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Naturalismus – Überblick 09:26 min

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Transkript Naturalismus – Überblick

Kunst = Natur - x

Diese Formel stellte Arno Holz als Gesetzmäßigkeit für naturalistische Werke auf. Dabei steht x für die Sprache und die dichterische Form. x muss möglichst gegen Null gehen, damit die Natur, also die Wirklichkeit, möglichst exakt abgebildet werden kann. Das klingt alles eher mathematisch als literarisch?

Tatsächlich ist es laut Wilhelm Bölsche das Ziel der Naturalisten, “zu einer wahren mathematischen Durchdringung der ganzen Handlungsweise eines Menschen zu gelangen und Gestalten vor unserem Auge aufwachsen zu lassen, die logisch sind, wie die Natur”. Denn die Wissenschaft, von der im 19. Jahrhundert angenommen wird, dass sie die Realität am besten erfasse, ist die Naturwissenschaft. Sie soll deshalb zur Grundlage der Kunst werden.

Wie sich das in der Literatur niederschlägt und welche Rolle die Autoren dabei haben, lernst du in diesem Video? Der naturalistische Autor ist Experte und Naturbeobachter, er arbeiten mit wissenschaftlichen Methoden.

Das führt dazu, dass auch das Hässliche und Verdrängte abgebildet wird. Er schafft Platz in der Kunst für das Ungeschliffene und Unterprivilegierte. Damit unterscheidet sich der Naturalismus vom Realismus. Die Epochen haben zwar dieselben geistigen und sozialen Wurzeln, aber der Realismus verklärt das Negative zugunsten einer höheren Vorstellung von Ästhetik.

Der Naturalismus versteht sich somit als Steigerung bzw. Radikalisierung des Realismus. Er ist keine politische, sondern in erster Linie eine literarische Protestbewegung von bürgerlichen Intellektuellen. Die Grundhaltung im Naturalismus ist pessimistisch. Die Dichter zeigen weder Lösungen noch vermitteln sie Hoffnung. Ihre Sicht folgt der Milieutheorie. Sie versteht den Menschen als gesetzmäßig vorbestimmt und begrenzt, also determiniert. Der Mensch ist festgelegt durch die historische Situation, sein Erbgut und das Milieu.

In ihren Texten interessieren sich Naturalisten besonders für die Themen, in denen die “Determiniertheit” besonders zum Ausdruck kommt. Ende des 19. Jahrhunderts herrscht Industrielle Revolution, Imperialismus, wissenschaftlicher Fortschritt und Verstädterung. Sie widmen sich demzufolge den sozialen Missständen, den Problemen des Großstadtlebens wie Alkoholismus, Armut und Kriminalität, und Familien- und Ehekrisen. Vorbild der deutschen Naturalisten ist Émile Zola. Er begründete in Frankreich den naturalistischen Roman. Er war es auch, der den Dichter als Experimentator bezeichnet hat. Sein Romanzyklus Les Rougon-Macquart gilt als Hauptwerk des literarischen Naturalismus. Auch der Norweger Henrik Ibsen ist Vorbild. In seinen gesellschaftskritischen Dramen wie „Nora” und „Gespenster” stellt er sowohl den determinierten als auch den gegen sein Milieu protestierenden Menschen dar.

Die Gattung Drama hat die bedeutendsten Leistungen im Naturalismus aufzuweisen. Im sozialen Drama stehen Charaktere im Mittelpunkt, die durch ihr Milieu geprägt sind. Es handelt sich dabei häufig um gesellschaftliche Außenseiter.

Es werden viele analytische Dramen verfasst, in denen die Determiniertheit der Figuren bewiesen wird. Bei diesen Entdeckungs- und Enthüllungsdramen sind zunächst nur Auswirkungen eines tragischen Vorfalls in der Vergangenheit erkennbar. Die Ursache wird erst im Verlauf der Handlung enthüllt. Die Dramen behalten die traditionelle Form der Komödie oder Tragödie bei, behandeln aber neue, bisher tabuisierte Themen. Während keine Monologe vorkommen, da dies nicht realitätsnah ist, sind ausführliche Regieanweisungen obligatorisch. So zum Beispiel in einem der wohl berühmtesten deutschen Dramen des Naturalismus “Vor Sonnenaufgang” von Gerhart Hauptmann: „FRAU KRAUSE erscheint, furchtbar aufgedonnert. Seide und kostbarer Schmuck. Haltung und Kleidung verraten Hoffart, Dummstolz, unsinnige Eitelkeit.”

Um die Wirklichkeit abzubilden wird zudem in den Dialogen mit dem regionalen Dialekt oder dem schichtzugeöhrigen Soziolekt gearbeitet. „FRAU KRAUSE Nein aber auch, Herr Doktor, nehmen Sie mir’s ock bei Leibe nicht ibel! Ich muß mich zuerscht muß ich mich vor Ihn’ vertefentieren – sie spricht je länger, um so schneller —, vertefentieren wegen meiner vorhinigten Benehmigung. “

Besonders bekannt dafür ist Hauptmanns “Die Weber” - “De Waber”, das in schlesischer Mundart Manufaktur-Arbeiter als tragische Figuren zeigt. Die naturalistische Prosa besteht vor allem aus epischen Kleinformen wie Skizzen, Studien, Novellen und Kurzerzählungen. Bekannt ist die Prosaskizze “Papa Hamlet” von Arno Holz und Johannes Schlaf oder die novellistische Studie “Bahnwärter Thiel” von Gerhart Hauptmann. Themen sind die Beziehung zwischen Dichter und Proletariat, die Großstadt und die Industrialisierung.

Beim Erzählen nutzen die Naturalisten eine völlig neue Technik: den Sekundenstil. Diese dokumentarische Erzählform stellt eine exakte Wiedergabe der Wirklichkeit in Bild und Ton dar. Das heißt, die minutiöse Detailschilderung sozialen Elends, Sekunde für Sekunde sowie eine akribische Beschreibung von Räumen. Ansonsten wird meist annähernd zeitdeckend erzählt. Das heißt, dass die Erzählzeit und die erzählte Zeit einander entsprechen.

Es tritt vorwiegend eine personale Erzählweise mit Dialogen und inneren Monologen auf. Dem natürlichen Sprechen soll nahe gekommen werden mit Stottern, Stammeln, Ausrufen, unvollständigen Sätzen, Atempausen und Nebengeräuschen.

Im Naturalismus wurde auch Lyrik verfasst. Sie lässt sich in Großstadtlyrik und soziale Lyrik einteilen. Die Großstadt wird meist negativ dargestellt. Sie ist ein Ort an dem alle Natur verlorengegangen sei. In der sozialen Lyrik wird scharfe Sozialkritik geäußert. Ein bedeutender deutscher Vertreter der naturalistischen Lyrik ist Arno Holz. Seine Gedichte wenden sich gegen alle Konventionen des Verses und der Strophe, gegen Tradition in Thematik und im Formalen. Sie orientieren sich an Prosalyrik mit natürlichem Rhythmus. Stilmittel sind Mittelachsenzentrierung und häufiger Verzicht auf Reim und Metrik.

Als die Objektivität der Wissenschaft durch Freud und Einstein in Frage gestellt wird, verliert der Naturalismus schon ab 1890 an Bedeutung. Doch er hat die sozialen Themen literaturfähig gemacht. Auch die Präzision der Darstellung und die Verwendung der Umgangssprache zur Charakterisierung sozialer Schichten sind für zukünftige Strömungen bedeutend. Der Naturalismus wird von Impressionismus und Expressionismus abgelöst. Diese beschränken sich nicht auf die Darstellung der reinen Realität. Aber ist der Naturalismus überhaupt eine bloße Wirklichkeitsabbildung? Ganz Null werden kann das x der mathematischen Formel von Arno Holz nicht. Was ist dann das x? Was ist das Künstlerische bzw. Literarische im naturalistischen Werk? Laut Michael Georg Conrad liegt es „in der Auswahl und logischen Folge der dem wirklichen Leben entnommenen Szenen”.

1 Kommentar
  1. Default

    ... gut gestaltetes Video
    ... mit klare Struktur ...
    ... mit interessante Hintergründen ...
    ... dazu praktikables Arbeitsmaterial, das sich präzise am Video anlehnt ...
    ... mitunter wirkt die Aussprache etwas gewöhnungsbedürftig ... z.B. bei der Bennenung der französischen Autoren ...

    Von G. W., vor 8 Monaten