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Neue Sachlichkeit

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Neue Sachlichkeit

lernst du in der 11. Klasse - 12. Klasse - 13. Klasse

Beschreibung Neue Sachlichkeit

Neue Sachlichkeit – Definition

Als Neue Sachlichkeit wird eine ästhetische Strömung bezeichnet, die den Stil der 1920er und 1930er Jahre prägte. Sie war keine Epoche, sondern ein kulturelles Phänomen, das sich in allen Künsten finden ließ, vor allem in der Malerei, der Literatur und Architektur. In der Literatur wird sie als die letzte Strömung der Klassischen Moderne angesehen.
Die Literatur der Neuen Sachlichkeit beruht auf einer Programmatik, die die realitätsgetreue und sachliche Darstellung der Wirklichkeit fordert. Sie stellt sich damit ausdrücklich dem Expressionismus entgegen, knüpft aber an den Naturalismus an.

Neue Sachlichkeit – Merkmale

Die Literatur der Neuen Sachlichkeit zeichnet sich durch einen, der Realität verpflichteten Stil aus. Sie entnimmt ihre Themen und Formen der Lebenswelt der Großstädte und der technisierten Gesellschaft. Sie will damit dem modernen Leben besonders gerecht werden. Auf die Demokratisierung der Gesellschaft nimmt die Neue Sachlichkeit durch eine starke Politisierung der Literatur Bezug.
Durch die Beobachterhaltung des Autors, aber auch des literarischen Erzählers strebt die Neue Sachlichkeit einen neutralen, objektiven Stil an. Der sprachliche Ausdruck sollte möglichst klar, einfach, nüchtern und präzise sein. Es sollte nichts Erfundenes erzählt, sondern Reales berichtet werden. Literatur sollte insofern auch der breiten gesellschaftlichen Masse, die die Demokratie trug, zugänglich gemacht werden.

Dokumentar- und Reportageliteratur

Der Realitätsanspruch der Neuen Sachlichkeit brachte Autorinnen und Autoren dazu, Techniken journalistischen Schreibens in die Literatur aufzunehmen. Durch die Mischung von fiktionalem und dokumentarischem Schreiben entstanden neue Gattungen, von denen der Dokumentar- und Reportageroman am bedeutsamsten war. Außerdem entstanden literarische Berichte und Reportagen, Reportagedramen und Gebrauchslyrik. Die neuen Textformen sollten der modernisierten Gesellschaft gerecht werden. In der Dokumentarliteratur werden Texte, Textteile sowie Textformen aus Alltagszusammenhängen entnommen (z.B. Berichte, Protokolle, Tonbandaufnahmen) und aus ihnen literarische Werke geschaffen. Dabei kommen die Techniken der Montage und Collage zum Einsatz. Die Dokumentarliteratur verfolgt damit einen besonders hohen Anspruch, authentisch und wirklichkeitsnah zu sein.

Kritik der Neuen Sachlichkeit

Der Anspruch der Neuen Sachlichkeit, die Realität in literarischen Werken darzustellen, wird teilweise als unmöglich kritisiert. Die literarische Darstellung der Realität könne allein ein Abbild der Wirklichkeit sein, meinen Kritiker wie Siegfried Kracauer.

Neue Sachlichkeit – Epoche und Vertreter

Die Neue Sachlichkeit entsteht nach dem Ersten Weltkrieg und ist somit der Epoche der Weimarer Republik zuzuordnen.
Die Weimarer Republik war die erste Demokratie auf deutschem Boden. Sie scheiterte durch ein kompliziertes Zusammenspiel aus wirtschaftlicher Notlage, Inflation, Schwächen der Verfassung und Angriffen auf die Demokratie. Die Epoche der Weimarer Republik war durch ein Wachstum der Großstädte geprägt. Diese waren aber nicht nur Moloch des Bösen, sondern auch Orte einer aufblühenden Kulturszene. Viele Autorinnen und Autoren der Neuen Sachlichkeit lebten und wirkten in Großstädten, z.B. in Berlin.
Wichtige Vertreter der Neuen Sachlichkeit waren Lion Feuchtwanger, Irmgard Keun, Erich Maria Remarque, Jospeh Roth, Egon Erwin Kisch, Alfred Döblin, Erich Kästner, Mascha Kaléko und Kurt Tucholsky.

Neue Sachlichkeit – Beispiele

Als Leitgattung der Neuen Sachlichkeit gilt der Roman.

Erich Kästner: Fabian (1931)

Erich Kästner (1899-1974) ist vor allem als Autor von Kinder- und Jugendliteratur bekannt, schrieb aber auch Lyrik und Erwachsenenliteratur. Der Roman „Fabian“ zeigt den Typus des neusachlichen Intellektuellen, der politisch nicht aktiv, aber dafür kritisch in alle Richtungen ist. Das Vielparteiensystem der Weimarer Republik wird skeptisch betrachtet.

Hans Fallada: Kleiner Mann – was nun? (1932)

Hans Falladas (1893-1947) Roman „Kleiner Mann – was nun?“ ist ein Großstadtroman, der in Berlin spielt. Gegenstand des Romans ist der gesellschaftliche Abstieg eines Angestellten zur Zeit der Wirtschaftskrise. Der Protagonist reagiert mit Angst und Verstörung.

Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen (1932)

In Irmgard Keuns (1905-1982) Roman „Das kunstseidene Mädchen“ kommt eine junge Frau nach Berlin und wird vom Glanz der Film- und Unterhaltungswelt verführt. Auch sie erfährt einen sozialen Abstieg und endet in der Nähe der Prostitution. Die Großstadt wird als gefährlicher, technisierter Ort des Bösen charakterisiert.

Transkript Neue Sachlichkeit

"Neue Sachlichkeit": Der Name der Epoche und literarischen Stilrichtung ist bereits Programm: Ziel war eine sachliche, ornamentlose Kunst. In der Architektur ist die "Neue Sachlichkeit" am deutlichsten zu fassen. Man denke nur an das "Bauhaus". Berühmte Architekten wie Walter Gropius und Mies van der Rohe orientierten sich in ihrem Schaffen streng an der Funktionalität, d. h. am Gebrauchswert der Gebäude und der Inneneinrichtung. Der ästhetische, also gestalterische Aspekt diente allein dem Nutzwert. Der Blick auf die Dinge sollte nüchtern sein. Ähnlich, wenn auch weniger scharf umrissen, verhielt es sich bei der Literatur. Man grenzte sich scharf von den Ekstasen des Expressionismus ab und wandte sich der Realität zu. Man nutze realistische und sachlich-nüchterne Sprache. Wichtige Themen waren der Erste Weltkrieg, der technische Fortschritt und die Großstadt.

Zu den wichtigsten Vertretern der literarischen Neuen Sachlichkeit zählten Bertolt Brecht mit seinen Dramen, Erich Kästner oder Hans Fallada. Außerdem aber auch Irmgard Keun und Erich Maria Remarque. Letzterer hat mit seinem Roman "Im Westen nicht Neues" den Schrecken des Krieges ein bleibendes Denkmal gesetzt. Erich Kästner ist als Autor von Jugendbüchern bekannt, trat aber auch als neusachlicher Dichter und Romanautor in Erscheinung. Sein Roman "Fabian" von 1931 charakterisiert den neuen Typus des neusachlichen Intellektuellen. Er ist politisch nicht aktiv und kritisch in alle Richtungen. Er hält sich von der gesellschaftlichen Aktivität fern. Nur so bewahrt er seine Reinheit. Das Chaos der vielen Parteien in der Weimarer Republik nach dem untergegangenen Kaiserreich wird also eher skeptisch betrachtet.

Hans Falladas "Kleiner Mann, was nun?" von 1932 ist, wie Kästners Werk, ein Großstadtroman. Er spielt in der Metropole Berlin. Thematisiert wird der Abstieg eines Angestellten zum Proleten zur Zeit der Weltwirtschaftskrise gegen Ende der Zwanziger Jahre. Der Protagonist ist eher melancholisch als kämpferisch. Auf seine Degradierung reagiert er mit Ängsten und Verstörtheit. In Irmgard Keuns Erfolgsroman "Das kunstseidene Mädchen" kommt eine junge Angestellte nach Berlin. Sie wird vom Glanz der Film- und Unterhaltungswelt geblendet und verliert den Boden unter den Füßen. Sie endet in der Nähe der Prostitution. Die Großstadt als Moloch des Bösen, Heruntergekommenen, Gefährlichen und der verstörenden Technisierung taucht als Schauplatz in vielen der neusachlichen Texte auf. Lion Feuchtwanger, selbst ein erfolgreicher Autor jener Jahre, fasste die Programmatik der Neuen Sachlichkeit zusammen: "Was Schreibende und Lesende suchen, ist nicht Übertragung des subjektiven Gefühls, sondern die Anschauung des Objekts: anschaulich gemachtes Leben der Zeit, dargeboten in einleuchtender Form. Erotisches rückt an die Peripherie, Soziologisches, Wirtschaftliches, Politisches in die Mitte. Don Juan in seinen endlosen Varianten hat abgewirtschaftet, an seine Stelle tritt der kämpfende Mensch, Politiker, Sportler, Geschäftsmann."

Was liegt bei dieser Programmatik näher, als einen realitätsbezogenen, nüchternen Dokumentar- und Reportageroman zu verfassen? Dies war eine beliebte Gattung der damaligen Epoche, die meist um die Arbeitswelt kreiste. Die entsprechenden Autoren, z. B. Erik Reger, nahmen Objektivität und Neutralität für sich in Anspruch. Mit der Betonung der Sachlichkeit wurde auch die Reportage in ihrem Stellenwert aufgewertet. Egon Erwin Kischs "Rasender Reporter" von 1925 entsprach der neusachlichen Richtung, in dem schon das Vorwort einen "Röntgenfilm" ankündigte, der die Wirklichkeit durchdringe. Selbstverständlich wurde diese Entwicklung nicht ausnahmlos als positiv empfunden. Manchmal wurden die Texte als zu ideologisch kritisiert, wenn sie zum Beispiel eine marxistische Position einnahmen. Siegfried Kracauer etwa meinte: "Hundert Berichte aus einer Fabrik lassen sich nicht zur Wirklichkeit der Fabrik addieren, sondern bleiben bis in alle Ewigkeit hundert Fabrikansichten. Die Wirklichkeit ist eine Konstruktion."

Er legte damit den Finger in die Wunde der neusachlichen Schriftsteller: Sie wollten einen sachlichen Blick auf die Realität, übersahen dabei aber mitunter, dass die Wirklichkeit in ihrem Werk nur als literarisch und geistig verarbeitetes Abbild vorhanden ist.

Das Bauhaus um Gropius und Van der Rohe wird heute noch fast uneingeschränkt als weltberühmte Strömung verehrt und kopiert. Der Literatur jener Jahre hingegen wurde ein eher zwiespältiges Urteil zu teil. Manche betonen die Elemente, die bereits auf den Faschismus hindeuten, vor allem in der völkischen Literatur. Andere wiederum halten die Neue Sachlichkeit für eine politische Gruppierung der Mitte. Fest steht, dass das Werk der oben genannten Autoren und anderer heute noch gelesen wird. Ein Erbe der Neuen Sachlichkeit ist zum Beispiel der Schriftsteller Günter Wallraff mit seinen enthüllenden Industriereportagen.

Neue Sachlichkeit Übung

Du möchtest dein gelerntes Wissen anwenden? Mit den Aufgaben zum Video Neue Sachlichkeit kannst du es wiederholen und üben.
  • Beschreibe Architektur und Literatur der Neuen Sachlichkeit.

    Tipps

    Betrachte obiges Bild eines Bauhaus-Gebäudes - wodurch zeichnet sich das Gebäude aus? Was war das erklärte Ziel der Anhänger/-innen der neuen Sachlichkeit? Wovon wendeten sie sich ab?

    Lösung

    Neue Sachlichkeit - so heißt die Stilrichtung, die sich als Gegenbewegung zum Expressionismus formierte. Die Expressionist/-innen versuchten ihre Mitmenschen durch bildhafte, visionäre und ausdrucksreiche Sprache vor den unausweichlichen Schrecken von Krieg und Verderbnis zu warnen. Die Neue Sachlichkeit betrachtete die Wirklichkeit objektiver, nüchterner und sachlicher. Sie versuchte, Lösungen für die Probleme von Inflation, Armut und Unsicherheit aufzuzeigen. Sie befasste sich mit technischem Fortschritt und technischen Möglichkeiten. Dies zeigte sich z. B. in der Bauhaus-Architektur, die ihren Fokus auf Funktionalität und den Nutzen der Gebäude richtete. Dieser Zeitgeist durchdrang auch die Literat/-innen. Sie wollten analytisch, sachlich und nüchtern die Wirklichkeit beschreiben und so eine große Anzahl von Menschen auf dringliche Probleme aufmerksam machen. Ihre Sprache verlangte größtmögliche Verständlichkeit. Ihr Schreiben war vom Nutzen und Gebrauchswert der Schriften bestimmt.

  • Bestimme einige Literat/-innen der Neuen Sachlichkeit und deren berühmte Werke.

    Tipps

    Hans Fallada schrieb einen sehr bekannten Angestelltenroman.

    Erich Kästner schrieb neben „Emil und die Detektive“ einen weiteren bekannten Großstadtroman, der von den Wahrnehmungen und kritischen Kommentaren eines Werbefachmanns in Berlins bestimmt ist.

    Lösung

    Die Schriftsteller/-innen der Neuen Sachlichkeit hatten Dringliches zu sagen. Sie wollten aufklären, auf Missstände hinweisen, die junge Weimarer Demokratie verteidigen. Dafür wählten sie alle eine objektive, sachliche und verständliche Sprache. Die Dramen Bertolt Brechts wie „Der gute Mensch von Sezuan“ zielten weniger auf Unterhaltung und Zerstreuung ab, sondern auf Präsentation von Fakten und Aufforderungen zu moralischem Verhalten. Das Dokumentationshafte, Aufklärerische zeigte sich auch in der neuen Gattung der Reportageromane. Egon Erwin Kirschs „Rasender Reporter“ versuchte, Missstände ans Licht zu bringen und Übel aufzuklären, ebenso wie Irmgard Keuns „Kunstseidenes Mädchen“ die Gefahren und moralischen Verwerfungen der Großstadt kritisierte.

  • Ordne die vier Gedichte der Neuen Sachlichkeit oder dem Expressionismus zu.

    Tipps

    Die Lyrik der Neuen Sachlichkeit versucht objektiv darzustellen und ironisch zu hinterfragen. Die Expressionist/-innen stellen die Außenwelt oft durch Metaphern und Personifikationen als Abbild ihres Innenlebens dar.

    Lösung
    1. Der Expressionismus zeichnet sich durch eine stark metaphorische Sprache aus. Der obskure, morbide und fatalistische Inhalt wird dabei häufig in eine strenge Form gepackt, wodurch sich eine starke Spannung ergibt. Themen sind dabei häufig Tod, Krieg, Großstadt, Anonymität, Weltuntergang und Hässliches. Wenn wir das erstmal wissen, ist es ein Leichtes, die beiden expressionistischen Gedichte oben auszumachen: Van Hoddis' „Todesengel“ (3. Gedicht) führt programmatisch schon das Thema im Titel. Das Morbide und Hässliche ist hingegen Thema im Gedicht des berühmten Expressionisten Alfred Lichtenstein („Punkt“; 2. Gedicht).
    2. Dagegen steht die Lyrik von Mascha Kaléko und Joachim Ringelnatz. Beide benutzen vorrangig einfache und verständliche Sprache. Die Ironie bei Ringelnatz („Morgenwonne“; 1. Gedicht), das Zusammenbringen von Alltäglichem und Poetischem, verrät eine kritische Grundhaltung. Das Desillusionierte verpackt in einfachen Sentenzen ist hingegen ein Hinweis auf die Neue Sachlichkeit Mascha Kalékos („Keiner wartet“; 4. Gedicht).
  • Untersuche anhand des Zitats einige Ansichten der Neuen Sachlichkeit.

    Tipps

    Bedenke den historischen Kontext der Epoche. Was beschäftigte die Anhänger/-innen der Neuen Sachlichkeit? Welche Sorgen trieben sie um, und welchen politischen Richtungen hingen die meisten an?

    Lösung

    Die rasanten Zwanziger Jahre zwischen Erstem Weltkrieg und Diktatur der Nationalsozialist/-innen waren eine Zeit von Wandlungen und Schwankungen. Die euphorischen Anfänge der Weimarer Republik mit ihrer progressiven Verfassung und die freiheitlichen, berauschenden Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs wurden bald überschattet von der Zersplitterung der Parteien, instabilen Kräfteverhältnissen und der durch die Weltwirtschaftskrise 1929 ausgelösten Inflation und Not. Das ohnehin durch horrende Reparationszahlungen geschwächte Deutschland brachte nicht die Kraft auf, die auseinanderstrebenden Interessen zu bündeln und für eine Linderung der Not zu sorgen. Gleichzeitig brachten starke Verstädterung und technologische Fortschritte einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel mit sich.

    Die Anhänger/-innen der Neuen Sachlichkeit waren der Meinung, diese Entwicklungen beschreiben zu müssen, bevor sie verstanden werden könnten. Man müsse dokumentieren, recherchieren und berichten. Die Kunst sollte also nicht mehr vorrangig der Unterhaltung und Zerstreuung sowie dem Einblick in andere Gefühlswelten dienen, sondern objektiv die Wirklichkeit erfassen und kritisieren. Dazu wählten sie eher normale Protagonist/-innen aus der Mitte der Gesellschaft, verbannten Don-Juan'sche-Liebeseskapaden und tauschten die gefühlvoll-metaphorische Sprache des Expressionismus gegen einen verständlichen und sachlichen Stil ein.

    Quelle: Beutin, Wolfgang et al. (2008): Deutsche Literaturgeschichte; Metzler: Stuttgart/Weimar 2008, S. 414.

  • Stelle die Autor/-innen der Neuen Sachlichkeit und des Expressionismus gegenüber.

    Tipps

    Folgende Textstelle stammt aus Ernst Stadlers Gedicht „Aus der Dämmerung“ (1904):

    In Kapellen mit schrägen Gewölben zerfallnen Verließen
    und Scheiben flammrot wie Mohn und wie Perlen grün
    und Marmoraltären über verwitterten Fliesen
    sah ich die Nächte wie goldne Gewässer verblühn

    Folgende Textstelle stammt aus Georg Trakls Gedicht „Im Osten“:

    Den wilden Orgeln des Wintersturms
    Gleicht des Volkes finstrer Zorn,
    Die purpurne Woge der Schlacht,
    Entlaubter Sterne.

    Lösung

    Die Neue Sachlichkeit folgte als literarische Gattung auf den Expressionismus der 1910er und 20er Jahre. Autor/-innen wie Brecht, Tucholsky, Remarque, Fallada, Keun und Kästner wandten sich ab von der visionären Ausdruckssuche der Expressionist/-innen. Die Expressionist/-innen fingen um 1910 an zu schreiben, kurz vor Ausbruch des 1. Weltkrieges. Ihre Themen waren daher auch bestimmt durch Weltuntergangsszenarien und Zukunftsangst. Lyriker wie Gottfried Benn, Georg Trakl oder Georg Heym beschäftigten sich mit Krieg, Identitätsverlust und der Großstadt. Hier trafen sich die beiden Stilrichtungen, denn auch die Anhänger/-innen der Neuen Sachlichkeit schrieben über die Großstadt, jedoch aus einem ganz neuen Blickwinkel: Sie dokumentierten die Entwicklungen und versuchten, mit einem sachlich-nüchternen Stil eine gewisse Objektivität zu schaffen. Die visionären Ekstasen der Expressionist/-innen und deren vielfältige Metaphorik waren nichts für sie.

  • Untersuche die Kritik von Siegfried Kracauer.

    Tipps

    Wie hängt Objektivität mit Wahrheit zusammen? Kann es deiner Meinung nach neutrale und unparteiische Beobachter/-innen geben? Wie wird heute versucht, objektiv zu sein?

    Lösung

    Objektive Beschreibung der Wirklichkeit war das erklärte Ziel der Neuen Sachlichkeit. Sie wollte damit Missstände z. B. in Fabriken beseitigen, jedoch nicht unbedingt die Fabriken selbst. Die Nähe mancher Autor/-innen zu marxistischen Theorien brachten einseitige Beschreibungen der Wirklichkeit mit sich. Die Neue Sachlichkeit konnte zwar bestimmte Phänomene fassen und kritisieren. Sie ließ aber häufig andere Bereiche wie kulturelle Aspekte außen vor.

    • Man kann also nicht behaupten, objektiv zu beschreiben, da man als Beschreibende/-r immer eine Perspektive einnimmt und bestimmte Interessen vertritt. Man ist also immer parteiisch. Das heißt nicht, dass man die Wirklichkeit nicht beschreiben kann, sondern nur, dass man sie nicht objektiv beschreiben kann.
    • Damit lässt sich eventuell auch erklären, warum das Projekt der Neuen Sachlichkeit mit dem Auftreten der Nationalsozialist/-innen scheiterte: Sie nahmen eine einseitige Perspektive ein und erreichten damit nicht die Mehrheit ihrer Mitmenschen, die die Gründe ihrer Probleme an anderen Stellen sahen.
    • Heute wird Objektivität herzustellen versucht, indem man von menschlichen Deutungen der Wirklichkeit Abstand nimmt und stattdessen wissenschaftliche Geräte messen lässt. Zahlen und Messungen sollen so die Wirklichkeit besser beschreiben können als die ideologisch vorbehaftete und uneindeutige Sprache. Der beschriebene Wissenschaftsansatz ist zwar der dominierende, nicht aber der einzige, um die Wirklichkeit wissenschaftlich zu erfassen.
    Quelle: Beutin, Wolfgang et al. (2008): Deutsche Literaturgeschichte. Metzler: Stuttgart/Weimar, S. 415.

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