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Neue Sachlichkeit 06:34 min

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Transkript Neue Sachlichkeit

"Neue Sachlichkeit": Der Name der Epoche und literarischen Stilrichtung ist bereits Programm: Ziel war eine sachliche, ornamentlose Kunst. In der Architektur ist die "Neue Sachlichkeit" am deutlichsten zu fassen. Man denke nur an das "Bauhaus". Berühmte Architekten wie Walter Gropius und Mies van der Rohe orientierten sich in ihrem Schaffen streng an der Funktionalität, d. h. am Gebrauchswert der Gebäude und der Inneneinrichtung. Der ästhetische, also gestalterische Aspekt diente allein dem Nutzwert. Der Blick auf die Dinge sollte nüchtern sein. Ähnlich, wenn auch weniger scharf umrissen, verhielt es sich bei der Literatur. Man grenzte sich scharf von den Ekstasen des Expressionismus ab und wandte sich der Realität zu. Man nutze realistische und sachlich-nüchterne Sprache. Wichtige Themen waren der Erste Weltkrieg, der technische Fortschritt und die Großstadt.

Zu den wichtigsten Vertretern der literarischen Neuen Sachlichkeit zählten Bertolt Brecht mit seinen Dramen, Erich Kästner oder Hans Fallada. Außerdem aber auch Irmgard Keun und Erich Maria Remarque. Letzterer hat mit seinem Roman "Im Westen nicht Neues" den Schrecken des Krieges ein bleibendes Denkmal gesetzt. Erich Kästner ist als Autor von Jugendbüchern bekannt, trat aber auch als neusachlicher Dichter und Romanautor in Erscheinung. Sein Roman "Fabian" von 1931 charakterisiert den neuen Typus des neusachlichen Intellektuellen. Er ist politisch nicht aktiv und kritisch in alle Richtungen. Er hält sich von der gesellschaftlichen Aktivität fern. Nur so bewahrt er seine Reinheit. Das Chaos der vielen Parteien in der Weimarer Republik nach dem untergegangenen Kaiserreich wird also eher skeptisch betrachtet.

Hans Falladas "Kleiner Mann, was nun?" von 1932 ist, wie Kästners Werk, ein Großstadtroman. Er spielt in der Metropole Berlin. Thematisiert wird der Abstieg eines Angestellten zum Proleten zur Zeit der Weltwirtschaftskrise gegen Ende der Zwanziger Jahre. Der Protagonist ist eher melancholisch als kämpferisch. Auf seine Degradierung reagiert er mit Ängsten und Verstörtheit. In Irmgard Keuns Erfolgsroman "Das kunstseidene Mädchen" kommt eine junge Angestellte nach Berlin. Sie wird vom Glanz der Film- und Unterhaltungswelt geblendet und verliert den Boden unter den Füßen. Sie endet in der Nähe der Prostitution. Die Großstadt als Moloch des Bösen, Heruntergekommenen, Gefährlichen und der verstörenden Technisierung taucht als Schauplatz in vielen der neusachlichen Texte auf. Lion Feuchtwanger, selbst ein erfolgreicher Autor jener Jahre, fasste die Programmatik der Neuen Sachlichkeit zusammen: "Was Schreibende und Lesende suchen, ist nicht Übertragung des subjektiven Gefühls, sondern die Anschauung des Objekts: anschaulich gemachtes Leben der Zeit, dargeboten in einleuchtender Form. Erotisches rückt an die Peripherie, Soziologisches, Wirtschaftliches, Politisches in die Mitte. Don Juan in seinen endlosen Varianten hat abgewirtschaftet, an seine Stelle tritt der kämpfende Mensch, Politiker, Sportler, Geschäftsmann."

Was liegt bei dieser Programmatik näher, als einen realitätsbezogenen, nüchternen Dokumentar- und Reportageroman zu verfassen? Dies war eine beliebte Gattung der damaligen Epoche, die meist um die Arbeitswelt kreiste. Die entsprechenden Autoren, z. B. Erik Reger, nahmen Objektivität und Neutralität für sich in Anspruch. Mit der Betonung der Sachlichkeit wurde auch die Reportage in ihrem Stellenwert aufgewertet. Egon Erwin Kischs "Rasender Reporter" von 1925 entsprach der neusachlichen Richtung, in dem schon das Vorwort einen "Röntgenfilm" ankündigte, der die Wirklichkeit durchdringe. Selbstverständlich wurde diese Entwicklung nicht ausnahmlos als positiv empfunden. Manchmal wurden die Texte als zu ideologisch kritisiert, wenn sie zum Beispiel eine marxistische Position einnahmen. Siegfried Kracauer etwa meinte: "Hundert Berichte aus einer Fabrik lassen sich nicht zur Wirklichkeit der Fabrik addieren, sondern bleiben bis in alle Ewigkeit hundert Fabrikansichten. Die Wirklichkeit ist eine Konstruktion."

Er legte damit den Finger in die Wunde der neusachlichen Schriftsteller: Sie wollten einen sachlichen Blick auf die Realität, übersahen dabei aber mitunter, dass die Wirklichkeit in ihrem Werk nur als literarisch und geistig verarbeitetes Abbild vorhanden ist.

Das Bauhaus um Gropius und Van der Rohe wird heute noch fast uneingeschränkt als weltberühmte Strömung verehrt und kopiert. Der Literatur jener Jahre hingegen wurde ein eher zwiespältiges Urteil zu teil. Manche betonen die Elemente, die bereits auf den Faschismus hindeuten, vor allem in der völkischen Literatur. Andere wiederum halten die Neue Sachlichkeit für eine politische Gruppierung der Mitte. Fest steht, dass das Werk der oben genannten Autoren und anderer heute noch gelesen wird. Ein Erbe der Neuen Sachlichkeit ist zum Beispiel der Schriftsteller Günter Wallraff mit seinen enthüllenden Industriereportagen.