitiv stehen. Hier noch ein Beispiel:

  • legere licet. (Es ist erlaubt zu lesen.)

Dazu kann ein Objekt treten:

  • legere librum licet. (Es ist erlaubt, ein Buch zu lesen.)

Weitere Ausdrücke dieser Art sind:

  • facile est (es ist leicht)
  • tempus est (es ist Zeit)
  • necesse est (es ist nötig)
  • interest (es ist wichtig)
  • facile est (es ist leicht)
  • libet (es ist beliebt)
  • praestat (es ist besser)
  • iuvat (es freut)

Schau dir ein weiteres Beispiel an:

  • Corneliam legere tempus est.

Achtung! Die Übersetzung „Es ist Zeit, Cornelia zu lesen.“ macht nicht viel Sinn. Aber du hast doch einen Infinitiv und einen Akkusativ wie oben!? Vielleicht klingelt es bei dir? Akkusativ mit Infinitiv – hier liegt ein AcI vor. Die Übersetzung muss heißen: „Es ist Zeit, dass Cornelia liest.“

Du könntest noch ein Akkusativobjekt ergänzen:

  • Corneliam librum legere tempus est. (Es ist Zeit, dass Cornelia das Buch liest.)

Nach dem Sinn entscheidest du hier natürlich, dass Corneliam zum AcI gehört und librum (Buch) das Objekt zu legere (lesen) ist. Die Übersetzung „Es ist Zeit, dass das Buch Cornelia liest.“ Ist unsinnig.

Unpersönliche Verben können also auch mit einem AcI stehen. Das macht es manchmal uneindeutig bei der Übersetzung. Schau:

  • Marcum vocare necesse est.

Du kannst übersetzen: „Es ist nötig, dass Markus ruft.“ Aber auch: „Es ist nötig, Markus zu rufen.“ In solchen Fällen musst du nach dem Kontext entscheiden, welche Übersetzung sinnvoll ist.

Leicht hast du es da mit folgenden Ausdrücken, die ausschließlich mit AcI stehen:

  • constat (es ist bekannt)
  • apparet (es ist klar)
  • apertum est (es ist offenbar)
  • me praeterit (mir ist unbekannt)
  • me fallit (ich weiß nicht)

Markus_ruft.JPG

Unvollständige Verben

Weg von den unpersönlichen hin zu den unvollständigen Verben:

Du kennst sicher schon eine ganze Menge Verben und weißt auch, dass diese konjugiert werden. Wenn ein Verb in alle Zeiten gesetzt wird, erhält man ganz schön viele Formen. Bei den unvollständigen Verben, auch verba defectiva genannt, ist das anders. Von Ihnen existieren nur ein paar Formen.

Nur Perfektstamm vorhanden

Es gibt ein paar Verben, bei denen es keinen Präsensstamm, sondern nur einen Perfektstamm gibt. Deshalb können auch nur Perfekt, Plusquamperfekt und Futur II-Formen gebildet werden. Dies ist der Fall bei:

  • meminisse (sich erinnern)
  • odisse (hassen)
  • coepisse (begonnen haben)

Die ersten beiden Verben werden zwar mit dem Perfektstamm gebildet, aber nicht in den entsprechenden Zeiten übersetzt. Es gilt:

  • Perfekt wird mit Präsens übersetzt
  • Plusquamperfekt wird mit Imperfekt übersetzt und
  • Futur II wird mit Futur I übersetzt.

Das Verb coepisse kennst du vielleicht von den Stammformen des Verbes incipere (beginnen). Hier wird das Tempus beim Übersetzen übernommen.

Gut zu wissen sind noch die Imperative, die meminisse hat:

  • memento! (Erinnere dich!/Gedenke!)
  • mementote! (Erinnert euch!/Gedenkt!)

Nur Einzelformen

Es gibt auch Verben, die nur ein paar Formen besitzen. Dazu gehören:

  • quire (können) und
  • nequire (nicht können)

Diese beiden Verben werden wie ire (gehen) konjugiert. Gebräuchlich verwendet werden aber nur: nequit (er kann nicht), nequeunt (sie können nicht), quiret (er würde können) und nequisse (nicht gekonnt haben).

  • aio (ich behaupte)

Im Vergleich dazu gibt es von aio viele Formen – jedoch keinen Infinitiv! Im Präsens Indikativ gibt es: aio (ich behaupte), ais (du behauptest), ait (er behauptet), aiunt (sie behaupten). Das Imperfekt ist im Indikativ vollständig vorhanden (aiebam (ich behauptete) usw. Außerdem gibt es die Form ain, die mit „sagst du?“ oder „wirklich?“ übersetzt wird.

  • inquit (sagt(e) er)

Dieses Verb wird in die direkte Rede eingeschoben und kann in folgenden Formen sowohl als Präsens als auch als Imperfekt übersetzt werden: inquit (sagt(e) er), inqam (sag(t)e ich), inquis (sag(t)est du) und inquiunt (sag(t)en sie). Außerdem gibt es diese beiden Futur I-Formen: inquies (wirst du sagen) und inquiet (wird er sagen).

  • quaeso (ich bitte)

Das Verb quaeso (ich bitte) tritt nur in einer weiteren Form auf: quaesumus (wir bitten).

  • ave und salve (sei gegrüßt!)

Diese beiden Formen kennst du bestimmt! Es sind die Begrüßungsformeln, die es nur in dieser Form und im Plural gibt: avete und salvete (seid gegrüßt!).

Das war eine Menge Stoff! Aber wie immer gilt: Übung mach den Meister.

Viel Erfolg beim Lernen und vale!