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„Berlin Alexanderplatz“ – Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte (Döblin) 06:13 min

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Transkript „Berlin Alexanderplatz“ – Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte (Döblin)

Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz - Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte „Wir sind eine dunkle Allee gegangen, keine Laterne brannte zuerst, man wußte nur, hier geht es lang, allmählich wird es heller und heller, zuletzt hängt da die Laterne, und dann liest man endlich unter ihr das Straßenschild.“ Das schreibt Döblin auf den letzten Seiten seines Romans „Berlin Alexanderplatz“. Nanu, wovon spricht er da? Eine dunkle Allee? Wir? Was meint er damit? Und wo ist diese Laterne am Ende? Hören wir weiter, was er noch schreibt, um zu einem ersten Interpretationsansatz zu kommen: „Es war ein Enthüllungsprozess der besonderen Art.“ Aha, ein Enthüllungsprozess also. Aber was enthüllt sich? „Franz Biberkopf ging die Straße nicht wie wir. Er rannte drauflos, diese dunkle Straße, er stieß sich an Bäume, und je mehr er ins Laufen kam, um so mehr stieß er an Bäume. Es war schon dunkel, und wie er an Bäume stieß, preßte er entsetzt die Augen zu. Und je mehr er sich stieß, immer entsetzter klemmte er die Augen zu. Mit zerlöchertem Kopf, kaum noch bei Sinnen, kam er schließlich doch an. Wie er hinfiel, machte er die Augen auf. Da brannte die Laterne hell über ihm, und das Schild war zu lesen.“

Döblin meint mit seiner dunklen Straße also Biberkopfs Leben. Und wen könnte er mit „wir“ meinen? Genau, uns, die Leser. Wir sind den Lebensweg mit Biberkopf zusammen gegangen, über 400 Seiten weit. Sein Leben ist wie eine dunkle Allee. Immer hat er sich irgendwo den Kopf gestoßen. Du erinnerst dich an die vielen Tiefschläge, die er hat einstecken müssen. Döblin gibt uns hier eine Lesart für Franz Biberkopfs Weg in die Hände. Lange Zeit war Biberkopf blind. Er presste vor Entsetzen die Augen zu. So sah er auch nicht, was um ihn herum war. Er stieß sich den Kopf an den Bäumen. Und er rannte nur noch schneller – was die Verletzungen natürlich verschlimmerte. Erst ganz am Ende öffnet Biberkopf die Augen. Da liegt er schon am Boden, ist am Tiefpunkt angelangt. Jetzt wird er sehend. Und so sieht er die Laterne und das Schild. Das Licht ermöglicht ihm, das Schild zu lesen. Biberkopfs Weg ist somit ein Weg zur Erkenntnis. Ein Weg von der Dunkelheit ans Licht. In die gleiche Richtung geht ein weiterer Interpretationsansatz: Demzufolge durchläuft Biberkopf einen langen Prozess von der Unmündigkeit hin zur Mündigkeit. Oder anders ausgedrückt: von der Schuldunfähigkeit hin zur Schuldfähigkeit. Lange ist Biberkopf nämlich nicht fähig, seine eigene Schuld zu erkennen. Er erkennt auch nicht, wenn andere Leute sich schuldig machen. So hält er zu Reinhold, obwohl dieser ihm Schaden zugefügt hat.

Biberkopf ist zunächst nicht zu eigenen Entscheidungen und zum kritischem Überprüfen seiner Handlungen und Denkweisen fähig. Vielmehr erlebt er sich selbst immer wieder einer dunklen Macht gegenüber. Gegen diese Macht kommt er nicht an. Biberkopf ist ein Getriebener: „Er wird in Verbrechen hineingerissen, er will nicht, er wehrt sich, es geht über ihn, er muß müssen.“ Erst ganz am Ende seines Wegs erkennt Franz seine Schuld. Er erkennt nun seine Taten und empfindet Reue. So wird Biberkopf schuldfähig und mündig. Er kann sich nun als Handelnder wahrnehmen. Und er kann Verantwortung für sein Leben übernehmen. Und wie wurde Döblins Roman über Biberkopfs Weg zur Mündigkeit rezipiert? Die Geschichte von Franz Biberkopf zog gleich nach ihrem Erscheinen 1929 viele Leser in ihren Bann. „Berlin Alexanderplatz“ war ein großer Erfolg. Der Roman wurde bald ins Italienische und Dänische übersetzt und erschien zwei Jahre später bereits in England und Amerika. Dann folgten Übersetzungen ins Spanische, Schwedische, Tschechische und Russische. Allein in Deutschland wurden bis 1933 rund 50.000 Exemplare gedruckt. Das erste Hörspiel wurde 1930 ausgestrahlt und 1931 zeigten die Kinos die erste Verfilmung. An dem Drehbuch hatte Döblin übrigens mitgewirkt.

Während der Zeit des Nationalsozialismus jedoch gehörte „Berlin Alexanderplatz“ zu den verbotenen Werken. Ende der 1970er Jahre erlangte das Werk neue Popularität, als der bekannte deutsche Regisseur Rainer Werner Fassbinder eine Fernsehserie zu „Berlin Alexanderplatz“ drehte. Alle Episoden zusammen dauern 930 Minuten, also über 15 Stunden.

Die Geschichte von Franz Biberkopf, dem raubeinigen Arbeiter und Kleinkriminellen, fasziniert bis heute. Es ist nicht nur die Geschichte von einem, der von der Dunkelheit ans Licht gelangt. Auf diesem Erkenntnisweg merkt Biberkopf nämlich noch etwas: Er ist nicht allein auf der Welt. So ist seine Schlussfolgerung: „Viel Unglück kommt davon, wenn man allein geht. Wenn mehrere sind, ist es schon anders. Man muss sich gewöhnen, auf andere zu hören, denn was andere sagen, geht mich auch an.“