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Methoden der Verhaltensforschung 10:43 min

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Transkript Methoden der Verhaltensforschung

Hallo. Sicherlich hast Du Dich schon einmal gefragt, wie die Verhaltenslehre, die Ethologie, Erkenntnisse und Schlussfolgerungen gewinnt. Heute lernst Du wichtige Methoden der Verhaltensforschung kennen. Da sind zunächst Freilandbeobachtungen. Diese haben den Vorteil, dass das Tier unter natürlichen Bedingungen lebt und somit sein Verhalten nicht abgewandelt wird. Oft sind sie aufwändiger als Laborbeobachtungen. Dafür sind sie aber ergiebiger. Weltbekannt geworden sind die Beobachtungen freilebender Berggorillas in Ostafrika durch Dian Fossey. Sie schrieb das Buch „Gorillas im Nebel“, welches auch verfilmt wurde. Fossey lebte nach einer Eingewöhnungsphase unter den Gorillas und wurde schließlich als Mitglied der Horde angesehen. So konnte sie das natürliche Verhalten der Gorillas in Langzeitstudien recht objektiv erfassen. Voraussetzungen sind, dass die Handlungen der Tiere so beschrieben werden wie sie sind. Interpretationen und Deutungen aus menschlicher Sicht dürfen nicht erfolgen. Ein Beobachter darf in keiner Form in das Verhalten eingreifen. Er muss passiv bleiben und möglichst nicht wahrgenommen werden. Da Dian Fossey aktiv unter den Gorillas lebte, erfüllte sie nicht alle wissenschaftlichen Kriterien für Freilandbeobachtungen. Freilandbeobachtungen können mit Fotos, Filmen und Videos und Tonaufnahmen dokumentiert werden. Aus den Aufnahmen, besser aber direkt vor Ort, erstellt man Ethogramme. Ein Ethogramm ist ein Katalog der Verhaltensweisen einer Tierart. Zeitlich nacheinander wird das tatsächliche Geschehen protokolliert als würde man es das erste Mal sehen. Es wird versucht, das beobachtete Verhalten mehr oder minder zu unterteilen. Konkrete Fragestellungen sind die Grundlage der Beobachtungen und der Auswertungen. Bekannt sind Kaspar-Hauser-Versuche, die darauf beruhen, dass man Tiere nach dem Schlüpfen oder der Geburt unter Erfahrungsentzug isoliert von Artgenossen heranzieht und beobachtet. Dabei findet man heraus, welche Verhaltensweisen angeboren sind, also vererbt, da ein Lernen fast vollständig ausgeschlossen wird. Hier seht Ihr das Kaspar-Hauser-Denkmal in Ansbach bei Nürnberg. Vorn der junge Kaspar wie er 1828 mit 16 Jahren aufgefunden wurde. Er konnte sich nur unkoordiniert bewegen, denn er wuchs von Klein an in einem dunklen engen Verlies heran und wurde zwar mit Nahrung versorgt, hatte aber nie Kontakt zu Menschen. Der Kirschner Daumer nahm sich seiner an. Kasper erhielt Unterricht und er konnte seine Lerndefizite recht gut ausgleichen. Dahinter seht Ihr ihn als jungen gepflegten Mann. Allerdings wurde Kaspar bereits 1833 erstochen. Seine Isolation und Ermordung könnte mit Erbfolgestreitigkeiten zu tun gehabt haben. Es gibt dazu mysteriöse Geschichten. Man muss wissen, eine vollständige Isolation eines heranwachsenden Lebewesens ist nicht möglich. Extreme Isolationsexperimente führen zu Entwicklungsstörungen und sind natürlich beim Menschen verboten. Taub- blind geborene Kinder sind Teil-Kaspar-Hauser. Eine weitere Untersuchungsmethode sind Attrappenversuche. Eine Attrappe ist zum Beispiel eine ähnliche Nachbildung der Gestalt eines Menschen. Hier will man Spatzen vom Feld mit Vogelscheuchen fernhalten. Die Vögel fallen nur kurze Zeit auf die menschlichen Attrappen herein. Bald merken sie, dass jene längst nicht die bekannten Verhaltensmuster der Menschen zeigen. Und sie werden wirkungslos. Letzten Endes ruhen sie sich sogar darauf aus. In den USA setzen Weinbauern in ihrer Not Greifvögel oder deren bewegliche Attrappen ein, um Massen an Vögeln zu vertreiben, die es auf die süßen Trauben abgesehen haben. Die Erfolge sind begrenzt, denn im Schwarm ist der einzelne Vogel recht sicher. Attrappenversuche lassen sich recht einfach durchführen. Sie dienen dazu, Reize, die Schlüsselreize, zu erforschen. Schlüsselreize schließen ein bestimmtes Verhalten auf und lösen es aus. Nähert man sich einem Amselnest und berührt es ganz sacht, beginnt je nach blinden Amseljungen zu sperren. Das heißt, sie recken die Hälse empor und reißen die Schnäbel auf. Sie reagieren auf die leichte Erschütterung mit diesem Verhaltensmuster, das normalerweise durch die fütternden Elterntiere ausgelöst wird, die auf dem Nestrand landen. Sobald die Jungen zu sehen beginnen, reicht es ihnen eine dunkel gefärbte Scheibe vorzuhalten um das Sperren auszulösen. Man weiß jetzt, dass eine Erschütterung und eine Verdunklung Auslöser, also Schlüsselreize, für das angeborene Sperren der kontrastreich geränderten Schnäbel sind. Mit voranschreitender Entwicklung der Augen der Jungen erfolgt das Sperren gerichtet zur vermeintlichen Futterquelle. Hier, der schwarzen Scheibe. Das Verhalten wird um eine Orientierungskomponente erweitert. Es wird präziser. Hier siehst Du das Bettelpicken bei Silbermöwen. Die Möwenküken picken vorzugsweise auf den Schnabel des Altvogels. Das löst das Herauswürgen des Fressens für das Kleine aus. Die Frage soll sein: „Welche Reize lösen das Bettelpicken aus? Sind es die Schnabelgestalt, die Farbe oder der rote Fleck?“ Beginnen wir die Attrappen zu bauen. 1. Die Schnäbel sind unterschiedlich lang, aber gleich breit. 2. Die Schnäbel sind verschieden breit, aber gleich lang. 3. Die Farbe der Schnäbel kann gelb, weiß oder blau bei gleicher Gestalt sein. 4. Die roten Flecken werden bei gleicher Gestalt und gelber Schnabelfarbe immer größer gemalt. Das wäre ein sogenannter aufbauender Attrappenversuch. Jedes Mal muss ich nach einer Erholungsphase das Picken pro Zeiteinheit auszählen, protokollieren und schließlich auswerten. Das Beispiel soll zeigen, wie man die vermeintlichen Auslöser, die passenden Schlüsselreize, die das Verhaltensmuster in Gang bringen, herausfinden und belegen kann. Aus den vielen angebotenen Reizmustern hat mit Sicherheit der rote Fleck eine Schlüsselfunktion. Jedoch in welchem Maße, kann nur das Experiment ergeben. Die weltweite Beringung von Vögeln hat es möglich gemacht, die Wanderwege und Lebensweisen von vielen Zugvogelarten genauer zu erkunden. Beringungen werden von den nationalen Beringungszentralen organisiert und koordiniert. In den letzten Jahrzehnten hat die Telemetrie an Bedeutung gewonnen. Unter Telemetrie verstehen wir die Übertragung von Messwerten von einem Sensor zu einer weit entfernten Empfangsstelle. Bei der Wildtier-Telemetrie stattet man die Tiere mit Sendern aus. Man spricht von einer Besenderung. So können zum Beispiel kleinere Ortswechsel und Wanderungen von Bären mit Richtantennen per Funk von Wildhütern erfasst werden. Verstärkt kommen Satellitenbeobachtungen bei wandernden Tierherden oder GPS-Empfänger zum Einsatz. Die digitale Technik verringert den Arbeitsaufwand und gewährleistet eine umfangreiche Datenerfassung. Wunderbare Naturfilme entstanden, als es gelang, Tiere, zum Beispiel Pinguine oder Robben und deren Attrappen, mit hochmodernen kleinen Videokameras auszustatten. Die Video-Telemetrie dokumentiert völlig natürliches Verhalten. Biochemische Methoden lassen sich auch zur Verhaltenserforschung nutzen. In Kot- und Urinspuren sind Hormone nachweisbar, die beispielsweise Paarungsbereitschaft von Weibchen erkennen lassen. Fassen wir die Methoden zusammen. Wir lernten an Beispielen Freilandbeobachtungen kennen. Labortierbeobachtungen wurden erwähnt. Zootier- beobachtungen kann man als einen Kompromiss zwischen der Beobachtung zahmer und wilder Tiere auffassen. Zumindest sind Übergänge im Verhalten feststellbar. Wir wissen jetzt, dass ein Ethogramm das Verhaltensrepertoire von Lebewesen darstellt. Und dass es Kaspar-Hauser-Versuche gibt, die bei der Erforschung angeborenen Verhaltens hilfreich sind. Mit Attrappen Versuchen findet man aus Reizmustern jene Reize heraus, die ein Verhalten auslösen. Es sind die Schlüsselreize. Vogelberingung und Besenderung von Tieren oder deren Ausstattung mit Miniaturkameras liefern viele Informationen über das Leben und Verhalten von Organismen. Wir sprachen von der Wildtier-Telemetrie. Das Wandern großer Herden, zum Beispiel einer Gnuherde, kann über Satellitenaufnahmen nachvollzogen werden. Erwähnen will ich noch abschließend die biochemischen Nachweismethoden. Sicherlich ließe sich noch mehr aufführen, aber das soll es für heute gewesen sein, denn unsere Zeit ist um. Tschüss.