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„Aus dem Leben eines Taugenichts“ – Personenkonstellation (Eichendorff) 07:48 min

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Transkript „Aus dem Leben eines Taugenichts“ – Personenkonstellation (Eichendorff)

Joseph von Eichendorff: Aus dem Leben eines Taugenichts - Personenkonstellation In Eichendorffs Novelle wird eine Not zur Tugend bzw. der Name zum Programm gemacht. Der “Taugenichts” nimmt die negative Bezeichnung, die ihm sein Vater gibt, ironisch an. Doch ist der Taugenichts wirklich ein Taugenichts? Zumindest ist sein Name poetisches Programm. Der Taugenichts verkörpert die Gegenfigur der Philister, die in jeglicher Form der Kunst keinen Wert erkennen. Aus ihrer bürgerlicher Perspektive ist der Taugenichts eine nutzlose Existenz. Aus der entgegengesetzten Sicht der Romantiker machen ihn sein Geigenspiel, sein Gesang und der Glaube an die romantische Liebe aber zum Künstler. Doch der Taugenichts erfährt auch die Kehrseite des freigeistigen Künstlerlebens: Einsamkeit, Verlassenheit und das Gefühl, in der adligen Welt nicht zu Hause zu sein, gehören dazu.

Diese Reflexionsfähigkeit hebt ihn über den einfachen, naiven Märchenhelden hinaus. Mit dem hat er eigentlich viel gemeinsam: Der Taugenichts ist naiv, spontan und unbekümmert und bricht wie viele Märchenhelden aus seinem gesicherten Zuhause aus. Und wie im Märchen geleiten ihn Helfer auf seinem Weg in die Liebeserfüllung - diese Personen sind alle durch ihre Funktion mit Blick auf die Stationen, die der Taugenichts durchläuft, bestimmt. Allein der Taugenichts kann also charakterisiert werden. Er ist die bereits im Titel genannte zentrale Figur, aus seinem Blickwinkel wird die Geschichte in der Ich-Perspektive erzählt. Der Taugenichts kommt aus der Schicht der Bauern und Handwerker, stammt vom Land, so wie es die weit verbreitete Lebenswirklichkeit in Deutschland im 19. Jahrhundert ist. Der Sohn eines hart arbeitenden Müllers gehört nicht zu den materiell und sozial Bevorzugten dieser Welt. Dennoch schaut er voller Optimismus in die Zukunft. Das liegt wohl nicht zuletzt an seiner Gottesgläubigkeit - er ist sich sicher, Gott werde ihn als Gläubigen beschützen. Sein wichtigstes Attribut ist die Geige. Die streicht er, um Gott zu loben oder um Leuten zum Tanz zu spielen. Lohn verschmäht er, obwohl er nichts in der Tasche hat - ihm reicht ein Glas Wein aus der Hand einer schönen Frau. Oft vergleicht der Taugenichts sich nicht nur des Gesanges wegen mit Vögeln, beispielsweise der Lerche, denn er assoziiert Tiere mit Freiheit. Als „lustiger Gesell“ und „charmanter Junge“ gewinnt er die Herzen der einen, erregt aber auch den Missmut der anderen, durchschaut die Intrigen nicht und wird als “großer Narr” bezeichnet. Generell beherrscht er jegliche Umgangsformen und trifft überall auf Leute, die ihn auf den richtigen Weg bringen. Auf dem Schloss wird er Gärtnerbursche, dann Zolleinnehmer, ohne sich bewerben zu müssen. Die Tätigkeit ist angenehm und lässt ihm viel Freizeit und Freiraum. Bevor er in die Versuchung kommt, sesshaft zu werden, flüchtet er nach Italien. Seit der ersten Begegnung ist die “junge schöne Dame” Aurelie, die im Reisewagen saß, Hauptmotiv seines Denkens und Handelns. Ihr singt er Lieder, ihr pflückt er Blumen. Als Begleiterin der Gräfin hält der Taugenichts sie für eine Adlige. Er weiß nicht, dass sie als “arme Waise” von ihrem Onkel, der als Portier im Schloss angestellt ist, im Kindesalter aufgenommen wurde und mit den gräflichen Kindern aufgewachsen ist. Für den unwissenden Taugenichts ist Aurelie das intensiv begehrte Ideal, der Gipfel der Schönheit und Vollkommenheit. Ähnlich eines mittelalterlichen Minnesängers erwartet er nichts mehr als einen frohen, vielleicht dankbaren Blick. Er erhebt die Dame seines Herzens zu einer göttlichen Figur, zu einer heiligen Madonna, die eigentlich für sterbliche Wesen unerreichbar ist. Damit lebt der Taugenichts in Vorstellungen, ohne auf die Idee zu kommen, deren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Er ist ideologisch befangen von Ritualen einer vergangenen ritterlich-höfischen Zeit. Erst am Schluss erfährt er, dass er ebenbürtig liebte und diese Liebe sogar erwidert wurde. Statt enttäuscht zu sein, dass seine Illusion zerplatzte, ist er erleichtert. Wie wird sein Leben weitergehen? Wird er sich die Kunst, die Jugendlichkeit, die Offenheit für die Wunder der Welt und den Optimismus bewahren können oder wird er auch wie die Philister? Unter Philistern versteht man Menschen, die in der Kunst keinen Wert sehen und häufig vorgefertigte, meist bürgerliche Ideen, übernehmen; “Spießer” würde man vielleicht heute sagen. Mehrere Philister kreuzen den Weg des Taugenichts: Angefangen bei seinem Vater, dem Müller, einem Musterbeispiel für Fleiß und Disziplin. Er hat im typischen Vater-Sohn- und Generationenkonflikt genaue Vorstellungen einer Lebenskonzeption für seinen Sohn. Zu den Philistern zählen auch der Portier des Schlosses sowie der Nachfolger im Amt und der Bauer - Schlafrock und Schlafmütze sowie Pfeifentabak sind Indizien dieser Figuren. Sehen wir uns die anderen Nebenfiguren an: Während die edle Gräfin im Schloss als Schlossherrin und Familienoberhaupt für den Taugenichts prächtig anzusehen ist, macht die große, korpulente Gräfin in Rom ihm eher Angst. Echte Künstlerfiguren trifft der Taugenichts in Rom. Die Prager Studenten sind nur während der Semesterferien Musikanten. Ihr freies Leben ist von kurzer Dauer und sie musizieren nur für Geld, deshalb sind sie keine echten Künstler. Ihr Ziel ist ein Brotberuf, der sie sicher ins Philisterdasein führt. Der Taugenichts dagegen spielt nur aus Freude, denn dies entspricht seiner Lebenskonzeption, die nicht an äußere Bedingungen geknüpft, sondern eine innere Einstellung ist. Er bleibt trotz zeitweiliger ironischer Distanzierung des Autors der ernstzunehmende Erzähler der Geschichte. Im Hinblick auf Menschlichkeit, Gemütstiefe und Schlichtheit, Naturverbundenheit und undogmatischer Frömmigkeit ist der Taugenichts ein Ebenbild von Joseph von Eichendorff. Der Taugenichts übernimmt den ihm zugewiesenen Schimpfnamen also voller Ironie und sucht seine entsprechende Bestimmung. Als selbstbewusster Künstler taugt er auf andere Weise, als es der Vater erwartet. Seine Tüchtigkeit ist anderer Art als die der Bauern, Arbeiter und Beamten. Nicht Pflicht und Arbeit bestimmen den Alltag des Lebenskünstlers, sondern Phantasie, Freiheit und Kunst. Der Taugenichts ist somit Kristallisationsfigur aller Sehnsüchte, allen Fernwehs und allen Schmerzes über das Ungenügen gegenüber bürgerlichen Existenzansprüchen.