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Lyrik der Romantik 08:36 min

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Transkript Lyrik der Romantik

Novalis, einer der berühmtesten Lyriker der Romantik, verlobt sich im Jahr 1795 im Alter von 22 mit der gerade dreizehnjährigen Sophie von Kühn. Sie erkrankt allerdings bald darauf schwer und stirbt zwei Jahre später.

Der Verlust seiner Verlobten bestimmt fortan Novalis’ Dichtung. Seine Neigung zur Mystik verstärkt sich. Denn seine Geliebte befindet sich bereits in einer anderen Welt, im Reich des Todes. Nachts findet er Zugang.

In seinen berühmten “Hymnen an die Nacht” schreibt er: [...] Abwärts wend ich mich zu der heiligen, unaussprechlichen, geheimnisvollen Nacht. Fernab liegt die Welt – in eine tiefe Gruft versenkt – wüst und einsam ist ihre Stelle. In den Saiten der Brust weht tiefe Wehmut. In Tautropfen will ich hinuntersinken und mit der Asche mich vermischen. [...] Was quillt auf einmal so ahndungsvoll unterm Herzen, und verschluckt der Wehmut weiche Luft? Hast auch du ein Gefallen an uns, dunkle Nacht? Die sechs Hymnen wurden zuerst 1800 in der letzten Ausgabe der Zeitschrift Athenäum veröffentlicht. Unter Hymne versteht man einen feierlichen Lob- und Preisgesang - hier auf den Tod. Wie es für Hymnen typisch ist, gibt es keine formalen Regelmäßigkeiten, weder Reim, noch Rhythmus, noch einen festen Strophenbau. In dieser Formlosigkeit zeigt sich die Überzeugung der Romantiker, Geschehnisse und die Welt seien zufällig. Novalis bedient sich einer sehr ausgeschmückten Sprache mit vielen Adjektiven, Allegorien und rhetorischen Fragen.

In den “Hymnen der Nacht” finden wir nicht nur das romantische Motiv der Nacht wieder, sondern auch die Todessehnsucht beziehungsweise die Sehnsucht nach einer anderen Welt. Sie gaben in ihrer Thematik Stoff für die gesamte romantische Bewegung - vom Motiv der Religion über die Fantastik und Kunst bis zur Stellung der Wissenschaft oder der Macht der Liebe. Die Nacht wird in der Romantik zum Sinnbild für das Mysteriöse, Geheimnisvolle und Rauschhafte, für den Tod als Aufhebung aller Grenzen.

Sie wird dem Tag und Licht gegenübergestellt, die Vernunft, Wissenschaft und Aufklärung symbolisieren. Dunkelheit und Nacht sind die Grundlage der Emotionen, der Sehnsucht und Kreativität. Die Nacht ist außerdem die Quelle der Liebe. Novalis war auch der Schöpfer des romantischen Motivs der “Blauen Blume”. Diese wurde zum Symbol für das Streben nach Harmonie zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Endlichem und Unendlichem. Ein ewiges Streben, denn diese Sehnsucht ist unerfüllbar in der Realität.

Wichtig für das Verständnis der romantischen Lyrik ist Friedrich Schlegels Konzept der progressiven Universalpoesiel. Romantische Poesie ist demnach immer im Entstehen, niemals vollendet oder abgeschlossen, zudem offen für neue Formen und Inhalte. Die Grenzen zwischen Gattungen und Künsten sind aufgehoben: Lyrik und Prosa, Kunstpoesie und Naturpoesie vermischen sich. Damit setzte sich die Romantik von anderen Epochen ab. Die Klassik legte auf die Reinheit der Gattungen größten Wert. Klassizistische Poesie war ein Erziehungsmittel und eine Vorwegnahme der idealen Welt.

Die Romantische Dichtung aber war Teil der idealen Welt selbst. Der Dichter geriet dabei in die Rolle des Priesters einer neuen, noch verborgenen Religion. Im Unterschied zur sachlich-wissenschaftlichen Aufklärung stellt die Lyrik der Romantik kein bloßes Instrument dar. Sie thematisiert das Individuum, das Wundersame, die Freiheit und Einheit.

Die Funktion der Poesie war die Poetisierung, die Harmonisierung, der Gesellschaft, die Heilung der Welt. In Joseph von Eichendorffs Gedicht „Die zwei Gesellen” wird in den ersten Zeilen die Sehnsucht nach fernen Ländern, Jugend und Freiheit deutlich: Es zogen zwei rüstge Gesellen Zum erstenmal von Haus, So jubelnd recht in die hellen, Klingenden, singenden Wellen Des vollen Frühlings hinaus. [...] Es geht im weiteren Verlauf um die grundsätzliche Gefährdung des Menschen in der irdischen Welt - durch zu großes Sicherheitsstreben oder zu großes Freiheitsstreben. Das lyrische Ich erbittet von Gott eine liebevolle Führung auf dem Weg in die himmlische Heimat.

Die Musikalität der Sprache, die Schlichtheit und der volksliedhafte Ton haben bewirkt, dass alle nachfolgenden Generationen den hohen ästhetischen Rang von Eichendorffs Natur- und Erlebnislyrik fast ausnahmslos anerkannt haben. Durch den Volksliedcharakter der gesamten Lyrik der Romantik sind zahlreiche Gedichte dieser Epoche weit über die Grenzen von Literatenkreisen hinaus bekannt geworden. Besonders Wilhelm Müllers Gedichte haben - nicht zuletzt durch Schuberts Vertonungen - den Charakter echter Volkslieder angenommen, so wie “Das Wandern ist des Müllers Lust” oder “Am Brunnen vor dem Tore”. Mit “Des Knaben Wunderhorn” veröffentlichten Clemens Brentano und Achim von Arnim eine Sammlung von Volksliedern in drei Bänden . Die Sammlung enthält Liebes-, Soldaten-, Wander- und Kinderlieder vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert. Beispielsweise das berühmte Lied „Gute Nacht, mein Kind!”:

Guten Abend, gut Nacht, Mit Rosen bedacht, Mit Näglein besteckt, Schlupf unter die Deck! Morgen früh wenn Gott will, Wirst du wieder geweckt. [...] Die Sammlung diente dem Studium der Ursprünge der deutschen Vergangenheit. Brentano und Arnim betätigten sich dabei als lyrische Restauratoren, denn sie stellten die gefundenen Texe quasi dichterisch wieder her. Bis heute ist die Sammlung umstritten wegen des Vorwurfs der Verfälschung.

Bettina von Arnim, die Ehefrau von Achim von Arnim und Schwester von Clemens Brentano, betätigte sich ebenfalls schriftstellerisch. Sie gab ihre Briefwechsel mit anderen Dichtern in stark bearbeiteter Form heraus. Sie gestaltete sie nach den Grundlagen der romantischen Poetik. Sie zeichnete sich durch Wissensdurst und Freiheitsdrang aus, der sie mit Karoline von Günderrode verband. Die beiden wurden gute Freundeninnen. Karoline von Günderrode schrieb einige der bekanntesten Gedichte der europäischen Romantik. Ihre Dichtung ist häufig schwermütig, kühn und eingängig. Sie beschreibt den Konflikt, in dem sich eine liebende Frau damals befand, die zugleich ihre eigenen Ideen verwirklichen wollte.

Die unglückliche Liebe zum Philologen und Mythenforscher Friedrich Creuzer, der Karoline von Günderrode förderte, führte schließlich zu ihrem Selbstmord am Flussufer des Rheins.

Novalis stirbt mit 78 Jahren eines natürlichen Todes. In seinem letzten Lebensjahr vollendet er die “Hymnen an die Nacht”. Endlich befreit ihn dann der Tod vom irdischen Schmerz, endlich kann er in die “ewige Nacht” zu seiner Geliebten Sophie von Kühn. Die letzte Strophe lautet dementsprechend: [...] Hinunter zu der süßen Braut, Zu Jesus dem Geliebten, Getrost die Abenddämmrung graut Den Liebenden Betrübten. Ein Traum bricht unsre Banden los Und senkt uns in des Vaters Schoos.

1 Kommentar
  1. Default

    Novalis stirbt nicht mit 78 Jahren...mit 29! Danke.

    Von Galpigi, vor etwa 2 Jahren