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„Der Vorleser“ – Entstehungsgeschichte (Schlink) 08:14 min

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Transkript „Der Vorleser“ – Entstehungsgeschichte (Schlink)

Sich ein Problem stellen und es dann lösen. Diese Tätigkeit ist Bernhard Schlink gewohnt. Denn er ist hauptberuflich Jurist und Richter. Sich ein Problem stellen und es dann lösen. Diese Möglichkeit findet er jedoch auch beim Schreiben von Kriminalromanen vor. Er veröffentlicht erfolgreich drei Bände. Doch dann schreibt Bernhard Schlink seinen ersten Nicht-Krimi. “Der Vorleser” wird international ein Riesenerfolg. Wie kommt Schlink dazu? Wie passt das zusammen? Ist er sich selbst untreu geworden oder ist genau seine Treue zum Prinzip das Erfolgsgeheimnis? Bernhard Schlink ist 41 Jahre alt, als er zwar keinen Krimi schreibt, aber einen Roman, der so spannend ist wie ein Krimi. Schon in seinen vorangegangenen Kriminalromane hat er gern Gesellschaftskritik verpackt - und stets hatten die Hauptfiguren etwas mit Juristerei zu tun.

Sein Roman “Selbs Justiz” handelt vom 68-jährigen Privatdetektiv Gerhard Selb, den ein Auftrag zurück in die eigene Vergangenheit als Staatsanwalt während der Zeit des Nationalsozialismus führt. In “Die gordische Schleife” ist der Protagonist Georg Polger ein ehemaliger Jurist, der als Übersetzer nach Südfrankreich aussteigt und durch die Übersetzung von Konstruktionsplänen für Kampfhubschrauber in das Visier eines Spionagerings gerät. Der Kriminalroman erhält den Friedrich-Glauser-Preis.

In “Der Vorleser” wird der Protagonist Michael Berg erst Jurist und später Rechtshistoriker. Er setzt sich mit Rechtsfragen bezogen auf im Nationalsozialismus verübte Taten auseinander. Auch diese Themen fehlen in keinem von Schlinks Romanen: politische Aktualität und die deutsche Vergangenheit. Was war aber nun genau der Auslöser, den “Vorleser” zu schreiben? Bernhard Schlink erklärt, es sei Ost-Berlin gewesen. Dort musste er Anfang der 90er Jahre als Gastprofessor wochenlang an die Humboldt-Universität kommen.
“Die Welt ohne die Farben und Töne, die grauen Häuser, die schlechten Straßen, der geringe Verkehr, der Holzzaun, den ich mit der Hand zerkrümeln konnte wie in meiner Kindheit - das alles hat die fünfziger Jahre so lebendig vor mein inneres Auge gebracht, dass ich über sie schreiben konnte.” Genau zu der Zeit beginnt auch eine dritte Welle der Auseinandersetzung mit dem Holocaust. Die erste Welle direkt nach dem Krieg 1945 war die Trümmerliteratur. Darin verarbeiten die Betroffenen und Erschütterten den Krieg, Gefangenschaft, Schrecken und Erlebnisse des Holocaust literarisch.

Die zweite Welle der Auseinandersetzung mit dem Holocaust entsteht in den 60er-Jahren in Form einer Politisierung der Literatur und Studentenrevolten, heftigen Auseinandersetzungen und Beschuldigungen mit ihren Eltern und dem Etablissement. Durch die junge Generation wird radikale Kritik an der widerstandslosen Beteiligung am Nationalsozialismus geäußert. Es entsteht eine Diskussion um die Themen Verantwortung, Verdrängung und Versagen der Elterngeneration. Die dritte Welle der Auseinandersetzung ist mit dem Holocaust in den 90er-Jahren zu verorten. Die Autorinnen und Autoren, die sich neu zu Wort melden, sind überhaupt nicht oder kaum noch mit ihrer eigenen Lebensgeschichte in der Zeit des Nationalsozialismus verwurzelt. Es wird eine allgemeine Ebene der Auseinandersetzung mit menschlichen Verhaltensweisen, Fragen von Schuld und Sühne, Egoismus und anderen Unzulänglichkeiten erreicht. Es wird deutlich gemacht, dass es nicht möglich ist, dem historischen Erbe zu entkommen, es zu bewältigen. Diese Texte mischen Heiterkeit und Leichtigkeit mit Melancholie.

Auch wenn nichts Humorvolles in seinem Text zu finden ist, reiht sich Schlink mit seiner leichten Erzählweise in diesen Tenor ein. In seinem Roman tauchen zudem alle drei Generationen auf: Hanna und die überlebende Tochter sind unmittelbar in die Ereignisse verstrickt - gehören also zur ersten Generation der Täter und Opfer. Michael und seine Mitschüler sind die nächste Generation, die Kinder der Beteiligten, die kritisch fragen und anklagen. Schließlich kennen die Enkel als dritte Generation den Holocaust nur aus Dokumentationen, Filmen, sind Leser des Romans und aufgeklärte Zeitgenossen. Bernhard Schlink erklärt, dass ihn das Thema Schuld und Verstrickung in Schuld schon lange beschäftigt hat, auch wissenschafltich. “In meinem Kopf spiele ich immer mit Geschichten, und ich hatte mit den Elementen von „Der Vorleser“ schon länger gespielt. In dem Spiel mit den Elementen der Geschichte ging es von Anfang an um eine Frau. Sie war auch von Anfang an Analphabetin. Über der Wiederbegegnung mit der Welt der fünfziger Jahre in Ost-Berlin fügten sich die Elemente zur Geschichte des Romans.”

Ansonsten hält Schlink sich bedeckt, erklärt, dass die anderen Elemente aus Gehörtem, Gesehenem, Gefühltem und Erinnertem kämen: “Wie genau sich das zusammenfügt, keine Ahnung. (...) Natürlich spielt das Autobiographische immer hinein, aber wenn ich “Roman” drauf schreibe, ist es eben Fiktion” Sich ein Problem stellen und es dann lösen. Das ist definitiv etwas Autobiographisches, weil Bernhard Schlink die Denk-, Arbeits- und Schreibprozesse eines Juristen auch beim literarischen Schreiben anwendet. Daraus resultiert auch beim “Vorleser” seine viel gelobte knappe und präzise Darstellungsweise.

Auch sein erster Nicht-Krimi dreht sich letztlich um den Komplex von Recht und Gerechtigkeit. Bernhard Schlink stellt die Frage, wie über Taten, die unter einem anderen Rechtssystem begangen wurden, zu urteilen ist. Das Buch beantwortet die Frage bewusst nicht. Schlink fordert jeden Leser auf, sich die Frage selbst zu beantworten. Jeder für sich soll sich ein Problem stellen und es dann lösen.