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„Berlin Alexanderplatz“ – Entstehungsgeschichte (Döblin) 05:56 min

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Transkript „Berlin Alexanderplatz“ – Entstehungsgeschichte (Döblin)

Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz - Entstehungsgeschichte

Wir schreiben das Jahr 1927. Über die Berliner Straßen fahren bereits Autos. In den Kabaretts am Kurfürstendamm tanzen die Mädchen. Und in seiner Kammer sitzt Alfred Döblin. Er beginnt vermutlich jetzt mit den Arbeiten an seinem erfolgreichen Roman „Berlin Alexanderplatz“.

Zeitgeschichtlich betrachtet befinden wir uns in der Weimarer Republik. Sie erlebt eine Phase der Stabilität und wirtschaftlichen Erholung. Die große Weltwirtschaftskrise ist noch nicht angebrochen, sie wird erst zwei Jahre später, 1929, folgen. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass alle Leute Geld haben. Im Gegenteil, in Berlin gibt es viele arme Menschen. Döblin arbeitet als Armenarzt. Er erlebt diese Menschen, die Armen und Randständigen, die Ganoven und die Prostituierten, täglich in seiner Praxis. In der Kunst dieser Zeit setzt man sich stark mit der Großstadt und ihren Auswirkungen auseinander. Die Großstadt wird als wachsendes und faszinierendes Gebilde empfunden. In Berlin leben 1927 rund 4 Millionen Einwohner, also mehr als heute. Es entstehen Gemälde, Gedichte, aber auch Filme zur Großstadt. Im Jahr 1927 erscheint beispielsweise der Film „Berlin – Die Symphonie der Großstadt“ von Walther Ruttmann, der möglicherweise eine Inspirationsquelle für Döblin darstellte. Einen berühmten Roman zur Großstadt - „Ulysses“ von James Joyce - lernt Döblin kennen, als er bereits in seine Arbeit an „Berlin Alexanderplatz“ vertieft ist. Zwei Bereiche bilden Grundlage und Inspiration für Döblins Werk: Die Stadt, ihre Atmosphäre, ihr Treiben, ihr Sog, ihre mannigfaltigen gleichzeitigen Lebensgeschichten – sie ist ein Motor für Döblins Romanvorhaben. Sie soll Eingang in die Geschichte finden, ja, großer Teil der Geschichte selbst sein. Zudem kennt er den Ort, den er beschreibt, aus eigener Erfahrung. Im Berliner Osten ist Döblin aufgewachsen, hier ging er zur Schule, hier hat er später seine Praxis. Ein weiterer wichtiger Antrieb für „Berlin Alexanderplatz“ ist Döblins Arbeit als Arzt. Hier trifft er die Menschen, die er in seinem Manuskript beschreibt. Er sagt: „Mein ärztlicher Beruf hat mich viel mit Kriminellen zusammengebracht. Ich hatte auch vor Jahren eine Beobachtungsstation für Kriminelle. Von da kam manches Interessante und Sagenswerte.“

Das wichtigste gestalterische Instrument des Romans bildet Döblins Montagetechnik. Er sammelt zwischen 1927 und 1929 unzählige Zeitungsartikel, Schnipsel, Werbetexte, Formulare, Preisausschreiben, Statistiken oder Speisekarten. Diese klebt er in sein handschriftliches Manuskript. Viele der Textausschnitte übernimmt er eins zu eins, andere verändert er geringfügig. So sind Döblins „Quellen“ die tatsächlichen Texterzeugnisse einer Großstadt, wie sie sich zu seiner Zeit präsentiert haben. Dadurch wird „Berlin Alexanderplatz“ für die Nachwelt auch zu einem Zeitdokument. Zudem arbeitet Döblin viele literarische und biblische Zitate in seinen Text ein. Es gibt zum Beispiel Verweise auf Schiller und Goethe. Vor allem aber gibt es ausführliche Bezüge zu biblischen Geschichten. Döblin baut die Geschichte vom Paradies, von Hiob und von Abraham ein, um nur einige zu nennen.

Und wie lässt sich der Roman literaturgeschichtlich einordnen? Zuerst einmal muss man sagen, dass „Berlin Alexanderplatz“ für die deutsche Literatur etwas Neues, Bahnbrechendes ist. In dieser Form, in dieser Konsequenz, hat man noch nichts Vergleichbares gelesen. „Berlin Alexanderplatz“ wird zum Wegbereiter des modernen Romans. Der Roman bewegt sich an der Grenze zwischen Naturalismus und Expressionismus. Beide Elemente sind in ihm enthalten. Deswegen bezeichnet man ihn oft mit dem Begriff „expressiver Naturalismus“. Naturalistisch sind etwa die Großstadt als Thema; der genaue Blick, mit dem die untersten sozialen Schichten untersucht werden oder die exakte Wiedergabe der wahrnehmbaren Realität. Expressionistisch hingegen wird der Roman dort, wo die Großstadt furchterregend wird. Auch wenn das Irrationale plötzlich als dunkle Macht durchbricht, ist das expressionistisch. Ebenso kann die dichte und doch sehr rhythmische und spielerische Sprache dem Expressionistischen zugeordnet werden.

Im Februar 1929, zwei Jahre nachdem Döblin vermutlich mit seinem Großstadtroman begonnen hat, erscheint „Berlin Alexanderplatz“ im S. Fischer Verlag. Auf den Straßen brummen noch immer die Autos. Doch Döblin ruht sich nicht auf seinem Erfolg aus. Er schreibt weiter.