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„Der Sandmann“ – Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte (Hoffmann) 05:22 min

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Transkript „Der Sandmann“ – Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte (Hoffmann)

E.T.A. Hoffmann: Der Sandmann - Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte

Nur wenige Erzählungen der deutschen Literatur sind so häufig und so unterschiedlich interpretiert worden wie E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“. Man könnte sogar sagen, die Vielzahl der Interpretationen sind selbst Gegenstand der Forschung geworden.

Was macht fast 200 Jahre später das Schillernde, Vielschichtige eines Textes aus, der nur 30 Seiten umfasst und 1816 zum ersten Mal veröffentlicht wurde?

Das Echo nach Erscheinen der „Nachtstücke“ war geteilt. Viele Zeitgenossen interpretierten die Erzählung als eine Krankengeschichte, in der Hoffmann seine eigenen Ängste zum Ausdruck brachte. Dazu zählten unter anderem Goethe, Heinrich Heine und der englische Autor Walter Scott.

Tatsächlich hatte Hoffmann in Bamberg Bekanntschaft mit dem Nervenarzt Dr. Marcus gemacht. Dieser weihte ihn in die Krankengeschichten seiner Patienten ein. Es gibt auch Dokumente, die darauf verweisen, dass Hoffmann Zeit seines Lebens fürchtete, selbst wahnsinnig zu werden.

Trotz dieser negativen Kritiken gelangt Hoffmanns Erzählung über den Umweg durch England und Frankreich zu größerer Bekanntheit. Hoffmann gilt dort als herausragender Dichter des Phantastischen und Grotesken. Er wird als Autor Vorbild für zahlreiche berühmte Schriftsteller, wie zum Beispiel Edgar Allan Poe, Fjodor Dostojewski, Charles Baudelaire oder Honoré de Balzac.

Im 20. Jahrhundert schloss sich Sigmund Freud der Auffassung an, dass Hoffmann im „Sandmann“ vorwiegend seine eigenen Probleme zum Ausdruck brachte. Freud machte seine Interpretation an zwei Themenkomplexen fest. Er deutet den Augenraub als Kastrationsangst. Dieses mit dem Sandmann verknüpfte Trauma wiederholt sich immer wieder und führt schließlich in die Katastrophe.

Das Unheimliche schlechthin sah Freud im Automaten Olimpia verkörpert. Der Zweifel, ob sie lebendig ist oder nicht, knüpfe an eine überwundene Realitätserfahrung an. Gemeint ist damit zum Beispiel die kindliche Allmachtsphantasie, dass bloßes Wünschen die Realität verändern könne. In diesem Sinn ist Nathanael ein Mann, der sein Kindheitstrauma einfach nicht überwinden kann.

Hoffmanns Erzählweise ist wegweisend. Dazu gehört auch eine Struktur, in der einzelne Motive oder Motivgruppen den gesamten Text durchziehen So bilden sie ein ganzes Netz von Querverweisen. Außer dem Augenmotiv, dem Automatenmotiv und dem Sandmannmotiv spielen noch das Künstlermotiv, die Darstellung des Bürgers und das Motiv des Doppelgängers eine wichtige Rolle.

Allen Bereichen gemeinsam ist, dass sie von Hoffmann als ambivalent dargestellt werden: Die Augen sind Fenster zur Seele und gleichzeitig angstvoll besetzt. Der Automat ist ein Produkt der Kunst und Inbegriff des Unheimlichen. Der Sandmann gehört der Übergangszone zwischen Tag und Nacht, zwischen Wahn und Wirklichkeit an. Die Phantasie des Künstlers wiederum ist Ideal und Ursache für den Wahnsinn. Der Bürger ist Aufklärer und kunstfeindlicher Philister. Der Doppelgänger ist per se in sich zweigeteilt.

So wird der Leser in ein verwirrendes Spiel getrieben und verliert schließlich die Orientierung. Das ist Hoffmanns Strategie. Nicht Wahn oder Wirklichkeit, nicht bürgerliche Realität oder magische Gegenwelt, nicht Kunst oder Brotberuf: die Dinge sind so, wie die Vorstellung, die wir uns von ihnen machen. Der Leser ist frei, sich selbst eine Idee zu bilden. Dass diese Relativität der Interpretation eine postmoderne Idee ist, konnte Hoffmann natürlich noch nicht wissen.

3 Kommentare
  1. Cooles Video, danke fafür :)

    Von Florian Feilmeier, vor mehr als 5 Jahren
  2. Danke für das Lob und den Hinweis. Wir kümmern uns darum.
    Liebe Grüße,
    Franziska

    Von Franziska G., vor mehr als 6 Jahren
  3. Eure Videos sind prima - da steckt richtig Arbeit drin!

    Aber den "gesammten Text" schreibt man trotzdem nur mit einem m.
    Sorry: Deutschlehrer halt...

    Von J Koehler, vor mehr als 6 Jahren

„Der Sandmann“ – Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte (Hoffmann) Übung

Du möchtest dein gelerntes Wissen anwenden? Mit den Aufgaben zum Video „Der Sandmann“ – Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte (Hoffmann) kannst du es wiederholen und üben.

  • Gib an, wie Heine, Goethe und Scott Hoffmanns Text interpretierten.

    Tipps

    Einige der Interpretationsansätze stammen aus dem 20. Jahrhundert und sind von Sigumund Freud.

    Lösung

    „Der Sandmann“ behält eine Fülle von Interpretationen bereit, die mittlerweile eigens erforscht werden.

    Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) Heinrich Heine (1797-1856) und Walter Scott (1771-1832) interpretierten Hoffmanns Text als Krankengeschichte, in der Hoffmann seine eigenen Ängste zum Ausdruck bringt.

    E. T. A. Hoffmann, der 1808 nach Bamberg kam, war mit dem Nervenarzt Dr. Adalbert Friedrich Marcus befreundet. Dieser galt zu jener Zeit als führend auf seinem Gebiet. Marcus zeigte Hoffmann Akten seiner Patienten und könnte ihn dadurch in seinem Schaffen beeinflusst haben.

  • Gib wieder, wem E. T. A. Hoffmann als Vorbild diente.

    Tipps

    Goethe interpretierte Hoffmanns „Der Sandmann“ als Dichtung eines kranken und leidenden Mannes.

    Lösung

    E. T. A. Hoffmann gilt als herausragender Schriftsteller des Fantastischen und Grotesken und diente u.a. folgenden Schriftstellern als Vorbild:

    • Edgar Allan Poe (1809-1849), ein amerikanischer Schriftsteller, der unter anderem folgende Werke geschrieben hat: „Der schwarze Kater“, „Das verräterische Herz“.
    • Fiodor Dotojewski (1821-1881), ein russischer Schriftsteller, der unter anderem für folgende Werke bekannt ist: „Schuld und Sühne“, „Der Spieler“.
    • Charles Baudelaire (1821-1867), ein französischer Schriftsteller, unter anderem bekannt für „Die Blumen des Bösen“, „Die künstlichen Paradiese“.
    • Honoré de Balzac (1799-1850), ein französischer Schriftsteller, der unter anderem für „Vater Goriot“ und „Oberst Chabert“ bekannt ist.
    Scott verriss „Der Sandmann“ nach der Veröffentlichung und auch Goethe sah das Werk kritisch.

  • Charakterisiere und deute die Figur des Sandmanns mithilfe des Textauszuges.

    Tipps

    Hoffmanns Erzählung zälht zur Gattung des Schauerromans.

    Lösung

    Der Sandmann ist in E. T. A. Hoffmanns Erzählung ein unheimliches Geschöpf, vor dem Nathanael seit seiner frühen Kindheit Angst hat. Er verschmilzt für Nathanael mit der Person des Coppelius. Nathanael glaubt, dass der Sandmann Kindern die Augen klaut und ihnen damit die Seele raubt. Der Sandmann ist in der Übergangszone zwischen Tag und Nacht, Wahn und Wirklichkeit angesiedelt und die zentrale Figur der Erzählung.

  • Erläutere Hoffmanns Erzählstrategie.

    Tipps

    Der Leser verliert leicht die Orientierung in der Erzählung.

    Lösung

    E. T. A. Hoffmanns Erzählung ist vielschichtig und spielt mit einem Netz von Querverweisen, die sich durch den Text ziehen. Durch die Verknüpfung verschiedener Motive, eine verrätselte Handlung sowie die Erzählsituation stellt Hoffmann eine Ambivalenz her, die der Leser bis zum Schluss nicht auflösen kann. Es herrscht auf allen Ebenen eine Realitätsunsicherheit, die zu einer Vielzahl von verschiedenen Interpretationen führt.

    Beim Lesen von Hoffmann zeigt sich, dass Texte mehr als eine Interpretationsmöglichkeit haben, die sich von Leser zu Leser je nach persönlichem und kulturellem Hintergrund unterscheidet.

  • Gib an, über welche Umwege Hoffmanns Werk zu größerer Bekanntheit gelangte.

    Tipps

    Das Werk wurde von Literaten und Literaturkritikern zunächst abgelehnt, hatte dann aber großen Erfolg bei der Leserschaft im Ausland.

    Lösung

    E. T. A. Hoffmans „Der Sandmann“ wurde von Literaten und Literaturkritikern abgelehnt. Walter Scott, ein schottischer Dichter und Schriftsteller, verriss das Werk 1827 dermaßen, dass es die gesamte europäische Rezeption beeinflusste. Über den Umweg nach Frankreich und England gelangte „Der Sandmann“ dennoch zu größerer Beliebtheit. Es kam besonders beim Massenpublikum gut an.

  • Analysiere das Automaten-Motiv im Hinblick auf die Romantik.

    Tipps

    Das Verhältnis Mensch und Technik war ein Thema, mit dem sich viele Autoren der Romantik beschäftigen.

    Lösung

    Im 18. Jahrhundert fand eine immer bessere Entwicklung von naturähnlichen Automaten statt. Wie viele Romantiker verfolgte E. T. A. Hoffmann diese Entwicklung fasziniert und besucht 1813 beispielsweise eine Automatensammlung in Dresden. Auch soll er selbst einige Automaten gebaut haben. Bei vielen Romantikern herrscht ein großes Interesse an Automaten: Das Automaten-Motiv taucht beispielsweise bei Jean Paul*, Clemens Brentano und Bonaventura* auf.

    Die Romantiker kritisieren das **mechanische und technische Erklären der Welt, welches in der Aufklärung betrieben wurde. Die Betrachtung der Welt als Maschinerie macht den Menschen aus der Sicht der Romantiker zu einem Bestandteil dieser und somit selbst zu einer Maschine.

    Im Sandmann wirkt die kalte und leblose Olimpia im Gegensatz zum phantasievollen und künstlerisch begabten Menschen dargestellt. Der Automat ist der Inbegriff des Unheimlichen.