30 Tage kostenlos testen: Mehr Spaß am Lernen.
30 Tage kostenlos testen

Überzeugen Sie sich von der Qualität unserer Inhalte.

30 Tage kostenlos testen

Prosa der Neuen Sachlichkeit 11:17 min

Textversion des Videos

Transkript Prosa der Neuen Sachlichkeit

Hallo! Warum gibt es in manchen Literaturepochen besonders beliebte Gattungen, die die Autoren bemühen? Warum ist Prosa eigentlich so beliebt in der Epoche der Neuen Sachlichkeit? Ich bin Gregor und ich werde dir heute genau darüber einen kurzen Überblick geben, sodass du weißt, was du dir unter der Literatur der Neuen Sachlichkeit vorstellen kannst und warum die Autoren besonders gern erzählende Texte schrieben. Nach dem Video wirst du historischen Kontext der Epoche genauer kennen. Dann wirst du auch verstehen, mit welchen Themen sich die Schriftsteller damals auseinandersetzten und auf welche Art und Weise sie schrieben. Du solltest daher schon wissen, was die Merkmale der vorangegangenen Epochen Impressionismus und Expressionismus waren, damit du versteht, warum man sich später davon abgrenzte. Dann werde ich dir ein paar Beispielromane zeigen, die dir unsere Ergebnisse noch mal verdeutlichen. Zum Schluss fassen wir das Wichtigste noch einmal zusammen. Also erst einmal zum historischen Kontext: Die Epoche "Neue Sachlichkeit" ist eng verbunden mit der Zeit der Weimarer Republik. Dies war nach dem ersten Weltkrieg, als in Deutschland die sogenannte Turbulenzphase von 1919 bis 1923 anbrach, da das Land zum ersten Mal keine Monarchie mehr, sondern nun eine Republik war. Das war keine einfache Phase für die junge Republik. Nach dem Krieg lag die Wirtschaft lahm, im Ausland hatte man einen kritischen Blick auf Deutschland und viele Menschen sahen in eine ungesicherte Zukunft. Das hatte auch politische Folgen. Es gab Machtkämpfe und Putschversuche, unter anderem zum Beispiel von Hitler 1923. Darauf folgte eine Phase der Stabilisierung von 1924 bis 1928. Die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse wurden sicherer und es ging den Menschen wieder besser. Deswegen spricht man auch von den "Goldenen Zwanziger Jahren". Vor allem das Leben in der Großstadt wurde zunehmend moderner, die Zeit der Massen- und Mediengesellschaft brach heran und mit ihr kamen neue Vorstellungen in Politik, Kunst, Literatur und Architektur. Die Turbulenzphase ab 1929 war bedingt durch die Weltwirtschaftskrise und einen radikalen Bruch, der der NSDAP die Machtergreifung später ermöglichte. So viel also zum historischen Kontext. Was nun ist aber das Besondere an der Literatur in jener Zeit? Im Gegensatz zum Expressionismus, der die Gefühl des Einzelnen betont und die Wirklichkeit expressiv verzerrt, bemühten sich die Vertreter der Neuen Sachlichkeit wieder einen nüchternen, sachlichen Blick auf das Leben der Menschen zu werfen. Die Künstler wollten die Probleme der Gesellschaft und das Alltagsleben der Menschen nur noch objektiv dokumentieren, ganz unverfälscht, ohne große Emotion oder Pathos, also fast wie, als würde man es einfach mit einer Kamera aufnehmen. Fotografien waren daher sehr beliebt. Die Sprache vieler Autoren der Neuen Sachlichkeit war daher einfach und leicht verständlich. Ihre Figuren sprechen wir im Alltag, manchmal so zum Beispiel sogar auch in ihren eigenen Dialekten. Zeitungsartikel oder Reportagen wurden in die Texte eingebaut und zusammenmontiert. Die Montage führt uns auch wieder zur Kamera, denn viele Inspirationen und Ideen in die Literatur auch vom Film und seinen technischen Errungenschaften. Mit dem Aufkommen der Massenkultur war es den Dichter wichtig, dass die Leser die Literatur auch verstanden, deswegen also die nüchterne Sprache. Allerdings wollten die Autoren die Wirklichkeit nicht nur darstellen, sie verfolgten damit auch ein Ziel, nämlich das Üben von Kritik. Durch das Aufzeigen der Lebensrealität, besonders von einfachen, normalen Menschen warfen sie einen kritischen Blick auf die Probleme einer immer weiter fortschreitenden Industrialisierung und enthüllten die Schattenseiten des technischen Fortschritts. Ihre politische Haltung war daher oft linksliberal und demokratisch. Viele Schriftsteller besaßen zudem einen jüdischen Hintergrund. Zu den Themen aber gleich noch mehr. Erst einmal fragt man sich, was wohl die angemessenste Gattung wäre, um solche Ideen und Vorstellungen literarisch umzusetzen. Lyrik? Da geht es eigentlich zu viel um das Gefühl des Einzelnen. Das Drama? Da gibt es eigentlich zu viel Regeln, die die Darstellung formen sollen, was ja auch nicht zu den objektiv sachlichen Ansprüchen der Epoche passt. Also, was bleibt noch? Richtig, Prosa! Romane also bieten die größte Freiheit und den größten Spielraum, um seine Anliegen kreativ auszudrücken. Natürlich gibt es die Neue Sachlichkeit auch auf Theaterbühnen und in Gedichten, allerdings werden wir uns jetzt mit der wichtigsten Gattung für die Epoche und seine Themen auseinandersetzen. Deswegen nun zu den vier Romantypen der Neuen Sachlichkeit, die ich jetzt nach Themen ordne. Also, womit beschäftigte man sich in der Prosa der Weimarer Republik? Da gibt es als Erstes den Angestelltenroman. Der war absolut neu in der deutschen Literatur. Ausweglosigkeit und Hoffnung im Leben von Angestellten wurden thematisiert. So zum Beispiel das Thema der Abtreibung. Beispiele hierfür: Siegfried Kracauers Roman "Die Angestellten", eine Reportage der Lage von Angestellten. Oder ein anderes Beispiel: Irmgard Keuns "Gildi – Eine von uns". Weitere Beispiele wären Arnold Zweigs "Eine junge Frau von 1914" oder als Letztes Hans Falladas Roman "Kleiner Mann, was nun?", der die Lebensverhältnisse einer kleinbürgerlichen Familie am Ende des Ersten Weltkriegs bis zum Aufstieg der Nationalsozialisten schildert. Dann gibt es den Großstadtroman, den es vorher kaum so gegeben hat, abgesehen von ein paar vereinzelten Berlinromanen. Der bekannteste von ihnen ist Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz", der mittlerweile zu den Klassikern der Weltliteratur zählt. Hier werden nicht Angestellte thematisiert, sondern das sogenannten "Lumpenproletariat". Döblin schildert den Streifzug von Franz Biberkopf, einem entlassenen Häftling, durch verschiedene Berliner Milieus ohne irgendwelche Antworten zu geben. Sein Stil ist ganz neu. Döblin mischt Reportage und expressionistische Restelemente wie innere Monologe und Bewusstseinsströme und fügt sie durch einen Montagestil ganz neu zusammen. Anderes Beispiel wäre Erich Kästners Roman "Fabian" von 1931, in dem die Hauptfigur den modernen Kapitalismus in der Großstadt als etwas Bedrohendes beobachtet, indem er hoffnungslos nicht vertreten ist. Und wie schon gesagt, die fortschreitende Technik und Massenproduktion brachte als Thematik natürlich auch den Industrieroman hervor. Ein Beispiel wäre hier Erik Regers "Union der festen Hand", wo er sich mit der Geschichte der Krupp-Werke von 1918 bis 1930 und unter anderem ihrer Propaganda in Werkszeitungen auseinandersetzt. Dieser Roman endet in der Resignation, sieht er doch die Machtergreifung durch die Nationalsozialisten schon voraus. Resignation ist auch die Haltung vieler Romane unserer letzten Kategorie, die Antikriegsromane. In ihnen gibt es keine Heldendarstellung mehr, wie noch im ersten Weltkrieg, viel eher nehmen die Autoren eine kritisch-liberale Haltung ein und enthüllen die Schrecken des Krieges. Das nackte Überleben steht im Vordergrund, wie zum Beispiel in Ernst Jüngers Roman "Im Stahlgewitter" von 1920, in dem das Phänomen der Kameradschaft thematisiert wird und die persönlich Zugehörigkeit im Überlebenskampf des Krieges letzten Endes als ausweglos erscheint. Andere Antikriegsromane wären Arnold Zweigs "Der Streit um ..." oder Ernst Lessers "Jahrgang 1902". Zum Schluss dann noch wohl das bekannteste Werk. 1929 veröffentliche Erich Maria Remarque den Antikriegsroman "Im Westen nichts Neues", der die Desillusionierung einer ganzen jungen Generation und die Sinnlosigkeit des Krieges kritisch schildert. Ich fasse das Wichtigste zum Abschluss noch einmal kurz zusammen: Die Prosa der Neuen Sachlichkeit ist eng verbunden mit der Epoche der Weimarer Republik. Sie thematisiert daher wichtige Erfahrungen des Alltagslebens der Menschen in einer unsicheren Zeit, die von Technik, Industrie und Krieg geprägt ist. Es geht eher um die Massen als um den Einzelnen, die Sprache ist sehr nüchtern und sachlich und die beliebteste Gattung ist der Roman. Vielleicht hast du Lust, mal einen der vorgestellten Romane zu lesen? Viel Spaß und bis zum nächsten Mal wünscht dir dein sofatutor Gregor!