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Tendenzen der Gegenwartssprache 06:49 min

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Transkript Tendenzen der Gegenwartssprache

Hi Leute, ich bin’s, Tim. Verwöhn-Aroma, Politikverdrossenheit, Mobbing und Outing: Was haben diese Begriffe gemeinsam? Vor fünfzig Jahren wurden sie im Deutschen noch nicht gehört. Wir sehen uns in diesem Video einige Tendenzen der Gegenwartssprache an. Wohin führt unsere Sprache, wie verändert sie sich?

Dass Sprache sich verändert, dürfte uns allen klar sein. Wir könnten auch sagen, dass Sprache einen ständigen Kampf führt. Es ist ein Kampf zwischen den Normen und Konventionen auf der einen Seite, und neuen Begriffen und Wahrnehmungen, die sich andererseits in der Sprache festsetzen wollen.

Die Dinge, die dabei in die Sprache eindringen, sind bedingt durch gesellschaftlichen Wandel und historische Ereignisse. Nach der “Wende” zum Beispiel, also nach 1989, sind viele Wörter in die deutsche Sprache aufgenommen worden, die davor nicht so häufig verwendet wurden: Auf einmal waren Ossi und Wessi wieder vereint, der Osten wurde durch den Solidaritätspakt vom Westen gefördert und die Mauer in den Köpfen abgebaut. Zumindest theoretisch. In der deutschen Sprache bemerken wir dadurch, dass so viele neue Wörter dazukommen, eine explosionsartige Entwicklung des Wortschatzes. Wir sehen dabei in der Gegenwartssprache zwei gegenläufige Bestrebungen: Einerseits merkt man dem Deutschen eine Tendenz zur Vereinheitlichung und Vereinfachung an, die sich vor allem international orientiert. Die Gründe dafür liegen in der Globalisierung und der stärkeren Verflechtung der Welt. Der Welthandel mit Gütern und Geld steigt immer mehr an, ebenso wie der Austausch von Informationen und die Kommunikation.

Diesen Veränderungen verschließt sich auch die Sprache nicht. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs merkt man dem Deutschen deutlich an, wie groß der Einfluss des Englischen und vor allem des Angloamerikanischen ist. Die neuen Produkte, die auf den deutschen Markt flossen, wurden in den deutschen Wortschatz integriert, wie z. B. der Walkman oder Aerobic. Diese Wörter bezeichnen wir als Anglizismen.

Weiterhin nehmen wir in unseren Sprachgebrauch auch die Namen der Kulturgüter auf, die uns erreichen: Filme wie Eyes Wide Shut oder Message in a Bottle, aber auch die Mediensprache mit Wörtern wie chat und browser sind ständig präsent. Talkshows und Gameshows sind Formate, die wir in unser Fernsehprogramm übernommen haben, die Radiosender spielen größtenteils englischsprachige Musik. Die Mediensprache hat dabei ganz eigene Stilmittel im Gepäck: Da das meiste aus dem Englischen kommt und Großschreibung das Schreiben verlangsamt, wird heute tendenziell eher Kleinschreibung genutzt. Geschwindigkeit ist eben wichtig. Auch aus diesem Grund finden sich immer mehr Abkürzungen und Akronyme. Das sind Wörter, die aus den Anfangsbuchstaben der Sinneinheiten des Wortes gebildet werden wie z.B. WM für Weltmeisterschaft, Azubi für Auszubildenden oder Bafög für Bundesausbildungsförderungsgesetz. Außerdem werden durch die graphische Kommunikation immer mehr Emoticons wie der Smiley verwendet.

Außerdem wird immer wieder versucht, die schwierige deutsche Grammatik und Rechtschreibung zu vereinfachen. Das hat in den letzten Jahrzehnten zu Reformen dieser Regeln geführt, sodass wir jetzt auch “Delfin” statt “Delphin” schreiben dürfen und immer seltener das nur im Deutschen zu findende “scharfe S” oder SZ ß verwendet wird. In der Grammatik bemerken wir eine größere Toleranz in der Verwendung der Umgangssprache. Immer weniger wird der Genitiv verwendet, stattdessen finden Dativkonstruktionen wie “wegen dem Wetter” oder “dem Tom sein Auto” mehr Anwendung.

Andererseits merkt man dem Deutschen auch eine Tendenz zur Individualisierung und Differenzierung an. Denn nicht nur die Wissenschaft trägt zu komplexeren und präziseren Begriffen bei, indem sie neue Phänomene benennt. Auch die Werbung und andere Kulturprodukte erfinden neue Begriffe, sogenannte Neologismen, wie beispielsweise “erntefrisches” Gemüse oder eine “Geld-zurück-Garantie”. Dabei sehen wir nicht nur den einzelnen Fachsprachen und Jargons eine sehr detaillierte Begrifflichkeit und Terminologie an. Die Zersplitterung der Gesellschaft in unterschiedlichste Gruppen wie Rocker, Hipster oder Nerds trägt ebenso zu einer individualisierten Sprache bei. Die Sprache, die die Gruppen unter sich dabei benutzen, nennt man Soziolekt.

Fassen wir also nochmal kurz zusammen: Sprache ist offen für gesellschaftlichen Wandel. Historische Ereignisse und Trends schlagen sich in unserem Wortschatz nieder. Dabei sehen wir zwei gegenläufige Tendenzen: Durch Globalisierung wird Sprache einheitlicher und einfacher. Anglizismen und die direkte Übersetzung von fremden Begriffen sind ein Zeichen davon, genauso wie Abkürzungen und Akronyme, die Rechtschreibreform und Emoticons. Andererseits wird unsere Gesellschaft immer individualisierter und differenzierter. Die Wissenschaft mit ihren unzähligen Fachbereichen genauso wie die Soziolekte der verschiedenen sozialen Gruppen erschaffen immer mehr neue Begriffe und Neologismen, die ihre Welt beschreiben. Vereinheitlichung und Individualisierung - siehst du das genauso? Ich sag: ciao!