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Sprachfunktionen erkennen – Karl Bühlers Organonmodell 06:42 min

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Transkript Sprachfunktionen erkennen – Karl Bühlers Organonmodell

Sie: „Schatz, es doch ist ziemlich kalt hier.“ Er: „Ach Liebling, es tut mir leid, dass du so oft frieren musst.“

Weißt du schon, wie die Szene weitergeht? Wahrscheinlich wirft sie ihm einen frustrierten Blick zu, steht auf und schließt das Fenster. Dabei denkt sie sich, dass er es nie lernen wird, sie richtig zu verstehen. Er fragt sich, was sie schon wieder hat. Wenn sie will, dass er das Fenster schließt, soll sie es doch deutlich sagen. Was ist hier schief gegangen?

Beide Personen sprechen die gleiche Sprache und trotzdem reden sie aneinander vorbei. Und natürlich gibt jeder dem anderen die Schuld. Beide denken, der andere hätte nur nicht richtig zugehört oder sich nicht klar genug ausgedrückt. Beide haben recht.

Warum ist es nur so kompliziert?

Ganz einfach: weil Sprache verschiedene Funktionen hat. Ein und derselbe Satz kann unterschiedliche Dinge ausdrücken.

Viele Forscher haben sich mit diesem Phänomen beschäftigt. Einer davon war der Sprachtheoretiker Karl Bühler. Er greift zurück auf Platons Auffassung der Sprache als Organon, also als Werkzeug oder Gerät.

Wir sehen uns gemeinsam sein Organonmodell zur Beschreibung der verschiedenen Sprachfunktionen an. Im Mittelpunkt des Modells steht das Zeichen, also die konkrete, meist mündliche Äußerung wie unser Anfangssatz „Schatz, es ist doch ziemlich kalt hier.”

Wann immer ein Satz gesagt wird, gibt es jemanden, der ihn ausspricht, den Sender, in unserem Beispiel die Frau.

Es gibt auch jemanden, der den Satz hört. Das ist der Empfänger, hier also der Mann.

Außerdem gibt es in Bühlers Modell den konkreten Gegenstand oder Sachverhalt, auf den sich die Aussage bezieht, in unserem Beispiel die Raumtemperatur. Aber wie kann uns dieses Modell helfen, das Missverständnis vom Anfang aufzuklären? Hier kommen die Funktionen, die die Äußerung haben kann, ins Spiel.

Geht man vom Gegenstand aus, über den gesprochen wird, soll dieser durch Worte abgebildet, also dargestellt werden. Wir sprechen von der Darstellungsfunktion.

Betrachtet man die Äußerung vom Sender aus, will dieser damit etwas über sich selbst ausdrücken. Es gibt eine Ausdrucksfunktion. Die Frau hätte demnach nicht nur etwas über die Raumtemperatur, sondern vor allem über ihr Empfinden aussagen wollen. Sie hätte auch sagen können „Schatz, ich friere“.

Jede Botschaft kann beim Empfänger eine bestimmten Reaktion oder Handlung hervorrufen. Sie hat also eine Appellfunktion.

Kannst du schon ahnen, was die Situation so unbefriedigend enden lies? Wir sehen es uns noch einmal an.

Der Sender, die Frau, sagt den Satz „Schatz, es ist doch ziemlich kalt hier.“ Das konkrete sprachliche Zeichen, dieser Satz, steht im Zentrum. Auch klar ist der dargestellte Gegenstand, nämlich die Temperatur inm Raum, in dem sich die beiden befinden. Dass die Frau ausdrücken möchte, dass ihr die Temperatur zu kalt ist, sie also friert, ist auch leicht verständlich.

Das Problem liegt im Appell. Dafür gibt es meist mehrere Möglichkeiten. In unserem Beispiel wollte die Frau ihren Mann dazu bewegen, etwas gegen ihr Frieren zu unternehmen.

Doch was antwortet er? „Ach Liebling, es tut mir leid, dass du so oft frieren musst.“ Aus der Reaktion des Mannes heraus können wir schließen, dass er dachte, sie wolle gern Mitgefühl bekundet haben.

Statt des Appells „Bitte sorge dafür, dass ich nicht frieren muss“ hat er verstanden „Bitte zeige mir dein Verständnis“. Die meisten Missverständnisse in der Kommunikation entstehen, weil die Appellfunktion einer Botschaft falsch verstanden, überhört oder ignoriert wird. Kannst du dich erinnern, wann es dir selbst das letzte Mal so ging?

Genauso wie du einzelne Sätze oder Worte auf ihre Funktionen hin untersuchen kannst, kannst du natürlich auch Texte betrachten. Weil Texte anders wirksam sind als gesprochene Sprache, gibt es dabei allerdings andere Kategorien.

Du kannst sie in Informationsfunktion, Appellfunktion, Obligationsfunktion, Kontaktfunktion oder Deklarationsfunktion unterscheiden. Hier ein paar Beispiele:

Nachrichten oder Sachbücher enthalten hauptsächlich Informationen. Eine Glückwunsch- oder Dankeskarte verfolgen den Zweck, eine Beziehung zu pflegen. Ein Arbeitsvertrag verpflichtet zu Handlungen und eine Vollmacht führt einen neuen Tatbestand ein.

Texte haben oft mehr als eine Funktion. Du kannst trotzdem eine Hauptfunktion erkennen.

Werbetexte z.B. enthalten immer Informationen, aber ihr eigentliches Ziel ist es, dich zum Kaufen zu animieren. Ihre Hauptfunktion ist somit der Appell. Und ein Wetterbericht? Natürlich kann er dich zu Handlungen bewegen, aber seine vorrangige Aufgabe ist es, dich zu informieren.

Du siehst, unsere Sprache ist sehr lebendig und immer von der konkreten Situation abhängig. Schon ein kleines Detail in Wortwahl oder Betonung kann die Wirkung verändern. Versuch doch einmal, dein neues Wissen anzuwenden und dir vorher die Darstellungs-, Ausdrucks- und Appellfunktion eines Satzes zu überlegen. Vielleicht gelingt es dir dadurch sogar, Missverständnisse besser zu vermeiden.

1 Kommentar
  1. Default

    das ende war geil ;)

    Von Ashkan Moradi, vor mehr als 2 Jahren