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Apostrophe 06:41 min

Textversion des Videos

Transkript Apostrophe

Hallo, ich bin Anna und ich wünsche Dir viel Spaß mit diesem Video.

„Lieber Gott, bitte mach, dass es gut geht!”

Bestimmt hast Du schon einmal gehört, wie jemand so etwas in einem Gespräch geäußert hat oder sogar selbst schon mal eine solche Aussage benutzt. Aber hättest du gedacht, dass sich dahinter ein sprachliches Stilmittel, nämlich die Apostrophe, versteckt? Am Ende dieses Videos wirst du ganz genau Bescheid wissen, denn jetzt soll sich alles um sie drehen.

Ich werde Dir erklären, was genau eine Apostrophe ist, wie man sie erkennt und wie und warum man sie verwendet. Das alles zeige ich Dir an verschiedenen Beispielen. Du solltest schon etwas Vorwissen im Bereich der Stilmittel und rhetorischen Figuren im Allgemeinen mitbringen.

Beginnen wir mit der Erklärung, was eine Apostrophe überhaupt ist. Also mit einer Definition. Wie gerade schon erwähnt, gehört die Apostrophe zu den sprachlichen Stilmitteln der Rhetorik. Das Wort Apostrophe kommt aus dem Griechischen und bedeutet Abwendung. Bei einer Apostrophe handelt es sich nämlich um eine überraschende Hinwendung des Redners zu einem abwesenden oder fiktiven Publikum bzw. um eine Abwendung vom ursprünglichen Publikum. Allgemeiner ausgedrückt kann man sagen: es findet ein Wechsel des Adressaten oder Empfängers statt. Da man die Apostrophe auf der gedanklichen Ebene identifizieren muss und nicht an einer bestimmten Satz- oder Wortstellung erkennt, handelt es sich um ein Stilmittel der Gedankenfiguren.

Aber schauen wir uns einmal an Beispielen an, in welchem Bereich die Apostrophe verwendet wird, dann wirst du verstehen, was damit gemeint ist. Ursprünglich stammt die Apostrophe aus der Rhetorik, der antiken Redekunst. Hier finden wir sie in politischen Reden, in denen also ganz klar ein Redner zu einem Publikum spricht, zu dem er sich hinwenden oder von dem er sich abwenden kann. Folgender Ausruf stammt von Cicero, einem römischen Staatsmann der Antike, aus einer Verteidigungsrede vor Gericht für Titus Annius Milo. „Denn euch, ihr Höhen und Haine von Alba, ja euch flehe ich jetzt an und bitte um Zeugenschaft..." Hier wendet er sich von seinem Publikum vor Gericht ab und spricht stattdessen zu den Höhen und Hainen von Alba.

Wie andere sprachliche Stilmittel finden wir die Apostrophe natürlich auch in der Literatur und hier in verschiedenen literarischen Gattungen. Zunächst im Drama. Hier spricht eine Person plötzlich nicht mehr ihr Gegenüber an, sondern andere Personen oder Instanzen, etwa das Publikum. Folgendes Beispiel stammt aus dem Drama Egmont von Goethe.

„Alter Freund! Immer getreuer Schlaf! Fliehst du mich auch, wie die übrigen Freunde?” Der Protagonist Egmont redet hier mit dem Schlaf, der natürlich nicht anwesend ist, den er sich aber herbeisehnt. Auch in epischen Texten, also Erzählungen, kann eine Apostrophe auftauchen. Hier spricht der Erzähler plötzlich den Leser an. Erich Kästner hat so etwas sehr gern gemacht. Folgendes Zitat stammt aus seinem Buch „Als ich ein kleiner Junge war”:

„Keine Angst, liebe Leser, ich bin schon still.”

Und auch in lyrischen Texten kommt die Apostrophe vor. Dann wird vom lyrischen Ich eine fiktive Person oder Instanz angesprochen. Joseph von Eichendorff schrieb in seinem Gedicht “Abschied” in den ersten Zeilen:

„O Täler weit, o Höhen, / O schöner, grüner Wald,

Du meiner Lust und Wehen/ Andächt'ger Aufenthalt!” Wie du ganz zu Beginn schon gehört hast, finden wir Apostrophen sogar in unserem Alltag. Hier sind sie uns wahrscheinlich gar nicht bewusst. Ausrufe wie „Lieber Gott, lass es gut ausgehen” in einem Gespräch stellen Hinwendungen zu einer abwesenden fiktiven Instanz dar. Und warum das Ganze? Welche Wirkung hat nun eine Apostrophe?

Oft handelt es sich bei Apostrophen um Ausrufe, auch in unserem Alltag - das hast du eben gesehen. So wird durch sie eine emotionale Erregung des Sprechers verdeutlicht. Durch den unerwarteten Wechsel des Adressaten hat die Apostrophe außerdem einen überraschenden Effekt. So wird die Aufmerksamkeit auf das Gesagte gelenkt. Zusätzlich wird der Text oder die Rede lebendiger und abwechslungsreich.

In epischen Texten wird der Leser angesprochen und zum Gesprächspartner. Er wird direkt mit einbezogen und seine Aufmerksamkeit bleibt so erhalten.

Wenn du in Zukunft also eine Apostrophe identifizieren möchtest, dann merke dir folgende Stichpunkte: Die Apostrophe gehört zu den sprachlichen Stilmitteln der Gedankenfiguren. Bei einer Apostrophe handelt es sich um eine überraschende Hinwendung des Sprechers zu einem abwesenden oder fiktiven Adressaten. Dadurch wird seine emotionale Erregung deutlich. Die Apostrophe hat außerdem einen überraschenden Effekt und ein Text wird durch sie lebendiger und abwechslungsreich. So wird auch die Aufmerksamkeit des Lesers erhalten. Wir finden die Apostrophe in der Rhetorik, in der Literatur, aber auch in unserem Alltag.

Ich hoffe, Du hast alles verstanden und bis zum nächsten Mal!