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„Nathan der Weise“ – Entstehungsgeschichte (Lessing) 07:54 min

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Transkript „Nathan der Weise“ – Entstehungsgeschichte (Lessing)

Nathan der Weise – Enstehungsgeschichte

Wir werden Zeugen eines heftigen Fragmentenstreits. Wie dieser Streit ausgelöst wurde und welche Kontrahenten dem Schriftsteller Gotthold Ephraim Lessing dabei gegenüber standen, erkläre ich dir gleich.

Sein dramatisches Gedicht “Nathan der Weise” war Lessings einzige Möglichkeit, für die Ideale Vernunft, Humanität und Toleranz in der Religion zu plädieren. Theologische Schriften durfte er nach seinem Zensurverbot nicht veröffentlichen. Welche religionskritische Haltung vertrat Lessing dabei? Welche bedeutenden historischen Ereignisse beeinflussten die Entstehung von “Nathan der Weise” ?

Gotthold Ephraim Lessing schreibt sein dramatisches Gedicht “Nathan der Weise” im Jahr 1779, nur 10 Jahre bevor die Französische Revolution in Frankreich ausbrechen wird. “Nathan der Weise” entsteht zur Zeit der literarischen Epoche der Aufklärung. Ihre zentrale Forderung nach menschlicher Vernunft durchdringt allmählich die verschiedensten Lebensbereiche: Philosophie, Politik, die Naturwissenschaften, aber auch Theologie und Literatur.

Kennst du bedeutende Aufklärer? Denk` doch mal an Gottfried Wilhelm Leibniz, an den Philosophen Immanuel Kant, aber auch an seine Kollegen John Locke und Rousseau. Sie alle gehen davon aus, dass der Mensch von Natur aus gut ist. Durch Erziehung und Belehrung soll jeder Mensch zum kritischen Denken angeregt werden.

Außerdem soll der Mensch dadurch zu gutem Handeln befähigt werden. Sie kritisieren die starren und veralteten Strukturen von Politik und Kirche. Sie träumen von einer neuen Gesellschaft, die aufgeklärt sein wird.

Die Aufklärungsideale bekamen in Folge der Französischen Revolution 1789 eine rechtliche Grundlage, z.B. in der Erklärung der Menschenrechte. Sie macht gleiche Rechte für jeden Menschen geltend, zum Beispiel das Recht auf Freiheit, aber auch den Ansatz, dass jeder Mensch vor dem Gesetz gleich ist. Gleich, welcher Abstammung, Religion oder Geschlecht er ist.

Als prototypischer Aufklärer begibt sich der Schriftsteller Lessing zu seiner Zeit mit seinem kritischen Denken aufs Glatteis. Er veröffentlicht die religionskritischen Schriften seines Freundes Hermann Samuel Reimarus.

Damit entfacht er einen heftigen Streit mit strenggläubigen Vertretern der protestantischen Kirche. Lessings größter Kontrahent in dieser Auseinandersetzung ist der Hamburger Pastor Johann Melchior Goeze. Beide liefern sich ein Text-Gefecht.

Lessing verteidigt seinen Standpunkt, dass die biblischen Schriften sich einer kritischen Lesart unterziehen lassen müssten. Goeze hingegen beharrt darauf, dass in der Bibel jedes Wort die reine unangreifbare Wahrheit sei. Trotz unzähliger Gegenschriften Lessings, gewinnt Goeze letztendlich die Oberhand. Sogar der Adel fühlt sich durch Lessings kritische, theologische Schriften in seiner Alleinherrschaft bedroht. Als Folge des Streites entzieht man Lessing die Freiheit vor der Zensur. Ab jetzt unterliegen seine theologischen Schriften wieder der Zensurpflicht.

Lessing jedoch will sein Redeverbot nicht einfach so akzeptieren. Stattdessen beschließt er den “Kampfplatz” auf die Theaterbühnen zu verlagern. Lessings kritische Auseinandersetzung mit der religiösen Toleranz konnte somit als literarische Botschaft auf der Bühne verpackt werden.

„Ich muß versuchen, ob man mich auf meiner alten Kanzel, auf dem Theater wenigstens, noch ungestört will predigen lassen.“

Diesen Satz schreibt er 1778 in einem Brief an Reimarus` Tochter. Lessing beginnt also die Thematik in einem Drama zu behandeln. Schauplatz und Zeit setzt er dabei weit entfernt an: Im zwölften Jahrhundert in Jerusalem, zur Zeit des ersten Kreuzzuges. Diese Verfremdung ermöglicht es ihm, relativ frei über die Geschehnisse schreiben zu können.

Seine wichtigste literarische Quelle war Giovanni Boccaccios “Decamerone”. In der Novellensammlung des italienischen Autors findet sich die Ringparabel. Der Inhalt ist fast identisch mit Lessings Ausgestaltung: Der Sultan will sich Geld von einem reichen Juden leihen. Um ihn in die Falle zu locken, stellt er ihm die Frage nach der richtigen Religion. Der Jude antwortet mit der Geschichte des Ringes.

Der Ring ist von einem Vater kopiert und an seine drei Söhne vererbt worden. Die Frage, welches der richtige Ring sei, kann man nicht beantworten. Doch Lessing erweitert die Parabel: Bei ihm hat der Ring eine Wirkung auf den Träger. Und bei ihm gibt es einen Richter, der den Söhnen einen Handlungsappell mit auf den Weg gibt. So hat Lessing die Parabel um die Aspekte: Humanität, Toleranz und Handlungsappell erweitert.

Neben dem Fragmentenstreit und der Vorlage Boccaccios fließen auch Lessings persönliche Lebensumstände in die Entstehung des “Nathan” hinein. Lessing verliert auf dramatische Weise seinen neugeborenen Sohn und seine Ehefrau. Die gleiche dramatische Erfahrung muss der Protagonist Nathan in “Nathan der Weise” durchstehen.

Im November 1778 beginnt Lessing zu schreiben, im Mai 1779 erscheint die Erstausgabe des Stückes. Die Uraufführung findet erst nach Lessing Tod statt, im April 1783 in Berlin.

“Nathan der Weise” verdeutlicht, wie aus einem religionskritischen Fragmentenstreit zwischen Lessing und wichtigen Vertretern der Kirche, ein dramatisches Gedicht in fünf Aufzügen enstanden ist.

Die literarische Botschaft auf der Bühne sei dabei ein Plädoyer für Toleranz. Die verarbeitete Thematik in “Nathan der Weise” hat somit an Aktualität bis heute nichts eingebüßt.

2 Kommentare
  1. danke vühr den viedeo

    Von Renate Kniechtl, vor etwa 3 Jahren
  2. Das Drama " Nathan der Weise" von Lessing ist Sinnträger und ich finde es von großer Bedeutung. Wichtig ist, der Inhalt des Dramas bis heute und besonders bis heute sehr wichtg ist. Ich empfehle denjenigen, die sich für deutsche Literatur interessieren, es zu lesen.
    Viele Grüße

    Von Baha Algenabie, vor etwa 4 Jahren

„Nathan der Weise“ – Entstehungsgeschichte (Lessing) Übung

Du möchtest dein gelerntes Wissen anwenden? Mit den Aufgaben zum Video „Nathan der Weise“ – Entstehungsgeschichte (Lessing) kannst du es wiederholen und üben.

  • Beschreibe, warum Lessing die Form des Dramas für seinen Text „Nathan der Weise" wählte.

    Tipps

    Welche Vorteile bietet das Theater gegenüber der Epik oder der Lyrik? Was ist das Besondere am Theater?

    Lösung

    Dass Lessing für seinen „Nathan der Weise" die Theaterbühne wählte, hatte gute Gründe: Durch Streitigkeiten mit den Obrigkeiten des Staates und der Kirche verlor Lessing die Freiheit von der Zensur. Seine Werke wurden also auf nicht linientreue Inhalte überprüft und notfalls gekürzt oder verboten.

    Da Lessing dieses Verbot nicht akzeptieren wollte, wählte er den Weg des Dramas. Das hatte gute Gründe: Einerseits war Lessing hier, auf seiner „alten Kanzel", zuhause und konnte so die Kritik in zweideutiger Sprache und Handlung vor den Augen der Zuschauer erstehen lassen. Andererseits konnte er einen anderen Ort und eine andere Zeit für das Setting wählen und konnte damit behaupten, nicht über Aktuelles zu sprechen. Weiterhin waren die Möglichkeiten Themen frei anzusprechen auf der Bühne um einiges größer als in der festgesetzten Schrift.

  • Stelle dar, wie sich Lessings Version vom ursprünglichen Werk Boccaccios unterscheidet.

    Tipps

    Was war typisch aufklärerisch? Wie setzte Lessing den aufklärerischen Gedanken im Nathan um? In welchen Passagen des Buches weicht es daher vom Original ab?

    Lösung

    Das zentrale Stück des Nathan der Weise ist die Ringparabel. Diese übernimmt Lessing beinahe ohne Abänderung vom berühmten florentinischen Schriftsteller Giovanni Boccaccio. Dieser erstellte eine Sammlung von hundert Geschichten, die er zu je zehn Geschichten an zehn Tagen erzählen lässt. Das Werk heißt daher Il Decamerone, denn deca bedeutet zehn.

    Lessing verwendet das Stück jedoch zu seinen Zwecken und ändert es daher etwas ab. Da er ein Aufklärer ist, verteidigt er seine Werte der Bildung und Erziehung, der Humanität, Vernunft und Toleranz. Daher die Unterschiede im Werk: Die drei Ringe, die die drei großen Religionen des Mittelmeerraumes darstellen, hinterlassen eine Wirkung bei ihren Trägern; der Richter gibt den Söhnen am Ende einen Handlungsappell mit, der auf jene Ideale der Aufklärung zugeschnitten ist.

  • Schildere, welche konkurrierenden Positionen zur Entstehung des Dramas „Nathan der Weise" beitrugen und welche Ziele Lessing mit dem Werk verfolgte.

    Tipps

    Gegen wen und was richtete sich die Aufklärung, an der Lessing maßgeblich Teil hatte? Wer war Akteur der Gegenseite? Und auf welchen Wert zielte Lessing mit seinem moralischen Erziehungsauftrag ab?

    Lösung

    Lessing war ein Verfechter und Vordenker der Aufklärung. In seinen Schriften plädierte er für Vernunft und Humanität, für eigenverantwortliches Denken und Handeln von mündigen Bürgern.

    Damit handelte er sich natürlich Schwierigkeiten mit den Autoritäten von Staat und Kirche ein, die um ihre Macht fürchteten. Da Lessing für eine kritische, nicht wörtliche Auslegung der Bibel plädierte, fühlte sich hier insbesondere die Obrigkeit der Kirche herausgefordert.

    Den Gegenstandpunkt nahm Johann Melchior Goeze ein: Er verteidigte die offizielle Sichtweise der Kirche, dass in jedem Wort der Bibel die Wahrheit stünde. Man dürfe deshalb den Sinn der Wörter nicht verändern und interpretieren, sondern müse die Gebote Gottes und seiner Propheten wörtlich nehmen. Dieser orthodoxe Ansatz erinnert uns auch heute noch an fundamentalistische, also buchstabengetreue Auslegungsarten von Heiligen Schriften.

    Mit seiner Schrift wollte Lessing insbesondere für mehr Toleranz und Humanität in der Religion werben. Zwar lag der 30-jährige Religionskrieg zwischen Protestanten und Katholiken schon über hundert Jahre zurück, die Fronten zwischen diesen und anderen Religionen waren aber zu Zeiten Lessings verhärtet wie eh und je. Die unterdrückerische Macht von Adel und Kirche gegen das Volk waren schrecklich wie zuvor.

  • Untersuche, was es mit dem Toleranzgedanken der Aufklärung auf sich hat.

    Tipps

    Ein guter Weg, über einen Begriff nachzudenken, liegt in der Begriffsgeschichte, d.h.: Von welchem Wort stammt der Begriff ab, in welchem Kontext und für welchen Zweck entstand er? Und wie wird er heute gebraucht und bewertet?

    Lösung

    Der Begriff Toleranz stammt vom lateinischen Wort tolerare ab, was erleiden oder erdulden bedeutet. Der Begriff erlangte bei den philosophischen, bürgerlichen Aufkärern besondere Wichtigkeit. Denn die Aufklärung lehrte eigenständiges Denken und die Wertigkeit eines jeden Individuums. SIe lehnte Dogmatik, das heißt Regelstarre, und unbedingten, ideologischen Wahrheitsanspruch ab. So war beispielsweise Religion nicht mehr Wissens- sondern Glaubenssache. Die Aufklärung erreichte also die Einsicht, dass es keine unbedingten und ewigen Wahrheiten gebe. Denn die konkurrierenden Weltsichten, die einen Wahrheitsanspruch vertraten, waren zum größten Teil dafür verantwortlich, dass es Kriege gab: Die großen mittelalterlichen Kreuzzüge, der 30-jährige Krieg, Unterdrückung, Elend und Ungleichheit. Toleranz war also das Dulden von Unterschieden. Das erst macht ein friedvolles Miteinander möglich. Damit steht die Toleranz am Beginn der Menschenrechte und der gewaltlosen Humanität. Sie will aber nicht sagen, dass alle Menschen gleich (berechtigt) sind, sondern nur, dass es Unterschiede gibt, die man zu akzeptieren lernen muss.

    Heute wird dieser Gedanke nicht mehr uneingeschränkt positiv gesehen. Denn Toleranz schließt immer eine feindliche Haltung gegenüber dem Anderen mit ein. Der Andere wird erduldet. Häufig erreicht man mit Toleranz nur ein friedvolles Nebeneinander, aber nicht Miteinander. Toleranz beinhaltet daher keine grundsätzliche Anstrengung zum Verständnis des Anderen.

  • Erläutere, wie sich „Nathan der Weise" auf den damaligen Kontext übertragen lassen könnte, indem du Geschehnisse, Objekte und Personen gleichsetzt.

    Tipps

    Vergleiche Lessings Situation und den Entstehungskontext von „Nathan der Weise" mit der Situation und Geschichte des Juden in Lessings Drama. Welche Ähnlichkeiten/Parallelen kannst du erkennen? Wie wirkten auch Lessings persönliche Erlebnisse auf das Werk?

    Lösung

    Das zentrale Stück im „Nathan der Weise" ist die Ringparabel. Eine Parabel ist eine Geschichte, bei der sich bedeutende Faktore parallel und analog auf etwas anderes übertragen lassen.

    Betrachten wir die Entstehungsgeschichte des Werkes und den Kontext von Lessings Schreiben, wird sehr klar, wie sich die Ringparabel anwenden lässt:

    • Die drei Ringe verkörpern die drei Weltreligionen Islam, Christentum und Judentum, die sich seit langem bekämpften und Frieden schließen sollen. Die Frage, welche Religion bzw. welcher Ring der wertvollere, ursprünglichere, echtere sein soll, wird gelöst: Alle drei sind gleich berechtigt, alle stammen sie vom selben Vater, das heißt Gott.
    • Der Richter, der diesen Spruch fällt, wirbt also für Gleichheit der Religionen und für Toleranz; er hat also dieselbe Position inne wie die Aufklärer selbst, denn auch sie werben für Toleranz und mehr Humanität in der Religion.
    • Weiterhin sieht man eine Parallele zwischen Nathan in der Geschichte und Lessing selbst. Denn Nathan wie auch Lessing bekommen den Druck ihrer Kontrahenten zu spüren: Der Sultan will Nathan eine Falle mithilfe einer Fangfrage stellen; Nathan, durch die Macht des Sultans praktisch zensiert, wählt als ausweichende, aber belehrende Antwort die Parabel aus. Auch Lessing darf durch die Zensur das Thema nicht philosophisch und explizit ansprechen, weshalb er es in Form einer Parabel schreibt, um damit seinen Kontrahenten Goeze zu überzeugen.
    • Doch auch auf persönlicher Ebene finden wir Parallelen. Denn die Tochter Nathans entrinnt nur knapp dem Tod durch Verbrennen. Lessings eigener Sohn stirbt nach der Geburt, während seine Frau an Fieber „verbrennt" und stirbt.
  • Erkläre, wie es geistesgeschichtlich zur Erklärung der Menschenrechte kam und welche Bedeutung sie hatte.

    Tipps

    Lese genau: Manche Antworten sind nur teilweise richtig und daher im Ganzen unwahr.

    Lösung

    Die Aufklärung war eine Epoche, die von Denkern geprägt war, die sich gegen die Unterdrückung des Menschen durch die Obrigkeiten von Kirche und Adel wandten. Menschen wie Kant, Rousseau, Locke und Leibniz (Luther war kein Aufklärer!) waren der Meinung, dass der Mensch von Natur aus zu gutem Handeln befähigt ist; er müsse nur dazu erzogen werden. Die Erziehung zu gutem Handeln setzt allerdings das Wissen, wie man gut handeln kann, voraus. Die Menschen sollten also zu eigenverantwortlichem Denken und ohne blindlings den Autoritäten zu folgen, erzogen werden. Das war auch der Wahlspruch der Aufklärung von Kant: „Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen."

    Die Französische Revolution im Jahre 1789 war eine Umsetzung dieser Ideale: Die Revolutionäre stürzten König und Adel und erließen eigenmächtig die Menschenrechte, die auf Gleichberechtigung abzielten. Gleichheit heißt also: Es sind nicht alle Menschen gleich, nicht alle Menschen sollen finanziell gleich sein, sondern alle Menschen werden vor dem Gesetz gleich behandelt, unabhängig von Hautfarbe, Abstammung und Geschlecht.