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Eine Gedichtinterpretation schreiben – Hauptteil 07:52 min

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Transkript Eine Gedichtinterpretation schreiben – Hauptteil

Jetzt bist du beim wichtigsten Teil deiner Interpretation gelandet: dem Hauptteil. Nachdem du dir zunächst Notizen gemacht und in der Einleitung eine Deutungshypothese festgelegt hast, kommt jetzt im Hauptteil die eigentliche Analyse und Interpretation. Er macht ungefähr zwei Drittel deines Aufsatzes aus. Deine Aufgabe ist es dabei, in einem zusammenhängenden Text formale und inhaltliche Merkmale in einen Zusammenhang zu setzen. Wie du dabei vorgehen kannst, erkläre ich dir anhand des Gedichts “Weltende” von Jakob von Hoddis:

Weltende

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut, In allen Lüften hallt es wie Geschrei, Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken. Die meisten Menschen haben einen Schnupfen. Die Eisenbahnen fallen von den Brücken. Im Folgenden spielen Form, Sprache, Inhalt, eine Deutungshypothese und die Literaturgeschichte eine Rolle. Aber alles der Reihe nach.

Was kannst du zur Form sagen? Es gibt zwei Strophen mit jeweils vier Versen. Das Versmaß ist ein fünfhebiger Jambus. Wenn man das Reimschema betrachtet, weist die erste Strophe einen umarmenden und die zweite Strophe einen Kreuzreim auf.

Mit der Beschreibung von Vers- und Strophenaufbau, Versmaß und Reimschema hast du in diesem Fall alle wichtigen formalen Kriterien erfasst.

Eine formale Besonderheit bilden die Satzzeichen. Die erste Strophe bildet den Satzzeichen nach einen Satz. Die zweite Strophe ist in drei Sätze unterteilt. Du kannst davon ausgehen, dass die Satzzeichen bewusst gesetzt wurden und für die inhaltlichen Aussagen relevant sind.

Bevor wir diese formalen Beobachtungen jedoch mit dem Inhalt in Zusammenhang bringen, sehen wir uns zunächst einige sprachliche Besonderheiten an.

Du kannst im Gedicht einige rhetorische Mittel erkennen: In Vers 2 wird durch das Wort “wie” ein Vergleich ausgedrückt. Zwischen Vers 5 zu 6 gibt es ein Enjambement, also einen Satz, der auf den nächsten Vers übergeht. Außerdem ist auffällig, dass die Dachdecker verdinglicht werden und wie Gegenstände „entzwei“ gehen. Die Meere dagegen werden personifiziert und ihre zerstörerische Wirkung verniedlicht. Die Wortwahl „hupfen an Land“ klingt kindlich. Insgesamt ist Sprache ist leicht verständlich und der durch die Satzzeichen erkennbare Satzbau parataktisch, also eine Aneinanderreihung selbständiger Sätze.

Verknüpfst du diese formalen und sprachlichen Beobachtungen mit den inhaltlichen Aussagen des Gedichts, kommst du zu einer Deutung. Aspekte, die du dabei betrachten kannst, sind die Aussage des Titels, die inhaltliche Gliederung und handelnde oder beobachtende Personen wie das lyrische Ich.

Orientiere dich bei der Interpretation an einer Deutungshypothese. Entweder ist sie durch die Aufgabenstellung schon vorgegeben oder du hast sie, wie hier, selbstständig in deiner Einleitung formuliert:

Die knappe Darstellung von Katastrophen, Krankheiten und Tod zeigen die für den beginnenden Expressionismus typische Verunsicherung des Individuums in einer undurchschaubaren Welt, von der es sich mehr und mehr entfremdet.

Kannst du diese Annahme durch deine Analyse des Textes bestätigen?

Ich zeige dir einige Möglichkeiten.

Inhaltlich wird das durch den Titel Weltuntergang zu erwartende Katastrophenszenario bestätigt. In der ersten Strophe kommt ein überall widerhallender Sturm auf, der Dachdecker abstürzen und die Flut steigen lässt. Formal ist die noch wachsende Bedrohung von der zweiten Strophe durch das Reimschema und das abschließende Satzzeichen abgegrenzt. In der zweiten Strophe ist die Flut dann so weit fortgeschritten, dass sie Dämme zerdrückt. Außerdem breitet sich Schnupfen aus und Eisenbahnen fallen von Brücken. Die abgeschlossenen Sätze verstärken den Eindruck, dass die unterschiedlichen Fakten keinen Zusammenhang aufweisen und wahllos aufgezählt werden. Das lyrische Ich beobachtet teilnahmslos und wertet Informationen nicht emotional. Zugunglücke und Schnupfen stehen formal gleichwertig nebeneinander.

Der Eindruck der Entfremdung des lyrischen Ichs von den Geschehnissen kommt auch durch sprachliche Gestaltung zustande. Die Verdinglichung der Dachdecker weist darauf hin, dass keinerlei persönliche Betroffenheit vorhanden ist. Ebenso wäre denkbar, dass sich das lyrische Ich so stark von Emotionen abgrenzt, weil es die Fakten sonst nicht ertragen könnte. Indem es sprachlich Gegenstände aus Menschen macht, wird deren Tod als weniger bedrohlich empfunden. Aus dem gleichen Grund könnten die Meere hupfen. Die offensichtlichste Abgrenzung des lyrischen Ichs von den Vorgängen siehst du an dem Einschub, auch Parenthese genannt, liest man in Vers 4.

Im Gegensatz zu den beschriebenen bedrohlichen Inhalten steht auch der klare strukturelle Aufbau des Gedichts. Dahinter könnte die Absicht des Autors stehen, den wertlosen Schutz einer äußeren Form im Angesicht ernsthafter Bedrohungen zu zeigen.

Kannst du noch mehr Zusammenhänge zwischen Sprache, Inhalt und Form finden? Wichtig ist dabei immer, dass du deine Analyse immer gut am Text belegst.

Nachdem du gründlich mit dem Text gearbeitet hast, solltest du auch auf literaturgeschichtliche Zusammenhänge eingehen. Für unser 1911, also während der Epoche des Expressionismus, veröffentlichtes Beispiel könntest du zum Beispiel auf die große Unsicherheit der Menschen zu dieser Zeit eingehen, die unter anderem durch schnellen technischen Fortschritt verursacht wurde. Diese Art von Bezügen zum Entstehungshintergrund, der Entstehungszeit und eventuell der Biographie des Autors solltest du jedoch erst machen, wenn du das Gedicht ausreichend aus sich selbst heraus interpretiert hast. Dafür hast du jetzt alles, was du brauchst und kannst direkt mit einer eigenen Analyse loslegen.

5 Kommentare
  1. Default

    Mir fehlte hier eine Zusammenfassung

    Von Nicowald, vor 3 Monaten
  2. Default

    extrem gute Ausführung der Erklärung

    Von Dorothee Buehrig, vor 7 Monaten
  3. Default

    Danke, das Video hat mir sehr geholfen, war vorher ausgangs los und jetzt verstehe ich es.

    Von Sandra Hofmann, vor etwa einem Jahr
  4. Rene redaktion

    Vielen Dank für das positive Feedback. Zu dem Video gibt es auch neue Übungen, um das Wissen gleich zu festigen und anzuwenden.

    Beste Grüße
    Die Deutschredaktion

    Von René Perfölz, vor etwa 3 Jahren
  5. Default

    Richtig gut erklärt, informativ und interessant gemacht.

    Von Felina98, vor etwa 3 Jahren