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Dramenanalyse – Nebentexte 10:41 min

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Transkript Dramenanalyse – Nebentexte

Hallo, ich bin Martina! Und in diesem Video geht es um die Interpretation von Dramen. Genauer gesagt geht es um die Nebentexte, die uns in der schriftlichen Form des Dramas begegnen. Diese Nebentexte liefern oft Informationen, die für die Interpretation eines Dramas nützlich sind. Und deshalb ist es wichtig, nicht nur den Haupttext, also die Rede der Figuren, sondern auch die Nebentexte, das heißt, den Titel, die Szenenüberschriften und die Bühnen- oder Regieanweisungen genau zu untersuchen. In dem ersten Video zu diesem Thema habe ich bereits einige Nebentexte erklärt. In diesem Video hier werde ich noch etwas zur Gattung, zu den Szenenüberschriften und zu den Bühnen- oder Regieanweisungen sagen. Um den Inhalt des Videos besser zu verdeutlichen, werden wir das Ganze an einem konkreten Beispiel üben, nämlich an Goethes Faust, dem ersten Teil. Das Video ist aber keinesfalls schon eine fertige Interpretation. Es soll dir vielmehr zeigen, welche Informationen sich auch in den oft vernachlässigten Nebentexten verbergen, und soll dir helfen, selbstständig Fragen an den Text zu stellen. Damit du alles verstehst, wäre es gut, wenn du den Faust I schon mal gelesen hättest. Außerdem solltest du etwas über das Drama nach Aristoteles wissen und die Unterformen des Dramas, nämlich die Tragödie und die Komödie kennen. Und dich auch noch über Goethe und die literarische Epoche, während der er tätig war, informieren. Das ist schon ganz schön viel Arbeit, bevor es überhaupt losgeht. Keine Sorge. So viel ist es nicht. Und du musst ja auch nicht alles auswendig können. Du solltest nur ein bisschen verstehen, worum es hier eigentlich geht. Ich wünsche dir mit dem Video auf jeden Fall viel Spaß. Beginnen wir mit der Gattung. Goethe hat seinen Faust als Tragödie bezeichnet. Die Tragödie ist neben der Komödie eine Unterform des Dramas. Aber ist der Faust auch ein Drama nach klassisch aristotelischem Muster? Merkmal der Tragödie ist der schicksalhafte Konflikt, in den die Hauptfigur gerät. Dieser Konflikt ergibt sich meist aus der Figurenkonstellation und endet für die Hauptfigur in der Katastrophe, wobei mit Katastrophe nicht zwangsläufig der Tod gemeint ist. Durch den Schauder vor dieser Katastrophe und den Jammer über das, was der Hauptfigur geschieht, gelangt der Zuschauer mittels Reinigung, der Katharsis, zu einem befreiten Lebensgefühl, das von Bewusstsein einer höheren, also einer göttlichen Ordnung geprägt ist. Erfüllt Goethes Faust diese Vorgaben? Und ist es auch formal eine klassische Tragödie nach Aristoteles? Oder enthält der Faust vielleicht auch komödiantische Züge? Denke auch mal an andere literarische Gattungen, zum Beispiel das bürgerliche Trauerspiel oder das Mysterienspiel. Das bürgerliche Trauerspiel ist eine Gattung, die im 18. Jahrhundert aufkam. Ein wesentliches Merkmal ist vor allem, dass die Hauptfiguren Personen aus dem Bürgertum und keine Adeligen sind. Wie die Tragödie hat das bürgerliche Trauerspiel allerdings auch ein tragisches Ende. Das Mysterienspiel hat meist religiöse Inhalte, also es werden zum Beispiel Bibelgeschichten oder das Jüngste Gericht dargestellt. Überlege doch mal, ob du nicht einige Merkmale dieser Gattungen auch im Faust findest. Weitere Nebentexte, die uns helfen, ein Drama zu interpretieren, sind die Szenenüberschriften. Die Szenenüberschriften können oft schon ein Anhaltspunkt sein, worum es in der Szene geht oder, wenn sie, wie im Faust, dem Haupttext vorangestellte Szenen betiteln, eine Aussage über das ganze Stück treffen. Im Faust bilden drei vorangestellte Szenen, die man auch als Eröffnung bezeichnet, den Rahmen der Handlung. Sie tragen den Titel: 1. “Zueignung”, 2. “Vorspiel auf dem Theater” und 3. “Prolog im Himmel”. Sehen wir uns die Szenenüberschriften mal genauer an. Eine Zueignung ist eine Widmung, die häufig in der Literatur als Vorwort dient und ein Zeichen der Verehrung ist. Es soll also einer Person oder einer Sache gedacht und somit Ehre entgegengebracht werden. Die zweite dieser Szenen trägt den Titel „Vorspiel auf dem Theater“. Der Titel gibt also die Gattung an, zu der der Faust gehört. Es handelt sich also um ein Theaterstück. Okay, das wussten wir ja schon. Aber vergisst man im Verlauf der Handlung nicht manchmal, dass es sich nur um Fiktion handelt? Der Titel „Vorspiel auf dem Theater“ ruft dem Zuschauer, beziehungsweise Leser, wieder ins Bewusstsein, dass es sich nicht um das wahre Leben handelt, sondern dass alles nur Theater ist. Bereits als Exposition des Dramas gilt die dritte Eröffnung „Prolog im Himmel“. Aber was genau ist denn ein Prolog? Ein Prolog dient oft der Erläuterung der Intention des Stücks. Man kann sich also denken, dass im Prolog schon angekündigt wird, worauf die Handlung des Stücks hinausläuft. Hier handelt es sich darüber hinaus um einen Prolog im Himmel. Es wird also ein Bezug zu Gott oder zur Bibel hergestellt. Der Prolog im Himmel könnte also eine Anspielung auf eine Bibelgeschichte sein. Aber nicht alle Szenenüberschriften sind so aussagekräftig. Die erste Szene vom Hauptteil, die die Gelehrtentragödie einleitet, ist zum Beispiel nur mit „Nacht“ betitelt. Das heißt, wir erfahren hier nur, zu welcher Tageszeit das Drama beginnt. Die Nacht selber hat natürlich auch noch eine Bedeutung. Im Volksglauben war die Nacht die Zeit der Geister, Teufel und Gespenster. Es ist also eine Uhrzeit, die als besonders gefährlich galt und etwas Mystisch-Bedrohliches hatte. Die Szenenüberschrift gibt also keine Auskunft über Ort, Epoche oder Figuren der ersten Szene. Und deshalb sehen wir uns die Bühnenanweisung mal genauer an. Die Bühnen- oder Regieanweisungen gehören zu dem Text, den der Autor dem Sprechtext hinzugefügt hat. Man sollte beim Lesen des Dramas also immer daran denken, dass auch die Bühnenanweisungen Texte sind, die von dem jeweiligen Autor stammen und daher nicht zufällig sind. Sie geben dem Autor die Möglichkeit, Aussehen und Sprache der Figuren näher zu beschreiben, akustische Effekte einzufügen oder Hinweise auf das Bühnenbild zu geben. Sehen wir uns jetzt mal die Bühnenanweisung zur ersten Szene des Faust, Teil I, an: “In einem hochgewölbten, engen gotischen Zimmer Faust unruhig auf einem Sessel am Pulte.” Goethe verrät nichts über die Zeit und den genauen Ort der Handlung. Aber man kann zumindest einige Vermutungen anstellen. Die Szene beginnt in einem hochgewölbten, engen gotischen Zimmer. Das hohe Gewölbe scheint wie der Himmel und der Mensch, der in diesem hohen, engen Raum sitzt, scheint umso kleiner. Dazu erweckt das Adjektiv „eng“ ein Gefühl von Eingesperrtsein. Die erste Szene beginnt also in einem geschlossenen, sogar engen Raum, der durch die Enge das Gefühl von Eingesperrtsein vermittelt. Gleichzeitig hat der Raum ein hohes Gewölbe, das an den Himmel denken lässt. Das gotische Zimmer kann verschieden interpretiert werden. Goethe bezeichnete die Gotik in einem Text über die deutsche Baukunst als deutschen Stil und löste damit eine Begeisterung für die Gotik aus. Er selbst schätzte diesen Baustil sehr. Dennoch kann “gotisch” auch eine negative Bedeutung haben, nämlich, wenn man darunter etwas mittelalterlich, überlebt oder Unmodernes versteht. In diesem Fall könnte es auf die tiefe Krise der Hauptfigur Faust verweisen, der trotz aller Studien nicht zu der Erkenntnis kommt, die er sucht. Wir wissen nun also, dass die erste Szene in einem hochgewölbten, engen, gotischen Zimmer spielt. Zudem wird auch der Name der Hauptfigur genannt: Faust. Sie hat dem Stück seinen Namen gegeben. Und wenn du den Titel des Dramas bereits untersucht hast, weißt du auch, dass die Figur des Faust verschiedene mögliche Vorbilder hatte, die sie allesamt formten. Anhand der Lebensdaten möglicher historischer Personen, die als Vorlage für den Faust dienten, kann man aber nun auch ungefähr die Zeit der Handlung bestimmen. Von 1480 bis 1540 hat zum Beispiel Johann Faust gelebt, der die Dramenfigur mitgestaltete. Also zwischen dem Ende des Mittelalters und dem Beginn der Renaissance. In diese Zeit gehört übrigens auch der gotische Baustil. Darüber hinaus erfährt man, dass Faust unruhig auf seinem Sessel am Pult sitzt. Er scheint also noch zu arbeiten, obwohl es schon Nacht ist. Und er geht einer geistigen Tätigkeit nach, keine körperliche Arbeit. Zudem ist er unruhig. Man kann also vermuten, dass in der folgenden Szene verraten wird, was Faust beunruhigt und woran er nachts noch arbeitet. Du siehst also, dass allein die Nebentexte schon viele hilfreiche Informationen enthalten. Und daher ist es wichtig, sie mindestens genauso sorgfältig zu lesen, wie den Haupttext. So, zum Schluss fasse ich nochmal alles zusammen: In der schriftlichen Form des Dramas gibt es neben dem Haupttext auch viele Nebentexte, die für die Interpretation des Werkes hilfreich sind. Zu diesen Nebentexten gehört zum Beispiel die Gattungsbezeichnung. Ein Drama kann aber auch vom klassischen Muster des Dramas abweichen und Merkmale anderer Gattungen haben. Darüber hinaus geben die Szenenüberschriften mehr oder weniger konkret Auskunft über die jeweilige Szene oder sogar das ganze Stück. Durch die Bühnenanweisung erhält man häufig Informationen über den Ort und die Zeit, in der die Szene spielt. Der Autor kann das Aussehen oder die Sprache der Figuren näher beschreiben und er kann akustische Mittel hinzufügen. So, und schon sind wir am Ende angekommen. Ich hoffe, dir hat das Video gefallen. Bis zum nächsten Mal. Martina.