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Zeitstruktur in epischen Texten – Erzählzeit und erzählte Zeit 06:49 min

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Transkript Zeitstruktur in epischen Texten – Erzählzeit und erzählte Zeit

Stell dir vor, du würdest jede Minute und Stunde zusammenrechnen, die zum Lesen des letzten Romans benötigt hast – wie viel Zeit wäre dabei vergangen?

2 Stunden, 4 Stunden, eine ganze Nacht – vom ins Bett gehen bis zum Morgengrauen? Überlege dir einmal, wie viel Zeit innerhalb der Handlung des Romans vergangen ist. Waren es Tage? Wochen? Jahrzehnte?

Fällt dir dabei etwas auf? Genau! Es gibt einen Unterschied zwischen der Zeit, die du brauchst, um den Text zu lesen und der Zeit, die innerhalb der Handlung des Textes vergeht.

Die Zeit, die du zum Lesen brauchst, nennt man Erzählzeit.

Die Zeit hingegen, die während der Handlung im Text vergeht, nennt man die Erzählte Zeit – also die Zeitspanne, über die berichtet wird.

Das Verhältnis von Erzählzeit zu Erzählter Zeit wird als Erzählgeschwindigkeit oder auch Erzähltempo bezeichnet.

Dabei kannst du zwischen drei verschiedenen Geschwindigkeiten unterscheiden. Diese heißen: Zeitdeckung, Zeitraffung und Zeitdehnung.

Versuche doch einmal, die drei Beispiele aus Charles Dickens „Weihnachtsgeschichte“ diesen Begriffen zuzuordnen.

„Und es geschah, ja es geschah wirklich. Es schlug neun Uhr. Kein Bob. Ein Viertel auf Zehn. Kein Bob. Er kam volle achtzehn und eine halbe Minute zu spät: […]“

Konntest du das Beispiel einem der Begriffe zuordnen? Wir versuchen es gemeinsam.

Wenn du Text laut vorliest, dauert das ungefähr 8 Sekunden. Die Zeit, die innerhalb des Textes vergeht ist genau benannt: „achtzehn und eine halbe Minute“. In 8 Sekunden wird erzählt, was in 18,5 Minuten geschieht.

Die Erzählzeit ist kürzer als die Erzählte Zeit - die Zeit wird gerafft.

Doch aus welchem Grund wird überhaupt so mit der Zeit umgegangen? Die Antwort darauf ist eigentlich ganz einfach. Stell dir vor, du würdest für das Lesen einer Biografie genauso lange brauchen, wie die Person gelebt hat. Einen Roman zu lesen, der über mehrere Generationen berichtet, wie bspw. die „Buddenbrooks“ von Thomas Mann wäre unmöglich. Eine Zeitraffung ist daher notwendig, um nur die wesentliche Dinge erzählen zu können. Formulierungen wie „drei Jahre später“ oder „einige Jahre vergingen bis…“ sparen Zeiträume aus und zeigen eine Zeitraffung sehr deutlich. In unserem Beispiel wird die Zeitraffung durch eine Aufzählung erreicht, bei der erkennbar ist, dass dazwischen mehre Minuten vergangen sein müssen. Ein weiteres Beispiel hierfür wäre „Sie bekam ihre ersten Zähne, überlebte den Kindergarten und die Pubertät. Schließlich machte sie Abitur.“

Wir haben noch zwei Begriffe übrig: Zeitdeckung und Zeitdehnung. Hier kommt das nächste Beispiel.

„Fröhliche Weihnachten, Onkel! Gott segne dich!“, rief eine vergnügte Stimme. Sie stammte von Scrooges Neffen, der so schnell hereingetreten war, dass Scrooge ihn erst jetzt gewahr wurde. „Ach was!“, sagte Scrooge. „Schwindel!“ Dieser Neffe Scrooges war trotz Frost und Nebel vom schnellen Laufen so erhitzt, dass er richtig glühte. Sein hübsches Gesicht war gerötet, seine Augen leuchteten und sein Atem dampfte noch. „Weihnachten ein Schwindel, Onkel?“, sagte der Neffe. „Das meinst du gewiss nicht im Ernst!“

Und, hast du etwas bemerkt? Die Erzählzeit des Abschnitts beträgt ungefähr eine halbe Minute. Betrachtest du den Wortwechsel ohne die Erläuterungen, dürfte der nicht länger als 10 Sekunden dauern. Die Erzählzeit ist durch Erläuterungen des Erzählers zu Scrooges Neffen länger als die Erzählte Zeit. Die Zeit wird dadurch ausgedehnt.

Es ist wichtig, die Zeit manchmal anzuhalten, um Erläuterungen wie in unserem Beispiel b) einfügen zu können. Wie sollte der Leser sonst einen Eindruck der Umstände, des Aussehens und der Gedanken und Gefühle der Figuren bekommen? Zeitdehnung wird auch genutzt, um die Spannung zu erhöhen. Bevor du erfährst, wer der Mörder ist, werden haarklein die Gedanken des Kommissars geschildert.

Jetzt bleibt nur noch die Zeitdeckung übrig. Hier ein Beispiel dazu:

Die Erzählte Zeit, also die Zeit, die eine Kirchenglocke braucht, um zu schlagen, und die Erzählzeit ist in etwa gleich. Zeitdeckendes Erzählen hilft dem Leser das Zeitempfinden der Figur nachzufühlen. Eine besonders präzise Form des zeitdeckenden Erzählens wurde mit dem so genannten Sekundenstil während des Naturalismus geprägt. Auch Dialoge ohne Einschübe werden meist zeitdeckend erzählt.

Neben dem unterschiedlichen Verhältnis von Erzählter Zeit zu Erzählzeit gibt es noch weitere auf die Zeit bezogene Gestaltungsmittel. Vielleicht kennst du es aus Filmen: Das Bild wird plötzlich unscharf und du weißt genau, dass du dich in der Erinnerung einer Figur befindest. Solche Rückblenden findest du auch in epischen Texten. Neben der Figur, die sich erinnern oder Vergangenes berichten kann, hat auch der auktoriale Erzähler die Möglichkeit, die Vorgeschichte der Handlung zu präsentieren.

Natürlich kann ebenso in die Zukunft gesprungen werden. In einer Vorausschau oder Vorausdeutung werden Ereignisse angekündigt, die erst später eintreten werden. Der Sprung kann sowohl durch den auktorialen Erzähler, als auch eine Figur selbst passieren. Vorausdeutungen durch Figuren geschehen häufig durch Träume.

Nimm dir doch zum Abschluss noch einmal deinen letzten Roman zur Hand. Kannst du Zeitraffungen, Zeitdehnungen oder Zeitdeckungen, Rückblenden oder Vorausdeutungen entdecken?

3 Kommentare
  1. Default

    Alles gut ,aber könnten Sie bitte ETWAS LAUTER sprechen DANKE

    LG

    Von Jimmy C. B., vor mehr als einem Jahr
  2. Default

    Sehr super:)Danke danke danke!!

    Von Gunii, vor mehr als 2 Jahren
  3. Default

    Sehr gut erklärt! Vielen Dank! :)

    Von Tommaurer, vor fast 5 Jahren