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„Der Schimmelreiter“ – Personenkonstellation (Storm) 05:30 min

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Transkript „Der Schimmelreiter“ – Personenkonstellation (Storm)

Es ist die Geschichte eines Außenseiters: Einer im Dorf ist anders als alle andern. Er ist klüger, er hält nichts von ihrem Aberglauben, und er will über sie hinauswachsen: Als einfacher Bauernsohn wird er zum Deichgraf. Und wie so oft bei Außenseitern sind die Positionen klar verteilt: Einer gegen alle, alle gegen einen.

Dieser eine heißt Hauke Haien. Er ist groß und schlaksig, seine Augen sind grau und sehen alles. Hauke spielt schon als Kind nicht mit Gleichaltrigen, sondern beobachtet lieber die Natur und vertieft sich in sein Geometriebuch. Was die andern von ihm erwarten oder über ihn denken, ist dem Einzelgänger egal. Hauke interessiert sich für den Deichbau und für dessen Konstruktion. Durch seine Lektüre ist er allen andern an Wissen bald überlegen. Doch Hauke ist nicht nur klug und vernünftig. Als ein Kater ihm seinen geschossenen Vogel entreißt, erwürgt er den Kater. Für diese impulsive Handlung entschuldigt sich Hauke nicht bei dessen Besitzerin. Er handelt nach seinen eigenen Regeln und ohne Rücksicht auf die Gesellschaft. Hauke verlässt sich nicht auf die Tradition, auf das „wie es schon immer war“. Er traut seinem eigenen Verstand mehr als dem althergebrachten Deichbau. So entdeckt er auch dessen Mängel.

Hauke ist extrem ehrgeizig und zielstrebig. Und pflichtbewusst. Er bringt sein Wissen ein, wo er nur kann. So erhält er Bestätigung und schafft es sogar, Deichgraf zu werden. Jetzt will er seine Vision eines sichereren Deiches endlich umsetzen. Er übernimmt Verantwortung für sein Dorf, indem er es schützen will. Doch Hauke träumt zugleich von Ruhm und von der Erweiterung seines Gebiets. Und je weiter er sich in seine selbstgewählte Einzelgängerrolle manövriert, desto mehr wächst sein innerer Hass auf die Leute, die gegen ihn sind. Hauke schafft es nicht, sich in der Dorfgemeinschaft Freunde zu suchen. Auch kann er die Bevölkerung nicht eindeutig von dem Deichbau überzeugen oder in ihrer Sprache mit ihnen reden. Hauke orientiert sich nur nach oben, an seinem eigenen Vorgesetzten. Er fällt Entscheidungen, auch wenn die Mehrheit der Dorfbewohner dagegen ist. Die einzige, die von Anfang an treu an seiner Seite steht, ist seine Frau Elke. Sie versteht ihren Mann und unterstützt ihn. Sie ist auch die einzige, die er an sich heranlässt. Allerdings schließt Hauke selbst sie aus wichtigen Entscheidungen aus. Hauke gegenüber steht die Dorfbevölkerung. Unter ihnen sind Grundbesitzer, die auch für den Deich verantwortlich sind. Unter ihnen sind aber auch Mägde und Knechte, die einen starken Aberglauben haben. Auch Haukes eigener Vater gehört zu dieser Dorfbevölkerung. Auch ihm ist der anders geratene Sohn, der sich in Bücher stürzt anstatt Feldarbeit zu verrichten, fremd. Zwar erkennen viele Dorfbewohner Haukes Tüchtigkeit und Talent und loben sein Pflichtbewusstsein. Doch zugleich will die Dorfbevölkerung nicht an Dingen rütteln, die bis jetzt funktioniert haben. Sie wollen keinen, der gescheiter ist und ihnen sagt, was sie zu tun haben. Sie wollen keinen, der ihnen nur Arbeit beschert. Und sie vermuten, dass sich Hauke mit dem Deichbau selber reicher machen will.

Hauke hat keinen Zugang zu ihnen. Er erteilt nur Befehle und sitzt stets auf seinem hohen Ross. Und auch dieses ist den Knechten und Mägden suspekt. Ebenso wie Haukes Gebete: In ihnen zweifelt der Verstandesmensch Gottes Allmacht an. So jedenfalls legen sie ihm seine verzweifelten Anrufungen aus. Ein Vertreter der Dorfgemeinschaft und Haukes Gegenspieler ist Ole Peters. Der Großknecht und spätere Grundbesitzer ist stark und einflussreich. Er kann Hauke nicht leiden. Dessen Besserwissereien und Rechenkünste ärgern ihn. Ihre Feindschaft hält ein Leben lang an. Ole macht sich öffentlich lustig über Hauke und versucht am Ende sogar, den neuen Deich zu zerstören, um den alten zu retten. Natürlich gibt es wie überall Ausnahmen. So steht zum Beispiel der kluge Jewe Manners hinter Haukes Bauplänen. Denn Haukes Argumente haben ihn überzeugt. Als er jedoch stirbt, hat Hauke kaum noch jemanden in der Dorfgemeinschaft, der vermittelt oder für ihn einsteht.

Am Ende hat Hauke sich zwar durchgesetzt: sein neuer und sicherer Deich ist gebaut. Und er ist reich geworden. Doch all das nützt ihm nichts: er ist ein Außenseiter geblieben. Und all seine Klugheit richtet doch nichts gegen die Naturgewalt aus, die alles zerstört und ihm alles nimmt.