30 Tage testen: Mehr Spaß am Lernen.
30 Tage risikofrei testen

Überzeugen Sie sich von der Qualität unserer Inhalte.

30 Tage risikofrei testen

Sonett – Klanggedicht des Barock 06:26 min

Textversion des Videos

Transkript Sonett – Klanggedicht des Barock

Stell dir vor, du befändest dich im Jahre 1618 irgendwo im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Vor dir liegen 30 Jahre Krieg. Je nachdem, wo du dich genau befindest, wären am Ende dieser Zeit 20 bis 45% deiner momentanen Jahrgangsstufe nicht mehr am Leben – im schlimmsten Fall also jeder Zweite, zum Beispiel dein linker und dein rechter Banknachbar. Entweder sie wären als Soldaten umgekommen oder an Hunger und Seuchen gestorben.

Genau das ist im Dreißigjährigen Krieg passiert. Ganze Landstriche, Städte und Dörfer wurden durch die hindurchziehenden Heere verwüstet. Kaum eine europäische Nation war nicht in diesen Krieg verwickelt. Trotz all des Leides gab es auch damals Menschen, die Gedichte verfasst haben. Einer davon war Andreas Gryphius. Ich zeige dir drei seiner Gedichte: Nr. 1: Tränen in schwerer Krankheit Nr. 2: Es ist alles eitel Nr. 3: Tränen des Vaterlandes

Fällt dir etwas auf ? Genau – von weitem sehen sie alle gleich aus. Zwei Strophen mit jeweils vier Versen, so genannte Quartette gefolgt von zwei Strophen mit jeweils drei Versen, so genannte Terzette. Ein Gedicht mit dieser Form und einigen anderen Merkmalen, die du gleich kennen lernen wirst, heißt Sonett.

Woran kannst du ein solches Sonett noch erkennen? Wir sehen uns das Sonett „Es ist alles eitel“ dazu einmal genauer an.

Achte zunächst auf das Ende jedes Verses. Das Endreimschema hier lautet: abba abba ccd eed. Das Reimschema kann leicht davon abweichen. In jedem Fall lohnt sich ein genauer Blick darauf. Die Variationen der streng festgelegten Form des Sonetts sind jedoch gering.

Hast du schon bemerkt, dass die einzelnen Verse fast die gleiche Länge haben? Das liegt daran, dass auch sie eine ganz bestimmte Form, den Alexandriner aufweisen. Als Alexandriner bezeichnet man einen Vers, der sechs Hebungen hat. Das Versmaß ist immer Jambus, also zunächst eine unbetonte und dann eine betonte Silbe.

Außerdem gibt es eine Zäsur nach der dritten Hebung. Beim Lesen bemerkst du, dass an dieser Stelle eine Pause gemacht wird. Hör einmal genau hin: „Du siehst, wohin du siehst nur Eitelkeit auf Erden.“ Jede andere Zeile des Sonetts würde, wenn du sie übertrieben vorliest, gleich klingen. Dazu passt auch die im deutschen Barock verwendete Bezeichnung für Sonette als Kling- bzw. Klanggedichte. Dieser Klang, erzeugt durch den sechhebigen Jambus mit Zäsur in der Mitte, Alexandriner genannt, ist jedem Sonett erkennbar.

Vielleicht fragst du dich jetzt, ob das nicht ein bisschen langweilig ist, wenn jedes Gedicht gleich aussieht und gleich klingt. Wo bleibt da die Spannung? Erinnere dich an den Anfang des Videos. 30 Jahre Krieg, Hunger und Seuchen. Genau, Spannung hatten die Menschen der damaligen Zeit genug. Das Sonett mit seiner strengen und klaren Form bildet dazu einen bewussten Gegensatz. Der Unsicherheit des Krieges wird die immer gleichbleibende Form des Sonetts entgegengesetzt.

Wenn auch die Form der barocken Sonette einen extremen Gegensatz zu den Wirren des Krieges darstellt, so ist doch der Inhalt durch die Geschehnisse geprägt. Die Themen umkreisen tiefste Fragen menschlichen Lebens wie Lebenslust und Liebesfreuen; Zeit, Ewigkeit und Vergänglichkeit; die Schrecken des Krieges, Trauer und Tod. Allein die Titel unserer drei Beispiele lassen das erahnen. Es geht um Tränen und Eitelkeit, was Vergänglichkeit bedeutet. „Du siehst, wohin du siehst nur Eitelkeit auf Erden. Was dieser heute baut, reist jener morgen ein“

Der Grundgedanke – nichts hat Bestand – wird einleitend vorgestellt und in mehreren Bildern beschrieben. Die Zäsur nach der dritten Hebung unterstreicht den Inhalt der Aussage und bekräftigt die Gegensätzlichkeit des Lebens. Es wird deutlich, dass es schöne Dinge gibt, diese aber schnell wieder vernichtet werden.

Du kannst dafür noch weitere Beispiele sehen: „Jetzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden.“ Die Gegenüberstellung von einerseits dem Hunger nach Leben und andererseits der im Krieg immer präsenten Vergänglichkeit wird auch als Antithetik bezeichnet.

Eine weitere Zäsur findet sich zwischen Quartetten und Terzetten. Mit der veränderten Form der Strophen ändert sich oft auch der inhaltliche Schwerpunkt. In unserem Beispiel wird in den Quartetten Vergänglichkeit in mehreren Bildern beschrieben. Immer mit einer ähnlichen Grundstruktur – was heute schön und gut ist, wird morgen weg sein. Innerhalb der Terzette wird dann nicht mehr nur beschrieben, sondern eine Art Interpretation dieses Zustandes vorgenommen.

Diese Interpretation endet in einem Fazit im letzten Vers: „Noch will was ewig ist kein ein(z)ig Mensch betrachten!“ In vielen Sonetten Gryphius findet sich wie hier ein Hinweis auf religiöse, höhere Werte, die dem Leben Sinn geben.

Du hast nun alle wichtigen Merkmale des barocken Sonetts kennengelernt. Die Begriffe Terzett, Antithetik und Alexandriner sind dir nicht mehr unbekannt.

Du weißt sogar, inwieweit Inhalt und Form mit den Wirren und Leiden des 30jährigen Krieges zusammenhängen. Um zu testen, was du dir alles gemerkt hast, kannst du dir ja das Sonett „Tränen des Vaterlandes“ ansehen. Viel Spaß!

3 Kommentare
  1. Default

    sehr gutes viedeo

    Von Rbj Jolic, vor etwa 2 Monaten
  2. Default

    Nur würde ich das Gedicht am Anfang vorlesen und dann bearbeiten

    Von Bahijal, vor fast 2 Jahren
  3. Default

    Klasse Video

    Von Bahijal, vor fast 2 Jahren