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Realismus

Der Realismus ist eine europäische Literaturepoche, in der mehr oder weniger radikal die Darstellung der Wirklichkeit in der Literatur gefordert wurde.

Der Realismus – Einführung

Wenn du die Nachrichten verfolgst, hast du da manchmal das Gefühl, man müsste die Öffentlichkeit noch mehr über bestimmte Missstände informieren und die Menschen wachrütteln? Bist du zufrieden mit der Gesellschaft, in der du lebst und wenn nicht, wie kann man andere zum Umdenken bewegen? Diese Fragen stellten sich schon Autorinnen und Autoren im 19. Jahrhundert: Der Realismus (ca. 1848 - 1890) war eine literarische Epoche, die es nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Ländern gab. Historisch war dem deutschen Realismus die gescheiterte Märzrevolution von 1848 vorausgegangen. Das Ende der Epoche kann mit Bismarcks Austritt aus der Politik markiert werden. Grundsätzlich läutet der Realismus das Streben nach einer objektiven Wirklichkeitsdarstellung ein. Das menschliche Leben sollte möglichst objektiv dargestellt werden. Allerdings verstanden sich die Autorinnen und Autoren bei allem Streben nach Wirklichkeit nicht als reine Reporter, sondern immer noch Kunstschaffende. Sie gestalteten ihre Texte so, dass diese trotz allem Kunstwerke waren und Erfundenes zum Inhalt hatten.

Literaturhistorische Einordnung

Der Realismus folgt auf die Romantik. In der Romantik wendeten sich die Dichter gegen das als langweilig empfundene bürgerliche Leben. Stattdessen wurde die Mystik des Mittelalters neu entdeckt sowie die Hinwendung zu Gefühlen und die Sehnsucht nach Ruhe und Frieden. Die dem Realismus direkt nachfolgende Epoche war der Naturalismus. Im Unterschied zum Realismus möchten die Schriftsteller das wirkliche Leben so genau wie möglich darstellen. Dies bedeutet, dass auch über „hässliche”, also nicht-ästhetische Themen geschrieben wurde, die zuvor keine Erwähnung in der Literatur fanden.

Zeitstrahl: Romantik bis Naturalismus

Weltanschauung und Motive des Realismus

Häufig wirst du auf die Begriffe poetischer bzw. bürgerlicher Realismus stoßen. Da den Schriftstellern im Realismus ihre Kunstmittel nicht zweitrangig waren, spricht man auch vom poetischen Realismus. Im Fokus der literarischen Texte standen zudem nun nicht mehr Adlige oder Geistliche, sondern Gelehrte, Kaufleute und Handwerker. Kurzum, die Träger, also die handelnden Charaktere, stammten aus dem Bürgertum und vertraten somit auch bürgerliche Ideen und Werte. Deshalb spricht man ebenfalls vom bürgerlichen Realismus.

Im Realismus ging es nicht darum, das wahre Leben unverschleiert wiederzugeben. Die Schattenseiten des menschlichen Daseins sollten zwar Erwähnung finden, die Leserschaft allerdings nicht verschrecken. Ein Kunstmittel für diese Verklärung der Wirklichkeit war beispielsweise der Humor. In vielen Werken des ausgehenden 19. Jahrhunderts gibt es humoristische, bisweilen sogar an Komödien angelehnte Romane, wie beispielsweise „Frau Jenny Treibel“ von Theodor Fontane, „Stopfkuchen“ von Wilhelm Raabe oder „Der grüne Heinrich“ von Gottfried Keller.

In Novellen spielen Dingsymbole eine große Rolle. Das Dingsymbol ist ein Stilmittel, mit dessen Hilfe eine versteckte Botschaft übermittelt wird. So ist das Amulett in Conrad Ferdinand Meyers Werk „Amulett“ nicht nur ein Schmuckstück, sondern auch ein Symbol für die Erinnerung an einen inneren Konflikt.

Wichtige Autoren und Werke

Die vorherrschenden Textsorten des Realismus waren Romane und Novellen. Die Themen der Epoche sind vielschichtig. Grundsätzlich möchten realistische Schriftsteller auf den Konflikt zwischen den gesellschaftlichen Ansprüchen und dem Individuum aufmerksam machen. So thematisierte der sogenannte Gesellschaftsroman u. a. die Industrialisierung und das mit ihr aufstrebende Besitzbürgertum, oftmals in Abgrenzung zum Bildungsbürgertum. Du musst wissen, dass das Bürgertum die neue aufstrebende Schicht im 19. Jahrhundert war und den bis dato dominierenden Adel langsam ablöste.

  • Anhand von Gesellschaftsromanen, wie z. B. Theodor Fontanes „Effi Briest“, kannst du das Schicksal eines scheiternden Individuums aufgrund der unmenschlichen gesellschaftlichen Verhältnisse nachvollziehen. Das Scheitern von Einzelpersonen ist ein häufiges Motiv jener Epoche.

  • Im Bildungs- oder Entwicklungsroman steht das sich entwickelnde Individuum im Mittelpunkt. Die Hauptfigur wird meist mit zahlreichen Problemen konfrontiert, die es zu lösen gilt.

Der Aufstieg des Bürgertums

  • In historischen Romanen spielt die Handlung in einer vergangenen Zeit. Die Probleme der Romanfiguren entsprechen aber jenen des 19. Jahrhunderts. Die Konflikte werden in einer früheren Zeit ausgetragen, um eine objektivere Distanz zum Erzählten zu gewinnen.

  • Novellen sind im Gegensatz zu Romanen wesentlich kürzer und behandeln meist einen Ausschnitt der Wirklichkeit, der poetisch umgestaltet wird. Ein Beispiel hierzu wäre Theodor Storms „Der Schimmelreiter“.

Bedeutende Werke: „Der Schimmelreiter“

Theodor Storms „Der Schimmelreiter“ (1888) erzählt die Geschichte des Deichgrafen Hauke Haien, einen Außenseiter der Gesellschaft, der aufgrund der andauernden Anfeindungen seiner Dorfgemeinschaft einen schweren Fehler begeht und trotz besseren Wissens den Deich nicht erneuern, sondern nur reparieren lässt. Dieser bricht aber während einer Jahrhundertflut und das Meer überflutet das gesamte Dorf. Vor Verzweiflung nimmt sich Hauke Haien das Leben. Der Roman spielt an der Nordseeküste und spiegelt das Leben einer zeitgenössischen Dorfgemeinschaft wider. Es wird die Problematik eines intelligenten Außenseiters geschildert, der an den Widerständen der Gesellschaft zerbricht. Interessant ist die Verbindung aus realistischen Elementen und dem Spuk, da Hauke Haiens Geist noch immer über den Deich reitet.