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„Faust I“ – Gretchenhandlung (Goethe) 10:08 min

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Transkript „Faust I“ – Gretchenhandlung (Goethe)

Guten Tag liebe Lernende. Nachdem wir uns in theoretischer Weise mit der Gretchen-Tragödie beschäftigt haben, wollen wir nun etwas praktisch vorgehen, das bedeutet, wir werden uns mit einzelnen Textstellen auseinandersetzen. Ich habe derer fünf und habe sie versucht, in eine Dramaturgie zu bringen. Das bedeutet, wir haben im ersten Textteil etwas zur Exposition, also zur Einführung der Gretchen-Tragödie zu lesen. Die Textstelle lautet: "Du siehst mit diesem Trank im Leibe bald Helenen in jedem Weibe." Das ist ein Text, der Faust in der Hexenküche gesagt wird, Vers 2603, also der eigentlich noch zur Gelehrtentragödie gehört. Aber in diesem Teil wird auf etwas hingewiesen, was Faust demnächst passieren wird, nämlich die Verjüngung. Und indem der Körper verjüngt wird, ändert sich auch seine Wahrnehmung der Wirklichkeit. Goethe war ein großer Verfechter und Anhänger der Abbildtheorie, das bedeutet, alles, was mit dem Auge wahrgenommen wurde, war von besonderer Bedeutung. "Wär' unser Aug' nicht sonnenhaft, wie könnt die Sonne es ersehen." Und so auch hier: Indem Faust etwas sieht und auch haben möchte, nämlich jedes Weib, in jedem Weibe, wird er zum Streber in Liebesdingen, um es mal so zu sagen. Er wechselt also nur die Position, vom Gelehrten zum Liebessuchenden. Das, was also den Faust bislang im Leben offensichtlich überhaupt nicht interessiert hat, es sind weder Frau noch Kinder bekannt von ihm, wird durch die Hexenküche initiiert. Er trinkt etwas, ein Vorgang alchemistischer Natur, und dieser Trunk bewirkt, dass er also seine körperliche Konstitution ändert. Gleichzeitig ist es ein Vorgriff auf etwas, was demnächst im Theaterstück, im Drama "Faust", passieren wird, nämlich die Gretchen-Tragödie. Und welche Frau ist interessanter in Liebesdingen als die schöne Helena, die in diesen beiden Versen also auch genannt wird. Kommen wir zur zweiten Stelle, die ich als Klimax bezeichnen möchte, Vers 2691 folgende. Die Textsituation ist die, dass Faust in aller Heimlichkeit das Zimmer von Gretchen sieht, Gretchen ist nicht da, und Faust schaut sich um, weil er wissen möchte, wie dieses wunderschöne Mädchen, das er an der Kirche gefunden hat bzw. traf, also lebt. Wir erkennen, ich habe das umkreist, ein einziges Verb für vier Verse, ansonsten Nomen. Und diese Nomen drücken Stille, Armut und Zufriedenheit aus. Gleichzeitig baut er im dritten Vers eine Antithese ein. Aus der Armut fühlt Faust, der jetzt also solche Dinge auch wahrnimmt, Fülle, also das Gegenteil von Armut. Und aus dem Kerker, der sich mit ihm in einem engen Raum in Verbindung bringen lässt, fühlt Faust trotzdem, dass hier eine ordnende, sanfte selige Hand werkelt. Das alles zusammen bringt Faust in eine sehr positive, aufgeschlossene Stimmung, er hat das Gefühl, dass also er über dieses Mädchen Glück und Zufriedenheit erringen könnte. Wir fassen diese Stelle also ganz kurz zusammen: Wieder Abbildtheorie, er erblickt etwas, diesmal fühlt er, er fühlt das Atmen im Raum, und daraus erwächst der Wunsch und wenn ein Wunsch erwächst in jemandem, dann ist das im dramaturgischen Sinne eine Klimax, eine Handlungssteigerung. Nun ist es auch an der Zeit, einmal die Geschehnisse aus dem Blickwinkel von Gretchen zu betrachten. Eine Stelle im Text ist da ganz besonders wichtig und das ist der Vers 2895, in dem wir erfahren, wie es im Inneren Gretchens aussieht. "Ach Gott! Mag das meine Mutter sein?" Gretchen fühlt sich in einer schuldhaften, verhängnisvollen Situation. Sie weiß, dass ihr Gefühl für Faust nicht mit dem übereinstimmt, was sie fühlen sollte, nämlich Gleichgültigkeit beziehungsweise christliche Nächstenliebe, wie auch immer, aber nicht dieses in ihr brodelnde körperliche Verlangen nach dem jungen Herren, als der ihr Faust ja erscheint. Das, was sie also im Inneren fühlt, tritt in einen Konflikt mit dem Gewissen, das ihr durch Autorität hin anerzogen wurde. Diese Autoritäten sind natürlich der katholische Glaube, dem sie anhängt, und ihre Mutter beziehungsweise ihr Elternhaus, die sie hier in eine ganz merkwürdige Koinzidenz bringt, also in einen Zusammenhang bringt. Gott und Mutter sind für sie Autoritäten, deren Wort Gesetz sind. Aber in ihrem Inneren fühlt sie etwas ganz anderes. Das, was also Gretchen letztendlich in die Tragödie führt, ist in diesem kleinen Sätzchen, "Mag das meine Mutter sein?", schon angedeutet. Deshalb ist das die Retardation, aus der die Handlung umschlägt. Aus dem unschuldigen Mädchen wird eine Sünderin, die letztendlich dann dem, was die Gesellschaft mit Sündern macht, anheimfällt. Gretchen im vollen Bewusstsein, sich Schuld aufgeladen zu haben, will jetzt auch nicht länger auf der Erde leben. Das Kind hat sie getötet, ausgesetzt, ist also Kindsmörderin geworden, damit in den Augen der Kirche und der Welt eine Sünderin, damit dem Tode befohlen. Und Gretchen will jetzt auch nichts anderes als dieses Jammertal der Erde zu verlassen. Das sieht man an Begriffen in diesem Text wie "Hölle", "Opfer", "zugrunde gehen", ja sie ruft sogar den Teufel an, dass er ihr den Aufenthalt auf der Erde so kurz wie möglich gestaltet. Sie will dieses Jammertal verlassen. Und das ist die eigentliche Katastrophe, dass Menschen, die unschuldig in Not kommen, ganz oft von Umständen daran gehindert werden, ihrem guten Herzen zu folgen und dieses gute Herz also auch in der Wirklichkeit behaupten zu lassen. Das schafft also Gretchen auch nicht und das ist die eigentliche Tragödie, die in dieser Katastrophe hier, Versen 3361, deutlich wird. Gretchen geht zugrunde, sie nimmt ihr Geschick auch an. Doch zweihundert Verse später, in typischer goethescher antithetischer Verschränkung, also in der Betonung des Gegenteils, lässt er Gretchen dann doch auf einmal etwas anrufen, was vorher schon geklärt war, nämlich Gott wird auf einmal doch wieder Thema. "Doch alles, was mich dazu trieb", also zu der Liebe zu Faust, "Gott war so gut", weil aus ihrem Inneren geboren, "Ach, war so lieb", weil sie gute Gefühle für Faust hatte. Letztendlich war der Antrieb also aus dem Inneren heraus in Gretchens Augen ein guter. Doch die Wirkung war eine schlechte. Was uns dazu bringen mag, dass wir Menschen im Inneren immer noch gespalten in Gut und Böse sind. Und letztendlich ist das, was also schlechte Menschen zum Ende führt, komödiantisch. Ist also die Gretchen-Tragödie eine Komödie im Wahren? Oder ist die Gretchen-Tragödie eben doch eine Tragödie, weil unsere guten Gefühle uns doch nur dazu bringen, negative Enden, also eine Katastrophe zu erleben? Das ist das Ende der Gretchen-Tragödie, beinah, möchte man meinen. Denn wir erinnern uns, dass, nachdem Mephisto glaubt, die Sünderin in seine Hölle geholt zu haben, Gott auftritt und sagt, sie ist gerettet. Das heißt, er holt die Sünderin in den Himmel. Und damit wird klar, dass also die Gretchen-Tragödie aus Gretchens Sicht betrachtet, gar keine Tragödie sein kann, weil sie hat ja das erreicht, was das Wesen ihres Daseins ausmachte, nämlich in christlicher Eingenommenheit von Gott ins Himmelreich geholt zu werden. Das war alles, was sie im Leben wollte, worauf sie ihr ganzes Leben lang hingearbeitet hat, und Gott erhört sie und holt sie. Also gibt es in Wirklichkeit gar keine Gretchen-Tragödie. Denkt darüber nach und schreibt in eurem Aufsatz immer schön antithetisch, also immer das eine anschauen und das andere mitdenken. Dann wird er eine gute Note schaffen.

5 Kommentare
  1. Default

    Vielen Dank für Ihre Antwort! Mir ist durchaus klar, dass es sich um Interpretationsansätze handelt, die man kritisch reflektieren soll. Allerdings war ich kurzzeitig etwas verwirrt, da bei der genannten Textstelle von Ihnen gesagt wurde: "[...]sie ruft sogar den Teufel an". Ich habe dann natürlich die Stelle überprüft. Mir haben sich aber Ihre Ausführungen nicht direkt erschlossen, da man ja nicht sagen kann SIE rufe den Teufel an, wenn man sich auf die Worte Fausts bezieht. Ansonsten kann man diese Textstelle natürlich zur Untermauerung von Gretchens Schuldgefühlen und ihrem Wunsch die Erde zu verlassen verwenden.

    Von Ben95, vor mehr als 3 Jahren
  2. Chaosbewaeltiger

    das thema des vortrags ist nicht der text, den gretchen spricht (es gibt hier keine gretchentextanalyse), sondern die tragödie, die gretchen erfährt. mal wird gretchen selbstreflexiv, mal wird dem leser/zuschauer von anderen figuren die tragödie vermittelt. in diesem lehrvideo geht es NICHT NUR um gretchens wahrnehmung. daß die stelle 3361 nicht von gretchen gesprochen wird, kann jeder leicht nachprüfen. daß die stelle 3585 von gretchen gesprochen wird, wird dagegen schon explizit gesagt.
    einem schüler der achten klasse hätte wohl gesagt werden müssen, wer eine textstelle jeweils spricht; einem lesekundigen in der sek II dagegen muß das nicht jedes mal gesagt werden; er sollte und muß selbst prüfen, was ihm da erzählt wird und die von mir hier vorgenommene interpretation als gesprächsangebot reflektieren.
    die von dir genannte stelle ist allerdings kein schuldbekenntnis fausts, bestenfalls teilschuldanerkennung. es darf hier auch gefragt werden, inwiefern faust verführte, oder ob gretchen diejenige war, die faust haben wollte, die in faust denjenigen sah, der sie aus dem engen kämmerlein...
    kernwort ist auch geschick, also schicksal. ist das fatum gemeint, dem alle unterliegen, auch der teufel? (griechische auslegung des begriffs) oder ist schicksal/geschick hier als katholisch-römischer begriff zu interpretieren: ein wort gottes, dem sich die menschen fügen müssen, aber dier entscheidungsfreiheit (willensfreiheit) besitzen, sich dagegen zur wehr zu setzen? (ob es etwas nützt, ist eine andere frage)
    gretchen ist katholisch, aber faust ist es nicht. in 3364 spricht faust das wort aus, "Geschick". meint er es griechisch oder römisch? wenn er es griechisch meint, so trägt sein tun KEINE schuld; meint er es römisch, so trägt er mehr schuld, gretchen aber auch, denn die hat sich ja auch nicht an die (katholischen) regeln gehalten.
    verzwickt.
    aber goethes werk bleibt schließlich offen für interpretationen. genau das soll dieses video vermitteln - ein im ergebnis offenes gesprächsangebot.

    Von Robert Knorr, vor mehr als 3 Jahren
  3. Default

    Bei 06:51 Minuten wird der Eindruck erweckt, es handele sich um einen Ausspruch Gretchens, wobei ab Vers 3361 vielmehr Faust selbst spricht und seine eigene Schuld an Gretchens misslicher Situation bedauert, die ja durch seine Verführung überhaupt erst entstanden ist.

    Von Ben95, vor mehr als 3 Jahren
  4. Chaosbewaeltiger

    Sofern die Zitate aus dem Faust sind, sind sie nicht an den Haaren herbeigezogen, denn in diesem Video geht es um die Gretchenhandlung aus dem Faust. An den Haaren herbeigezogen wären Zitate aus den Räubern oder aus Pipi Langstrumpf, wobei sich in beiden Werken sicherlich auch Verbindungen zur Gretchenhandlung aufzeigen ließen, ich denke da nur an Amalia aus den Räubern oder an die vorsichtige Anika aus Pipi, die beide Charakterzüge Gretchen tragen. Zur Erklärung: Gretchen ist ein Frauentyp, den es heute nur noch selten, früher aber häufig gab.
    Bei Interpretationen handelt es sich immer um ein Gesprächsangebot, aber nicht um Wahrheiten. Literatur und ganz besonders der Faust sind offen für Interpretationen.
    Das "Erachten" möchte ich gern konkreter kennenlernen. Vielleicht nennst du das eine oder andere Beispiel!

    Von Robert Knorr, vor fast 4 Jahren
  5. Default

    Schlecht!
    Die einzelnen Zitate und deren Interpretationen sind meines Erachtens nach komplett an den Haaren herbeigezogen und so für mich nicht nachvollziehbar.

    Von Deleted User 174114, vor fast 4 Jahren