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„Der Schimmelreiter“ – Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte (Storm) 06:01 min

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Transkript „Der Schimmelreiter“ – Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte (Storm)

Einer im Dorf hat eine besondere Begabung: er ist gut in Mathematik. Schon früh entdeckt er, dass der Deich falsch gebaut ist. Das will er ändern. Tatsächlich baut er seinen neuen Deich. Und doch scheitert er: Am Ende versinkt das Dorf im Wasser und er bringt sich um. Was ist passiert?

Dieser Frage wollen wir hier nachgehen: Warum scheitert Hauke Haien? Er, der so gute Voraussetzungen mitbringt? Dabei lesen wir die Novelle als sozialen Roman. Ein sozialer Roman ist einer, der darstellt, in welchem sozialen Umfeld ein Mensch lebt, wie er in dieses eingebunden ist und welche Verpflichtungen er hat. Hauke wird in die Dorfgemeinschaft hineingeboren. Schon sein Vater lebt als Bauer und Landvermesser in diesem Dorf an der Nordseeküste. Sein Vater gilt als kluger Mann und ist angesehen im Dorf. Hauke ist also nicht von Anfang an ein Außenseiter oder ein Fremder, sondern er gehört zur Dorfgemeinschaft dazu.

Von Ehrgeiz getrieben arbeitet sich Hauke bis zum Deichgrafen hoch. Auf diesem Weg erhält er Unterstützung von seinem Vater, vom alten Deichgrafen und von seiner Frau Elke. Auch andere Dorfmitglieder sehen seine Fähigkeiten und schätzen sein Können; daher schlagen sie ihn als neuen Deichgrafen vor. Jetzt ist er verpflichtet, für den Deich zu sorgen. Diese Pflicht nimmt er sehr ernst. Er ist strenger als sein Vorgänger und macht die Dorfbewohner auf ihre Nachlässigkeit aufmerksam. Er übernimmt Verantwortung und setzt sich für den Bau des neuen Deiches ein. Damit kann er nicht nur sein Wissen in die Tat umsetzen, sondern auch einen wichtigen Beitrag für die Sicherheit der Gemeinschaft leisten. Am Ende aber bricht der alte Damm. Das Dorf wird überflutet. Hauke ist gescheitert. Warum?

Er wusste, dass die Stelle am Damm gefährlich war. Er hat sie nicht richtig repariert, sondern auf jemand anderen gehört. Das war sicherlich sein Fehler. Er, der so pflichtbewusst ist, hat ein einziges Mal gegen seine Grundsätze gehandelt. Ist das aber der einzige Grund für sein Scheitern? Es gibt noch zwei weitere Gründe. Einerseits sind die Dorfbewohner selbst ein Hindernis für Hauke. Sie wollen aus Trägheit nicht noch mehr arbeiten und sperren sich gegen Haukes neue Ideen. Dabei setzen sie ihren Verstand nicht ein, sondern denken nur an die unmittelbaren Konsequenzen. Würden sie weiterdenken, würden sie einsehen, dass der Deichbau nur zu ihrem Besten ist. So aber muss Hauke sie zu ihrem Glück zwingen. Ihre ständige Feindschaft zermürbt ihn. Als Ole Peters dagegen ist, den alten Deich umfassend zu reparieren, hat Hauke keine Kraft mehr, sich schon wieder gegen die ganze Dorfgemeinschaft zu stellen. Andererseits aber ist Hauke mit seiner Art selbst ein Grund für sein Scheitern. Hauke ist ein Einzelkämpfer. Schon von Kindesbeinen an sondert er sich ab. Seine Ideen bespricht er mit kaum jemandem. Als es darum geht, die Dorfbewohner vom Deichbau zu überzeugen, sucht Hauke nicht den Dialog. Er geht nicht auf ihre Argumente und Ängste ein. Er versucht nicht, ihnen mit eingängigen Beispielen die Dringlichkeit des neuen Deichs klarzumachen. Vielmehr stützt er sich auf den Entscheid seines Vorgesetzten und setzt seinen Willen gegen die Mehrheit der Dorfgemeinschaft durch. Hauke bleibt auch nicht sachlich: Er, der ein Verstandesmensch ist, fühlt zugleich einen immer größer werdenden Hass gegen einige Leute im Dorf. Er vergibt sich die Chance, ein gutes Verhältnis zu den Dorfbewohnern zu haben und so auf ihre Unterstützung zählen zu können.

Die tragisch endende Geschichte dieses Genies, wie Hauke manchmal gesehen wurde, hat schon gleich nach ihrer Erscheinung 1888 die Menschen berührt. Leser haben Theodor Storm begeisterte Briefe geschrieben. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde Storm zu einem Mode-Autor. Man las ihn vor allem als Heimatschriftsteller, der von der guten alten Zeit berichtet. Das änderte sich im Nationalsozialismus. Dort musste die Novelle als Beispiel für „das Leben des nordischen Rassenmenschen“ herhalten. Hauke galt als Ideal eines Mannes mit Kampfeswillen und Leistungsbereitschaft, der allein gegen ein träges Dorf ankämpft. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde „Der Schimmelreiter“ weltweit in viele Sprachen übersetzt. Er wurde auch drei Mal verfilmt: Das erste Mal bereits 1934, dann 1978 und nochmals 1984. Auch für die Bühne wurde der Schimmelreiter übernommen. Und: Er hat Künstler zu Gemälden angeregt, zum Beispiel Alexander Eckener. Die Geschichte von einem, der anders ist, der seinem Dorf helfen will und am Ende doch an sich und der Gesellschaft scheitert – sie hat die Nordseeküste weltweit bekannt gemacht und sie wurde touristisch verwendet: Noch heute heißen Pensionen „Zum Schimmelreiter"

1 Kommentar
  1. Default

    Ich schreibe in 4 Tagen Kurzarbeit über den Schimmelreiter und die vier Videos haben mir richtig gut geholfen!!!!

    Von Sebi Burki, vor mehr als 3 Jahren