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„Die Räuber“ – Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte (Schiller) 05:04 min

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Transkript „Die Räuber“ – Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte (Schiller)

“Volle bühende Sprache, Feuer im Ausdruck und Wortfügung, rascher Ideengang, küne fortreisende Fantasie, einige hingeworfene, nicht genug überdachte Ausdrüke, poetische Deklamazionen, und eine Neigung nicht gern einen glänzenden Gedanken zu unterdrücken, sondern alles zu sagen, was gesagt werden kann, alles das karakterisirt den Verfasser als einen jungen Mann, der bei raschem Kreislauf des Bluts und einer fortreisenden Einbildungskraft, ein warmes Herz voll Gefül und Drang für die gute Sache hat. Haben wir je einen teutschen Shakespear zu erwarten, so ist es dieser.” In solchen hohen Tönen lobt der Kritiker und Schriftsteller Christian Friedrich Thimme im Juli 1782 Schillers Drama “Die Räuber” und fasst damit die allgemeine Meinung zu Schillers Werk zusammen. “Die Räuber” war von Beginn an ein großer Erfolg. Schon während privater Abende, an denen Schiller aus seinem Werk rezitierte, war die Reaktion überaus positiv. Zwar war Schillers eigener Erstdruck kein übermäßiger Verkaufsschlager, doch führte er dazu, dass das Nationaltheater Mannheim eine Inszenierung plante. Diese Uraufführung im Januar 1782 brachte dann den Durchbruch für Schiller und “Die Räuber”. Die Begeisterung ging sogar so weit, dass sich in Leipzig studentische Räuberbanden gründeten. Diese kleinen Gruppen verhielten sich wie die Räuberbande Karl Moors. Allerdings dauerte dieses “Schillersche Werther-Fieber”, wie man es in Anlehnung an die Reihe der Selbstmorde nach Veröffentlichung von Goethes “Die Leiden des jungen Werther”, nannte, nicht sonderlich lange an. Unbestritten ist aber der große Erfolg, den Friedrich Schiller hatte. Auch Zeitgenossen wie Goethe fanden Gefallen an dem Werk des jungen Autors. Wohlwollende Worte solcher Größen der Literaturszene und das allgemeine Aufsehen, das “Die Räuber” erregte, machten Schiller sehr schnell bekannt. Das ermöglichte ihm weiterhin als Autor zu arbeiten und bald als literarische Institution zu gelten.

Der gute Ruf des Dramas hält bis heute an. Das Stück zählt zu den meistgespielten auf deutschen Bühnen. Gerade in den letzten Jahren hat es erneut viele Inszenierungen des Textes gegeben. Im Mittelpunkt steht dabei oft die Frage danach, wie sehr man sich gegen einen ungerechten Staat auflehnen darf - so wie es Karl Moor tut. Gleichzeitig wird auch die Frage der Medien und Meinungsmache in den Fokus mancher Inszenierung gerückt. Die beiden Briefe, die Franz Moor fälscht, um seinen Bruder in Misskredit zu bringen, könnten heute für Nachrichten oder Falschmeldungen im Internet stehen. Durch solche Umdeutungen enthält der Text bis heute brisante Themen.

Interessant ist bei solchen Interpretationen die Schuldfrage. Liest man das Stück, so erscheint Franz ganz klar als machtgieriger Bösewicht. Karl hingegen ist das Opfer der Intrige seines Bruders. Doch viele Interpretationen - wie die Novellenadaption von E.T.A. Hoffmann - sehen es genau andersherum. Karl ist hier der Schuft, der sich mit einer einfachen Bitte um Vergebung von seinen Schulden freikaufen will. Franz, der von der Falschheit dieses Planes ahnt, schützt den Vater vor der geheuchelten Liebe des Sohnes und fälscht einen Brief. Er wird somit zur edlen Person. Karls Ausbrüche und das Plündern sowie die Schändungen im Nonnenkloster zeigen seinen wahren Charakter. Diese Interpretation ist natürlich sehr einseitig, doch zeigt sie, wie ähnlich die Brüder sind. Beide reagieren sehr stark auf die Abweisung des Vaters. Franz berechnend und auf Rache sinnend. Karl - der ebenfalls glaubt von der Liebe des Vaters abgeschnitten zu sein - emotional, aber ebenfalls voller Rachegedanken. Ob beide Opfer sind oder keiner, hängt ganz davon ob, wie man den Text verstehen will. “Ein Verfasser, dessen erstes Produkt sich schon so sehr auszeichnet, mus, wenn er aufmerksam auf sich ist, und die Bemerkungen kunstverständiger Freunde benutzt, mit Riesenschritten zu Vollkommenheit fortschreiten, und das Publikum zu grosen Erwartungen berechtigen. [...] das Feuer seines Genies [bedarf] ohnehin mehr eines Zügels als der Sporn.” Mit diesen Worten schließt Thimme seine Rezension des Stückes. Er feiert Schiller, im Geiste der Zeit des Sturm und Drang, als Genie. Diese Geniezuschreibung ist bis heute gültig. Zu verdanken ist dies dem großen Erfolg seines ersten Dramas “Die Räuber”.

„Die Räuber“ – Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte (Schiller) Übung

Du möchtest dein gelerntes Wissen anwenden? Mit den Aufgaben zum Video „Die Räuber“ – Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte (Schiller) kannst du es wiederholen und üben.

  • Beschreibe, wie „Die Räuber“ zur damaligen Zeit rezipiert wurde.

    Tipps

    Erst die Uraufführung von „Die Räuber“ bescherte Schiller das verdiente Ansehen.

    Lösung

    „Das Theater glich einem Irrenhaus, rollende Augen, geballte Fäuste, stampfende Füße, heisere Aufschreie im Zuschauerraum. Fremde Menschen fielen einander schluchzend in die Arme, Frauen wankten, einer Ohnmacht nahe zur Thüre. Es war eine allegemeine Auflösung wie im Chaos, aus deßen Nebel eine neue Schöpfung hervorbricht.“ (aus: Chronik des Herzöglichen Hof- und Nationaltheathers Mannheim, 1879, S. 67f.).

    So wurde die Wirkung von Schillers Drama „Die Räuber“ bei seiner Uraufführung im Mannheimer Theater 1782 beschrieben. Tatsächlich brachte dieser Erfolg Schiller den literarischen Durchbruch. Doch bis hierhin war es ein langer Weg.

    Zunächst suchte Friedrich Schiller lange Zeit vergeblich nach einem Verleger für sein Stück, da die zentralen Themen des Werkes für die damalige Zeit von zu kritischer Natur waren. Deshalb fasste er 1781 den Entschluss, „Die Räuber“ anonym im Selbstverlag zu publizieren. Erst nachdem Schiller 1782 eine überarbeitete und gemäßigtere Fassung herausbringt, wird das Werk als Bühnenstück in Mannheim uraufgeführt und erlangt Lob und Aufsehen, sowohl durch die Kritiker als auch durch die breite Masse.

    Dadurch gelangt Schiller zu Weltruhm, wird als deutscher Shakespeare und Genie gehandelt.

  • Fasse zusammen, warum die Themen von Schillers Werk bis heute aktuell sind.

    Tipps

    Schillers Werk hinterfragt das traditionelle Schema von Gut und Böse.

    Lösung

    Bis heute zieht Schillers erstes Werk Leser und Theaterbesucher in seinen Bann. Obwohl das Stück über 200 Jahre alt ist, sind die zentralen und sehr kritischen Themen des Werks nach wie vor von aktueller Bedeutung.

    Innerhalb der modernen Inszenierungen stehen besonders zwei Themen im Mittelpunkt:

    • Die Frage danach, wie sehr man sich gegen einen ungerechten Staat auflehnen darf, ergibt sich aus Karl Moors Verhalten. Dieser schließt sich einer Räuberbande an, die im Namen der sozialen Gerechtigkeit Plünderungen und Morde begeht.
    • Franz Moors intrigante Brieffälschungen ließen sich übertragen auf die Frage nach der Meinungsmache der Medien.
    Daneben gibt es zeitlose Themen wie Familienzwist, Neid und Rache.

  • Arbeite die zentralen Themen des Werks heraus.

    Tipps

    Karl Moor kämpft für die Armen und gegen die Reichen.

    Am Ende sind sowohl der alte Moor, Karl und Franz tot.

    Lösung

    Aufgrund der für die damalige Zeit sehr kritischen Themen, die „Die Räuber“ behandelt, suchte Schiller zunächst vergeblich nach einem Verleger und entschied sich am Ende sogar, sein Werk im Eigenverlag zu veröffentlichen. Bei der Uraufführung des Stücks 1782 im Mannheimer Nationaltheater wurde schließlich die zensierte Fassung vorgeführt.

    Inspiriert wurde Schiller u.a. durch die für die Epoche des Sturm und Drang zentralen Themen, wie:

    • Vernunft
    • Infragestellen von Normen und Werten
    • Aufgegehren gegen die gesellschaftliche Ordnung
    Im Rahmen der verschiedenen Konflikte innerhalb des Dramas (Generationskonflikt zwischen Vater und Sohn, Bruderzwist, Liebesrivalität) findet weiterhin das
    • Durchbrechen des traditionellen Schemas von Gut und Böse
    statt.

  • Analysiere das Zitat Karl Moors.

    Tipps

    Die 2. Lesart des Werkes stellt das tugendhafte Handeln Karls in Frage.

    Lösung

    Das Zitat zeugt von Karl Moors später Einsicht und Reue. Beide Brüder vereint das Motiv der Rache, das sie dazu verleitet, unvernünftig zu handeln.

    Da Schillers Drama das traditionelle Schema von Gut und Böse durchbricht, ergibt sich ein weites Interpretationsfeld: Tugend und Laster sind ineinander verwickelt und nicht klar voneinander trennbar. Karl, der sich dem Kampf gegen die soziale Ungerechtigkeit verschreibt, begeht im Namen der Gerechtigkeit Gräueltaten. Am Ende erkennt er dies und verurteilt sein unmoralisches Verhalten. In seinen Augen ist der eigene Tod die gerechte Strafe dafür.

    Quelle: Friedrich Schiller: „Die Räuber“, Stuttgart, 2001, S.289.

  • Erläutere unterschiedliche Lesarten der beiden Figuren Karl und Franz.

    Tipps

    Die Figur Karls ist aus Sicht der 2. Lesart nicht tugendhaft.

    Lösung

    „Die Räuber“ liefert ein weites Interpretationsfeld. Besonders in Hinblick auf die Brüder Karl und Franz Moor wird deutlich, dass das traditionelle Schema von Gut und Böse in Frage gestellt wird.

    Tatsächlich sind sich die beiden Charaktere ähnlich. Sowohl Franz als auch Karl reagieren auf die Abweisung durch den Vater und geraten dadurch in einen Kampf zwischen Tugend und Laster. Im Rahmen der Schuldfrage wird innerhalb des Stücks ein moralisches Gericht abgehalten. Wer ist der wahrhaft Tugendhafte? Rechtfertigen tugendhafte Absichten unsittliches Verhalten?

    Während der Held, Karl Moor, gegen den ungerechten Staat und für die Armen kämpft, begeht seine Räuberbande Plünderungen und Morde. Franz, der keiner Räuberbande angehört, erscheint zunächst tugendhaft, schmiedet später jedoch verhängnisvolle Intrigen.

    Diese gesellschaftlichen Konfliktsituationen, sowie der Kampf zwischen Tugend und Laster sind charakteristisch für die Epoche des Sturm und Drang und ganz im Interesse des Jahrhunderts der Aufklärung.

  • Erläutere, inwiefern sich das Werk der literarischen Strömung des Sturm und Drang zuordnen lässt.

    Tipps

    Die Stürmer und Dränger pochten auf die Betonung von Gefühlen.

    Dramatis personae bezeichnet die handelnden Figuren eines Dramas.

    Lösung

    Die Epoche des Sturm und Drang (1767-1785) wurde nach dem gleichnamigen Schauspiel von Friedrich Maximilian Klinger benannt und war in erster Linie eine Protestbewegung junger Autoren. Ihre Vertreter waren Intellektuelle aus gut bürgerlichem Hause, wie Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller und Jakob Michael Reinhold Lenz. Ihr Protest richtete sich dabei gegen:

    • die Obrigkeiten im feudal-absolutistischen Deutschland
    • den Rationalismus der Aufklärung
    • die überkommene Tradition in Kunst und Literatur.
    In der Vorstellung der Stürmer und Dränger galt das Genie als Leitbild, also das Individuum, das sich über gesellschaftliche Konventionen hinwegsetzt und seine Kraft aus der Natur schöpft. Diese Zuschreibung wurde auch Friedrich Schiller zuteil.

    Die Verstandesbetontheit der Aufklärer wich in dieser Zeit der Gefühlsbetontheit. Diese drückt sich in Schillers Werk in der explosiven und ungebändigten Sprache aus. Dabei werden charakteristische Motive wie Vernunft vs. Leidenschaft und Rebellion gegen soziale Ungerechtigkeit beleuchtet.

    Auch das klassische Drama selbst wird von den jungen literarischen Rebellen revolutioniert. Nach dem Vorbild Shakespeares beschränkt sich die Handlung nicht mehr nur auf einen Ort und eine Zeit. Die dramatis personae, also die handelnden Personen im Drama, gehören nun nicht mehr ausschließlich der Adelsschicht an.

    Für viele Autoren, besonders für Goethe und Schiller, war der Sturm und Drang nur eine vorübergehende Phase innerhalb ihres Schaffens.