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Der Roman im Realismus 07:15 min

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Transkript Der Roman im Realismus

»... Ich muß dir nämlich sagen, Effi, daß Baron Innstetten eben um deine Hand angehalten hat.« »Um meine Hand angehalten? Und im Ernst?« »Es ist keine Sache, um einen Scherz daraus zu machen. Du hast ihn vorgestern gesehen, und ich glaube, er hat dir auch gut gefallen. Er ist freilich älter als du, was alles in allem ein Glück ist, dazu ein Mann von Charakter, von Stellung und guten Sitten, und wenn du nicht nein sagst, was ich mir von meiner klugen Effi kaum denken kann, so stehst du mit zwanzig Jahren da, wo andere mit vierzig stehen. Du wirst deine Mama weit überholen.«

Dieses Gespräch findet im zweiten Kapitel von Theodor Fontanes Roman „Effi Briest“ statt, der zwischen 1890 und 1895 entstand. Die literarische Strömung zur Entstehungszeit von „Effi Briest“, wird „poetischer“ oder auch „bürgerlicher Realismus“ genannt. Epische Formen, wie Romane und Novellen waren zu dieser Zeit sehr beliebt. Ich stelle dir zunächst einige dieser Formen vor. Am Ende wirst du erfahren, was sie gemeinsam haben. Bei Effi Briest handelt es sich um einen so genannten Gesellschaftsroman. Effis Mutter erhofft sich für ihre 17 jährige Tochter eine gesellschaftlich vorteilhafte Stellung durch eine Vermählung mit dem Baron von Innstetten. Effi willigt in die Ehe ein, zerbricht aber dann an den sich daraus ergebenden Erwartungen und Ereignissen. Die Betrachtung gesellschaftlicher Umstände, die ein Individuum mit Problemen konfrontieren, steht im Mittelpunkt von Gesellschaftsromanen. Nicht selten scheitern die Protagonisten. Themen sind die Darstellung des Stadtlebens, des Industriealltags und der Massenverelendung. Auch der Unterschied zwischen dem Alltag bürgerlicher Arbeiter und dem Leben der aristokratischen Schicht wird thematisiert.

Eine weitere Romanform, der Bildungs- oder Entwicklungsroman, betont die fortschreitende Entwicklung des Individuums noch stärker. Die Schwierigkeiten, mit denen sich die Protagonisten auseinandersetzen sind ähnlich denen, die auch heute noch Menschen bewegen: Wie stehe ich als Individuum der Gesellschaft gegenüber? Passen meine Wünsche und Ziele zu den an mich gerichteten Erwartungen? Wie kann ich im Bildungssystem bestehen? Einer der bekanntesten Bildungsromane aus dieser Zeit ist Gottfried Kellers „Der grüne Heinrich“. Ein Zitat Kellers sagt dir etwas über den Inhalt und die aufgezeigten Probleme:

»Der grüne Heinrich, in erster Jugend aus dem öffentlichen Unterricht hinausgeworfen und anderer Mittel entbehrend, einen ungenügenden Beruf wählend, weil er keine Übersicht, keine Auswahl hat, muß sich durch Zufall einzelne Fetzen der Bildung aneignen und durch einzelne Risse in den hellen Saal der Kultur zu gucken suchen. Er entdeckt endlich, daß seine Künstlerschaft nur ein Irrtum war.«

Bei all dem Interesse an gesellschaftlichen Zusammenhängen und deren Auswirkungen auf Einzelpersonen ist es kaum verwunderlich, dass zur Zeit des Realismus auch ein großes Interesse an historischen Romanen bestand. Die gleichen Themen können vor einem anderen Hintergrund mit anderen politischen und sozialen Gegebenheiten dargestellt werden. Der vielleicht bekannteste historische Roman dieser Zeit stammt von dem russischen Autor Leo Tolstoi. Er heißt „Krieg und Frieden“.

Ein russischer Autor? Ganz richtig, der poetische Realismus war keine rein deutsche, sondern eine europäische Bewegung. Aufgrund fortschreitender Industrialisierung und damit einhergehender gesellschaftlicher Umbrüche waren Autoren überall in Europa von ähnlichen Themen bewegt.

Diese wurden aber nicht nur in Romanen, sondern auch in anderen epischen Formen verarbeitet. Die Novelle, eine kürzere epische Form als der Roman, war besonders beliebt. Sie hatte ihre Blütezeit im Realismus. Anhand gezielt ausgewählter Ausschnitte der Wirklichkeit, wurde ein poetisches Bild der Realität entworfen. Charakteristisch sind die Konzentration auf zentrale Probleme und der Verzicht auf Unwesentliches. Das Dingsymbol, an dem sich der Konflikt entfaltet oder die Problematik selbst kannst du meist schon im Titel erkennen. In Conrad Ferdinand Meyers „Das Amulett“ setzt sich die Hauptfigur Hans Schadau immer wieder mit seiner eigenen religiösen Weltanschauung auseinander und verändert diese im Laufe der Handlung. Ein Amulett bildet dabei gleichzeitig den Auftakt der Erzählung als auch die fortwährende Erinnerung an den inneren Konflikt. Auch den für die Novelle typischen dramatischen Aufbau und eine Rahmenerzählung findest du hier. Fallen dir noch weitere bekannte Novellen ein?

Gesellschaftsroman, Bildungsroman, Historischer Roman und Novelle – das alles sind beliebte literarische Ausdrucksformen der Gedanken des poetischen Realismus. Was sind ihre gemeinsamen Merkmale?

Thematisch drehen sie sich meist um in der Gesellschaft oder in der persönlichen Entwicklung begründeten Schwierigkeiten der Individuen. Ziel ist es, dass sich dabei das wirkliche Leben möglichst objektiv betrachtet in der Kunst widerspiegelt.

Trotz der Schwere der Themen herrscht durchaus eine gewisse Leichtigkeit. Poetische Sprache und die Beschreibung von Natur, Landschaft und Umgebung wird genutzt, um Stimmungen darzustellen und Schönes zu betonen. Oft wird auch Humor eingesetzt, um Distanz zu empörenden oder schmerzlichen Begebenheiten zu schaffen. Den Eindruck der Wahrhaftigkeit des Erzählten verstärkt der Autor durch eine möglichst neutrale und objektive Erzählhaltung und korrekt wiedergegebene historische Fakten. Die Beurteilung bleibt allein dem Leser, also dir, überlassen. Was denkst du selbst zum Beispiel über das Schicksal von Effi Briest oder das vom grünen Heinrich?

1 Kommentar
  1. Default

    super erklährt !

    Von Ecv Ricci, vor etwa 3 Jahren