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„Aus dem Leben eines Taugenichts“ – Interpretationsansatz und Rezeption (Eichendorff) 08:32 min

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Transkript „Aus dem Leben eines Taugenichts“ – Interpretationsansatz und Rezeption (Eichendorff)

Der Taugenichts zieht in die Welt, um dort “sein Glück zu machen”. Was aber ist Glück? Diese Frage ist so bedeutend, dass sie immer wieder in neuen Zusammenhängen diskutiert wird. Religiöse, philosophische und literarische Texte bieten Ansätze von Antworten, jedoch keine endgültigen. Zudem stellt sich die Frage, ob Glück schicksalhaft ist. Wer an das Gute glaubt, ist ein Optimist, wer eher Schlechtes erwartet, ein Pessimist. Wozu würdest du den Taugenichts zählen? Wozu dich selbst? Bereits der Titel des Textes weist auf eine Biografie hin. Durch den Ich-Erzähler wird es eine Autobiografie: Ein fiktionaler Rückblick auf eine bestimmte Phase des eigenen Lebens: die Jugend. Die Erzählung ist linear angeordnet: Dem Auszug von Zuhause folgt die erste Anstellung und das erste Verliebtsein. Dann die fluchtartige Reise nach Italien, schließlich die Rückkehr nach Österreich. Der Lebensabschnitt endet mit der Verlobung und Planung einer weiteren Italienreise zu zweit. Zehn Kapitel, zehn Stationen: Die Grundstruktur ist thematisch ausgefüllt mit Elementen des Liebes-, des Abenteuer-, des Entwicklungs- und des Bildungsromans. Heiter und unterhaltsam wirkt die märchenhafte Erzählung, die Missverständnisse sind belanglos und komisch und man glaubt an ein gutes Ende. Thomas Mann hält die Novelle für ein “in seiner Anspruchslosigkeit rührendes und erheiterndes Symbol reiner Menschlichkeit.” Und nicht nur Theodor Fontane sieht darin die “Verkörperung des deutschen Gemüts, die liebenswürdige Type nicht eines Standes bloß, sondern einer ganzen Nation” - so wird der heimat- und naturliebende “Taugenichts” in der Zeit des Nationalsozialismus als Leitbild der Ideologie des “deutschen Menschen” stilisiert. Der Taugenichts war Eichendorffs erfolgreichstes Werk. Es ist auch der meistübersetzte Text des spätromantischen Dichters und hat unter allen Werken der Romantik die größte Wirkung erzielt. Hugo von Hoffmannsthal hat zum “Taugenichts” einen Ballettentwurf verfasst, die Novelle wurde dreimal verfilmt, als Stummfilm 1922, als DDR-Film 1973/73 und 1977 noch mal in der Bundesrepublik. Kunst und Kitsch haben sich der Figur des Taugenichts immer neu bemächtigt. Protestbewegungen wie die Bohéme des 19. und die Flower-People der 20. Jahrhunderts bringen mit dem Taugenichts die Sehnsucht nach authentischem Menschentum zum Ausdruck - eine Form von “romantisch-utopischem Antikapitalismus”.

Doch was steckt sonst noch drin in dieser Novelle? Während der Autor Personen, Gegenstände und Situationen häufig in einer schwerelosen Unschärfe beschreibt, sind seine zahlreichen Landschaftsbeschreibungen sehr bildhaft und anschaulich. Diese Landschaftsdarstellungen setzen sich jedoch von der geographischen Realität ab, stattdessen stimmen sie mit den Seelenzuständen des Helden überein, die je nach Tageszeit variieren. Die vermeintlich romantischen Stimmungslandschaften haben also Symbolcharakter für die existentielle Grundsituation des Menschen bzw. der Erzählfigur. Auch Italien ist ein Symbol - für das Paradies auf Erden. Und damit eine Chiffre für Glück. So träumt der Taugenichts in Verbindung mit Italien von einer selbstkonstruierten Idylle - und wird enttäuscht. Damit steuert Eichendorff dem romantischen Klischee Italiens, das vor allem in den Bildungsromanen dieser Zeit kreiert wurde, entgegen. Die Stadt Rom repräsentiert das Künstlermilieu. Und der Künstler ist in der Romantik der wahre freie Mensch - im Gegensatz zu den Philistern, deren Leben von Pflicht, Arbeit und Konventionen statt von Phantasie, Freiheit und Kunst geprägt war. Gerade die Lebenskünstler, die in den Augen der Philister Taugenichtse sind, haben nach Ansicht der Romantiker den Sinn des Lebens begriffen: Studenten, Künstler und Musikanten. Als Beamter und Familienvater wehrt sich Joseph von Eichendorff zeitlebens erbittert, von der Welt der Philister verschlungen zu werden. Ebenso ist der Taugenichts ständig versucht, in einem Leben der praktischen Nützlichkeit zu versinken. Eichendorffs Naturpoesie kann also als Traum von einem schöneren, besseren Leben verstanden werden, als eine romantische Gegenwelt zum phantasielosen, geschäftigen Philistertum. Oder auch als poetisch verklärte Sehnsucht nach Schönheit und Ferne, nach dem verlorenen Paradies. Der Dichter stellt versteckt die Frage nach dem freien schöpferischen Wesen des Menschen und den Möglichkeiten einer Verwirklichung unter bestimmten historisch-gesellschaftlichen Bedingungen.

So kann man den Taugenichts als liebenswürdig wandernden Protest gegen die philiströsen Arbeitsversklavungen unserer Welt sehen. Der Inhalt seiner Lieder gibt die Grundüberzeugung des Taugenichts direkt wieder: Es ist eine Gottesgunst, in die weite Welt geschickt zu werden. Reisen ist eine Lebenserfüllung. Fortbewegungsmittel und Reiseziele sind dabei unwichtig, es zählt allein die „Reiselust“. Sprachlich haben die Verseinlagen eine doppelte Funktion: Sie verstärken eine bestimmte Stimmungslage poetisch und charakterisieren den Sänger auf eine derart unmittelbare Art und Weise, wie dies einem Erzähler nicht möglich ist. Neben den Kapiteleinteilungen strukturieren die Gedicht- bzw. Liedeinlagen den Text und bleiben stärker hängen. Mittlerweile sind die Verse in den Liederschatz der deutschen Kultur eingegangen. Die Geige ist Ausdrucksmittel der Befindlichkeiten des Taugenichts. Musik wie Kunst allgemein drückt menschliche Freiheit, Lebens- und Daseinsfreude aus und ist zwecksfrei. Die Geige symbolisiert das ungebundene Wanderdasein und die Freiheit von sozialen Verpflichtungen. Dabei macht uns Eichendorff Fernweh und Heimweh als vergleichbare Arten von Sehnsucht verständlich, die in unterschiedliche Richtungen weisen, denen aber auch gemeinsam ist, dass sie in dieser Welt unstillbar zu sein scheinen. Doch am Ende seiner Reise kommt der Taugenichts erstmal an - er heiratet seine Angebetete. Was also tatsächlich erlebt wurde, wird hier als Roman gedeutet. Poesie dient als Überhöhung der Wirklichkeit. Mit der Heirat kann eine neue Lebensphase beginnen. Die Suche nach dem Glück , das der Taugenichts nur noch in der Liebe zur schönen Frau gesehen hat, ist abgeschlossen. Vorläufig ist „alles, alles gut“. Ist sein Glück mittlerweile vergangen?

Der “Taugenichts” wird als eine novellistische Erzählung in der Gestalt eines Märchens bezeichnet. Oder kann umgekehrt ein Märchen in der Gestalt einer novellistischen Erzählung sein. Die Novelle ist ein Gedankenentwurf. Modellartig wird vorgeführt, wie und wo ein junger Mensch das Glück sucht - und findet.

2 Kommentare
  1. Image 1

    Tolles Video

    Von Collin B., vor mehr als einem Jahr
  2. Image 1

    Cool

    Von Collin B., vor mehr als einem Jahr