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Das Drama „Woyzeck“

Du hast das Drama Woyzeck von Georg Büchner gelesen? Hattest du den Eindruck, dass es sich dabei um ein „Ferkeldrama“ handele? So hat der Autor höchstpersönlich sein Manuskript genannt! Büchner schrieb sein Werk 1836. Er war aber eigentlich noch gar nicht fertig mit seinem Text; Büchner starb ein Jahr später mit gerade einmal 25 Jahren und überarbeitete seinen „Woyzeck“ nicht noch einmal. Aus diesem Grund erschien das Drama erst viele Jahre nach seinem Tod, im Jahre 1879. Du kannst dir sicherlich vorstellen, wie schwierig es der Herausgeber mit den losen Manuskriptseiten gehabt haben muss. Büchner schrieb nicht nur ein „Ferkeldrama“, er hatte auch eine „ferkelige“ Handschrift.

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Die Entstehungszeit

Die Einordnung des Werks in eine literarische Epoche ist schwierig; manche sehen das Werk zwischen Realismus (1848 - 1890) und Naturalismus, andere ordnen es der literarischen Zeit des Jungen Deutschlands (1815 - 1835) zu. Fakt ist, dass Büchner neue Ansätze in der Literatur wagte: Er stellt einen gesellschaftlichen Außenseiter in den Mittelpunkt, der wahnsinnige Züge trägt und sich des Mordes schuldig macht. Büchners Werk behandelt zudem frühsozialistische Ideen, wie die Unterdrückung der Arbeiter und die Verführungen durch den Materialismus. Außerdem behandelt er in „Woyzeck“ zwei Problematiken, denen der Mensch ausgeliefert ist. Zum einen ist das die Entsozialisierung. Darunter versteht man die Entfernung eines Menschen aus seiner Gesellschaft bzw. seinem Umfeld. Des Weiteren ist der Mensch durch seine soziale Bestimmung geprägt. Durch die soziale Umwelt werden Menschen auf bestimmte Denk- und Verhaltensmuster festgelegt.

Inhaltsangabe

Die bestimmende Frage des Dramas lautet: Wie wird der Mensch zum Mörder? Die Hauptperson im Werk ist der etwas einfältige Soldat Franz Woyzeck, der in „wilder Ehe“ mit seiner Frau Marie und seinem Sohn Christian lebt. Woyzeck leidet unter dem Machtgefälle der damaligen Zeit: Sein Vorgesetzter, der Hauptmann, nutzt ihn schamlos aus und demütigt ihn. Ein Arzt, der normalerweise eine Vertrauensperson sein sollte, führt unmoralische Experimente an Woyzeck durch. Seine Freundin, die er sehr liebt, entwickelt eine Begierde für einen Tambourmajor, einen sozial höher gestellten Mann mit mehr Geld und Einfluss. Es kommt, wie es kommen muss, der Tambourmajor verführt Marie und macht ihr Geschenke. Woyzeck hat dem nichts entgegenzusetzen. Für die an ihm durchgeführten medizinischen Experimente erhält er einen kargen Lohn, der doch nicht ausreicht, um Marie zu beeindrucken. Er entdeckt schließlich deren Affäre. Aufgrund der angespannten Situation, den vielen Entbehrungen und den Nebenwirkungen der Experimente wird Woyzeck wahnsinnig und hört Stimmen, die ihm befehlen, Marie zu töten. Er lockt sie in ein Waldstück und ersticht sie. Schlussendlich versenkt er die Tatwaffe im See und flieht.

Zum Inhalt von Woyzeck

Personenkonstellation

Franz Woyzeck ist der Protagonist des gleichnamigen Dramas. Vorbild für diese Figur ist Johann C. Woyzeck, der seine Geliebte erstochen hat und dafür 1824 hingerichtet wurde. Büchner verfolgte diesen Fall aufmerksam. Lange war unklar, ob der reale Woyzeck nicht viel eher unzurechnungsfähig gewesen sei. Büchner greift also den Fall in seinem Werk nicht nur auf, sondern attackiert auch das Gutachten, nach dem der reale Woyzeck schuldfähig gewesen sei. Für Büchner waren die soziale Rangordnung sowie die soziale Bestimmung des Menschen verantwortlich für Woyzecks Tat. Franz Woyzeck ist ein einfacher Soldat niedriger Herkunft. Er ist von Anfang an sozial benachteiligt und gerät mit machtvollen Personen in Konflikt. Zu diesen gehören der Hauptmann und der Arzt. Beide üben Macht auf die ihnen unterstellten Menschen aus und behandeln sie schlecht. Der Arzt missbraucht seine Stellung, um unmoralische Experimente an Woyzeck durchzuführen. Auch der Tambourmajor übt Macht aus. Er ist der überlegene Rivale Woyzecks und materiell besser gestellt. Er kann Marie, Woyzecks Freundin, für sich gewinnen. Diese wird also durch materielle Güter zum Fremdgehen verführt. Sie wird zwar von einem schlechten Gewissen geplagt, was sie aber nicht von ihrer Affäre abhält. Schließlich wird sie Woyzecks Opfer. Andres ist der Freund Woyzecks. Er ist ebenfalls Soldat, fügt sich aber Befehlen. Er bringt wenig Verständnis für Woyzecks Situation auf und unterstützt ihn nicht. Insgesamt zeigt sich durch die Personenkonstellation, dass es um soziale Ungerechtigkeiten, starre Hierarchien und Materialismus geht, denen Woyzeck nichts entgegenzusetzen hat.

Interpretation und Rezeption

Interpretationsansatz

Die Ideen der Entsozialisierung und der sozialen Bestimmung des Menschen prägen das Werk. Woyzeck ist entsozialisiert, da sämtliche seiner Beziehungen zu Bruch gehen und er keine gelungenen sozialen Kontakte hat. Er lebt in der gesellschaftlichen Isolation und wird durch diese Entfremdung psychisch krank. Auch seine soziale Bestimmung gestaltet sich schwierig: Immer wieder wird er durch die Mächtigen unterdrückt, die ihn nicht nur beruflich, sondern auch privat unterdrücken. Seine heile Welt mit Frau und Kind wird durch den Tambourmajor zerstört. Die Sphären des beruflichen und privaten vermischen sich, was problematische Auswirkungen auf Woyzecks körperliche und psychische Verfassung hat.

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Rezeption

„Woyzeck“ wurde erst 1879 erstmals veröffentlicht. Dies fällt in die literarische Epoche des Naturalismus. Obwohl das Werk viel früher geschrieben wurde, erfreute es sich zu jener Zeit sofort großer Beliebtheit, denn Wahnsinn und Außenseiter sowie die Schilderungen von grausamen Handlungen wie Mord waren Themen im Naturalismus. 1925 verfasste Alban Berg die Oper „Wozzeck“. Der berühmte deutsche Schriftsteller Bertolt Brecht lobte „Woyzeck“ als das beste deutsche Werk. Bis heute gilt der Georg-Büchner-Preis als die höchste deutsche Literaturauszeichnung.

Und was war das mit dem „Ferkel“? Für uns ist das Werk heute längst nicht mehr so unerhört wie für die Menschen Ende des 19. Jahrhunderts. Für damalige Zeiten war es aber revolutionär: In den in das Drama eingebrachten Liedern entfalten sich subtil sexuelle Anspielungen; das hat es zuvor in dieser Art nicht gegeben.