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„Der Vorleser“ – Personenkonstellation (Schlink)

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Deutsch-Team
„Der Vorleser“ – Personenkonstellation (Schlink)
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Grundlagen zum Thema „Der Vorleser“ – Personenkonstellation (Schlink)

Die Beziehung zur viel älteren Hanna prägt Michaels gesamtes Leben und führt zur Bindungsunfähigkeit. Hanna versucht ihr Leben lang, ihren Analphabetismus zu verstecken und wird dadurch zu einer gestörten Persönlichkeit. Beide verstricken sich in Schuld, doch nur einer von beiden schafft die Verarbeitung seiner Misere. Erfahre in diesem Video alles über die zwei Hauptcharaktere des Romans "Der Vorleser" und ihre Beziehung zueinander. Viel Vergnügen!

Transkript „Der Vorleser“ – Personenkonstellation (Schlink)

Eine Analphabetin macht sich vielfach schuldig, um ihre Schwäche zu vertuschen.

Passagenweise scheint dies die Geschichte von “Der Vorleser” zu sein. Dann wäre Hanna Schmitz die Hauptfigur. Würdest du das so sehen? Oder ist der Roman vielmehr die Entwicklungsgeschichte von Michael Berg, dem Ich-Erzähler? Zu Beginn des Romans ist Michael 15 Jahre alt, am Ende 50 Jahre. Wir lernen ihn in verschiedenen Phasen seines Lebens kennen, als Schüler, Student, Referendar und Jurist. Dargestellt wird sein Scheitern, sein Schuldigwerden, seine Unfähigkeit, Verantwortung zu tragen. Aber das alles hängt mit Hanna zusammen. Die Figur Michael Berg charakterisiert sich primär durch das Verhältnis zu Hanna.

Wie verhalten sich die Figuren in diesem Verhältnis? Wie geht Michael mit Hannas Lebenslüge um? Wo sind die Parallelen zwischen den beiden? Im ersten Teil 1958 erscheint der fünfzehnjährige Michael Berg wie ein typischer Jugendlicher seines Alters.

Er hat sexuelle Wünsche, Träume und Nöte, sucht seine Identität und löst sich langsam von der gutbürgerlichen Familie ab. Zudem hat er eine ungewöhnliche Intelligenz, schafft trotz monatelangen Fehlens die Versetzung. Abitur und Studium fallen ihm leicht. Dazu passt sein Ehrgeiz, der aus dem Streben nach Anerkennung und Ansehen resultiert. Michael ist sensibel - er hat eine ausgeprägte Fähigkeit, die Erlebnisse zu reflektieren: “Habe ich mich in sie verliebt als Preis dafür, dass die mit mir geschlafen hat?!” fragt er sich. Er ist also sehr selbstanalytisch und erkennt seine sexuelle Begierde als Handlungsmotiv. In seiner Beziehung zu Hanna geht es zuerst nicht um Liebe, sondern um Trieb, um Verführung und zwanghafte Begierde. Michael entwickelt eine Hörigkeit und Abhängigkeit - Hanna nimmt immer mehr Besitz von ihm ein. Die Beziehung ist zudem stets von Hannas Altersunterschied und deren Analphabetismus belastet. Beruflich ist Michael in seinem Leben erfolgreich, er scheitert jedoch emotional. Alle Beziehungen zu anderen Frauen scheitern, weil er jede mit Hanna vergleicht. Er ist bindungsunfähig. Liebe und Freundschaft klammert er aus seinem Leben aus. Aus Schutz gibt er sich außerdem unerschütterlich und abgeklärt - damit er nie mehr so enttäuscht und verletzt werden kann wie von Hanna.

Durch die frühe Prägung in sexueller Hinsicht und das damit verbundene Erlernen von distanziertem, lieblosen Verhalten ist Michael Berg zu einem egozentrischen Menschen ohne Verantwortungsbereitschaft geworden. Er analysiert sich und die Dinge zwar richtig, aber sein Handeln ist nicht konsequent ausrichtet. Er ist keine selbstbestimmte Persönlichkeit. Als Michael Hanna im Gerichtssaal wiedersieht, fühlt er erstmal nichts. Er möchte sie körperlich auf Abstand halten, so wie alle anderen Frauen und auch Freunde. Während des Prozesses muss er seine Auffassung von Recht infrage stellen, denn es fällt ihm schwer, Hanna nur als Mörderin zu sehen.

Der Prozess löst bei Michael Schuldgefühle und offenen Fragen aus, auf die er nie eine Antwort findet. Schuldgefühle gegenüber Hanna hatte er bereits, als sie nach dem Schwimmbadaufeinandertreffen plötzlich weggezogen war. Jetzt plagt ihn das Gewissen, weil er eine Mörderin geliebt hat und den Kontakt vermeidet. Durch das Aufschreiben will er die Erlebnisse verarbeiten, sich von den plagenden Erinnerungen lösen, schafft dies aber nach eigener Aussage nicht. Durch Michaels Beschreibungen lernen wir Hanna kennen: Ihre kräftige Statur, ihren breiten Rücken und ihre kräftigen Arme. Ihr äußeres Erscheinungsbild und ihre geistige Dominanz verliehen ihr den Spitznamen “Pferd” - sowohl bei Michael, als auch bei den ihr anvertrauten Häftlingen.

Hanna wird 1922 in Siebenbürgen geboren und kommt mit 17 Jahren nach Berlin, wo sie eine Stelle bei der Firma Siemens annimmt. Mit 21 Jahren geht sie “zu den Soldaten”, also zur Waffen-SS. Im Winter 1944/45 flüchtet sie mit den Gefangenen nach Westen, da die Ostfront zusammenbricht. Nach dem Krieg wird sie Straßenbahnschaffnerin. 1958 lernt die Michael kennen. Hanna Schmitz begegnet ihm und uns in zwei Rollen: Zunächst als 36-jährige Straßenbahnschaffnerin, die eine sexuelle Beziehung zum minderjährigen Michael hat, was gesetzlich strafbar ist. In dieser Rolle erscheint sie dominant, aber auch liebevoll.

Während des Gerichtsprozesses lernen wir die 43-jährige Hanna als ehemalige KZ-Aufseherin kennen. In dieser Rolle wirkte sie gefühlskalt und beherrschend. Hanna hat also einen Mischcharakter, hat gute und böse Seiten. Gerade das macht es Michael und dem Leser schwer, sie lediglich in ihrer Täterrolle zu sehen. Vor allem auch, weil Hannas Leben durch den Analphabetismus geprägt ist. Sie versucht ständig, diese Schwäche zu verbergen, und verstrickt sich so in tiefe Lügen.

Die Gründe für ihren Analphabetismus bleiben im Dunkeln, denn insgesamt ist Hanna bildungsfähig. Es wird auch deutlich, dass sie einen Sinn für Literatur hat. Das Verbergen ihres Analphabetismus ist jedoch dafür verantwortlich, dass Hanna den Arbeitsplatz wechselt und sich in den KZ-Dienst verstrickt. Dabei macht sie sich vor allem schuldig, weil sie ihre Vorleserinnen nach Auschwitz zurückschickt. Insgesamt wirkt Hanna willensstark und machtbewusst. Bei einem Streit kann sie wütend werden und brutal handeln, im Lager galt sie als grausam und unbeherrscht. Auch dies wahrscheinlich eine Kompensation ihres Analphabetismus.

Hätte sie lesen können und somit die Anklageschrift gekannt, wäre es einfach gewesen, einer Gefängnisstrafe zu entgehen. Indem sie vorgibt, den Bericht geschrieben zu haben, um einem Schriftvergleich zu entgehen, belastet sie sich selbst. Ihr ganzes Wesen und ihr Handeln werden also durch das Gefühl beherrscht, die Schande, das Defizit verbergen zu müssen. Das macht sie zu einer gestörten Persönlichkeit. Ihre penible Reinlichkeit, das ständige Baden und Duschen, die Sauberkeit im Haus sollen symbolisch die Schuld von ihr nehmen. Im Gefängnis wäscht sie sich irgendwann nicht mehr und lässt sich gehen - vielleicht ein Zeichen für das Eingestehen ihrer Schuld und die Auseinandersetzung damit. Im Gefängnis wird aus der harten Hanna eine konsequent handelnde Frau, die sich durch Literatur mit den Verbrechen des Nationalsozialismus beschäftigt. Sie lernt, Verantwortung zu übernehmen - das passiert aber nur, weil sie Lesen lernt. Erst im Gefängnis in ihren letzten Lebensjahren stellt sie sich ihrer Schwäche, was sie als starke und ehrgeizige Frau auszeichnet. Dennoch bringt sie sich um, mit 61 Jahren, einen Tag vor der Entlassung aus ihrer 18-jährigen Haft. Fühlte sie sich trotz Michaels Besuch von ihm verlassen? Hat sie gespürt, dass sie eine Belastung für ihn geworden wäre? Hatte sie Angst vor dem neuen Leben da draußen? Wollte sie mit ihrem Tod weiterhin ihre Schuld sühnen und die Verantwortung übernehmen? Diese Fragen stellen sich Michael und der Leser. Hanna und Michael haben also großen Einfluss auf die Entwicklung des anderen, sowohl positiv als auch negativ. Dabei wird klar, dass sie gar nicht so unterschiedliche Menschen sind, wie es erst scheinen mag: Die Hauptfiguren sind beide gemischte Charaktere, d.h. beide weder einseitig gut noch einseitig schlecht.

Beider Fehlverhalten ist begründet: Hanna hat Angst vor der Aufdeckung ihrer Vergangenheit und ihres Analphabetismus. Michael hat Angst, Hanna zu verlieren und später davor, wieder verletzt zu werden. Beide verbindet die Literatur - und ihre intensive sexuelle Beziehung. Dennoch sind sie sich insgesamt fremd: Michael und Hanna räumen sich also gegenseitig nur bedingt Platz im Leben des anderen ein.

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