sofatutor 30 Tage
kostenlos ausprobieren

Videos & Übungen für alle Fächer & Klassenstufen

„Wilhelm Tell“ – Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte (Schiller) 05:56 min

Textversion des Videos

Transkript „Wilhelm Tell“ – Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte (Schiller)

Wann ist es gerechtfertigt, einen Aufstand gegen die Herrschaft anzuzetteln? Und unter welchen Umständen kann eine Revolution moralisch gut sein? Kommt eine Revolution ohne Blutvergießen aus? Diese Fragen stellte sich Friedrich Schiller.

Sie liegen seinem Schauspiel „Wilhelm Tell“ zugrunde. Nicht allein er war es, der sich in seiner Zeit diese Fragen stellte. Stell dir vor, die Französische Revolution lag noch nicht lange zurück. Viele hatten anfangs an sie geglaubt. Dann aber waren sie enttäuscht, wie gewalttätig sie ausgegangen war.

Schillers Grundsätze

Manche großen Köpfe der Zeit, zum Beispiel der Philosoph Immanuel Kant, wandten sich grundsätzlich gegen die Revolution. Denn Kant war der Ansicht, man müsse die Herrschenden durch Argumente davon überzeugen, etwas zu ändern. Obgleich Schiller ein Kant-Anhänger war, grenzte er sich in dieser Angelegenheit von ihm ab. Mit seinem „Wilhelm Tell“ macht Schiller deutlich, dass es unter gewissen Umständen durchaus gut sein kann, einen Volksaufstand zu organisieren.

Die Rolle der Schweiz

In der Schweiz des Mittelalters findet er die optimale Vorlage dazu. Die Schweizer, wie er sie charakterisiert, sind ein friedliches, harmloses Volk. Sie waren es gewohnt, frei zu sein und dass keiner ihnen Böses will: „Frei war der Schweizer von uralters her, wir sind`s gewohnt, dass man uns gut begegnet, ein Solches war im Lande nie erlebt, solang ein Hirte trieb auf diesen Bergen.“

Die Herrschaft der Vögte

Im Zentrum der Schweizer Gesellschaft steht die Familie. So rechtfertigt Tell auch die Rettung Baumgartens damit, dass er der Frau und den Kindern den Mann und Vater erhalten wollte. Nun ist aber die Schweizer Gesellschaft durch die Fremdherrschaft der österreichischen Vögte bedroht. Die Übergriffe der Vögte gehen bis in den innersten Kern der Schweizer Gesellschaft: die Familie. Baumgartens Frau wird beinahe vergewaltigt. Und Melchthals Vater wird geblendet.

Auch bei Wilhelm Tell ist es die Bedrohung seiner eigenen Familie, die schließlich zu Gesslers Tötung führt. Tell wurde gezwungen, seinen eigenen Sohn zu gefährden. Damit hat Gessler Unruhe in diese Familienordnung gebracht. Und er hat eine Grenze zwischen Gut und Böse überschritten, er hat gegen ein sittliches Gesetz verstoßen. Auf dieser Grundlage werden die weiteren Taten gerechtfertigt.

Der Rütlibund

Die Männer schließen sich im Rütlibund zusammen, um die alte Ordnung wiederherzustellen. Und Wilhelm Tell handelt nicht aus niederen Rachegelüsten, sondern aus Notwehr: Er muss seine Familie und damit die Gesellschaftsordnung verteidigen. Bis auf Gessler gibt es keinen weiteren Toten, kein unnötiges Blutvergießen.

Die Vögte werden von ihren Burgen vertrieben, der einstige Zustand der freien Schweiz wird wiederhergestellt. Und selbst als Melchthal sich an dem Schänder seines Vaters rächen könnte, lässt er ihn laufen. So zeichnet Schiller das Bild einer moralisch guten Revolution, wie sie nur unter ganz bestimmten Bedingungen stattfinden kann.

Die Uraufführung des Stückes

1804 wurde das Schauspiel in Weimar uraufgeführt, Regie führte Schillers Freund Goethe. Es war erfolgreich, der Druck des Stücks ging schon im folgenden Jahr in die zweite Auflage. Bald wurde es zum ersten Mal übersetzt, und zwar ins Dänische. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde das Stück sehr politisch gelesen. Im Jahr 1870 hat Frankreich Preußen den Krieg erklärt.

Wilhelm Tell im Dritten Reich

Wilhelm Tell galt nun als Ausdruck des Freiheitskampfes, den die liberalen Bürger auf sich selbst bezogen. So bezeichnete Theodor Fontane Schiller als nationalen Dichter, der zum Volk spreche. Auch vom Dritten Reich wurde Schillers Wilhelm Tell anfangs instrumentalisiert. Sein Inhalt wurde im Sinne der NS-Ideologie verstanden. Er wurde viel gespielt und in der Schule gelesen. Nach Ausbruch des Krieges änderte sich das jedoch: Jetzt war ein Schauspiel, indem ein Tyrann getötet wird, gefährlich. 1941 wurde Aufführungsverbot für Wilhelm Tell erlassen und ebenso ein Lektüreverbot für die Schulen.

Willhelm Tell in der DDR und Gegenwart

In der DDR konnte man sich mit dem einfachen Volk im Wilhelm Tell identifizieren. Die Volksmasse als treibende Kraft, das passte zu den Ideen des Sozialismus. Heute zeichnen sich zwei gegensätzliche Aufführungspraxen ab: Die Freilichtspiele, welche den Tell möglichst realistisch und nah am Text aufführen. Sowie die modernen Inszenierungen, welche mit den Traditionen brechen und aktuelle Themen mit dem Heldenmythos zusammenbringen.

Ob Wilhelm Tell wirklich ein Held ist, das wird heute bezweifelt. Doch die Frage, unter welchen Umständen eine Revolution gerechtfertigt und moralisch gut sein kann, die stellt sich noch immer.

2 Kommentare
  1. Dake

    Von K Schmid, vor mehr als 4 Jahren
  2. War sehr hilfreich danke

    Von Cameliazz, vor mehr als 4 Jahren

„Wilhelm Tell“ – Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte (Schiller) Übung

Du möchtest dein gelerntes Wissen anwenden? Mit den Aufgaben zum Video „Wilhelm Tell“ – Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte (Schiller) kannst du es wiederholen und üben.

  • Fasse zusammen, wie die Thematik von Aufstand und Revolution im Drama behandelt wird.

    Tipps

    Unter welchen politischen Zuständen schrieb Schiller das Drama? Welche Rolle spielten Revolutionen und Kriege damals? War beispielsweise Napoleon ein friedlicher Herrscher?

    Lösung

    Schiller begann mit dem Schreiben seines Dramas im Jahr 1802. Nur 13 Jahre zuvor hatte die Französische Revolution den Adel in ganz Europa aufgeschreckt. Etwas, das so rein und idealistisch begonnen hatte, begründet auf humanistischen Prinzipien der Menschenrechte, war zu einem Schlachthof verkommen.

    War die Revolution überhaupt legitim? Wann durfte man sich gegen einen tyrannischen Gewaltherrscher zur Wehr setzen? Die Menschen, allen voran die Philosophen und Schriftsteller, waren geteilter Meinung. Immanuel Kant lehnte Revolutionen mit der Begründung ab, sie würden immer gewalttätig verlaufen. Schiller, der sonst seinem Lehrer Kant in allem folgte, entschied sich mit „Wilhelm Tell“ jedoch, in eine andere Richtung zu gehen. Für ihn waren Revolutionen moralisch vertretbar unter bestimmten Gegebenheiten, zum Beispiel wenn sinnloses Blutvergießen vermieden wurde.

  • Beschreibe, welche Auslöser für den Aufstand im Drama angeführt werden.

    Tipps

    Dreimal geht die unterdrückte Landbevölkerung gewalttätig gegen ihren Besatzer vor. Welche Gemeinsamkeit haben diese drei Fälle?

    Lösung

    Die Grenze zu suchen, die Gewalt und einen gewaltsamen Volksaufstand rechtfertigen würde, darin kann eine der Interpretationsweisen des Dramas gesehen werden. Diese Grenze zwischen Gut und Böse, eine sittliche Trennlinie, wird im Verlauf der Handlung etliche Male überschritten. Die Reaktion darauf erfolgt sofort. Im Kern der Schweizer Gesellschaft steht die Familie. Die Familie ist heilig. Wer von außen gewaltsam in die innersten Kreise der Familie einzudringen versucht, wird auf gleiche Weise zurückgestoßen: Aus einem friedliebenden Volk wie den Schweizern wird dadurch ein Volk von gefährlichen und mutigen Einzelkämpfern und Aufrührern.

    An drei Episoden im Drama wird das gezeigt:

    • Baumgarten erschlägt den Vogt Wolfenschiessen, weil dieser sich an seiner Frau vergreifen will.
    • Melchthal rächt sich am Vogt, weil dieser seinen Vater blenden und auf die Straße stoßen ließ.
    • Tell wird erst tätig, als er gezwungen wird, einen Pfeil auf seinen Sohn zu richten.
    Damit handeln die Schweizer nicht aus niederen Rachegelüsten oder um Einfluss und Macht zu steigern, sondern um ihr Gesellschaftssystem vor eindringenden Feinden zu verteidigen. Sie vermeiden unnötiges Blutvergießen. Dem wird der Königsmörder Johannes Parricida gegenübergestellt, der sich am König aus Habgier versündigte.

  • Gliedere die Rezeptionsgeschichte des Dramas in wichtige Stationen.

    Tipps

    Über zweihundert Jahre lang wurde das Stück politisch verstanden: zuerst im Sinne der Freiheit, dann im Sinne der Nation, schließlich instrumentalisiert für die verschiedenen Ideologien des 20. Jahrhunderts.

    Lösung

    Die Rezeptionsgeschichte des Erfolgsdramas „Wilhelm Tell“ dauert bereits 200 abwechslungsreiche Jahre an.

    1. Bereits kurz nach seinem Erscheinen wurde es von Goethe in Weimar uraufgeführt.
    2. Kurz darauf erschien die erste von vielen Übersetzungen in andere Sprachen: zuerst in Dänisch. Während das Stück immer wieder aufgeführt wurde, änderte sich langsam seine Rezeption.
    3. Nachdem Frankreich Preußen 1870 den Krieg erklärte, wird „Wilhelm Tell“ für die Deutschen zu einer Identifikationsquelle.
    4. Während der Herrschaft der Nationalsozialisten wurde das Stück ebenfalls zur Einigung der Volksgemeinschaft benutzt. Doch bereits zu Kriegsbeginn wurde es von den Schulen und Theaterbühnen genommen und verboten: Nun wollte keiner mehr das Bild eines Tyrannenmörders hochhalten und ehren. Das Stück wurde 1941 schließlich verboten.
    5. In der DDR passte das Stück hervorragend zur herrschenden Ideologie. Man konnte sich mit der aufständischen Landbevölkerung, die gegen den herrschenden Adel wütete, identifizieren. Das Volk als treibende Kraft war das Hervorstechende am Tell.
    6. Heutzutage können wir zwei verschiedene Rezeptionsarten unterscheiden: einerseits eine traditionelle, die sich nah am Text bewegt und meist auf Freilichtspielen aufgeführt wird und andererseits moderne Inszenierungen, die versuchen, das traditionelle Motiv im Kontext eines aktuellen Themas aufleben zu lassen.
  • Beschreibe den historischen Kontext im 19. Jahrhundert, der zu unterschiedlichen Rezeptionen des Dramas führte.

    Tipps

    Welche zwei sich ergänzenden Gedanken kommen in „Wilhelm Tell“ zum Ausdruck? Welcher überwog zu welchem Zeitpunkt?

    Lösung

    Das Stück thematisiert zwei komplementäre politische Gedanken: das Streben nach Unabhängigkeit, Freiheit und Autonomie und die Notwendigkeit von Zusammenschluss und Einheit, um diese Ziele zu erreichen.

    • Zu Beginn des 19. Jahrhunderts überwog noch das Freiheitsdenken und Autonomiestreben: Man hatte allerhand zu tun, Napoleon aus den deutschen Landen zu vertreiben. Außerdem wollte man sich die Unabhängigkeit von Österreich erhalten.
    • Nachdem allerdings Preußen seine Vormachtstellung im Deutschen Bund ausbauen konnte, verfiel der Freiheitsgedanke immer mehr dem Nationalisierungsdrang. Das zeigte sich in der Frankfurter Paulskirchenverfassung, im Aufkommen gemeinsamer Symbole wie der deutschen Nationalflagge während der Märzrevolution 1948 und im Pochen auf eine kleindeutsche Lösung, die schließlich 1970/71 auch unter der Feder Preußens erreicht wurde.
    • Das neu gegründete Kaiserreich hatte viele Feinde, die die neue Großmacht in Zentraleuropa schief beäugten. Gedrängt von Feindbildern konnten sich die nationalistischen und unifikatorischen Tendenzen umso stärker durchsetzen. Der sich übereifernde Nationalismus in ganz Europa gipfelte schließlich im Ersten Weltkrieg.
    Quelle: Kloepfer, Michael (2008): Dichtung und Recht. Duncker und Humblot. S. 42.

  • Schildere, wie „Wilhelm Tell“ für nationalistische Zwecke missbraucht werden konnte.

    Tipps

    Nationalistisches Denken heißt, künstliche Grenzen zu ziehen und eine Einheit zu schaffen, um sich gegen angebliche Feinde zu verteidigen.

    Lösung

    „Wilhelm Tell“ konnte häufig für politische Zwecke instrumentalisiert werden, denn es ist ein hochpolitisches Stück: Es zeigt, wie sich schwache Einzelgruppen zu einer Einheit zusammenschließen können, um sich gegen einen übermächtigen Feind von außen zu wehren. Diese vereinheitlichenden Tendenzen gaben nationalistischem Denken Auftrieb, was durch den Hinweis auf den Gründungsmythos der Schweizer Eidgenossenschaft noch verschärft wurde.

    Denn häufig versuchen Machthaber, kleinere Gruppen zu einem großen Gebilde wie beispielsweise einem Staat zusammenzuschließen, ohne dass es dafür einen richtigen Grund gegeben hätte. Solcherlei Gründe werden dann erfunden: Über Presse und Medien, über Aktionen und Diskussionen kann die Angst vor einem ausländischen Feind geschürt werden, der eine große Bedrohung für das Volk darstellt. Durch die Inszenierung eines Feindbildes kann es gelingen, eigentlich unabhängige und lokale Gruppierungen zusammenzuschließen und gleichzuschalten.

  • Untersuche das folgende Zitat und bestimme die Haltung Immanuel Kants im Gegensatz zu Schillers Meinung über Revolution.

    Tipps

    Für die Veränderung eines gesellschaftlichen oder politischen Systems gibt es häufig nur zwei Möglichkeiten: Reform oder Revolution. Ist die eine machtlos, die andere unmoralisch?

    Lösung

    Wenn es um den Umsturz eines ungerechten Systems geht, begegnen sich zwei Lager, die über verschiedene Wege diskutieren: Das Lager der Reformer und das Lager der Revolutionsunterstützer.

    • Zum ersten Lager kann man Kant zählen. Durch seine Ethik des kategorischen Imperativs fehlt ihm zufolge jeglicher Gewalt die Legitimation. Da eine Revolution nur blutig geführt werden kann, ist sie prinzipiell abzulehnen. Als waschechter Aufklärer gesteht er dem Argument und der Rede die Macht zu, Veränderungen herbeizuführen: Vielleicht nicht sehr schnell, dafür aber tiefgreifender und gründlicher, da über längere Zeit die Denkungsart der Menschen reformiert wird. Reform kann also nicht zum plötzlichen Umbruch führen, sondern nur zur langsamen Transition. Trotz allem hegte Kant einige Sympathien für die Französische Revolution, hatten sie doch die humanistischen Prinzipien der Aufklärung zur Grundlage ihres Handelns erklärt (wenn auch nicht befolgt).
    • Schiller war seit jeher ein treuer Lehrling von Kant. Doch in diesem Punkt vermochte er seinem Philosophenvater nicht zu folgen. Er bestimmte, dass unter gewissen Umständen die Revolution, der Aufstand, der Tyrannenmord und daher die Gewalt notwendig seien, um sein eigenes Gesellschaftssystem zu erhalten. Diese besonderen Umstände versuchte er im „Tell“ darzustellen.
    Quelle: Barth, Eberhard (1974): Nachwort zu: Was ist Aufklärung? Thesen und Definitionen, Stuttgart: reclam, S.76.