30 Tage kostenlos testen:
Mehr Spaß am Lernen.

Überzeugen Sie sich von der Qualität unserer Inhalte.

Aristotelisches Drama 07:10 min

Textversion des Videos

Transkript Aristotelisches Drama

„Ödipus“, „Hamlet“, „Faust“, „Warten auf Godot“ – wir alle wissen, dass es sich dabei um die Titel berühmter Theaterstücke handelt. Doch was genau darf als Theaterstück gelten? Gibt es dafür überhaupt Regeln? Die Antwort ist: Ja! Über die Jahrhunderte gab es immer wieder namhafte Persönlichkeiten, die ein Regelwerk dafür aufgestellt haben, wie ein Theaterstück zu schreiben ist und welchen Inhalt es haben soll.

Aristotelisches Drama – Inhaltsübersicht

In diesem Video werden wir uns mit dem ersten Versuch dazu auseinandersetzen, der weit in die Entstehungszeit des Dramas zurückreicht und sehr lange Bestand hatte: dem aristotelischen Drama, das auch klassisches Drama oder Drama der geschlossenen Form genannt wird. Das aristotelische Drama geht auf die Dramaturgie des antiken Theaters zurück. Die vorherrschende Theaterform war damals die Tragödie. Aristoteles beschreibt in seinem bedeutenden Werk „Poetik“ von 335 v.Chr. die Grundzüge der Tragödie wie folgt:

Auszug aus „Poetik“

„Die Tragödie ist Nachahmung einer guten und in sich geschlossenen Handlung von bestimmter Größe, in anziehend geformter Sprache, wobei diese formenden Mittel in den einzelnen Abschnitten je verschieden angewandt werden – Nachahmung von Handelnden und nicht durch Bericht, die Jammer und Schaudern hervorruft und hierdurch eine Reinigung von derartigen Erregungszuständen bewirkt.“

Die geschlossene Handlung

Zum einen geht es also um eine „geschlossene Handlung von bestimmter Größe“. Darin stecken gleich mehrere Aspekte: Als erstes soll die Tragödie „geschlossen“ sein, das heißt, es gibt einen klaren Anfang und auch ein klares Ende für die Handlung. Die Handlung soll laut Aristoteles vollständig sein. Kein Teil der erzählten Geschichte darf fehlen oder ausgelassen werden. Für Aristoteles ist entscheidend, dass der Dichter stets die Wirklichkeit nachahmt; diesen Prozess nennt er Mimesis.

Sprache

Als nächstes geht es um eine „anziehend geformte Sprache“. Unter diesem Punkt versteht Aristoteles ganz einfach eine gebundene Sprache, also die Versform innerhalb der Tragödie. Als selbstverständlich für das Drama empfinden wir den Punkt, dass es sich nicht um reinen Bericht handeln soll. Handlungen sollen nachgeahmt werden, das Spiel steht also im Vordergrund, nicht das Erzählen über etwas.

Wirkung des aristotelischen Dramas

Der letzte Punkt ist wohl einer der wichtigsten für die Definition des aristotelischen Dramas und für die Abgrenzung von anderen Theaterkonzeptionen, nämlich das Hervorrufen von Jammer (éleos) und Schauder (phóbos) beim Zuschauer und eine darauffolgende Reinigung (kátharsis). Der Zuschauer soll das Gesehene auf sich selbst, auf seine Wirklichkeit beziehen. Daraufhin fühlt das Publikum mit und empfindet jene Gefühle des Jammers, éleos, und Schauderns, phóbos. Das Mitfühlen dieser sogenannten Affekte bewirkt dann eine Reinigung. Diesen Vorgang nennt Aristoteles Katharsis. Die Handelnden der Tragödie sollen gute und schöne Menschen sein.

Für das klassische Drama hieß das, dass nur die Geschichten von großen Königen, Herrschern und Göttern dargestellt wurden. Geschichten des normalen Volkes sollten in Komödien behandelt werden. Es konnte nur dem etwas Tragisches zustoßen, der in der Hierarchie sehr weit oben war, also eine gewisse Fallhöhe hatte. Dieses Prinzip nennt man Ständeklausel.

Einheit von Ort, Zeit und Handlung

Ein besonders wichtiger Aspekt des klassischen Dramas ist die Einheit von Ort, Zeit und Handlung. Ein Drama soll sich demnach im Gesamten an einem einzigen Ort abspielen und diesen Ort während der Handlung nicht verlassen oder wechseln. Die Einheit der Zeit beschreibt die Forderung, dass die gesamte Handlung innerhalb eines Tages abgeschlossen sein sollte. Außerdem soll es nur eine Handlung geben, da zu viele Handlungsstränge die Aufmerksamkeit vom Wesentlichen ablenken.

Der Aufbau des aristotelischen Dramas

Aus der Einheit von Ort, Zeit und Handlung leitet sich eine weitere Besonderheit ab: der Aufbau des aristotelischen Dramas. Betrachtet man die Handlung, so fällt ein besonderes Muster auf. Dieses Muster hat Gustav Freytag in seinem Buch „Technik des Dramas“ 1863 erstmals zusammengefasst.

Handlung, Figuren und Grundkonflikt

Er unterteilt das Drama in fünf Teile. Meist sind sie mit den Akten im Theaterstück identisch: „Einleitung, Steigerung, Höhepunkt, Fall oder Umkehr und Katastrophe“. Im ersten Teil werden die Figuren und der Grundkonflikt, also das Thema des Stückes, vorgestellt. Der zweite Teil entwickelt die Handlung und bereitet den Höhepunkt vor.

Der Höhepunkt

Der Höhepunkt im dritten Teil ist dann die große Schlacht oder das lang ersehnte Fest oder die Durchführung eines Mordes und so weiter. Doch ob alles gut geht oder nicht, erfährt man noch nicht, denn zuerst kommt der vierte Teil, der Fall der Handlung oder die Umkehr. Oft wird dieser vierte Akt auch retardierendes Moment, also Verzögerung, genannt.

Das retardierende Moment

Hier verkehrt sich die Lage des Helden nochmals und Entscheidungen werden hinausgezögert. Dieser Teil des Stücks soll Spannung erzeugen und uns mit dem Helden mitfühlen lassen. Im letzten Teil, der Katastrophe (bei einer Tragödie) oder der glücklichen Fügung (bei einer Komödie), wird das Drama dann schließlich zu einem Ende gebracht.

Es gibt jedoch auch klassische Dramen, die nur drei Akte haben. In solchen Fällen entfallen der zweite und der vierte Akt, beziehungsweise fallen diese mit dem ersten und fünften Akt zusammen.

Resümee

Dieser kurze Überblick zeigt uns eine Möglichkeit, Regeln für das Theater aufzustellen. Wenn wir wissen wollen, ob das Theaterstück, das wir vor uns haben, ein Drama im Sinne Aristoteles’ ist, so müssen wir es nur auf die Regeln testen, die wir eben herausgestellt haben. Sollten nicht alle Regeln zutreffen, so sprechen wir von einem nicht-aristotelischen-Drama – doch das ist ein anderes Thema.

2 Kommentare
  1. Hallo Amin 2,
    vielen Dank für deinen aufmerksamen Hinweis! Tatsächlich ist eine klare Zuordnung von Goethes „Faust“ nicht möglich. Es kann mit den von dir genannten Argumenten auch als offenes Drama bezeichnet werden. Wichtig ist, dass du deine Einschätzung begründest. Es muss auch klar sein, ob du dich auf „Faust I“ oder „Faust II“ beziehst. In „Faust II“ ist die offene Form nämlich noch stärker umgesetzt als in „Faust I“.
    Liebe Grüße aus der Redaktion

    Von Till Scheitler, vor 8 Tagen
  2. Faust wird in anderen Interpretationen als offenes Drama bezeichnet. Die Einheit von Ort und Zeit ist bei Faust nicht gegeben. Auch gibt es zwei Handlungsstränge.

    Von Amin 2, vor 10 Tagen

Aristotelisches Drama Übung

Du möchtest dein gelerntes Wissen anwenden? Mit den Aufgaben zum Video Aristotelisches Drama kannst du es wiederholen und üben.

  • Erstelle eine Übersicht zentraler Begriffe des aristotelischen Dramas.

    Tipps

    Die Sprache soll metrisch verfasst sein. Wie lautet das Synonym dafür?

    Manfred Fuhrmann übersetzte zwei zentrale Begriffe des aristotelischen Theaters als Jammer und Schaudern. Welche sind dies?

    Lösung

    Aristoteles verfasste in seiner „Poetik” bis heute gültige Grundsätze des klassischen Dramas.

    1. Eine geschlossene Handlung. Das bedeutet, dass es eine einsträngige, zielgerichtete Handlung und keine Nebenhandlungen gibt.
    2. Die Mimesis, auf Deutsch die Nachahmung der Wirklichkeit.
    3. Wichtig ist auch die in Versform verfasste Sprache. Damit soll sich der Dramentext von der Alltagssprache abgrenzen. Handelnde waren oft Könige oder Götter, die mit einer entsprechende Sprache ausgestattet werden mussten.
    4. Hand in Hand damit geht die Forderung danach, keinen reinen Bericht zu verfassen. Genauer gesagt bedeutet das, dass nichts erzählt werden soll, sondern eine Dichtung.
    5. Einer der bedeutendsten Punkte ist das Hervorrufen von Eleos und Phobos. Manfred Fuhrmann lieferte die bis heute anerkannte Übersetzung mit Jammer für den Begriff Phobos und Schaudern für Eleos.
    6. Dadurch soll der Zuschauer eine Reinigung, auch genannt Katharsis, erfahren. Er oder sie soll das Geschehen auf sich selbst beziehen und durch das Mitfühlen diese Reinigung erfahren.
    7. Ein weiteres wichtiges Merkmal sind die drei Einheiten. Ort, Zeit und Handlung sind begrenzt.
  • Beschreibe den Ursprung des aristotelischen Dramas.

    Tipps

    Überlege noch einmal, ob Aristoteles eine vollständige Kopie des antiken Dramas erschuf.

    Lösung
    • Aristoteles orientierte sich an der Dramaturgie des antiken Theaters. Das bedeutet, dass er sowohl deskriptive als auch präskriptive Aspekte in seine „Poetik” einbaute. Er beschrieb antike Dramen, stelle aber auch verpflichtend gültige Vorgaben für zukünftige Dramen auf.
    • In seinem Werk „Die Poetik” von 335 vor Christus begründete Aristoteles seine berühmten Grundsätze des Theaters.
    • Die vorherrschende Form des Dramas war damals die Tragödie. Meist waren Könige oder Götter die Hauptfiguren, die über eine sogenannte Fallhöhe verfügten.
    • Zentral für das aristotelische Drama ist die Einheit von Ort, Zeit und Handlung. Dabei sollten alle drei Aspekte zeitlich, örtlich und handlungstechnisch auf einen Aspekt begrenzt sein.
  • Ergänze das Schaubild zum Aufbau eines Dramas nach Gustav Freytag.

    Tipps

    Überlege noch einmal, wie ein Drama ausgehen kann. Je nachdem, wird es als Tragödie oder als Komödie bezeichnet.

    So wie jeder Text hat auch ein Drama ..., Hauptteil und Schluss. Hilft dir das beim Füllen der linken Lücke?

    Lösung

    Das aristotelische Drama kann in fünf Teile untergliedert werden, die meist auch mit der Anzahl der Akte übereinstimmen.

    1. Die Einleitung oder auch Exposition ist der erste Teil. Dabei werden die Figuren und der Grundkonflikt eingeführt. Danach hat der Zuschauer bzw. Leser einen gewissen Überblick.
    2. Auf dem Weg zum Höhepunkt steigert sich die Handlung erst einmal. Dabei wird Spannung aufgebaut. Möglicherweise tun sich nun Ungereimtheiten auf, die später aufgelöst werden.
    3. Ganz oben steht der Höhepunkt. Dabei handelt es sich um den am meisten verdichteten Teil der Handlung. Der Höhepunkt kann ein Mord, eine Schlacht oder ein Fest, wie z.B. eine Hochzeit, sein.
    4. Nach dem Höhepunkt fällt die Handlung wieder. Da der Schluss noch hinausausgezögert wird, nennt man diesen Teil auch retardierendes Moment. Dabei wird noch einmal Spannung erzeugt.
    5. Diese Spannung löst sich dann endgültig in der Katastrophe oder der glücklichen Fügung auf. Ein Beispiel für eine Katastrophe wäre Maria Stuarts Hinrichtung in dem gleichnamigen Drama von Schiller.
  • Prüfe „Die Physiker” auf die Merkmale des aristotelischen Dramas.

    Tipps

    Überlege noch einmal, ob Komödien in Aristoteles Poetik benannt wurden.

    Lösung
    • Formal erscheint erscheint die Zuordnung des Dramas „Die Physiker” erst einmal unklar. Es gibt zwar eine Einheit des Ortes und eine Einheit der Handlung, jedoch keine Aufteilung in fünf oder drei Akte.
    • Eine begrenzte Personenzahl spricht auch für die Zuordnung zum aristotelischen Drama. Es gibt zwar einige Nebenpersonen, aber die Haupthandlung wird von vier Personen dominiert. Das unterstützt auch die Einheit der Handlung.
    • Das Stück wird zwar als Komödie deklariert, jedoch ist es der Handlung nach zu urteilen eher eine Tragödie mit Katastrophe am Schluss bzw. eine Tragikomödie.
    • Dürrenmatt hat unterschiedliche Elemente des aristotelischen und nichtaristotelischen Dramas miteinander verbunden und damit eine andere Form erschaffen.
    • Das Drama lässt sich somit schlussfolgernd nicht eindeutig zuordnen, was wahrscheinlich auch die Intention des Autors war.
  • Ordne die Dramen anhand ihrer formalen Merkmale ein.

    Tipps

    Maria und Elisabeth sind Königinnen. Hilft dir das weiter?

    Lösung
    • „Maria Stuart” von Friedrich Schiller kann als aristotelisches Drama eingeordnet werden. Zwar spielt es an unterschiedlichen Orten, entspricht aber trotzdem wesentlichen formalen Merkmalen. Es ist in fünf Akten verfasst und Maria Stuart, eine Königin, hat eine beträchtliche Fallhöhe.
    • „Antigone” von Sophokles ist ebenfalls ein aristotelisches Drama. Es ist klassisch in fünf Akten aufgebaut und enthält Exposition, Komplikation, Klimax/Höhepunkt, retardierendes Moment und eine Katastrophe am Schluss.
    • Bei „Iphigenie in Aulis” von Euripides handelt es sich auch um ein aristotelisches Drama. Es gehört zu den klassischen griechischen Dramen mit fünf Akten und einer Einheit von Ort, Zeit und Handlung.
    • Die beiden Dramen von Bertolt Brecht „Die heilige Johanne der Schlachthöfe” und „Die Dreigroschenoper” sind nichtaristotelische Dramen. Brecht begründete das so genannte epische Theater, das in vielen Punkten das Gegenteil des aristotelischen Dramas ist.
  • Zeige, woran erkennbar ist, dass es sich bei „König Ödipius” um ein aristotelisches Drama handelt.

    Tipps

    Eine einheitliche Handlung bewegt sich auf ein Ziel zu. Kannst du das anders ausdrücken?

    Lösung

    1. Es gibt einen begrenzten Zeitraum und die Handlung spielt an nur einem Ort.
    2. Also sind zwei der drei Einheiten erfüllt. Zeit und Ort sind geschlossen. In modernen Dramen kann der Zeitraum sich auch über mehrere Jahre erstrecken, was in klassischen Dramen selten oder gar nicht vorkam.
    3. Es gibt nur eine Haupthandlung. Man könnte sie auch als einsträngig und zielorientiert bezeichnen. Aristoteles hat dieses Drama deshalb auch zum Musterstück der Tragödie ernannt.
    4. Es gibt nur wenige Personen in dem Drama. Das geht Hand in Hand mit der Einheit der Handlung, da so Nebenhandlungen ausgeschlossen werden.
    5. Das Drama ist auch in fünf Akte eingeteilt. Es kommt vor, dass es auch Dramen bestehend aus drei Akten gibt, die teilweise zum aristotelischen Drama gezählt werden.
    6. Somit handelt es sich klar um ein klassisches oder auch aristotelisches bzw. geschlossenes Stück.
    Darüber hinaus ist die Hauptfigur ein König mit großer Fallhöhe, so wie es für das aristotelische Drama typisch ist.