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„Die Vermessung der Welt“ – Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte (Kehlmann) 05:43 min

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Transkript „Die Vermessung der Welt“ – Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte (Kehlmann)

Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt - Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte “Ich habe überhaupt keine Erklärung für diesen Erfolg des Buches, ich stehe erstaunt und fassungslos vor diesem Phänomen.” So lautet Daniel Kehlmanns Anwort auf die Frage nach der Erklärung für den großen Erfolg seines Romans “Die Vermessung der Welt”. Die Rezeptionsgeschichte dieses Romans lässt sich relativ kurz zusammenfassen, da es sich um ein noch sehr junges Werk handelt. “Die Vermessung der Welt” entwickelte sich sehr schnell zu einem enormen Bestseller. Es erscheint im Herbst 2005. Bereits im Juni 2007 sind eine Million gebundene Exemplare verkauft. Als Taschenbuch erscheint der Text im März 2008. Bis März 2009 sind 1,5 Millionen Stück über die Ladentische gegangen. Bis heute hat sich der Roman allein in Deutschland über 2 Millionen Mal verkauft. Das Buch stellt sogar den Verkaufserfolg von rekordverdächtigen Werken wie "Die Blechtrommel" von Günter Grass oder "Das Parfüm" von Patrick Süskind bei weitem in den Schatten. Er hält sich für volle 35 Wochen auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste.

Der österreichische Schriftsteller Thomas Glavinic parodiert den Erfolg des Werkes bei Publikum und Kritikern in seinem Roman "Das bin doch ich" von 2007. In diesem Text lässt er den Autor Daniel Kehlmann dem Icherzähler Glavinic über die ständig emporschnellenden Verkaufszahlen des Romans berichten. Dies erregt natürlich den Neid des Icherzählers. Auch der weltweite Erfolg ist groß. "Die Vermessung der Welt" wurde in über 40 Sprachen übersetzt. Allerdings kann man Unterschiede ausmachen: In den USA ist die Reaktion eher zurückhaltend. Viel größer ist der Erfolg z. B. in Großbritannien, Holland, Schweden, Italien und Frankreich. In Spanien und Südamerika ist der Roman hingegen nicht erfolgreich gewesen. Das ist überraschend, da der Roman doch über weite Strecken in Südamerika spielt und Humboldt dort sehr hoch angesehen ist.

Der Erfolg des Romans lässt sich auch damit erklären, dass er verschiedene Themen verbindet und viele Interpretationsmöglichkeiten bietet. Zwei besonders naheliegende Möglichkeiten sind die Thematik des Alterns und die Rolle der Wissenschaft zur Goethezeit.

Vom Altern und vom Tod ist im Roman oft die Rede. Auch die beiden berühmten Wissenschaftler können sich dem Alterungsprozess nicht entziehen. Der Philosoph Immanuel Kant wird schonungslos in seiner altersbedingten Senilität vorgeführt: Auch ein Forscher-Genie altert. Seine einst so herausragenden geistigen Kräften lassen nach. Der Mensch ist dem unausweichlichen Tod machtlos ausgeliefert. Gauß bezeichnet es als "Gottes bösen Humor", dass ein Geist wie seiner in einem kränklichen Körper eingesperrt ist. Diese Erkenntnis ist für ihn desillusionierend. Sogar den Freitod als letzten Ausweg zieht er in Erwägung. Er hofft auf eine letzte, alles umfassende Erkenntnis im Tod. Er bleibt also selbst im Gedanken an das eigene Ende ganz wissbegieriger Forscher.

Humboldt respektiert die Totenruhe und andere Bräuche der Indianer nicht. Seine hohe geistige Begabung hat ein tragisches Element. Das Bewusstsein der eigenen Vergänglichkeit wird durch Intelligenz gesteigert.

Und wie sieht es mit der Rolle der Wissenschaft aus? In der Zeit Goethes, in der der Roman spielt, gibt es wenig Platz für Glaube und Aberglaube. Hoch angesehen sind die Ideale der Selbstbestimmung, der Vernunft und Logik, also einer rationalen Denkweise. Dies geht auf die Epoche der Aufklärung zurück, deren herausragendster philosophischer Vertreter Immanuel Kant war. Die selbstbestimmte Bedienung des eigenen Verstandes war das oberste Ziel. Aus diesem Grund versuchte man, der Bevormundung durch Kirche und Adel den Rücken zu kehren. Dies zeigt sich vor allem in der Figur Humboldts. Er ist gut gekleidet, sehr gebildet und stets von dem Gedanken erfüllt, den Menschen durch Forschung zu einem Erkenntnisgewinn zu verhelfen. Er glaubt, dass die Wissenschaft bessere Zeiten für die Menschheit bringen werden. Er spekuliert sogar darauf, dass sie eines Tages den Tod besiegen kann.

Es geht im Roman aber auch um die Frage des Deutschseins, um die deutsche Mentalität. Welche Wesensmerkmale teilen die Deutschen miteinander zur Goethezeit? Humboldt besipielsweise lässt sich den Anblick einer Sonnenfinsternis entgehen, weil er seine Messungen nicht aus diesem Grunde unterbrechen will. Darauf fragt ihn sein Begleiter Bonpland, ob er denn immer so deutsch sein müsse.

Daniel Kehlmann selbst sieht dies als eines der zentralen Motive des Romans. Er beschreibt ihn als “[e]ine satirische, spielerische Auseinandersetzung mit dem, was es heißt, deutsch zu sein - auch natürlich mit dem, was man, ganz unironisch, die große deutsche Kultur nennen kann”.