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„Der Vorleser“ – Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte (Schlink) 09:25 min

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Transkript „Der Vorleser“ – Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte (Schlink)

Stell dir vor, du hättest das erlebt, was Michael erlebt hat. Oder du wärst in Hannas Situation gewesen.

Wie hättest du gehandelt? Wie hättest du dich in den Ereignissen und Konflikten verhalten? Welche ethisch-moralische Auffassung von Leben hast du? Was ist der Mensch? Fragen über Fragen. Michael stellt sich permanent diese und andere Fragen. Einen Großteil davon muss der Leser aber für sich selbst beantworten. “Der Vorleser” nötigt ihn, sich über die Verbrechen und das eigene Verhältnis dazu Gedanken zu machen.

Es sind Fragen philosophischer Dimension. Antworten oder Lösungen gibt der Roman nicht vor. Schlink vermeidet eindeutige Festschreibungen von Schuld und Unschuld, Täter und Opfer, Gut und Böse. Er stellt so gerade die Ambivalenzen des Daseins, die Vielschichtigkeit des Lebens und die Komplexität der Wirklichkeit dar.

Dafür vereint Schlink in seinem Roman viele große Themen: Liebe, Sexualität, Missbrauch, Schuld, NS-Verbrechen und Verstrickung in deren Folgen, Analphabetismus, Versagen, Verantwortung und der Versuch, die Konflikte aufzuarbeiten - hier durch das Aufschreiben der Erlebnisse. Nehmen wir das Hauptthema Schuld.

“Der Vorleser” thematisiert die moralische und auch juristische Frage der Schuld am Dilemma des Ich-Erzählers Michael: Einerseits will der Jura-Student Michael die deutsche Vergangenheit aufarbeiten und Kriegsverbrecher bestraft sehen, andererseits ist er hinsichtlich der KZ-Aufseherin und früheren Geliebten in seinem Urteil befangen. Er kann in ihr nicht nur die böse und gefühlskalte KZ-Aufseherin sehen, sondern sieht in ihr auch immer noch die ihn erregende und liebende Frau. Dadurch stellt er die Anklagerituale, die nur den Kriminellen, aber nicht die Person und deren Lebenshintergründe sehen, infrage. Michael fragt sich, ob man beides kann: Verstehen UND verurteilen? Er reflektiert so die Kollektivschuld der Deutschen, aber auch seine eigene Schuld. Ist er auch Täter, weil er eine KZ-Aufseherin geliebt hat? Oder ist er Opfer ihres Missbrauchs? Zumindest ist sein zukünftiges Beziehungs- und Sexualleben durch die frühe und ungleiche erotische Begegnung nachhaltig gestört. Indem Schlink den Menschen seines Romans ähnliche Grundtendenzen unterstellt, macht er deutlich, wie schwierig es ist und zu allen Zeiten sein wird, nicht schuldig zu werden. Schlink selbst zählt zu Michaels Generation, die die Täter ihrer Elterngeneration für die Kriegsverbrechen bestraft sehen will. In “Der Vorleser” zeigt er, dass die Angeklagten keine Überzeugungstäter sind.

Sie haben nicht aus antisemitischen Motiven getötet, sondern aus persönlichen, egoistischen Motiven wie Geldverdienen, den Job erledigen, bald Feierabend haben.

So nutzen verbrecherische Regime den Egoismus der Mitläufer für ihr Ziel aus. Diese wissen, dass sie Unrecht tun - ihr Vorteil ist ihnen aber wichtiger ist als ethische Überlegungen. Deshalb handeln sie verantwortungslos. Auch Hannas Handeln ist nicht von überzeugtem Nationalsozialismus bestimmt, sondern hauptsächlich durch das Verbergen ihres Analphabetismus.

Man muss sich also fragen: Ist Hanna brutale Täterin oder Opfer ihres Analphabetismus?

Analphabetismus ist ein Tabuthema - die Betroffenen schämen sich und entwickeln Strategien zur Verheimlichung. Der Roman zeigt, was für fatale Folgen Analphabetismus haben kann. Ist Hanna also nicht schuldig, weil sie Analphabetin ist? “Als würde ich meinen, wenn man nur gebildet ist, sei man auch moralisch. Als würde ich meinen, indem Hanna Schmitz zu lesen gelernt hat, habe sie ihre Schuld begriffen und sei geläutert.”, erbost sich Schlink.

Er wehrt sich gegen Schwarz-Weiß-Denken und erklärt zu dem Vorwurf, er würde Hanna ein inakzeptables menschliches Antlitz geben: “Aber wenn die Täter immer Monster wären, wäre die Welt einfach.” Seine Generation habe vielfach erlebt, dass nahestehende, geliebte und respektable Personen, Pfarrer, Arzt, Vater, eines Tages eine solch dunkle Vergangenheit aufweisen wie Hanna.

“Ich habe kein Holocaust-Buch geschrieben.”, erklärt Schlink. “Ich habe ein Buch über meine Generation im Verhältnis zur Elterngeneration und zu dem, was die Elterngeneration gemacht hat, geschrieben.” Dabei macht der Autor es dem Leser leicht, den Gefühlen und Konflikten seiner Figuren zu folgen - denn er erzählt mit einfühlsamer und transparenter Sprache. Simplizität des Stils. Kurze Sätze. Lineare Erzählung. Die Sprache ist einerseits klar und präzise, andererseits differenziert - sie tastet sich an die Sache heran, damit die Wirklichkeit wahrheitsgetreu formuliert werden kann. Vorgriffe, Kommentare und Reflexionen bauen eine permanente Spannung auf. Obwohl der Erzähler über Geschehenes reflektiert, ist die Handlung immer sehr präsent, denn er schildert sehr genau seine damaligen Gefühle und beschreibt das Gesehene detailliert.

Rainer Moritz drückt das so aus:

“Bernhard Schlinks Erzählkunst besteht darin, fern aller Political Correctness zwei ineinander verschränkte Biographien mit schnörkelloser, unerbittlicher Wahrhaftigkeit nachzuzeichnen. (...) Es sind die einfachen Sätze dieses Romans, die ein kaum erträgliches Maß an Erschütterung in sich bergen. Schlink reiht sie aneinander, ohne jedes Auftrumpfen, gibt ihnen eine Resonanzkraft, wie sie allein große Literatur besitzt.” Bei seinem Erscheinen 1995 wird “Der Vorleser” in 25 Sprachen übersetzt - und innerhalb des ersten Jahres 700.000 Mal verkauft. In Deutschland steht der Roman über 137 Wochen auf der Bestsellerliste. Für “Der Vorleser” hat Bernhard Schlink etliche Preise erhalten, z.B. den Hans-Fallada-Preis und den italienischen Literaturpreis Grinzane Cavour. In einer Laudatio zu “Der Vorleser” wird treffend gesagt: “Das Buch erzählt von der Hilflosigkeit juristischer Formeln auf die größte Katastrophe unserer Zeit”. 2008 wird “The Reader” von Hollywood verfilmt, mit Kate Winslet, David Kross und Ralph Fiennes unter der Regie von Stephen Daldry. “Die Welt” schreibt zur Berlinale-Premiere:

“In dem Mikrokosmos der Hanna/Michael-Beziehung spiegeln sich die ganzen unbeantwortbaren Fragen der 60 vergangenen deutschen Jahre. (...) Schlinks Buch – und kongenial Daldrys Film – bringen es fertig, diese Fragen mit dem größten Ernst zu stellen und sie für einen einzigen, speziellen, privaten Fall zu beantworten.” Und diese Fragen werden sich wohl noch sehr viele Generationen von Menschen stellen.