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„Schachnovelle“ – Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte (Zweig) 05:08 min

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Transkript „Schachnovelle“ – Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte (Zweig)

Die "Schachnovelle" wurde zunächst in der deutschen Originalsprache publiziert, jedoch außerhalb Deutschlands und Österreichs. Hier regierten noch immer die Nationalsozialisten, vor denen Stefan Zweig als Sohn jüdischer Eltern und unerwünschter Schriftsteller geflohen war. Zunächst erschien eine Liebhaberausgabe mit einer Auflage von 300 Exemplaren. Dies geschah im Dezember 1942 in Buenos Aires bei dem Verlag Kramer-Pigmalión. 1943 wurde die erste größere Auflage in Stockholm bei Bermann-Fischer herausgegeben. Der Text wurde von Ben Hübsch ins Englische übersetzt und in New York 1944 veröffentlicht. Die "Schachnovelle" kann als psychologische Erzählung interpretiert werden. Durch die Isolationshaft, die geistige Unterforderung, die Einsamkeit und schließlich durch das Schachspiel mit beiden Rollen als Spieler und Gegenspieler in einer Person, entwickelt der Protagonist Dr. B. eine Spaltung seiner Persönlichkeit. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von multipler Persönlichkeit. Die Ursachen und die Folgen der Erkrankung bis hin zu ihrem erneuten Ausbruch an Bord des Schiffes werden in der Novelle durchleuchtet. Auch die Geistlosigkeit von McConnor und Czentovic ist psychologisch relevant. McConnor ist durch Reichtum und dem Streben danach, besessen vom Sieg - auch auf Kosten anderer. Czentovic ist von minderen intellektuellen Qualitäten. Seine einseitige Begabung im Schachspiel wird als mechanisch und kalt geschildert, als Mathematik ohne Ziel. Es ist eine Kunst, die nichts erschafft außer Sieg und Niederlage. Die Novelle ist auch ein Mahnmal für den von den Nationalsozialisten politisch Verfolgten, der an den Folgen der Misshandlung zu zerbrechen droht. Dr. B.'s Erzählung nimmt eine wichtige, zentrale Stellung in der Novelle ein. Sie ist der eigentliche Erzählanlass. Der gesamt Entwurf der Figuren und ihrer Beziehungen und Handlungen dient einzig dem Zweck, Dr. B. ein literarisches Denkmal zu setzen. Es wird gezeigt, was Exil für die bedeutet, die es erleiden mussten. Auch die Idee des Schachspiels in seiner Doppelbedeutung hat diese Funktion. Es ist einerseits Rettung in der Not und andererseits Raum für das mechanische oder besessene Streben nach dem Sieg ohne Ziel. Erst die Rückschau Dr. B.'s verleiht der Novelle ihren zeitgeschichtlichen Bezug und damit ihre politische Relevanz. Dr. B. ist der Protagonist, der Zweigs Plädoyer für Humanität, Intelligenz und den Geistesmenschen verkörpert. Diese Novelle scheint stellvertretend für alle Menschen geschrieben worden zu sein, die dem Regime der Nationalsozialisten ausgesetzt waren. McConnor in seinem Streben nach Macht, Sieg und Reichtum sowie Czentovic in seinem geistlosen, mechanischen Funktionieren können als stellvertretend für die Nationalsozialisten gesehen werden. Sie sind es, die die durch die Nationalsozialisten verursachte psychische Störung in Dr. B. wieder wach rufen. Dr. B. unterliegt am Ende, der Druck ist zu groß. Die Welt des kultivierten Geistes und der Humanität ist zu Ende, seit die Nationalsozialisten an der Macht sind. McConnor, Czentovic und Dr. B. sind monomanische Menschen, das heißt, sie sind einseitig auf eine Sache fixiert. Czentovics Defekt ist angeboren, er kann nichts außer Schachspielen, eine Kunst, die nichts produziert. McConnor hat sich durch Streben nach Reichtum zum Egozentriker entwickelt, der nichts kennt als den Sieg. Dr. B. hat sich die monomanische Fixierung auf das Schachspiel in der Haft aneignen müssen. Stefan Zweig verarbeitet in der Schachnovelle seine eigenen Erfahrungen zur Zeit des Nationalsozialismus. Er lässt Dr. B. die gleiche Einsamkeit und Machtlosigkeit nachempfinden, die ihn einst selbst so quälten. Die Novelle wurde insgesamt in mehr als 40 Sprachen übersetzt und 1960 mit Curd Jürgens in der Hauptrolle verfilmt. 1974 erschien die deutsche Taschenbuchausgabe. Seither entwickelt sich die "Schachnovelle" zu einem Bestseller auf dem deutschsprachigen Buchmarkt: 1.200.000 Exemplare wurden bisher verkauft.