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Parabeln von Kafka 09:52 min

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Transkript Parabeln von Kafka

„Die Parabel stellt zwar die Frage, aber sie gibt keine Antwort. Sie legt uns die Pflicht der Entscheidung auf, aber die Entscheidung selbst enthält sie nicht.” Auf diese Weise beschrieb der Literatur- und Sprachwissenschaftler André Jolles im 20. Jahrhundert die Textsorte Parabel. Diese Aussage trifft gut den Kern der Textsorte: Parabeln werfen Fragen auf und regen zum Denken an. Es gibt immer den Bildteil („das Gesagte”) und den Sachteil („das Gemeinte”). Nur durch Verknüpfung der beiden gelangt man zur eigentlichen Lehre der Parabel.

Du wirst in diesem Video erfahren, wie die Textsorte Parabel definiert wird und was es mit dem Bildteil und dem Sachteil auf sich hat. Außerdem wirst du nach diesem Video einige Beispiele für Kafkas Parabeln kennen und wissen, wie du bei der Interpretation einer Parabel vorgehen kannst. Zunächst zur Definition der Textsorte Parabel.

Der Begriff „Parabel” leitet sich vom griechischen „parabole” ab, was so viel wie „Gleichnis” bedeutet. Bei der Parabel handelt es sich um eine (meist kurze) Erzählung mit gleichnishaftem und belehrendem Charakter. Das heißt, in der Parabel wird eine prägnante Begebenheit als Gleichnis gestaltet und damit eine didaktische Absicht verfolgt. In der Parabel handeln Menschen - im Gegensatz zur Fabel, in der Tiere handeln, die mit menschlichen Eigenschaften ausgestattet sind. Ein weiterer Unterschied zur Fabel ist, dass die moralische Lehre nicht explizit formuliert und als Lehrsatz angefügt wird. Stattdessen muss sich der Leser die Lehre der Parabel selbst aus der Geschichte heraus erschließen. Es ist die Aufgabe des Lesers, die sogenannte Bildebene - also das Gesagte bzw. das dargestellte Ereignis - auf die Gedankenebene - also das Gemeinte - zu übertragen.

So kann der Leser aus dem Geschilderten die allgemeine Erkenntnis oder Lebensweisheit erschließen und Bezüge und Ähnlichkeiten zu seiner eigenen Wirklichkeit herstellen.

Die Wurzeln der Parabel sind in der antiken Rhetorik (d.h. Redekunst) zu finden, die z.B. Parabeln zur Untermalung und Stützung von Argumenten heranzog.

Aus diesem Kontext heraus - nämlich als Einschub in einer Rede - erklären sich die Merkmale der Parabel: - die lehrhaften Züge, - die Kürze, - die zweckgerichtete Vereinfachung und Verknappung der Schilderung.

Als besonders wichtiger Parabelautor ist Franz Kafka zu nennen. Seine Parabeln zeichnen sich insbesondere durch ihre Vielseitigkeit und ihren offenen Deutungshorizont aus.

Ein zentrales Thema in Kafkas Parabeln ist die Darstellung eines machtlosen Individuums in einer übermächtigen Gesellschaft. Diese wird zum Teil durch Einzelpersonen dargestellt, z.B. Schutzmänner, Richter oder Väter. In der Parabel „Vor dem Gesetz” gibt es beispielsweise einen Türhüter. Die Motive Entfremdung und Einsamkeit spielen ebenfalls eine wichtige Rolle in Kafkas Werk. Das Individuum tritt entweder allein auf oder es wird im Verlauf der Parabel allein gelassen. Dies schafft ein Gefühl von Nicht-Zugehörigkeit. Der Galeriebesucher in der Parabel „Auf der Galerie” ist hier als Beispiel anzuführen.

Außerdem sind die Themenfelder Kommunikation und Macht bedeutend. Oft spricht der Ich-Erzähler gar nicht oder stellt nur Fragen, während eine Machtinstanz Entscheidungen und Urteile fällt. Die Parabel „Der Schlag ans Hoftor” ist hierfür ein Beispiel.

Da du nun mit der Definition und den Merkmalen von Parabeln vertraut bist, wollen wir uns eine berühmte Parabel Kafkas näher ansehen, nämlich “Vor dem Gesetz”. Diese Parabel handelt von dem Versuch eines Mannes vom Lande, in das „Gesetz” Eintritt zu erlangen. Der Türhüter sagt dem Mann, dass es möglich sei, jedoch nicht zum jetzigen Zeitpunkt. Also wartet der Mann: “Der Türhüter gibt ihm einen Schemel und läßt ihn seitwärts von der Tür sich niedersetzen. Dort sitzt er Tage und Jahre.” Der Mann wartet sein ganzes Leben lang darauf, dass ihm der Türhüter Einlass gewährt. Er versucht sogar, den Türhüter zu bestechen. Jedoch ist alles umsonst. Kurz vor seinem Tod fragt der Mann den Türhüter schließlich “Alle streben doch nach dem Gesetz [...], wieso kommt es, daß in den vielen Jahren niemand außer mir Einlaß verlangt hat?” Mit folgender Antwort des Türhüters endet die Parabel: “Hier konnte niemand sonst Einlaß erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.”

“Vor dem Gesetz” lässt sich als Parabel bestimmen, da die lehrhaften Züge der kurzen Erzählung deutlich hervortreten. Der Mann vom Lande wird anonym gehalten, wodurch sich der Leser schnell mit ihm identifizieren kann. Kafka verwendet das Mittel der Zeitraffung, was dem Merkmal der Verknappung der Schilderung entspricht. Zudem schreibt Kafka die Geschichte in einer konstruierten Bildebene, da man ein Gesetz in Wahrheit nicht betreten kann. Das Gesetz, vor dem der Türhüter steht, erscheint als eine Art Institution oder höhere Instanz. Der Mann vom Lande, bittet die Autorität um Einlass, der ihm jedoch verwehrt wird. Bezeichnend ist die Passivität des Mannes, der sich für das Warten entscheidet. Beim Leser entsteht der Eindruck einer ausweglosen Situation.

Der Mann versucht mittels verzweifelter Bestechungen schneller in das Gesetz zu gelangen. Dies scheint paradox, da er einerseits nach dem Gesetz strebt und andererseits versucht, dieses zu umgehen und sich unrechtmäßig Eintritt zu verschaffen.

Der in der Parabel bestehende Konflikt kann beispielsweise sozial betrachtet werden. Ein verwirrter einfacher Bürger wendet sich hilfesuchend an eine höhere Instanz, in diesem Fall das Gesetz, und wird durch die Willkür eines Beamten abgehalten. Der Staat kann somit nicht mehr die schützende väterliche Rolle für den Bürger übernehmen, welcher dadurch vor eine ausweglose Situation gestellt wird.

Eine weitere wichtige Aussage der Parabel ist, dass der passiv wartende Mann sein gesamtes Leben verschwendet, ohne dabei zu einem nennenswerten Ergebnis zu gelangen. Er geht weder vor noch zurück. Statt sein Leben wartend vorbeiziehen zu lassen, hätte er die Rückkehr in ein aktives Leben erwägen und dort vielleicht einen bisher unbekannten Lebenssinn erkennen können. Eine (mögliche) Lehre besteht somit in der Aufforderung zu aktivem Handeln, auch wenn diese gegebenfalls in einem Umkehren besteht.

Kafkas Parabel weist eine große Komplexität und Vielseitigkeit auf, die zahlreiche Interpretationen zulässt. Das führt dazu, dass auch die Lehre, die der jeweilige Leser aus der Parabel zieht, unterschiedlich sein kann.

Somit bringt uns Kafkas Parabel “Vor dem Gesetz” wieder zu unserem Anfangszitat.

Du hast in diesem Video erfahren, - dass es sich bei Parabeln um gleichnishafte, belehrende Erzählungen handelt. - Sie enthalten eine allgemeine Erkenntnis oder Lebensweisheit. - Diese muss sich der Leser selbstständig erschließen, indem er das Gesagte (den Bildteil) auf das Gemeinte ( den Sachteil) übeträgt.

Außerdem hast du Kafka als bedeutenden Parabelautor kennen gelernt. Durch die Betrachtung seiner Parabel “Vor dem Gesetz” hast du erfahren, wie man an die Deutung einer Parabel herangehen kann. Es gibt noch zahlreiche Fragen, die Kafkas Parabeln für dich bereit halten ! Nun hast du die Möglichkeit, mit Hilfe des Gelernten Antworten zu finden ! Viel Spaß !

4 Kommentare
  1. toll gemachtes Video!
    Mir fehlt ein wenig, wie ich die Geschichten deuten kann. Das ist ja oft die Schwierigkeit bei den Parabeln.Wie kann ich ansetzen? Oder es könnten mehr Beispiele für Parabeln geben.

    Von B Schoorlemmer, vor mehr als 3 Jahren
  2. Stimme ebenfalls zu. Viel zu schnell gesprochen.
    Ausserdem könnte man noch etwas auf den Schlusssatz eingehen.

    Von Eva Baltensperger, vor mehr als 4 Jahren
  3. Da stim ich der Dreier Sophie zu . Aber sonnst richtig toll!!!

    Von Roman I., vor fast 5 Jahren
  4. DAS VIDEO WAR ALLGEMEIN GUT. LEIDER WURDE VIEL ZU SCHNELL GESPROCHEN BZW VORGETRAGEN!!!

    Von Dreier Sophie, vor mehr als 5 Jahren

Parabeln von Kafka Übung

Du möchtest dein gelerntes Wissen anwenden? Mit den Aufgaben zum Video Parabeln von Kafka kannst du es wiederholen und üben.

  • Beschreibe, wodurch sich Parabeln auszeichnen.

    Tipps

    Ein Gleichnis dient der Veranschaulichung eines abstrakten Sachverhalts durch bildhafte Rede.

    Lösung

    „Die Parabel stellt zwar die Frage, aber sie gibt keine Antwort. Sie legt uns die Pflicht der Entscheidung auf, aber die Entscheidung selbst enthält sie nicht.” - André Jolles

    An diesem Zitat wird klar, was Parabeln ausmacht. Um Parabeln zu verstehen, muss der Bildteil mit dem Sachteil kombiniert werden. Erst dann können die Fragen, die aufgeworfen wurden, beantwortet werden. Aber auch dann gilt keine eindeutige und endgültige Lösung, da Parabeln zum Denken anregen und auch nach genauer Analyse noch offene Stellen aufweisen können.

    Außerdem solltest du den Bezug auf die antike Rhetorik im Hinterkopf behalten. Diese gibt entscheidende Formmerkmale für Parabeln vor. Demnach ist die Erzählung meist kurz und enthält eine didaktische Absicht.

  • Gib den Inhalt von Franz Kafkas Parabel „Vor dem Gesetz” wieder.

    Tipps

    Bevor er versucht, den Türhüter zu bestechen, wartet der Mann lange Zeit.

    Lösung

    Die Parabel „Vor dem Gesetz” ist eine der bekanntesten von Franz Kafka.

    • Sie beginnt mit der Bitte eines Mannes vom Lande, Eintritt zum Gesetz zu erhalten. Der Türhüter verweigert diese.
    • Auf einem Schemel, den der Türhüter hingestellt hat, wartet der Mann Tage und Jahre. Er wartet sozusagen sein ganzes Leben lang.
    • Nach endlosem vergeblichem Warten versucht er sogar, den Türhüter zu bestechen, doch auch das bringt nichts.
    • Auf die Nachfrage hin, warum niemand sonst versucht habe, Eintritt zu erlangen, antwortet der Türhüter, dass der Eingang nur für den Mann bestimmt gewesen sei und schließt die Tür.
    Es gibt unterschiedliche Interpretationsansätze für die Parabel „Vor dem Gesetz”. Klar ist, dass der Mann passiv agiert und sich in einer ausweglosen Situation befindet. Paradox erscheint sein Bestechungsversuch, da er behauptet nach dem Gesetz zu streben.

  • Zeige die Merkmale der Parabel an Kafkas „Vor dem Gesetz” auf.

    Tipps

    Überlege, welche Informationen über den Mann vom Lande und den Türhüter fehlen.

    Es gibt keine definitive Interpretation. Wie könnte man das anders ausdrücken?

    Lösung

    Formal handelt es sich bei „Vor dem Gesetz” ganz klar um eine Parabel. Es ist eine kurze und prägnante Erzählung. Im Gegensatz zur Fabel handeln zwei Menschen und keine Tiere. Außerdem ist die Parabel zweckgerichtet und vereinfacht. Es werden nicht einmal Namen genannt. Außerdem findet die Handlung wie im Zeitraffer statt. In nur wenigen Sätzen wird das ganze Leben eines Mannes abgehandelt. Dies unterstreicht auch die Botschaft der Parabel. Trotzdem wurde kein Lehrsatz mitgeliefert, sondern Raum für Interpretationen gelassen. Einige für Kafka typische Themen sind jedoch wiederzufinden, z. B. Autorität, Machtlosigkeit, Orientierungslosigkeit.

    Quelle: Kafka, Franz (1924): Vor dem Gesetz. URL: http://gutenberg.spiegel.de/buch/franz-kafka-erz-161/5 [abgerufen am 09.06.2015]

  • Erschließe den Zusammenhang zwischen Gesagtem und Gemeintem in Kafkas „Vor dem Gesetz”.

    Tipps

    Rechtsauslegung bedeutet, dass ein/-e Spezialist/-in (Jurist/-in, Richter/-in) bestimmte Einzelgesetze für einen Fall auswählt und auf den Fall bezogen deutet.

    Lösung

    Die Ebene des Gesagten kann unterschiedlich interpretiert werden. Ein Interpretationsansatz wäre das Verhältnis zwischen Gesetz, Recht und Rechtsauslegung bzw. Rechtssprechung.

    • Dabei spiegelt der Mann vom Lande einen einfachen Bürger wider, der sein Recht wahrnehmen möchte, während der Torhüter einen Gesetzeshüter repräsentiert, also zum Beispiel einen Juristen.
    • Der Mann bekommt keinen Einlass, weil er entweder nicht die Kompetenz hat, die Gesetze so auszulegen, dass sie auf seinen Fall passen oder weil es ihm nicht zugetraut oder verboten wird, damit andere Personen weiterhin über sein Recht und Unrecht bestimmen können und damit die Macht behalten.
    • Durch Bestechung versucht der Mann, trotzdem sein Recht zu bekommen, aber der Jurist gewährt keinen Einblick und keine Hilfe. Der Gesetzeshüter kommt seiner Pflicht nicht nach, wodurch ein Gefühl der Ungerechtigkeit erzeugt wird.
    • Der Mann wartet sein ganzes Leben erfolglos auf einen Zugang zum Gesetz, was auf eine Unmöglichkeit, seine eigenen Rechte wahrzunehmen, hindeuten könnte.
    • Dass der Eingang nur für diesen einen Mann vom Lande gedacht war, deutet daraufhin, dass allgemeingültige Gesetze immer auf einen bestimmten individuellen Fall hin ausgelegt werden müssen.

  • Definiere den entscheidenden Unterschied zwischen Parabeln und Fabeln.

    Tipps

    Überlege noch einmal, wer die Handelnden in „Vor dem Gesetz” sind.

    Lösung

    Der grundlegende Unterschied zwischen Fabeln und Parabeln ist, dass Tiere die Handlungsträger/-innen in Fabeln sind und Menschen die Handlungsträger/-innen in Parabeln. Außerdem wird in Parabeln die moralische Lehre nicht explizit formuliert. Diese muss implizit erschlossen werden. Bei Fabeln steht hingegen zumeist ein klar formulierter Lehrsatz am Ende. Bekannte Autoren von Fabeln sind zum Beispiel der griechische Dichter Aesop und der deutsche Schriftsteller Gotthold Ephraim Lessing.

  • Entscheide dich für gelungene Interpretationsansätze für Kafkas „Der Geier”.

    Tipps

    Versuche, die Ebene des Gesagten auf die Ebene des Gemeinten zu übertragen. Geht es wirklich um den Geier selbst?

    Lösung

    Zwei Interpretationsansätze wären schlüssig:

    1. Die Parabel stellt den Geier als schwere Last dar. Das kann bedeuten, dass der Mensch unter einer schweren Last, zum Beispiel einer Krankheit, leidet und dieser letztlich erliegt. Am Ende der Erzählung ertrinkt der Geier selbst im Blut. Das heißt, die Krankheit stirbt mit dem Menschen.
    2. Die Parabel „Der Geier” könnte mit dem biographischen Interpretationsansatz gelesen werden. Dann stünde der Geier für Kafkas Vater, der unablässig „in die Füße hackte” und damit sein Leben stark erschwerte. Am Ende aber stirbt sowohl der Erzähler, der dann mit Kafka gleichzusetzen wäre, als auch der Geier, der Interpretation folgend sein Vater. Somit hat niemand das erreicht, was er wollte.
    Diese Interpretationen sind nicht endgültig und perfekt, aber begründet hergeleitet und deshalb schlüssiger als die anderen beiden. Sie versuchen, die Ebene des Gesagten auf die Ebene des Gemeinten zu übertragen. Der Geier und der Erzähler repräsentieren andere Personen/Gedanken. Da der Geier in dieser Parabel eine große Rolle spielt, könnte man annehmen, dass sie ähnlich wie eine Fabel ist, aber die Hauptfigur ist trotzdem ein Mensch.

    Quelle: Kafka, Franz (1925): Der Geier. URL: http://gutenberg.spiegel.de/buch/franz-kafka-erz-161/20 [abgerufen am 08.06.2015 um 17:40 Uhr]