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Politischer Sprachgebrauch in der DDR 07:38 min

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Transkript Politischer Sprachgebrauch in der DDR

Hey Leute! Das war nur ein kleiner Ausschnitt aus einer Akte. Diese Akte wurde vom Staatsicherheitsdienst der Deutschen Demokratischen Republik, kurz Stasi, angelegt. Darin finden sich immer wieder die Zeichen der Ideologie der DDR. Denn eine vorherrschende Ideologie braucht immer ein bestimmtes Vokabular, das andere Ideologien negativ bewertet und sich selbst hervorhebt. Das war schon beim Nationalsozialismus so und wurde von der DDR weitergeführt. Und was den politischen Sprachgebrauch in der DDR ausmachte, das beleuchten wir in diesem Video. Nach 1945 trennten die Siegermächte Deutschland in zwei Teile. Der Teil unter sowjetischer Besatzung wurde zur DDR, der westliche Teil zur Bundesrepublik Deutschland. Diese beiden Staatssysteme waren politisch gänzlich verschieden ausgerichtet: Die DDR orientierte sich am sowjetischen Kommunismus, die BRD am amerikanischen Demokratie- und Kapitalismussystem. Diese zwei Ideologien standen sich nicht nur in der Theorie bis aufs Messer gegenüber. Um die Bürger vom eigenen System zu überzeugen und zu beeinflussen, mussten die Staatslenker gezielt eine bestimmte politische Sprache einsetzen. Dabei gab es allerdings wichtige Unterschiede: In der BRD konnten viele verschiedene Gruppen, Parteien und Medien mitwirken, eine solche politische Sprache herauszubilden. In der DDR hingegen gab es nur eine offizielle politische Sprache, die durch die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands geprägt und in den Massenmedien, Schul- und Wörterbüchern verbreitet wurde. Das nennen wir Monopolisierung der politischen Begriffsdefinitionen. Was sind die Kennzeichen der politischen Sprachen in der DDR? Erstens bekamen Wörter ideologiegebunden neue Bedeutungen. Z.B. war “parteilich” immer auf die SED bezogen; klarerweise, denn eine andere machtvolle Partei gab es ja nicht. Außerdem erhielt z.B. das Wort “kämpfen” die positive Bedeutung von “für die sozialistische Partei kämpfen”, wenn man hingegen jemanden “aufklärte” war das eine politische Bekämpfung. Zweitens war in der DDR die Gemeinschaft, der Kommunitarismus, sehr wichtig. Deshalb übernahm man Wörter in den politischen Sprachgebrauch, die die Beziehungen der Menschen untereinander und zum Staat bezeichneten. Die “Genossen” sollten untereinander “solidarisch” sein und als “Kollektiv” die “Initiative” zeigen, den Staat “schöpferisch” “mitzugestalten”.

Drittens war es den Staatslenkern wichtig, in vielen Medien und Reden die eigene Politik mit agitatorischen, d.h. aufhetzenden, Formeln wie “Friedenskampf”, “fortschrittlich”, “friedliebend” und “produktiv” hervorzuheben. Auf der Gegenseite waren die “Bonner Imperialisten” und “Ultras”, die westdeutschen “Faschisten”, die nur “kapitalistische Profitgier” trieb.

Sehr bezeichnend für das sozialistische Gedankengut der DDR war die Verwendung eines marxistischen Grundvokabulars. Dabei müsse sich die Arbeiterklasse, das Proletariat, gegen die Ausbeutung der Kapitalisten verbünden und die Gesellschaft sozialistisch machen. Diese Begriffe erfahren auch heute wieder vermehrt Anwendung in neuen Kapitalismuskritiken.

Ein weiteres Kennzeichen war die Formelhaftigkeit der Sprache, feststehende Ausdrücke und Wendungen, die allerortsen anzutreffen waren und als ideologische Kampfbegriffe verwendet wurden. Diese stellten den Kampf der sozialistischen DDR in ein positives Licht: So wurde mit “millionenfacher Zustimmung” der “weitreichende Beschluss” gefasst, der durch “zielstrebige Verwirklichung” zu “tiefgreifenden Veränderungen” führen würde.

Und zuletzt führte die Bespitzelung der eigenen Mitbürger durch die Stasi zu einem neuen Sprachgebrauch, den wir in fast allen Stasi-Akten finden können und der sich als bürokratisch und machtzentriert beschreiben lässt. In den Akten ist die Rede von “politisch negativen Personen” aus dem “negativ dekadenten Bereich” mit “feindlich negativer Einstellung”, “oppositioneller Haltung” und “provokatorischem Auftreten”, die “operativer Beobachtung” zufolge durch “antisozialistische Inhalte” die “öffentliche Ordnung und Sicherheit” bedrohten. War man erst mal so weit, stand man kurz vor Gefängnis oder Schlimmerem. Fassen wir nochmal zusammen: Die kommunistische Ideologie der DDR stand der kapitalistischen Ideologie der BRD gegenüber. Dabei hatte die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands in der DDR ein Monopol in der politischen Sprachdefinition. Kennzeichen der politischen Sprache der DDR waren ideologiegebundene neue Bedeutungen; Begriffe, die die Beziehungen der Menschen zu sich und zum Staat darstellten; agitatorische Formeln; marxistisches Grundvokabular; formelhafte Sprache; und die bürokratisch-machtzentrierte Sprache der Stasi-Unterlagen. Findest du auch im Deutschland unserer Zeit ideologische Sprache? Wie erkennst du, wann jemand dich beeinflussen will? Woher weißt du, wann Begriffe für ein bestimmtes Weltbild werben? Ich sag ciao!