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„Die Vermessung der Welt“ – Personenkonstellation (Kehlmann) 05:12 min

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Transkript „Die Vermessung der Welt“ – Personenkonstellation (Kehlmann)

Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt - Personenkonstellation Die beiden Hauptfiguren des Romans "Die Vermessung der Welt" sind die Wissenschaftler Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß. Beide haben tatsächlich gelebt. Sie sind also historische Figuren in einem historischen Roman. Allerdings folgt der Text der realen Geschichte nicht in allen Punkten. Kehlmann nimmt sich die Freiheit, die Figuren so zu zeichnen, dass sie sich zur Diskussion der Grundfragen menschlichen Daseins eignen. Vergleicht man die beiden Protagonisten, so zeigen sich wenige Gemeinsamkeiten und viele Gegensätze. Sie sind also weitgehend kontrastiv angelegt. Kommen wir zunächst dennoch zu den Gemeinsamkeiten. Sie sind Wissenschaftler und beide an der Vermessung und dem Verstehen der Welt interessiert. Daher auch der Titel des Romans.

Beide sind Kinder der Aufklärung. Das bedeutet, dass sie sich der Kraft des menschlichen Verstandes bewusst sind. Sie stehen für das rationale, also vernunftgesteuerte Denken. Auch sind sie für die Freiheit des Denkens und glauben an den wissenschaftlichen Fortschritt, der den Menschen eine bessere Zeit bringen werde. Sie sind beide ohne religiösen Glauben.

Zu den zahlreichen Unterschieden gehören ihre Herkunft und ihre Familienbeziehungen: Humboldt stammt aus einem wohlhabenden, Gauß aus einem armen Hause. Humboldt ist glücklich angesichts des Todes seiner Mutter, Gauß leidet unter dem Alterungsprozess seiner Mutter.

Sie führen ihr Leben auf sehr unterschiedliche Weise. Humboldt ist ein ständig Reisender. Als Reisegefährten hat er Bonpland. Humboldt ist ein Junggeselle, der sich die Erfüllung seiner homosexuellen Neigung versagt. Gauß ist ein Stubenhocker und als Wissenschaftler ein Einzelgänger. Er begehrt Frauen und sucht Prostituierte auf. Allerdings ist er auch zweimal verheiratet und hat aus beiden Ehen jeweils drei Kinder.

Auch in der jeweiligen Wissenschaftsauffassung unterscheiden sich die beiden sehr stark: Humboldt will Erkenntnis durch konkrete empirische Erfahrung, er nimmt Proben und macht Messungen. Mit den Messergebnissen gibt er sich zufrieden. Gauß hingegen will Theoriegebäude beweisen und abstrakte Erkenntnis gewinnen. Ihn interessieren nicht die Messdaten, sondern die dahinter liegende Erklärung für die Daten. Vor der Zeit der beiden war es üblich, dass Akademiker Universalgelehrte waren, also ein breites Bildungsspektrum abdeckten. Nach ihnen kommt die moderne Wissenschaft auf, in der sich die Wissenschaftler ein spezielleres fachliches Feld suchen. Man kann also sagen, dass Humboldt der letzte Universalgelehrte ist, während Gauß die moderne Wissenschaft begründen hilft. Humboldt ist sehr auf einen positiven Nachruf bedacht. Gauß glaubt, man werde sich später über ihn und seine Zeit lustig machen. Die beiden Wissenschaftler betrachten sich zunächst mit wechselseitiger Kritik, vor allem in Bezug auf ihre Wissenschaftsauffassung. Später kommt es zu mehr Anerkennung. Neben den beiden gegensätzlichen Protagonisten gibt es aber noch weitere Figuren.Gauß und Humboldt sind jeweils zwei Nebenfiguren von Bedeutung zugeordnet. Die Nebenfiguren zu Gauß sind seine Mutter und sein Sohn Eugen. Gauß hängt gefühlsmäßig sehr stark an seiner Mutter. Sie gibt ihm Liebe und Geborgenheit und steht ihm bei. Zu seinem Sohn Eugen hat er ein gestörtes Verhältnis. Es kommt zu Ablehnung und gar zu physischer Gewalt.

Die Nebenfiguren zu Alexander von Humboldt sind Wilhelm von Humboldt und Aimé Bonpland. Alexander von Humboldt fühlt sich seinem älteren Bruder Wilhelm stark unterlegen. Dieser wiederum lässt ihn seine Überlegenheit durch Maßregelungen und Tadel spüren. Wilhelm ist Sprachwissenschaftler und zeigt seinem jüngeren Bruder mitunter offen seine Ablehnung. Aimé Bonpland ist der Begleiter und wissenschaftliche Assistent von Humboldt. Er steht Humboldt ambivalent, also widersprüchlich, gegenüber. Er empfindet sowohl Ablehnung als auch Bewunderung für ihn. Er ist Humboldt unterlegen. Die Nebenfiguren stehen aber auch zu dem jeweils anderen Protagonisten in Beziehung. Carl Friedrich Gauß lehnt die Sprachwissenschaft Wilhelms ab. Dieser wiederum ist neugierig auf Gauß. Alexander von Humboldt hilft Eugen Gauß und rettet ihn. Dafür ist Eugen Gauß ihm dankbar.

Wie an der eingeschränkten Figurenkonstellation deutlich wird, stehen im Roman ganz klar die Leben der Wissenschaftler Gauß und Humboldt im Vordergrund. Man kann den Roman daher auch als fiktive Doppelbiografie bezeichnen.