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Das epische Theater – Brechts Erfindung 07:49 min

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Transkript Das epische Theater – Brechts Erfindung

„Verehrtes Publikum, jetzt kein Verdruß: Wir wissen wohl, das ist kein rechter Schluss. (...) Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“

Alle Fragen offen? Keine Lösung des Konflikts? So endet doch kein Theaterstück! Und wieso spricht hier überhaupt jemand zu uns? Die Zuschauer sind verwirrt. Mit “Der gute Mensch von Sezuan” wird ihnen auf der Bühne keine schöne Illusion eines unausweichlichen Schicksals mehr gezeigt, sondern eine Handlung in ihrer Wirklichkeit. Die befremdlichen Figuren in diesem Stück könnten jedoch durchaus anders agieren, als sie es tun. Das epische Theaterstück verzichtet bewusst auf Elemente der klassischen Dramentheorie. Es zeigt dem Zuschauer, dass es in der bestehenden Gesellschaft schwierig ist, Gutes zu tun und doch zu leben. Somit stellt “Der gute Mensch von Sezuan” ein formelles und thematisches Musterbeispiel für das epische Theater Bertolt Brechts dar, das auch analytisches oder didaktisches Theater genannt wird. Es möchte den Zuschauer zum eigenständigen Denken über die dargestellte gesellschaftliche Thematik anregen. Der große Dramatiker Brecht prägt den Begriff des episches Theaters 1929 und überträgt erzählende Formen der Literatur auf die Theaterbühne. Epik und Dramatik waren vorher im Aristotelischen Drama streng getrennt. Vor den 20er Jahren beherrschte die klassische Illusionsbühne und ihre Scheinrealität das Theater. Durch die Darstellung tragischer Einzelschicksale wurde der Zuschauer unterhalten und geläutert. Die wichtigsten Vorgänge unter Menschen (können) nicht mehr so dargestellt werden, erklärt jedoch Bertolt Brecht. Denn die Welt, die Gesellschaft hat sich geändert, sie wird immer unübersichtlicher und komplexer. Städtebau, Industrialisierung, Kapitalismus finden statt.

Bertolt Brecht und der Theaterintendant Erwin Piscator wollten große gesellschaftliche Konflikte wie Krieg, Revolution, Ökonomie und soziale Ungerechtigkeit darstellen. Sie wollten ein Theater, das diese Konflikte durchschaubar macht und die Zuschauer dazu bewegt, die Gesellschaft zum Besseren zu verändern. Das epische Theater arbeitet deshalb mit Figuren, deren Verhalten man nicht kritiklos hinnehmen kann. Damit steht es im Gegensatz zum dramatischen Theater: Während der Zuschauer nämlich im dramatischen Theater in die Handlung verwickelt wurde und mitfühlen sollte, macht ihn das epische Theater zum kritischen Beobachter, der Entscheidungen treffen muss. Der Zuschauer wird also nicht in die Handlung hinein versetzt, sondern ihr gegenüber gestellt. Er erlebt nicht mit, er studiert. Die Spannung ist nicht auf den Ausgang gerichtet, sondern auf den Fortgang. Die Handlung verläuft nicht linear, sondern kurvig. Das epische Theater vermittelt nicht Erlebnisse, sondern Kenntnisse. Es arbeitet demnach nicht mit Suggestion und Empfindungen, sondern mit Argumenten. Der Mensch ist nicht bekannt und unveränderlich, kein Fixum, sondern ein Prozess, er ist veränderlich und soll verändern.

Statt Furcht vor dem Schicksal soll Wissbegierde erzeugt werden, anstelle des Mitleids Hilfsbereitschaft. Im Dramatischen Theater wird die Welt gezeigt, wie sie ist, im epischen Theater, wie sie sein wird. So ist auch im Theaterstück “Der gute Mensch von Sezuan” vieles anders als bei Klassikern, wie “Emilia Galotti”. So ist die Einheit von Zeit, Ort und Handlung aufgehoben durch Vor- und Rückblenden und einen ausgedehnten Zeitraum. Es gibt zwei konträre Parallelhandlungen, die Welt der Götter und die Realität des Elendsviertels.

Das Stück besteht aus zehn austauschbaren, aneinander gereihten Szenen, die einzeln betrachtet werden können, sowie einem Vorspiel, einem Epilog und sieben Zwischenspielen.

Brecht thematisiert darin den Konflikt von Moral und Überleben und den Versuch, ethische Grundsätze allen Umstände zum Trotz aufrechterhalten zu wollen. Das Stück bietet keine Lösung des Konflikts, sondern hat einen offenen Schluss, eine offene Form. Um kritisch auf das Bühnengeschehen blicken zu können, braucht der Zuschauer also eine Distanz zum Bühnengeschehen - diese erreicht Brecht vor allem durch Verfremdung bzw. den Verfremdungseffekt: Die Figuren sind Stereotypen mit auffälliger, nicht selbstverständlicher Haltung, die repräsentativ für gesellschaftliche Zustände stehen. Satirisch werden sie überzeichnet, tragen manchmal sogar Masken. Die Schauspieler können aus ihren Rollen heraustreten, denn sie sollen die Figur “zeigen”, nicht “sein”. Eine Identifikation soll so verhindert werden.

Die Handlung liegt in örtlicher Entfernung, beispielsweise spielt “Der gute Mensch von Sezuan” in China. Oder die Handlung wird durch das Mittel der Historisierung in eine zeitliche Distanz verlegt: “Leben des Galilei” spielt in Italien im 17. Jahrhundert. So bekommt das Erzählte etwas Fabelhaftes und dadurch Aufklärerisches, wird zur Parabel. Zudem rafft das epische Theater die Zeit, stellt beispielsweise in zwei Stunden 32 Jahre dar.

Es gibt keinen dramatischen Handlungsverlauf mit Höhe- und Wendepunkten. Zudem dient der Verfremdung, dass der Zuschauer durch eine Figur direkt angesprochen wird. Chöre und Bildprojektionen kommentieren oder ergänzen das Geschehen. Die avantgardistische Piscator-Bühne verwendet moderne Technik: Simultanbühnen, Laufbänder, Drehscheiben und bewegliche Brücken. Die Aufgabe des Verfremdungseffekts liegt also schließlich darin, auf die Möglichkeit zum Verändern indirekt durch Widersprüche und Unterschiede aufmerksam zu machen. Denn genau so möchte Brecht den Zuschauer im Theater empfangen: Als den großen Änderer, der in die Naturprozesse und die gesellschaftlichen Prozesse einzugreifen vermag, der die Welt nicht mehr nur hinnimmt, sondern sie meistert:

“Das Theater versucht nicht mehr, ihn besoffen zu machen, ihn mit Illusionen auszustatten, ihn die Welt vergessen zu machen (...) Der Zuschauer sieht: dieser Mensch ist so und so, weil die Verhältnisse so und so sind. Und die Verhältnisse sind so und so, weil der Mensch so und so ist. Er ist aber nicht nur so vorstellbar, wie er ist, sondern auch anders, so wie er sein könnte, und auch die Verhältnisse sind anders vorstellbar, als sie sind.(...)”

Während die Figuren auf der Bühne nichts lernen, sich nicht weiterentwickeln, sollen die Zuschauer etwas lernen. So ist das epische Theater ein politisches Theater - es fordert den Zuschauer zu aktivem Handeln und damit zur Veränderung gesellschaftlicher und politischer Gegebenheiten auf. Deutlicher geht das nicht als mit den Schlussworten des Erzählers im Bertolt Brechts Stück “Der gute Mensch von Sezuan”:

“Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluss! Es muss ein guter da sein, muss, muss, muss!”

7 Kommentare
  1. Default

    Hallo, ich verstehe nicht so ganz die Erklärung/Lösung zur 4ten Übung, da sie mir irgendwie nicht konkret genug ist... Ich habe alles richtig eingesetzt und trotzdem..hmmm..

    Merkmale, die gegen episches Theater (folglich für dramatisches Theater) sprechen:

    1. Beschreibung des Handlungsortes
    Meine Ausformulierung: Der Leser/ Zuschauer kann sich durch die Beschreibung des Handlungsortes mit diesem gedanklich/sichtbar vertraut machen. Brecht strebte jedoch an, den Zuschauer vom Handlungsort zu entfernen, um zwischen Zuschauer und Dargestelltem die Distanz zu bewahren, damit sich der Zuschauer nicht einfühlen, sondern kritisch und beobachtend auf das Dargestellte blicken kann.

    2.) Verwendung von Regieanweisungen zur Beschreibung von Handlungen, Aussehen und Sprechweise der Figuren
    --> Meine Ausformulierung: Der Zuschauer soll sich eigentlich nicht mit den Figuren identifizieren- sich nicht in diese einfühlen. Beschreibende Regieanweisungen laden jedoch dazu ein.

    3.) Der grundlegende Aufbau als reiner Dialog zwischen Figuren, der die Handlung vorantreibt.
    Meine Ausformulierung: Durch den reinen Dialog zwischen Figuren wird kein Verfremdungseffekt hervorgerufen, der eigentlich dazu eingesetzt wird, dem Zuschauer vor der Identifikation mit den Figuren/Schauspielern zu bewahren. Zudem soll die Handlung nicht vorangetrieben werden; vielmehr sollten die Szenen als Einzelszenen gesehen werden, die jeweils ihre eigene Spannung besitzen.

    Merkmale, die für episches Theater sprechen:
    1.) Beschreibungen des Szeneninhalts, die rein der Information des Rezipienten dienen
    -->Eigene Ausformulierung: Die Beschreibungen dienen nur dazu, um den Schauspieler zu erklären, worauf es beim Szeneninhalt ankommt. Sie ähneln einem Erzähltext.

    2.) Der Einsatz von lyrischen Elementen wie Epigramme
    --> Eigene Ausformulierung: Epigramme werden häufig dazu benutzt, den Verfremdungseffekt herbei zu führen, da sie auch eine Unterbrechung das gewohnten Sprachstils bewirken.

    Hab ich da was missverstanden?

    Viele Grüße

    Von Saschase, vor 5 Monaten
  2. Rene redaktion

    Das epische Theater ist eine moderne Dramenform, in die typische Elemente der Erzählung mit aufgenommen wurden. Damit grenzte sich Brecht vom klassischen (aristotelischen) Drama ab. Es handelt sich beim epischen Theater bzw. bei "Der gute Mensch von Sezuhan" aber weiterhin um ein Drama, weil es auf eine Aufführungssituation (im Theater) hin konzipiert ist.

    Im Allgemeinen haben die Gattungen und ihre zahlreichen Subgattungen immer fließendere Grenzen angenommen, weil es weniger normative Regeln gibt, was ein Drama, ein Gedicht oder ein Erzähltext inhaltlich und formal darf oder nicht. Es gibt Erzähltexte mit viel direkter Rede und Dialogen (dramatischer Modus), es gibt Gedichte mit längeren Handlungen wie in Erzählungen (Balladen) und es gibt Dramen, die mehr einer Allegorie entsprechen als einem Stück mit Spannungsaufbau, Konflikt und Lösung des Konflikts.

    Beste Grüße
    Die Deutschredaktion

    Von René Perfölz, vor fast 3 Jahren
  3. Default

    Behandelt das epische Theater nun auch Dramen?
    Ist der gute Mensch von Sezuan
    ein Drama oder eine Erzählung? ;)

    Von Manueladuschl1, vor fast 3 Jahren
  4. Default

    Ich verstehe nicht ganz wieso das Stück eine Parabel ist. Kann mir da vielleicht jemand weiterhelfen?

    Von Blog02, vor etwa 3 Jahren
  5. Franziska

    Hallo,
    wir freuen uns über eure positiven Stimmen zu unserem Video!
    Wir hoffen, dass euch auch die anderen Videos helfen und Spaß bringen.
    Liebe Grüße aus der Deutsch-Redaktion

    Von Franziska G., vor mehr als 3 Jahren
  1. Default

    super tolles Video!!!

    Von Orly, vor mehr als 3 Jahren
  2. Default

    wir nehmen das thema grade im der 9. klasse durch... wundert mich wieso es in der oberstufe zu finden ist... trotz allem super erklärt!!!

    Von Yunmi220, vor fast 4 Jahren
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