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„Emilia Galotti“ – Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte (Lessing) 06:46 min

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Transkript „Emilia Galotti“ – Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte (Lessing)

„Familiendrama in Italien: Vater ersticht Tochter, um ihre Ehre zu retten.“ So könnte eine Schlagzeile lauten, die das Resultat von Lessings Trauerspiel zusammenfasst.

Rezeption

Provozierend war das Ende von „Emilia Galotti“ tatsächlich für die Zuschauer. Kaum ein anderer Bühnentod hat das Publikum so verstört und die Kritik so gespalten. Der Philosoph Arthur Schopenhauer etwa empörte sich über den Schluss. Johann Wolfgang Goethe kritisierte die Konstruiertheit des Stücks. Dennoch baute er es in seinen „Werther“ ein: Bevor dieser sich erschießt, liegt das Büchlein „Emilia Galotti“ aufgeschlagen auf seinem Pult.

Der Kulturphilosoph Friedrich Schlegel bemängelte, dass die Geschichte nicht ins Gemüt dringe. Friedrich Schiller hingegen bezieht sich indirekt auf Lessing. Im Stück „Kabale und Liebe“ entwirft er eine ähnliche Anlage. Den Konflikt zwischen Adel und bürgerlicher Familie verschärft er sogar.

Lessings Einschätzung

Lessing bezeichnet seine Tragödie als privates Stück. Und wirklich reagierte das höfische Publikum bei den ersten Aufführungen milde. Es sah in der Handlung keine Kritik am Herrschaftssystem.

Bürgerliches Trauerspiel

Einig war man sich indes darüber, dass es sich bei Emilia Galotti um ein bürgerliches Trauerspiel handelt. Was ist ein bürgerliches Trauerspiel?

Im Unterschied zur klassischen Tragödie sind im bürgerlichen Trauerspiel nicht mehr nur Prinzen und Könige, sondern einfache Menschen die Helden der Geschichte. Während das Volk in der Komödie nur als Lachnummer auftreten durfte, verhilft ihnen das neue bürgerliche Trauerspiel zu Präsenz auf der Bühne. Ihr privates Schicksal im Rahmen der Familie steht nun im Mittelpunkt.

Politisches Stück

Entgegen Lessings eigener Einschätzung wurde Emilia Galotti später nicht als privates, sondern als politisches Stück gelesen oder man kann auch interpretiert sagen. Die Herrschaftsverhältnisse im Stück spiegeln die Machtstrukturen zur Zeit Lessings wider.

Der Prinz ist ein typischer Vertreter des Absolutismus. Das heißt: er herrscht und seiner Entscheidungsgewalt unterliegt alles. Die Galottis hingegen sind Angehörige des Bürgertums. Sie versuchen sich durch ihre strengen Moralvorstellungen von dem verschwenderischen, genusssüchtigen Adel abzugrenzen.

Auch wenn die Literaturwissenschaft sich darüber streitet, ob die Familie Galotti nicht doch dem verarmten Adel angehört, so ist auf jeden Fall ihre Gesinnung bürgerlich. Sie sind Untertanen des Prinzen. Seiner Macht sind sie letztlich hilflos ausgeliefert.

Auch der tragische Schluss gründet nicht in einem persönlichen Fehltritt Emilias. Sie hat sich nichts zu Schulden kommen lassen. Vielmehr ist er das Ergebnis der politischen Verhältnisse, gegen die Emilia nicht ankommt.

Kritik an der bürgerlichen Familie

Doch auch die bürgerliche Familie kommt nicht ungescholten davon. Denn sie ist im Kleinen wiederum eine Art „absolutistisches System“. Emilia siezt ihre beiden Eltern. Sie unterwirft sich ihrem Willen und versucht jederzeit, ihren Erwartungen zu entsprechen. Der Vater führt sich innerhalb der Familie als bestimmendes Oberhaupt auf.

Die sexuell unberührte Tochter ist sein höchstes Gut. „Das gerade wäre der Ort, wo ich am tödlichsten zu verwunden bin!“ sagt er in Bezug auf das erotische Interesse des Prinzen an Emilia. Indem Emilia die strenge Moral ihres Vaters verinnerlicht hat, lernt sie nicht, eigenständig zu denken. Die in ihr aufkeimende Sexualität nimmt sie als Bedrohung wahr. Zum eigenständigen Handeln kommt sie gar nicht erst: Sie ist von Anfang an fremdbestimmt.

Warum lässt sich Emilia töten?

Doch sowohl die politische Dimension des Stücks als auch die mögliche Kritik an den bürgerlichen Moralvorstellungen vermögen das brutale Ende nicht überzeugend zu begründen. Zu Recht verstört das Stück daher noch heutige Zuschauer. Noch immer existieren verschiedene Interpretationsansätze. Zwei davon werden im Folgenden erklärt.

Eine mögliche Interpretation geht davon aus, dass Emilia sich in ihre Situation hineinsteigert. Sie beruft sich auf antike Vorbilder und christliche Märtyrer. In ihrer Selbststilisierung als gebrochene Rose will sie eine Tugendheldin sein. Ursache ihrer übertriebenen Reaktion ist jedoch die rigorose Moral des Vaters. Um ihm zu gefallen und seinem Willen zu entsprechen, lässt sie sich töten.

Ein anderer Interpretationsansatz geht davon aus, dass Emilia ihre Reinheit doch nicht bewahren konnte. Auf dem Lustschloss des Prinzen wäre es demnach zur Entjungferung gekommen. Gestützt wird diese These durch die Geräusche, die die Gräfin Orsina hört, und vom Erholungsbedürfnis des Prinzen, als er aus dem Zimmer tritt. Die gebrochene Rose, mit der sich Emilia vergleicht, steht dann für das gefallene Mädchen. Da sie jetzt keine Perspektiven mehr hat und zum Spielball des Prinzen geworden ist, will sie sterben.

Schlussbermerkungen

Während das Trauerspiel schon zu Lessings Zeiten in viele Sprachen übersetzt wurde, wird es auch heute noch oft gespielt. Und die Familientragödie „Vater ersticht Tochter, um ihre Ehre zu retten“ hinterlässt noch immer offene Fragen und geht unter die Haut.

3 Kommentare
  1. Hallo I Brunzema,
    danke für deinen Hinweis. Schau doch mal ins Video, der Fehler wurde schon behoben.
    Liebe Grüße aus der Redaktion

    Von Carolin Kasper, vor 26 Tagen
  2. Sorry, aber es muss mal gesagt werden, gerade für den Deutschunterricht: "widerspiegeln" ist im Video falsch geschrieben...

    Von I Brunzema, vor 27 Tagen
  3. toll

    Von Livia T., vor fast 3 Jahren

„Emilia Galotti“ – Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte (Lessing) Übung

Du möchtest dein gelerntes Wissen anwenden? Mit den Aufgaben zum Video „Emilia Galotti“ – Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte (Lessing) kannst du es wiederholen und üben.

  • Zeige verschiedene Meinungen zu „Emilia Galotti” auf.

    Tipps

    Versuche, dich zu erinnern, wer „Die Leiden des jungen Werther” geschrieben hat.

    Ein bedeutender Philosoph empörte sich über den Schluss.

    Lösung

    Lessing selbst bezeichnete das Trauerspiel „Emilia Galotti” als privates Stück. Andere Literaten und Philosophen hatten dazu anderen Meinungen.

    1. Friedrich Schiller bezog sich in seinem Stück „Kabale und Liebe” indirekt auf Lessings Stück. Auch er baute einen Konflikt der Ständegesellschaft ein.
    2. Johann Wolfang Goethe kritisierte einerseits die Konstruiertheit des Stücks, baute es aber andererseits explizit in „Die Leiden des jungen Werther” ein. Werther hat scheinbar in dem Buch gelesen, bevor es sich selbst umbringt.
    3. Arthur Schopenhauer hielt den Schluss für unerhört.
    4. Friedrich Schlegel ging sogar so weit, zu sagen, dass das Stück nicht in das Gemüt dringe.
  • Fasse zusammen, inwiefern die politischen Machtstrukturen der Entstehungszeit von „Emilia Galotti” in dem Stück widergespiegelt werden

    Tipps

    Als Intrige bezeichnet man eine Handlung, die anderen Personen Schaden zufügen oder sie gegeneinander aufhetzen soll.

    Absolutismus ist eine Herrschaftsform in Monarchien, bei der der Herrscher mit allen Machtbefugnissen in einem Staat ausgestattet ist. Andere Institutionen haben keinen Einfluss auf die politischen Entscheidungen.

    Lösung
    • Hettore Gonzaga ist ein typischer Vertreter des Absolutismus. Genauer gesagt heißt das, dass er herrscht und alles seiner Entscheidungsgewalt unterliegt. Diese Macht versucht er auszunutzen, um Emilia zu erobern. Dabei scheitert er allerdings ungemein.
    • Familie Galotti stellt Angehörige des Bürgertums dar. Sie versuchen sich vom verschwenderischen, genusssüchtigen Adel abzugrenzen.
    • Die Galottis sind Untertanen des Prinzen und vertreten eine bürgerliche Gesinnung. Sie haben strenge moralische Vorstellungen.
    • Marinelli spinnt eine Intrige gegen die Beziehung zwischen Emilia Galotti und dem Grafen Appiani. Die Mätresse des Prinzen, Gräfin Orsina, wiederum intrigiert aufgrund von Eifersucht gegen den Prinzen Gonzaga.
  • Erläutere, woran erkennbar ist, dass es sich bei „Emilia Galotti” um ein bürgerliches Trauerspiel handelt.

    Tipps

    Überlege noch einmal, wie es zu dem tragischen Ende des Stückes kommt. Ist allein der Vater verantwortlich für den Tod Emilias?

    Lösung

    Das bürgerliche Trauerspiel ist ein Theatergenre, dass im 18. Jahrhundert im Zuge der Aufklärung geschaffen wurde. Lessing schuf die deutschsprachige Variante nachdem es bereits Vorläufer in England und Frankreich gab. Die größte Veränderung zu vorherigen Dramen ist die Abschaffung der Ständeklausel. Die Protagonisten einer Tragödie können nun auch aus dem Bürgertum oder dem niederen Adel stammen. „Emilia Galotti“ ist ein typisches bürgerliches Trauerspiel:

    • Emilia, ein Mädchen aus dem bürgerlichen Milieu, ist die Hauptfigur. Somit steht ein einfacher Mensch im Mittelpunkt der Handlung.
    • Das Volk ist nicht mehr nur eine Lachnummer, sondern tritt in Form der tugendhaften und moralischen Familie der Galottis auf.
    • Das Stück kritisiert die absolutistische Willkürherrschaft des Prinzen, der frei über Emilia verfügen möchte. Im bürgerlichen Trauerspiel geht es oft um den politischen Kampf gegen die Unterdrückung des Bürgertums durch den Adel.
    Andere Beispiele für bürgerliche Trauerspiele sind „Kabale und Liebe“ von Friedrich Schiller oder „Liebelei” von Arthur Schnitzler.

  • Entscheide dich für plausible Interpretationen des Schlusses von „Emilia Galotti”.

    Tipps

    Rufe dir noch einmal den Verlauf des Stücks in Erinnerung. Gibt es Anzeichen dafür, dass Odoardo Emilias Tod wollte?

    Lösung

    Zwei der Interpretationen des Schlusses sind plausibel:

    1. Emilia verrennt sich in ihrer Situation und beugt sich dem Willen ihres Vaters. Das ist auch klar in der Aussage: „Ehedem wohl gab es einen Vater, der seine Tochter von der Schande zu retten, ihr den ersten, den besten Stahl in das Herz senkte – ihr zum zweiten Male das Leben gab. Aber alle solche Taten sind von ehedem! Solcher Väter gibt es keinen mehr!” erkennbar.
    In ihrer Selbststilisierung als gebrochene Rose will sie eine Tugendheldin sein. Die Tugend ist hier die Tatsache, dass sie dem Prinzen widersteht. Ursache ihrer impulsiven und extremen Reaktion ist jedoch die strikte Moral des Vaters.

    1. Indem Gräfin Orsina sagt „Nun da, buchstabieren Sie es zusammen! – Des Morgens sprach der Prinz Ihre Tochter in der Messe, des Nachmittags hat er sie auf seinem Lust- – Lustschlosse.” deutet sie an, dass es auf dem Lustschloss zu Emilias Entjungferung gekommen ist. Demnach hätte sie ihre Reinheit verloren. Deshalb fühlt sie sich perspektivlos und will sterben, um ihrem Leiden ein Ende zu setzen. Die gebrochene Rose mit der Emilia sich vergleicht, steht dann für das gefallene Mädchen. Sie will sterben, da sie dann keine Perspektiven mehr sieht und zum Spielball des Prinzen geworden ist.
    Quelle: Lessing, Gotthold Ephraim (1772): Emilia Galotti. URL: http://gutenberg.spiegel.de/buch/emilia-galotti-1174/14 [Abgerufen am 20.05.2015].

  • Nenne den Grund für das tragische Ende.

    Tipps

    Überlege noch einmal, ob Emilia in den Prinzen verliebt war.

    Emilias Mutter ist in erster Linie besorgt um sie.

    Lösung

    Der Todeswunsch Emilia Galottis stellt erster Linie das Ergebnis politischer Verhältnisse dar. Zur Zeit der Entstehung war die Politik durch den Absolutismus gekennzeichnet. So auch in dem Stück „Emilia Galotti”. Emilia hat sich im Grunde genommen nichts zu Schulden kommen lassen. Die uneingeschränkte Machtausübung des Prinzen hat Emilias Zukunft zerstört. Ihr zukünftiger Ehemann ist tot und sie soll bei Hettore Gonzaga bleiben. Da sie aus dieser Situation keinen Ausweg sieht, will sie sterben. Am Ende bittet sie ihren Vater darum, sie zu erstechen, was dieser befolgt.

  • Analysiere den Textauszug mit Hinblick auf die Darstellung der Familie als „absolutistischem System”.

    Tipps

    Die Anrede ist ein Indiz, dass dir helfen kann.

    Lösung

    Die Familie Galotti stellt ein kleineres absolutistisches System im großen politischen System des Absolutismus dar:

    • Emilia siezt ihre beiden Eltern. Hier auch klar ersichtlich in den Passagen, z. B. bei Doch nein, das wollen Sie auch nicht.
    • Außerdem wird klar, dass Odoardo Galotti das bestimmende Oberhaupt der Familie ist, beispielsweise in wie mein Vater will.
    Im ganzen politischen System gab es nur einen Herrscher der über alle Angelegenheiten bestimmte. So funktioniert es auch in der Familie. Emilia unterwirft sich dem Willen ihres Vaters und versucht, seinen Erwartungen zu entsprechen. Dadurch ist sie unmündig und denkt nicht eigenständig. Genauso sah auch in vielen Fällen das Verhältnis der Bürger zum Herrscher aus.

    Quelle: Lessing, Gotthold Ephraim (1772): Emilia Galotti. URL: http://gutenberg.spiegel.de/buch/emilia-galotti-1174/14 [Abgerufen am 20.05.2015]