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„Die Physiker“ – Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte (Dürrenmatt)

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Deutsch-Team

„Die Physiker“ – Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte (Dürrenmatt)

lernst du in der 8. Klasse - 9. Klasse - 10. Klasse

Beschreibung „Die Physiker“ – Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte (Dürrenmatt)

Dürrenmatt hat bekannt, dass es als Dramatiker seine Absicht sei, den mutigen Menschen zu zeigen, der die Weltordnung wiederherstellt. Auf Möbius trifft dies nur teilweise zu. Er fällt zwar den ehrenhaften Beschluss, sich in die Irrenanstalt zurückzuziehen, um die Welt zu retten. Aber er versagt menschlich, lässt seine Familie im Stich, wird zum Mörder. Viel Spaß bei diesem Interpretationsansatz zu Friedrich Dürrenmatts „Die Physiker".

Transkript „Die Physiker“ – Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte (Dürrenmatt)

Dürrenmatt hat stets betont, es sei eines seiner "Hauptanliegen [...] den mutigen Menschen zu zeigen". In Gestalt eines solchen guten Menschen würde, so Dürrenmatt, "die verlorene Weltordnung [...] wiederhergestellt". Aus diesem Grunde stellt sich bei diesem Interpretationsansatz die Frage, ob Möbius der gute Mensch ist, der die Weltordnung wieder herstellt. Möbius fällt zunächst einen zweifelsfrei ehrenhaften Beschluss. Ihm ist eine Erfindung gelungen, die sogenannte “Weltformel”, die die Vernichtung der ganzen Menschheit nach sich ziehen könnte. Er hat die Ethik sicherlich auf seiner Seite, wenn er an die Verantwortlichkeit des Wissenschaftlers für die Konsequenzen seiner Forschungen glaubt. Daher zieht er sich in ein Sanatorium für Geisteskranke zurück, um die Welt vor der Entdeckung seiner Erfindung zu schützen. Hierfür bringt er große persönliche Opfer: 1. Er verliert seine eigentliche Identität, die eines gesunden, in die Gesellschaft integrierten Menschen. Er lebt in Selbstverleugnung. 2. Er verliert seine persönliche Freiheit. 3. Er verzichtet auf sein Familienleben. 4. Er verzichtet auf seine Karriere als Wissenschaftler und damit verbundenes Ansehen und damit verbundenen Reichtum. Dies ist zweifellos mutig und auch selbstlos. Allerdings zwingt er auch seine Familie dazu, den Preis mit ihm zu bezahlen. Seine Frau muss sich einen neuen Mann und auch einen neuen Ernährer und Vater für ihre Kinder suchen. Möbius lässt also seine Familie im Stich. Außerdem tötet er einen Menschen, der ihn liebt: die Krankenschwester Monika Stettler. Es ist eine äußerst bittere Ironie, dass Möbius hier einen Mord begehen muss, um die Menschheit zu retten. Dürrenmatt greift hier also zu drastischen Mitteln, um die Verfassung der Menschen im Kalten Krieg zu charakterisieren. Möbius’ Rechtfertigung für den Mord ist fragwürdig, weil er ihn als Opfer für einen höheren Zweck ausgibt. Hier schimmert ein in der Figur angelegter negativer Charakterzug hindurch: Er handelt tatsächlich nicht besser als die beiden Geheimagenten Newton und Einstein, die ideologisch verhärtete Systeme repräsentieren. Er begibt sich also auf eine Stufe mit den Repräsentanten des Kalten Krieges. So scheitert Möbius zweifach: 1. Er versagt menschlich und begeht einen Mord. 2. Er versagt in seinem Anliegen, die Welt zu retten, weil Mathilde von Zahnd seine Pläne durchkreuzt. Es zeigt sich also ein Widerspruch zwischen seinem hohen moralischen Anspruch als Wissenschaftler und seinem Versagen im Bereich des Menschlichen. Außerdem erweitert sich das Bild am Schluss der Tragikomödie noch zur Sinnlosigkeit: Die Leiterin des Sanatoriums, Mathilde von Zahnd, hat die Unterlagen der Weltformel an sich gerissen. Sie stellt sich als die wirklich Wahnsinnige heraus und will die Weltherrschaft erlangen. Somit war Möbius' Bemühen vergeblich. Die Uraufführung des Stückes fand am 20.02.1962 im Züricher Schauspielhaus statt. "Die Physiker" wurde neben "Der Besuch der alten Dame" zu Dürrenmatts erfolgreichstem Bühnenwerk, obwohl es in den USA und in der Sowjet-Union eher abgelehnt wurde. Die positiven Reaktionen kamen weitgehend aus Westeuropa. Heute wird die Tragikomödie um Johann Wilhelm Möbius nur noch selten aufgeführt. Dies mag dem Umstand geschuldet sein, dass der Kalte Krieg, in dessen Zusammenhängen das Stück angesiedelt ist, mit der friedlichen Revolution von 1989/1990 und dem Untergang der Sowjetunion bereits beendet ist.

Auf der Basis des Interpretationsansatzes kann man festhalten, dass Möbius nur an der Oberfläche der "mutige Mensch" ist. Die Weltordnung wird nicht wieder hergestellt. Stattdessen obsiegt in diesem Stück die größtmögliche Katastrophe des Kalten Krieges.

6 Kommentare

6 Kommentare
  1. Hallo Utku Yesilovaa,
    leider reicht der Platz hier in der Kommentarspalte nicht aus, um eine so ausführliche Frage zu beantworten. Bei offenen Fragen zu einem Thema kannst du auch jederzeit unseren Hausaufgaben-Chat besuchen. Dort beantworten dir unsere Lehrerinnen und Lehrer immer montags bis freitags von 17 bis 19 Uhr deine Fragen.
    Viele Grüße aus der Redaktion

    Von Carolin Kasper, vor 6 Monaten
  2. Erläutere im Anschluss an deine Lektüre folgende Aussage, indem du detailliert auf die einzelnen Personentypen eingehst: „Dürrenmatt
    gestaltet keine Charaktere, sondern modellhafte Figuren. Seine Personen sind Typen, die bestimmte Verhaltensweisen verdeutlichen
    sollen.“
    Wie würden Sie dieser Aufgabe antworten?

    Von Utku Yesilovaa, vor 6 Monaten
  3. Sich moralisch verhalten bedeutet, dass man sich entsprechend der ethisch-sittlichen Grundsätze und Normen einer bestimmten Gesellschaft verhält. Manche dieser Normen werden als universell gültig gehalten, andere variieren von Gruppe zu Gruppe.

    Beste Grüße
    Deine Redaktion

    Von René Perfölz, vor etwa 5 Jahren
  4. Was bedeutet moralisch?

    Von Alina 22, vor etwa 5 Jahren
  5. Liebe Sabrina,

    Gegenwartsbezüge hat das Stück überall dort, wo man es auf heutige Situationen beziehen kann, in denen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aufgrund ihrer moralischen Überzeugungen wissenschaftliche Erkenntnisse geheimhalten, weil sie der Menschheit mitunter schaden könnten. Dies ist natürlich erstmal schwer zu bestimmen, weil man ja nicht wissen kann, ob jemand etwas heutzutage geheimhält, um die Gesellschaft vor bestimmtem Wissen zu schützen. Stattdessen könnte man aber auch etwas allgemeiner überlegen, wo Wissenschaftler gesellschaftliche Verantwortung übernehmen, indem sie öffentlich ihre Meinung gegen bestimmte Forschungsvorhaben zum Ausdruck bringen oder zum Beispiel alternative Forschungsvorhaben unterstützen.
    In den letzten Jahren wurden zum Beispiel Petitionen von Wissenschaftlern unterschützt zum besseren Datenschutz oder zum Klimaschutz.

    Ich hoffe, damit konnte ich dir weiterhelfen.

    Beste Grüße
    Deine Deutschredaktion

    Von René Perfölz, vor fast 6 Jahren
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„Die Physiker“ – Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte (Dürrenmatt) Übung

Du möchtest dein gelerntes Wissen anwenden? Mit den Aufgaben zum Video „Die Physiker“ – Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte (Dürrenmatt) kannst du es wiederholen und üben.
  • Ergänze die Fakten zur Rezeptionsgeschichte von „Die Physiker“.

    Tipps

    Das Stück entstand ein Jahr vor seiner Uraufführung.

    Lösung

    „Die Physiker“ entstand 1961 und wurde am 20.02.1962 im Züricher Schauspielhaus unter der Leitung von Kurt Horwitz uraufgeführt. Neben dem Werk „Der Besuch der alten Dame“ gehören „Die Physiker“ zu den erfolgreichsten Stücken von Dürrenmatt.

    Nach der Uraufführung gehörten „Die Physiker“ zu den meistgespielten Stücken der Saison und das Werk war einer der größten Theatererfolge nach dem Zweiten Weltkrieg. In den USA und der Sowjetunion waren die Reaktionen auf das Stück nicht so positiv wie in Westeuropa. Es wurde aufgrund der kritischen Tendenzen eher abgelehnt.

    Mittlerweile wird das Stück seltener aufgeführt, da das Thema mit der Beendigung des Kalten Krieges an Aktualität verloren hat.

  • Gib wieder, wen die beiden Figuren Isaac und Newton darstellen.

    Tipps

    Die Supermächte USA und Sowjetunion standen sich im Kalten Krieg gegenüber.

    Lösung

    Um Johann Wilhelm Möbius Weltformel zu ergattern, lassen sich die beiden Spione Joseph Eisler und Alec Jasper Kilton in die Irrenanstalt von Mathilde von Zahnd einweisen.

    Joseph Eisler ist ein Spion des Ostblocks, der unter dem Patientennamen Ernst Heinrich Ernesti geführt wird. Um als verrückt zu gelten, gibt er vor, Einstein zu sein.

    Alec Jasper Kilton gibt sich als Patient Herbert Georg Beutler aus. Er gibt vor Newton zu sein, um in der Irrenanstalt bleiben zu können. Kilton spioniert für die Westmächte.

    Die beiden Figuren repräsentierten demnach die beiden ideologisch verhärteten Systeme, die sich im Kalten Krieg gegenüberstanden.

  • Erläutere den Punkt 18 aus Dürrenmatts Dramentheorie in Bezug auf „Die Physiker“.

    Tipps

    Mathilde von Zahnd und Möbius arbeiten nicht zusammen.

    Lösung

    Möbius scheitert in dem Drama an folgenden Punkten:

    • Erstens scheitert er menschlich, da er seine Familie im Stich lässt und eine Krankenschwester tötet.
    • Zweitens scheitert er dabei, die Welt zu retten, da Mathilde von Zahnd hinter sein Geheimnis kommt und seine Pläne durchkreuzt.
    Somit scheitert Möbius grundlegend und Dürrenmatt verdeutlicht in diesem Drama den 18. Punkt seiner Dramentheorie: dass jeder Versuch eines Einzelnen, für sich zu lösen, was alle angeht, scheitern muss.

    Quelle: Dürrenmatt, Friedirch: „21 Punkte zu den Physikern“. URL: http://www.ruhrbarone.de/friedrich-durrenmatt-21-punkte-zu-den-physikern/24789 [12.6.16]

  • Arbeite heraus, ob Möbius Dürrenmatts „mutiger Mensch“ ist, der die verlorene Weltordnung wiederherstellt.

    Tipps

    Dürrenmatts „mutige Menschen“ wollen in einer sinnlosen und hoffnungslosen Welt dennoch bestehen.

    Lösung

    Auch wenn Möbius am Ende scheitert und seinen Plan, die Welt zu retten nicht umsetzten kann, kann man ihn nach Dürrenmatts Definition als einen „mutigen Menschen“ bezeichnen.

    Dürrenmatts „mutiger Mensch“ möchte in einer paradoxen Welt, die von Sinnlosigkeit und Hoffnungslosigkeit bestimmt ist, bestehen. Er soll laut Dürrenmatt die verlorene Weltordnung wiederherstellen.

    Dies schafft Möbius zwar nicht, dennoch macht der Versuch ihn zu einem „mutigen Menschen“.

  • Benenne das Hauptanliegen von Dürrenmatts Dramatik.

    Tipps

    Den Kern von Dürrenmatts Theaterkonzept stellt die Ablösung der Tragödie von der Komödie dar. Der tragische Held verliert für Dürrenmatt seine Existenzberechtigung.

    Lösung

    Dürrenmatts mutiger Mensch zeichnet sich dadurch aus, dass er sich mit der Hoffnungslosigkeit und Ungerechtigkeit der Welt nicht abfindet und versucht, trotzdem in der Welt zu handeln. Dies gibt dem Leben einen Sinn in einer sonst sinnlosen Welt. Die mutigen Menschen stellen mit ihrer persönlichen Leistung wie der Übernahme von Verantwortung, Opfern und Schuld eine verlorene Weltordnung wieder her, die so nicht mehr existiert oder gar nie existiert hat.

    Quelle: Dürrenmatt, Friedrich: Theaterprobleme. In: Werkausgabe in siebenunddreißig Bänden Bd 30, Zürich: Diogenes, 1998, S. 63.

  • Erläutere, was die Groteske für eine Funktion bei Dürrenmatt hat.

    Tipps

    Nach Dürrenmatt entzieht die Welt sich einem rationalen Zugriff.

    Lösung

    Dürrenmatts sieht die moderne Welt als chaotisch und undurchschaubar an. Er glaubt weder wie beispielsweise Aristoteles an einen sinnstiftenden und ordnenden Gott und die Geschichte erscheint ihm im Gegensatz zu beispielsweise Brecht nicht als ein auf Fortschritt gerichteter Prozess, sondern als eine Abfolge zufälliger, katastrophaler Geschehnisse. Er empfindet die Welt als absurd, grotesk und sinnlos.

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