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„Der Schimmelreiter“ – Entstehungsgeschichte (Storm) 05:59 min

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Transkript „Der Schimmelreiter“ – Entstehungsgeschichte (Storm)

„Vor der Deichnovelle habe ich einige Furcht“, schrieb Theodor Storm 1886 an einen Freund. Wovor er sich wohl gefürchtet hat? Vor der aufwendigen Recherche, die vor ihm lag? Oder hat das Unheimliche der Geschichte ihm Angst gemacht?

Theodor Storm wurde 1817 in Husum geboren und hat später überwiegend dort gelebt. Husum liegt an der Nordseeküste. Den Schauplatz seiner Schimmelreiter-Novelle hat Storm also von Kindesbeinen an aus eigener Erfahrung gekannt. So verwundert es nicht, dass Storm die Landschaft und die Leute sehr detailreich schildern konnte. Diese Genauigkeit ist typisch für den literarischen Realismus, dem der Schimmelreiter zugeordnet wird. So versuchten die Schriftsteller des Realismus wie Theodor Storm, Gottfried Keller und Theodor Fontane die tatsächlichen Verhältnisse in der Gesellschaft detailgetreu darzustellen. Storm versucht auch, die sprachliche Wirklichkeit wiederzugeben. So verwendet er zum Teil Plattdeutsch und flicht viele ortstypische Wörter ein: Koog, Priel oder Haff zum Beispiel.

Husum, ist das nicht Norddeutschland? Naja, fast: Bei Theodor Storms Geburt gehörte Husum zum Herzogtum Schleswig. Da herrschte der dänische König. Als Storm erwachsen war, kämpften Schleswig und Holstein für ihre Unabhängigkeit. Doch sie erreichten sie nicht. Auch Storm war für die Loslösung vom dänischen König und musste deshalb 1853 ins preußische Exil emigrieren. Elf Jahre später herrschte der dänische König nicht mehr und Storm konnte in seine Heimatstadt zurückkehren. 1867 eroberten die Preußen die beiden Gebiete und gründeten die Provinz Schleswig-Holstein. Sie gehörte ab 1871 zum neu gegründeten Deutschen Reich. Als Storm 1885 seine Arbeiten für den Schimmelreiter aufnahm, war der ehemalige Rechtsanwalt schon fünf Jahre lang pensioniert. „Jetzt aber rührt sich ein alter mächtiger Deichsagenstoff in mir, und da werde ich die Augen offen halten; aber es gilt vorher noch viele Studien!“ schrieb Storm an einen Freund.

Und wirklich lagen drei Jahre Arbeit vor ihm. Storm vertiefte sich in Bücher über das Deichwesen. Er las über historische Deichspezialisten, einige von ihnen dienten ihm als Vorbild für Hauke Haien. Doch Storm recherchierte nicht nur in seiner Stube. Er ging auch zu Deich-Fachmännern und ließ sich vor Ort alles zeigen und erklären. Am Ende seiner Recherchen äußerte er im Scherz, jetzt könnte er bald selber einen Deich bauen. Auch die große Sturmflut von 1756 gab es tatsächlich. Storm las in einem Bericht über sie und verwendete sie als tragisches Ende für den Schimmelreiter und seine Familie. Als weitere Quelle zog Storm die alten Sagen seiner Heimat heran. Die wichtigste Sage fand er dabei in der Region Danzig: Sie heißt „Der gespenstische Reiter“. In ihr wird von einem Deichverantwortlichen erzählt. Er ist sehr tüchtig und kann dennoch einen Deichbruch nicht verhindern. Weil er sich schuldig fühlt, stürzt er sich mitsamt Pferd ins Wasser. Seither erscheint er, wenn Gefahr droht. Auch die Rahmenhandlung des Reisenden, der bei schlechtem Wetter in einem Gasthaus einkehrt und dem die Geschichte erzählt wird, findet sich in der Sage. Allerdings ist die ganze Sage sehr kurz. Den genauen Lebenslauf des Hauke Haien, seine feine Charakterschilderung und all die detaillierten Geschehnisse hat Storm erfunden. Auch die Bezeichnung, die auch du bestimmt nicht so schnell vergisst, stammt von ihm: Der Schimmelreiter. Storm schrieb ab Sommer 1886 an seiner Novelle. Er wurde jedoch krank und musste die Arbeit unterbrechen. 1887 wurde bei ihm Magenkrebs diagnostiziert. Seine Familie ließ ihn nochmals untersuchen und erfand eine Notlüge: Er habe doch nur eine harmlosere Krankheit. Vielleicht dank dieser Notlüge, vielleicht aus eigenem Schaffenstrieb konnte Storm wieder weiterschreiben und beendete das Manuskript im Februar 1888.

Der Schimmelreiter wurde zwei Monate später in einer Zeitschrift in zwei Folgen abgedruckt. Storm erstellte noch eine Liste mit Worterklärungen für die Buchausgabe. Er erklärte allen Leuten, die nicht an der Nordseeküste lebten, was die einzelnen Begriffe wie Koog oder Priel bedeuteten. Als das Buch im Herbst 1888 erschien, war Storm jedoch bereits seinem Magenkrebs erlegen.

Storms Furcht vor dem Schreiben seiner Novelle war unbegründet. Sie hat nicht nur seine Zeitgenossen begeistert, auch heute reißt sie noch Leser und Leserinnen mit. Doch bei allem Verstand Hauke Haiens: Etwas Unheimliches lassen der Schimmelreiter und das gewaltige Meer dennoch zurück.

1 Kommentar
  1. Default

    super und verständliche Erklärung

    Von Lucia W., vor mehr als einem Jahr