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Was ist ein Text? - Kohärenz und Kohäsion 06:20 min

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Transkript Was ist ein Text? - Kohärenz und Kohäsion

Hi, ich bin’s, Tim. Was ist eigentlich ein Text und wodurch wird er zusammengehalten? Lass dir das an einem kleinen Beispiel erläutern: Rainer Maria Rilke veröffentlichte 1910 seinen einzigen Roman “Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge”. Der Roman besteht aus Maltes Tagebucheinträgen, die sich zeitlich und stilistisch sehr unterscheiden. Der Protagonist erzählt aus seiner Kindheit und von Eindrücken aus dem Paris seiner Tage. Obwohl die Einträge aber so lose nebeneinander stehen, können wir von einem zusammenhängenden Text sprechen. Warum und wie? Was macht einen Text aus? Wann können wir nicht mehr von Text sprechen? Damit beschäftigen wir uns hier. Was ist ein Text und wie versteht man ihn? Das Wort “Text” kommt vom Lateinischen “textus”, was “Geflecht” bedeutet. Ein Text ist das Ergebnis mündlicher oder schriftlicher Sprachhandlung. Das Produkt einer Sprachhandlung ist die inhaltlich zusammenhängende Folge von Aussagen. Diese Aussagen ergeben also dadurch, dass sie nebeneinandergestellt um ein Thema kreisen, einen Text.

Das inhaltliche Zusammenpassen von Aussagen nennen wir inhaltliche Kohärenz. In unserem Beispiel von Rilke beschreibt Malte ständige Erfahrungen des Todes, von Krankheit, Angst und Elend, aber auch von Liebe und Identität. Fast alle seine Aufzeichnungen kehren immer wieder zu diesen großen Themen zurück. Aber nicht nur inhaltlich muss der Text kohärent sein. Die meisten Texte - ganz egal ob Romane, Gedichte oder Sachtexte - haben auch eine bestimmte Struktur, die den Text kohärent, also zusammenhängend, macht. Auch dadruch können wir einen Zusammenhang erkennen. Diese strukturelle Kohärenz ist häufig von der Textsorte bestimmt. Bei der Gedichtform des Sonetts z.B. ist das Schema bestehend aus 2 Strophen á 4 Zeilen und 2 Strophen à 3 Zeilen fest vorgegeben. Andere Textsorten wie z.B. die Erörterung folgen einer eher argumentativen Struktur, bestehend aus Argumenten, die in sich aus Behauptung, Begründung und Beleg bestehen. Diese überlieferten festen Strukturen erleichtern es dem Leser, dem Text zu folgen. Was hilft uns noch beim Verstehen eines Textes? Die grammatische Kohärenz, die wir auch Kohäsion nennen. Dazu gehören z.B. alle Strukturen, die den Erzähler oder den Protagonisten zu einer eindeutig erkennbaren Person machen. Das geschieht, indem aus einer bestimmten Perspektive erzählt wird, oder auch, indem für bestimmte Personen immer wieder dieselben Pronomen - also Fürwörter - verwendet werden. Weiterhin hilft der Verständlichkeit, dass kontinuierlich eine Zeit verwendet und nicht wild zwischen Perfekt, Präsens und Futur hin- und hergesprungen wird. Die meisten unserer Romane sind z.B. in der ersten Vergangenheit geschrieben.

Damit ein Text ein Text ist, wirken also Kohärenz und Kohäsion zusammen, aber auf unterschiedlichen Ebenen: auf der inhaltlichen und der grammatischen. Um das Ganze auf den Punkt zu bringen, schauen wir uns kurz den Malte mal an, denn anhand dieses Romans lässt sich gut zeigen, wann ein Text nur noch knapp als Text bezeichnet werden kann. Hinsichtlich der inhaltlichen Kohärenz haben wir schon die vorher genannten Themen ausfindig gemacht. Allerdings springt Malte bei den vielen Themen der Tagebucheinträge so viel hin und her, dass wir erst gegen Mitte oder Ende des Buches merken, welche Themen im Vordergrund stehen.

Weiterhin ist die Struktur des Buches sehr neuartig. Denn die Tagebucheinträge folgen keinem traditionellen Handlungsstrang, keiner Dramaturgie, alle sind sehr unterschiedlich lang, was die strukturelle Kohärenz brüchig macht.

Und letztlich erschwert die verworrene Kohäsion das Verstehen. Denn Malte schreibt die Einträge in unterschiedlichen Zeiten, wechselt zwischen Erzählperspektiven und verwendet beim Schreiben unterschiedlichste Stile: Manchmal trocken wiedergebend, dann gefühlvoll dichtend, dann eher prosaisch erzählend wie in einem Roman. Rilke bricht mit seinem “Roman” viele der alten Grenzen zwischen Lyrik (also Dichtung) und Epik (also der Prosaschreibung) auf. Mit den Kategorien der Kohärenz und Kohäsion können wir erklären, warum es uns teilweise so schwer fällt, ihn zu verstehen - und können damit auch das Verstehen erleichtern. Fassen wir alles Wichtige nochmal zusammen: Ein Text besteht aus inhaltlich zusammenpassenden Aussagen, die ein erkennbares Thema ergeben. Das ist die inhaltliche Kohärenz. Außerdem sind die Aussagen durch eine Struktur zusammengefügt, was wir als strukturelle Kohärenz bezeichnen. Und letztlich weisen sie eine grammatische Kohärenz auf, die wir Kohäsion nennen. Diese Kohäsion besteht aus grammatischen Strukturen, die die handelnden und erzählenden Personen eindeutig erkennbar machen und eine nachvollziehbare Erzählzeit aufweisen. In Rilkes modernem Prosabuch “Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge” sind die einzelnen Teile nur schwach kohärent und erschweren dem Leser damit erheblich das Verständnis des Textes. Der Malte lohnt sich trotzdem, schau doch mal rein! Die Frage, wann und wodurch ein Text ein Text ist, haben wir auf jeden Fall geklärt. Ich sag ciao!