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„Antigone “ – Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte (Sophokles) 05:53 min

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Transkript „Antigone “ – Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte (Sophokles)

Die Titelheldin Antigone bricht bewusst ein Gesetz, obwohl sie weiß, dass die Todesstrafe darauf steht. Und Kreon, ihr Onkel, der zugleich Herrscher von Theben ist, lässt daraufhin seine Nichte töten. Sind sie von Sinnen, die Griechen? Was verbirgt sich hinter diesem Konflikt zwischen zwei Sturköpfen?

Schauen wir uns zuerst Kreons Position an. Kreon will nicht, dass Polyneikes, sein Neffe, bestattet wird. Dieser hat mit einem Heer zusammen die Stadt angegriffen, weil er den Thron für sich beanspruchen wollte. Kreon sieht ihn als Feind der Stadt an. Da für ihn als König das Wohl der Stadt über allem steht, hat er verboten, Polyneikes zu bestatten. Wenn man nur die rechtliche Lage betrachtet, kann man Kreon nichts vorwerfen. Er hat ein Gesetz erlassen, das darf er. Er will ein gerechter Herrscher sein und verlangt von allen, sich an seine Gesetze zu halten. Bei seiner Familie macht er keine Ausnahme. Doch was er fordert, ist ein gesellschaftliches Tabu. Es ist in der damaligen Kultur üblich, die Toten zu bestatten. Nur so können sie in die Totenwelt eintreten. Wenn sie nicht bestattet werden, muss ihr Geist ruhelos umherwandern. Und was noch? Kreon missachtet zudem, dass es sich bei Polyneikes um seinen Neffen handelt. Er vergisst, dass dessen Schwester Antigone ihm gegenüber eine familiäre Pflicht hat. Dem gesetzestreuen Herrscher Kreon kommt nicht in den Sinn, dass die religiöse Tradition und die Familie für den einzelnen Menschen wichtiger sein könnten als das, was der Staat verlangt.

Und Antigone? Sie will nicht, dass ihrem Bruder Polyneikes der Zutritt in die Totenwelt verwehrt wird. Sie beruft sich auf Hades, den Gott der Unterwelt, und auf Dike, Göttin der Gerechtigkeit. Antigone hält es für ihre familiäre Pflicht, ihrem Bruder dem Brauch und dem Gebot der Götter gemäß zu beerdigen. In ihrer persönlichen Überzeugung wäre es ein größeres Unrecht, gegen das Gesetz der Götter zu handeln und so ihrem toten Bruder zu schaden, als gegen Kreons Gesetz zu verstoßen. Dass sie durch die Übertretung möglicherweise sterben muss, nimm sie ganz bewusst in Kauf. Antigone glaubt, dass sie länger in der Totenwelt und den Göttern Rechenschaft schuldig sein wird, als ihre kurze Lebenszeit auf Erden dauert. Das Volk stellt sich hinter Antigone. Auch in den Augen des Volkes ist es eine Schandtat, einen Verwandten nicht zu begraben. Kreon und Antigone haben beide einen freien Willen. Hier erfüllt sich nicht ein Schicksalsspruch der Götter, sondern sie können entscheiden. Antigone entscheidet sich aus freiem Willen dafür, das Gesetz zu brechen. Sie ist ein Beispiel für einen Menschen, der für seine Überzeugungen in den Tod geht. Auch Kreon hat genug Möglichkeiten, einzulenken und von seiner harten Entscheidung zurückzutreten. Doch Kreon hört nicht auf die anderen, er nimmt keine Rücksicht auf die Meinung des Volkes, seines Sohnes, eines weisen Sehers und der Götter. So macht er sich durch seinen Mangel an Einsicht schuldig. Am Ende verliert er wegen seiner Starrheit seine ganze Familie.

In diesem Konflikt zwischen Antigone und Kreon zeigt sich der Konflikt zwischen dem Staat und dem einzelnen Menschen, dem Individuum. Er kann also nicht nur als Konflikt der Figuren im Stück verstanden werden, sondern auch als Konflikt, der auf die Allgemeinheit zutrifft, interpretiert werden. Er wirft die Frage auf, inwiefern die Selbstbestimmung des einzelnen Menschen und die Vorschriften des Staates sich vereinen lassen. Diese Frage ist 2000 Jahre später noch immer aktuell. So verwundert es nicht, dass “Antigone” bei der Uraufführung etwa 442 vor Christus ein großer Publikumserfolg war. Mit der Interpretation dieser Tragödie haben sich große Philosophen wie Hegel beschäftigt. Er analysiert in einem seiner Hauptwerke, “Phänomenologie des Geistes” von 1807, den Konflikt zwischen Antigone und Kreon. Er beschreibt ihn als einen Konflikt zwischen göttlichem Gesetz und menschlichem Gesetz. Auch für Goethe war Sophokles’ Antigone ein wichtiger Einfluss. Viele Autoren haben den Antigone-Stoff aufgenommen und eigene Bearbeitungen vorgelegt. Zum Beispiel der Franzose Jean Racine, der Romanautor Alfred Döblin sowie der Dramatiker Bertholt Brecht.

Bis heute wird “Antigone” immer wiederaufgeführt. Dabei gibt es zwei unterschiedliche Herangehensweisen: Die einen versuchen, die antike Aufführungspraxis zu imitieren. Die anderen holen “Antigone” in die moderne Welt und zeigen zeitgenössische Probleme anhand der griechischen Tragödie. Staat oder Familie, Gesetz oder Götter – Antigone hat sich entschieden und mit Spannung schauen wir ihr noch heute dabei zu. Wie würdest du dich entscheiden?

2 Kommentare
  1. Vreni

    Hallo,
    der Autor Sophokles hat die griechischen Mythen und Göttersagen als Quelle für seine Tragödien benutzt. Natürlich ist es über 2000 Jahre später schwer zu sagen, ob es einen wahren Kern gibt und was frei erfunden wurde. Schau dir doch mal dieses Video zur Entstehungsgeschichte des Stücks an: http://www.sofatutor.com/deutsch/videos/antigone-entstehungsgeschichte-sophokles?topic=2572
    Viele Grüße

    Von Vreni Striggow, vor etwa einem Jahr
  2. Default

    Ist das echt passiert?

    Von Sngohung, vor etwa einem Jahr