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Bertolt Brecht – Exillyrik 09:26 min

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Transkript Bertolt Brecht – Exillyrik

Deutschland, 1933.

Anfang des Jahres wird Bertolt Brechts Drama “Die Maßnahme” aufgeführt. Doch mitten in der Vorstellung unterbricht die Polizei das Theaterstück und erteilt ein Weiterspielverbot.

Nach Hitlers Machtergreifung hat eine Verfolgung von Menschen mit abweichenden politischen oder religiösen Einstellungen begonnen. Wie über 2.000 andere Autoren flieht Brecht als überzeugter Sozialist daraufhin aus Deutschland ins Exil. Mit Familie und Freunden geht es über Prag, Wien, Zürich und Paris nach Dänemark zu einer befreundeten Schriftstellerin. Dort bleiben sie für 5 Jahre. 1939, zu Beginn des Zweiten Weltkriegs, flüchtet Brecht nach Schweden und schließlich über Finnland und Russland in die USA. Erst 1948 kehrt er nach Deutschland zurück. Wie viele andere ausgewanderte Autoren schreibt Brecht im Exil weiter - vor allem über das Exil.

Brecht ist es wichtig, nicht als Emigrant, sondern als Exilant bezeichnet zu werden.

Denn Emigranten wandern freiwillig aus.

Ein Exilant aber sei jemand, der aufgrund seiner politischen oder religiösen Gesinnung gezwungen werde, seine Heimat zu verlassen. Ein Vertriebener, der auf seine Befreiung durch Änderung des politischen Systems im Heimatland wartet.

In den Jahren 1933 bis 1947 verfasst Brecht neben Dramen und Prosa auch zahlreiche Gedichte: die sogenannte Exillyrik.

In seinem Gedicht “Über die Bezeichnung Emigranten” schrieb Brecht:

Unruhig sitzen wir so, möglich nahe den Grenzen, Wartend des Tages des Rückkehr, jede kleinste Veränderung Jenseits der Grenze beobachtend, jeden Ankömmling Eifrig befragend, nichts vergessend uns nicht aufgebend. Die Exilliteratur und Exillyrik befasst sich also zum großen Teil mit der Situation im Exil. Die Exilanten schildern ihre Erfahrungen und Gefühle im neuen Heimatland.

Ihre Leben war geprägt durch die permanente Furcht vor Abschiebung, die Bedrohung durch NS-Agenten, die Ablehnung durch die Bevölkerung und den Entzug der schriftstellerischen Existenzgrundlage. Das vorherrschende Gefühl war Heimweh, die Sehnsucht nach dem Mutterland. Niemand verstand ihre Sprache oder was sie schrieben. Sie hatten teilweise keine Staatsbürgerschaft mehr und wurden nur geduldet ohne Arbeitserlaubnis. Die Folge: Heimat- und Identitätsverlust sowie Entwurzelung.

Brecht schrieb sehr offen und reflektiert über das Exil - wie im Gedicht “Zufluchtsstätte”.

Ein Ruder liegt auf dem Dach. Ein mittlerer Wind Wird das Stroh nicht wegtragen. Im Hof für die Schaukel der Kinder sind Pfähle eingeschlagen.

Die Post kommt zweimal hin Wo die Briefe willkommen wären. Den Sund herunter kommen die Fähren. Das Haus hat vier Türen, daraus zu fliehn. Brechts Zufluchtsstätte war zu dieser Zeit die Insel Dänemark, ein Haus in Svendborg. Das lyrische Ich ist also mit ihm gleichzusetzen. In der ersten Strophe liegt “ein Ruder auf dem Dach” - Dies kann als Zeichen der Deplatzierung verstanden werden, aber auch als Möglichkeit zur Flucht. Auch vermeidet er es, eine Schaukel zu bauen, denn dann wäre er emotional mit dem Ort verbunden.

Die zweite Strophe beginnt mit einem Gefühl von Einsamkeit, fast schon Verbitterung. Das lyrische Ich hätte gerne “Briefe”, also soziale Kontakte, aber es kommt nichts. „Vier Türen, daraus zu fliehn“ zeigt noch mal deutlich, dass er aus seinem Exil weg möchte oder muss. Die vier Fluchttüren symbolisieren die vier Möglichkeiten, die Brecht hatte, um aus Dänemark zu entkommen, nämlich Großbritannien, Norwegen, Schweden, Russland.

Durch den uneinheitlichen Rhythmus und die unauffälligen Reime wirkt das Gedicht so, als solle ein harmonischer Klang unbedingt vermieden werden.

In “Zufluchtsstätte” herrscht scheinbare Harmonie. Die Beschaulichkeit des Ortes mischt sich mit latenter Lebensbedrohung. Die Hoffnung oder auch Angst, nicht in dieser Zufluchtsstätte zu bleiben, schwingt in dem Gedicht mit. Der Titel “Zufluchtsstätte” ist hier also eher ironisch zu verstehen. Das Gedicht stammt aus der Sammlung „Svendborger Gedichte“, die Brecht im Exil zusammenstellte und die 1939 in Kopenhagen erschien. Es ist die zweite große Sammlung von Exilgedichten Brechts nach „Lieder Gedichte Chöre“.

In den “Svendborger Gedichten” ist das lyrische Ich der Dichter Brecht, der sich an seine politischen „Freunde“ in Deutschland wendet und trotz der Flucht am Kampf gegen die Nationalsozialisten teilnehmen will.

Das Naziregime ist ein weiteres großes Thema der Exilliteratur und Exillyrik. Autoren, die der Meinung waren, man müsse sich gegen Nazideutschland wehren, klärten über die Welt der Grausamkeiten in Deutschland auf und schrieben über das Leben unter den Nazis. Ein beliebtes Medium war auch das Radio. Für den “Deutschen Freiheitssender 29,8” schrieb Brecht satirische Gedichte. Von 1936 bis 1939 war er auch Mitherausgeber der Exil-Monatsschrift "Das Wort" in Moskau.

Der Dichter äußerte sich in seinen Werken gerade so unterschwellig, dass Kritik hinein interpretiert werden konnte. Er war ein politischer Moralist. Literatur oder Lyrik musste für Brecht generell einen Nutzen haben.

Sein politisches Gedicht “An die Nachgeborenen” ist einer der wichtigsten Texte der deutschen Exilliteratur. Das Gedicht ist das einzige aus Brechts Werk, zu dem eine Lesung vom Autor selbst überliefert ist. Es beginnt folgendermaßen:

  1. Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten! Das arglose Wort ist töricht. Eine glatte Stirn Deutet auf Unempfindlichkeit hin. Der Lachende Hat die furchtbare Nachricht Nur noch nicht empfangen.

Was sind das für Zeiten, wo Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist Weil es ein Schweigen über so viel Untaten einschließt! Der dort ruhig über die Straße geht Ist wohl nicht mehr erreichbar für seine Freunde Die in Not sind? Die Sprache ist hier betont nüchtern, reimlos und rhythmisch frei gestaltet. Im ersten Abschnitt seiner Botschaft an die Nachgeborenen äußert sich Brecht also zu den finsteren Zeiten des Nationalsozialismus. Im zweiten Abschnitt beklagt er sich, dass es in der Vergangenheit nicht gelang, den aufkeimenden Nationalismus zu ersticken. Auch in der Dichtung müsse nach neuer Sprache und neuen Themen gesucht werden, die der Bedrohung durch Diktatur und Unterdrückung nicht ausweichen.

Im dritten Abschnitt schließt das Gedicht mit einer Vision von einer zukünftigen Welt, die bestimmt ist von Solidarität, Sozialismus und Frieden. Doch viele Exilautoren haben dieses zukünftige Deutschland nicht mehr erlebt - sie begingen fernab der Heimat Selbstmord. Bertolt Brecht hielt durch - und kehrte schließlich nach Deutschland zurück.

Auf Einladung des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands reiste er im Oktober 1948 nach Berlin. In der sowjetischen Besatzungszone hatten wieder mehrere Theater geöffnet - schon bald begann der Dichter, zahlreiche Theaterstücke zu schreiben und an der Akademie der Künste zu lehren.

2 Kommentare
  1. Rene redaktion

    Liebe Juliane,

    weitere Exillyriker_innen sind zum Beispiel Else Lasker-Schüler und Kurt Tucholsky. Kästner ist in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland geblieben und gehört damit eher in den Bereich der "Inneren Emigration" als in die Exillyrik.

    Beste Grüße und viel Erfolg bei der Klausur
    Deine Deutschredaktion

    Von René Perfölz, vor mehr als 2 Jahren
  2. Img 20151011 002133

    gutes Video. Danke sehr :)
    Welche Exillyriker sollte ich mir für die Klausur noch ansehen? Kästner?...

    Von Juliane G., vor mehr als 2 Jahren