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Klassifikationen der Sprache 11:57 min

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Transkript Klassifikationen der Sprache

Hey Leute, ich bins, Tim! Warum gibt es so viele verschiedene Sprachen? Warum sind Deutsch und Indisch sprachlich verwandt? Und kann man die Sprachen der Welt eigentlich klassifizieren? Schauen wir mal... Es gibt über 6500 gesprochene Sprachen auf der Welt! Um den Überblick zu behalten, will man verständlicherweise Verbindungen unter ihnen herstellen. Aber ist das bei so vielen Sprachen überhaupt möglich? Dafür gibt es in der Sprachwissenschaft zwei verschiedene Wege der Klassifikation: Erstens die Einteilung der Sprachen in Sprachfamilien (das nennt man auch genealogische Einteilung, weil man davon ausgeht, dass versch. Sprachen untereinander verwandt sind) und zweitens lassen sich Sprachen auch nach grammatischen Kriterien in Sprachtypen einteilen, das ist dann eine typologische Klassifikation. Fangen wir mit der genealogischen an. Du weißt bestimmt, dass es große Gemeinsamkeiten zwischen z.B. Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Italienisch und Rumänisch gibt. Diese Sprachen gehören zur romanischen Gruppe, denn sie sind durch das Latein der Römer entstanden. Die Römer hatten diese Länder ab dem ersten Jahrhundert v. Chr. nach und nach unterworfen und besiedelt. Latein wurde als offizielle, überregionale Sprache eingeführt, Nach und nach verbreitete sich dann das sogenannte Vulgärlatein als gemeinsame Sprache, die von den unteren Schichten gesprochen wurde. Dieses Vulgärlatein, eine vereinfachte Form des römischen Lateins, vermischte sich regional mit den Sprachen, die dort vorher schon existierten. So entstanden eigene Ausprägungen der Grammatik, des Wortschatzes und der Aussprache. Später entwickelten sich die Sprachen wie z.B. in Frankreich und Spanien isoliert weiter. Die genealogische Klassifikation gibt also an, wie und welche Sprachen verwandt sind. Die meisten Verwandtschaften ergeben sich durch Völkerwanderungen oder Kolonialisierung. So ist das Deutsche genau wie die romanischen Sprachen eine indoeuropäische Sprache. Wir nehmen an, dass es im Westen der Türkei und im Kaukasus, also zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer, früher ein Volk gab, das sich aus irgendeinem Grund, z.B. Dürre und Krieg, auf den Weg machte, um neues Land zu finden. Ein Teil dieses Volkes ging dabei Richtung Westen, nach Europa, der andere Teil zog über den Iran bis nach Indien. Dabei änderten sich die Sprachen über die Jahrtausende so stark ab, dass man ganz genau hinschauen muss, wenn man Gemeinsamkeiten finden will.

Weitere Untergruppen der indoeuropäischen Sprache sind das Persische im heutigen Iran, das Slawische (das sind die ganzen Sprachen Osteuropas und Russlands), das Hindi und vereinzelte Sprachen wie Griechisch, Albanisch und Baltisch. Was für ein babylonisches Gewirr! Gemeinsamkeiten findet man meist über verwandte Wörter. Ein Beispiel: Das lateinische Wort “nix” bedeutet “Schnee”. Die beiden Wörter sind verwandt. Hä, wie das? Das Verb von “nix” ist “ninguit”, die Wortwurzel ist dabei “nig”. Die Wortwurzel ist der Teil eines Wortes, der übrig bleibt, wenn man alle ergänzenden Teile wie Geschlecht, die Anzahl, die Wortart usw. abzieht. Die Wortwurzeln kann man jetzt mit den Wurzeln desselben Wortes in anderen Sprachen vergleichen. Im Griechischen heißt sie “nif-”, im Litauischen “sniẽga”, im Russischen “snek”. Von dort ist es nicht mehr weit zu unserem “Schnee” und dem Englischen “snow”. Andererseits ist man durch das verwandte indische Wort “snih” auf eine weitere Bedeutung gekommen: es heißt “klebend sein”.

In der genealogischen Sprachwissenschaft ist es das letztendliche Ziel, eine gemeinsame Ursprache der Sprachen zu finden, wie das Indoeuropäisch als Vorgänger der europäischen, der indischen und der persischen Sprache. Neben dem Indoeuropäischem gibt es noch andere wichtige Sprachfamilien: das Afroasiatische in Nord- und Ostafrika, zu dem Arabisch gehört; das Altaische, wozu das Türkische und Mongolische Zentralasiens gehört; das Sino-Tibetische, das sind die Sprachen Chinas wie z.B das Mandarin; und das Uralische; dazu gehört die einzige nicht-indoeuropäische Sprachgruppe in Europa, nämlich das Finno-Ugrische, das aus dem Finnischen, dem Ungarischen und dem Estnischen besteht. Allerdings passt nicht jede Sprache in eine Klassifikation, häufig, weil sie keinerlei Verwandtschaft oder Ähnlichkeit zu einer anderen Sprache hat. Solche Sprachen steckt man alle zusammen in die Kategorie “Isolierte Sprachen”, wie es sie in Amerika und Südostasien häufig gibt. Weil die Sprachfamilien nicht immer genau definiert sind und sich manchmal keine Verwandtschaften finden lassen, hat man versucht, Sprache auch typologisch zu klassifizieren. Hier achtet man nicht auf Ähnlichkeiten von Wörtern, sondern auf Veränderungen - sogenannte Morphologien - der Grammatik, denn Wörter verändern sich viel schneller als die Regeln einer Sprache, und die Gemeinsamkeiten verwandter Wörter gehen viel schneller verloren. In der Sprachtypologie unterscheidet man zwischen analytischen und synthetischen Sprachen. Analytisch sind dabei Sprachen wie Chinesisch: Hier werden die einzelnen Wörter unverändert - also unflektiert - nebeneinander gestellt. Das nennt man auch isolierende Sprache. “ta bu hui yong dao chi fan” heißt z.B. wörtlich übersetzt “er nein kann benutzen Messer essen Reis” was heißt “Er kann Reis nicht mit dem Messer essen”. Im Deutschen ist dabei das “kann”, “nicht” und “dem” flektiert. Im Chinesischen gibt es sozusagen nur Infinitive, also Grundformen. Bei den synthetischen Sprachen hingegen werden die Wörter verändert und zusammengestellt. Die flektierenden Sprachen wie das Spanische oder auch das Deutsche verwenden sich verändernde Wortanfänge und Wortendungen, um Unterschiede auszudrücken. Das spanische Wort “estuvieron” z.B. kommt vom Infinitiv “estar” was “sein” bedeutet. Die Infinitivendung “-ar” wird jetzt weggelassen und die Endung “-uvieron” angehängt, die Auskunft über vier Dinge gibt: Subjekt, Anzahl, Modus und Tempus. Im Deutschen übersetzen wir “estuvieron” mit “sie waren”. Die Endung “-uvieron” gibt damit also die 3. Person Plural Indikativ Vergangenheit an und übernimmt damit mehrere grammatikalische Funktionen auf einmal.

Die agglutinierenden Sprachen - dazu gehören z.B. das Türkische, das Ungarische und das Japanische - arbeiten nicht mit Wortflektionen, sondern verändern ihre Wörter, indem sie Präfixe und Suffixe an den Wortstamm anhängen. Diese kleinen, unveränderbaren Einheiten nennt man dabei Morpheme. Um “estuvieron” im Türkischen auszudrücken, bräuchte man also 5 Morpheme für Person, Numerus, Genus, Modus und Verbstamm, die unverändert aneinander hängen. Das türkische Wort “evlerimde” heißt “in meinen Häusern”: “ev” ist “Haus”, “ler” gibt den Plural an, “im” heißt “mein” und “de” ist “in”.

Der letzte synthetische Sprachtypus ist die polysynthetische Sprache. Darunter fallen z.B die Indianer- und Eskimosprachen Amerikas. Dabei bestehen die Sätze häufig aus nur einem Wort, das sowohl flektiert als auch agglutiniert wird.

Allerdings ist Sprache widerspenstig: Sie lässt sich nicht so einfach einordnen und kategorisieren. Fast alle Sprachen sind nämlich Mischformen aus den analytischen und den synthetischen Sprachen. Ein gutes Beispiel ist Englisch: Heutzutage verzichten wir auf viele Flektionen, die Wörter selbst werden nur noch wenig verändert; wir stellen sie eher unflektiert nebeneinander. Im Satz “Happiness can be found in the most unusual places” sind “can”, “be” und “in” unverändert und isoliert, “happiness” und “unusual” sind agglutinierend, da sie durch Präfixe oder Suffixe verändert wurden, und Wörter wie “found” sind flektierend, da es von “find” angeleitet wurde. Da die isolierten Wörter im Englischen heute aber fast überwiegen, ähnelt das Englische eher dem Chinesischen als z.B. dem Spanischen.

Fassen wir das Ganze mal in Form eines Baumes zusammen, mit einer Menge Verästelungen: Die Sprachwissenschaft untersucht Sprache genealogisch und typologisch. Genealogisch werden verschieden große Sprachfamilien unterschieden, die sich auf Verwandtschaft der Wörter zwischen den Sprachen stützen und die sich z.B. durch Völkerwanderungen auseinander entwickelt haben. Wichtige Vertreter sind das Indoeuropäische mit den germanischen, romanischen und slawischen Sprachen oder das Sino-Tibetische, zu dem das Mandarin zählt. Die Typologie untersucht Ähnlichkeiten in der Grammatik. Dabei unterscheidet man die analytischen von synthetischen Sprachen. Die analytische bildet Sätze mit unveränderbaren, isolierten Wörtern, wie das Chinesische. Die synthetischen Sprachen bestehen aus den flektierenden Sprachen, wie z.B. das Latein; hier werden die Wörter selbst verändert; weiterhin den agglutinierenden wie Türkisch, bei denen einzelne Morpheme als Prä- oder Suffixe angehängt werden; und den polysynthetisierenden wie die Indianersprachen Amerikas.

Soweit so gut! So nah so schlecht! Erstmal ciao, servus und c ya.

3 Kommentare
  1. Largebg

    ich bin jetzt voll aufgeklärt. danke dir sehr. es war ein sehr interessantes thema.man fängt an über seine eigene sprache nachzudenken.

    Von Riya Riya, vor mehr als 3 Jahren
  2. Bewerbungsfoto

    Hallo Tim,

    ein schönes Thema. Ich würde gern ein paar Dinge anmerken:
    2:40 Die deutsche Fahne neben dem Begriff "Romanisch" könnte irreführen. Aber wer gut zuhört, bekommt mit, dass Deutsch eine germanische Sprache ist.
    ab 3:00 Ich finde, hier hast du sehr ungenau gearbeitet. Die direkte Gruppenunterteilung der ind.eur. Sprachfamilie ist:
    Albanisch, Armenisch, Baltisch, Keltisch, Germanisch, Griechisch, Indo-Iranisch, Italisch (= Romanisch), Slawisch. Du unterschlägst also einige Gruppen (Armenisch, Keltisch), bezeichnest andere Gruppen als vereinzelte Sprachen (Griechisch und Baltisch) und behauptest wiederum von einigen Sprachen, sie seien auf dieser Ebene Gruppen (Hindi, Persisch). Das ist schon ziemlich durcheinander. Sicherlich kommt es nicht auf die wissenschaftlich genaue Unterteilung an, aber die Information sollte schon etwas konsistenter sein.
    4:30 Der Begriff "Indisch" für die Bezeichnung einer Sprache ist schon sehr sehr unüblich. Entweder "Hindi" oder man verallgemeinert zu "einige indische Sprachen".
    5:15 Sino-Tibetisch umfasst nicht alle Sprachen Chinas und umfasst auch Sprachen außerhalb Chinas.
    5:20 Auch Baskisch ist eine nicht-indoeuropäische Sprache Europas.
    5:30 Es hört sich so an, als bestehe "Finno-Ugrisch" oder gar "Uralisch" NUR aus Finnisch, Estnisch und Ungarisch. Es besteht auch noch aus anderen Sprachen.
    6:15 Auch in der Genealogie werden Morpheme verglichen. Man beschränkt sich nicht nur auf den Wortschatz.
    7:00 In welchem Sinne ist "nicht" flektiert?
    9:15 Das klingt so, als seien alle indigenen Sprachen Amerikas polysynthetisch. Dies ist nicht der Fall.
    10:20 Die Argumentation bei der Analyse des Satzes ist zumindest fragwürdig: "be" und "can" stehen in diesem Satz natürlich in (scheinbar) unflektierten Formen, aber (wie bei "estuvieron" erklärt) HABEN sie ja viele andere (flektierte) Formen, wodurch man sie also als flektierende Elemente der Sprache ansehen müsste. Zudem bedeutet "isolierender Sprachbau", dass die Position eines Wortes seine Funktion bestimmt, was für "in" sicher nicht gilt.
    (Es wird aber trotzdem deutlich, dass man eine Sprache in diesem System meist nicht eindeutig zuordnen kann.)
    10:50 ...und mindestens noch auf Verwandschaft in der Morphologie.
    11:20 der Sprachtyp heißt "isolierend" (eine "isolierte" Sprache ist etwas ganz Anderes, hast du ja am Anfang erklärt).
    11:40 Wie schon erwähnt, NICHT ALLE indigenen Sprachen Amerikas sind polysynthetisch.

    Von Steve Taube, vor mehr als 4 Jahren
  3. Default

    Großartiges Video - und thematisch hochinteressant!

    Von Ckerlach, vor mehr als 4 Jahren