sofatutor 30 Tage kostenlos ausprobieren

Videos & Übungen für alle Fächer & Klassenstufen

Von der friedlichen Revolution bis zur Gegenwart 07:08 min

Textversion des Videos

Transkript Von der friedlichen Revolution bis zur Gegenwart

Am 9. November 1989 fällt die Mauer in Berlin. Das Volk hat gesiegt. Es ist wieder ein geeintes Deutschland. Mit dem Fall der Mauer und dem darauf folgenden Zusammenbruch der Sowjetunion fällt nicht nur der eiserne Vorhang, sondern es fallen auch Sicherheiten und Weltansichten. Man muss sich neu organisieren, die Welt ist nicht mehr einfach geteilt in Ost und West. All diese Entwicklungen haben Auswirkungen auf die Literatur. Worum kann es nun gehen in Romanen, welche Themen sind jetzt, nach Ende des Kalten Krieges, aktuell? Der große Neubeginn und der Anfang einer neuen Epoche sind allgegenwärtig. Eine Aufbruchstimmung macht sich bei den Literaten breit und man denkt kritisch über die bestehende Literatur nach. In den 80er Jahren, so die Meinung vieler Kritiker, wurde nicht mehr wirklich erzählt. Es wurde lediglich über das Erzählen erzählt. Damit will man aufräumen. Mut zum Erzählen von Geschichten steht auf der Tagesordnung. Literaturgrößen wie Botho Strauß und Peter Handke ablösen, ist das erklärte Ziel. Gleichzeitig sterben in den 90ern große Schriftsteller der Nachkriegsliteratur wie Friedrich Dürrenmatt oder Max Frisch. Auch dieser Umstand lässt neue Diskussionen über das Schreiben aufkommen.

An dem Punkt treten junge Autoren wie Christian Kracht und Rainald Goetz auf. Sie haben eine neue Vorstellung davon, was Texte liefern sollen. Sie wollen durch ihre Texte keine Tatsachen mehr produzieren, die Welt, in der sie leben nicht durch ihr Werk verändern, sondern die Welt beschreiben. Es geht um das eigene Leben und darum, wie es wahrgenommen wird. Diese Welt, die sich so krass verändert hat, muss man erst einmal auf sich wirken lassen, so die Meinung der Jungliteraten. Man kennt die neuen Umstände noch nicht, also muss man sie beschreiben, bevor man sie ändern kann. Das bedeutet, dass nun zunehmend Verweise auf Medien und Nachtleben mit in die Geschichten einfließen. Drogenkonsum, Musik, Film, wildes Leben, das sind die Themen der sogenannten Popliteratur. Als eines der wichtigsten Werke dieser Popliteratur gilt Christian Krachts “Faserland”. Der Roman, der 1995 erscheint, erzählt die Geschichte eines unbenannten Jugendlichen. Er reist von Nord nach Süd durch Deutschland und endet schließlich in der Schweiz in Zürich. Auf seiner Reise erlebt er seine Generation, die tanzt, Drogen nimmt, hemmungslose Sexpartys feiert und dabei stets hilflos, hoffnungslos und ziellos ist. Entgegen der Literatur der 80er Jahre, die vor den Massenmedien und einer Welt resignierte, in der es keinen gefühlten Platz mehr für Literatur gab, nutzt “Faserland” exemplarisch gerade diese Welt als übersprudelnde Quelle für seine Themen und Inhalte. Die Popliteratur ist natürlich nur eine Blüte der Deutschen Literatur nach der Wende und sie ist recht schnell verblüht. Schon Ende der 90er ist von Popliteratur kaum noch die Rede.

Andere Autoren befassen sich ganz explizit mit der Wende an sich. So zum Beispiel Thomas Brussig 1995 mit seinem Roman “Helden wie wir”, in dem die Hauptfigur behauptet, sie allein sei für den Fall der Mauer verantwortlich. Noch erfolgreicher wurde sein Roman von 1999 “Am kürzeren Ende der Sonnenallee”, in welchem er die Lebenswelt von Ost-Berliner Jugendlichen auf sehr unterhaltsame Weise beschreibt. Im selben Jahr noch wurde der Roman von Leander Haußmann unter dem Titel “Sonnenallee” verfilmt und avancierte binnen kurzer Zeit zum Kultfilm.

Anfang des neuen Jahrtausends zeigt sich ein Rückgriff auf historische Geschehnisse und Debatten in der deutschsprachigen Literatur. Daniel Kehlmann steht mit seinem Erfolgsroman “Die Vermessung der Welt” von 2005 exemplarisch für den neuen deutschen historischen Roman. In diesem Buch verbindet er die Biographien des Mathematikers Carl Friedrich Gauß mit der des Wissenschaftlers Alexander von Humboldt. Kehlmann lässt die beiden in ständigem Briefwechsel stehen und sich über ihre Forschungen austauschen. Die geschichtliche Genauigkeit steht dabei nicht im Vordergrund, vielmehr geht es um das Erzählen und der Ahnung, dass es ja so hätte sein können.

Aber auch die deutsche Fantasyliteratur in der Tradition von Otfried Preußlers “Krabat” erblüht erneut seit der Jahrtausendwende. Cornelia Funke hat ihre ersten Erfolge mit Jugendromanen Anfang der 90er und den großen Durchbruch 2000 mit ihrem Roman “Herr der Diebe”. 2003 erscheint dann “Tintenherz”, der erste Teil der “Tintenwelt”-Triologie. Diese Buchreihe ist ihre bis heute erfolgreichste Arbeit. Die fantastischen Jugendbücher erzählen von Vater und Tochter, welche die Gabe haben, Figuren in Büchern durch Vorlesen in die wirkliche Welt zu bringen. Natürlich führt dies alles zu unheimlichen Schwierigkeiten und Verwicklungen. Cornelia Funkes Schriftstellerei erinnert thematisch und in ihrer Fantastik an Joanne K. Rowlings Erfolgsromane der “Harry Potter” Reihe. 1997 erscheint der erste Roman in England und wird schon bald weltweit zum Erfolg. Fantasyliteratur ist wieder angesagt und Harry Potter wird schon bald zum Allgemeinwissen der jungen Generation. Es zeigt sich, dass eine eindeutige Epochenzuschreibung schwer fällt. Zwischen Popliteratur und Fantasy bewegt sich die literarische Welt seit der Wende. Es gibt keine eindeutigen Zeichen, keine Themen die sich durch diese Zeit ziehen, keine Gemeinsamkeiten unter welchen man einen Epochenbegriff fassen könnte. Möglicherweise ist es aber auch gerade diese Vielfältigkeit, die so typisch für diesen Zeitraum ist. In einer Zeit, in der sich die Welt selbst neu sortiert, neue Staaten gegründet werden, Machtverhältnisse verschwinden und neu gesetzt werden müssen, bleibt der Literatur nicht viel übrig. Entweder sie beschreibt, wie die Popliteraten; sie greift zurück auf Historisches, wie Daniel Kehlmann oder sie flüchtet sich in die Welt des Fantastischen, wie in Tintenherz.

3 Kommentare
  1. Hallo Marina Fumagalli,
    vielen Dank für deine Frage. Ein separates Video zur Migrationsliteratur haben wir leider nicht, dessen sind wir uns bewusst. Wir arbeiten im Moment an der Neuproduktion von Deutschvideos, sodass hoffentlich auch bald dieses Thema abgedeckt werden kann.
    Anders verhält es sich mit dem Begriff Fräuleinwunder: Dieser Begriff ist aus unserer Sicht etwas problematisch bzw. nicht mehr zeitgemäß und wird auch in der aktuellen Literaturkritik unseres Wissens nach nicht mehr benutzt. Es ist kein „Wunder“, dass sich Frauen mit Literatur beschäftigen und dieser Begriff dazu neigt, abwertend zu klingen. Das Geschlecht (ebenso wie der Migrationshintergrund) sollte nicht als Kategorie herhalten, ein literarisches Werk zu beurteilen oder einzustufen.
    Viele Grüße nach Italien

    Von Carolin Kasper, vor 6 Monaten
  2. Hallo an allen, ich unterrichte DAF in Italien. Es fällt mir auf, dass es kein Bezug auf dem sogenannten "Fräuleinwunder" und zur Migrantenliteratur gibt, was in verschiedenen Artikeln und Schulbücher in Italien zu finden ist. Gibt es irgendeiner Grund davon? Danke,
    Marina

    Von Marina Fumagalli, vor 6 Monaten
  3. Hallo

    Von Silas M., vor mehr als einem Jahr

Von der friedlichen Revolution bis zur Gegenwart Übung

Du möchtest dein gelerntes Wissen anwenden? Mit den Aufgaben zum Video Von der friedlichen Revolution bis zur Gegenwart kannst du es wiederholen und üben.

  • Nenne Merkmale der Literatur nach dem Mauerfall.

    Tipps

    Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion zerfiel die duale Weltsicht in Ost und West. Wie spiegelt sich das in der Literatur wider? Wie zeigt es sich in den Genres?

    Lösung

    Die friedliche Revolution, die schließlich zum Mauerfall und der deutschen Wiedervereinigung führte, war ein Ereignis, das die ganze Welt beeinflusste. Durch den Fall des sogenannten „Eisernen Vorhangs“ und der Berliner Mauer war die Grenze zwischen Ost und West überwunden. Der Westen und das kapitalistische Marktsystem hatten sich durchgesetzt. Die Auflösung der Fronten, die sich an der innerdeutschen Mauer gegenübergestanden hatten, bewirkte eine Zersplitterung der sozialen Gruppen. Auch die Fortschritte in der Kommunikationstechnologie trugen zu dieser Zersplitterung bei: Örtlich ungebunden konnten sich über Internet und Mobilfunk bestimmte Gruppen und Subkulturen mit ihren jeweiligen Interessen verbinden und voneinander abgrenzen.

    Die Literatur nach dem Mauerfall hatte multiple und divergierende Interessen; sie zeichnete sich durch Vielfalt und Uneinheitlichkeit aus. Das zeigte sich in den verschiedenen Genres, z. B. in der neu entstandenen Popliteratur wie sie Rainald Goetz oder Christian Kracht vertraten. Auch der Rückgriff auf alte Traditionen fand statt, so z. B. auf das Fantasy-Genre und die Historienromane. Einige Schriftsteller befassten sich zudem mit dem Leben im geteilten Berlin und der DDR vor und nach dem Mauerfall. Außerdem ergriff einige Autoren eine neue Erzähllust: Sie wollten das oberflächliche Erzählen der vergangenen Jahre überwinden.

  • Bestimme den Inhalt der verschiedenen Erzählungen.

    Tipps

    Fallen dir die Autoren zu den einzelnen Werken ein? Achte auf Details, die auf den Titel hinweisen.

    Lösung

    Drei richtungsweisende Genres blühten nach dem Mauerfall (wieder) auf:

    1. Christian Kracht und Rainald Goetz schrieben (z. B. in „Faserland“) über die neugewonnene Freiheit, über Nachtleben, Party, Drogen, Musik und Film. Das neu entstandene Genre nannte man Popliteratur.
    2. Einige Schriftsteller wie Thomas Brussig mit seinem Erfolgsroman „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“ beschäftigten sich mit den unterschiedlichen Lebenswelten in der DDR und der BRD als auch mit der Zeit nach der Wiedervereinigung und zeigten damit Ausschnitte der unterschiedlichen Vergangenheit und Lebenswirklichkeit der beiden Staaten.
    3. Eine Rückkehr zum geschichtlichen Erzählen vollzog Daniel Kehlmann mit seiner „Vermessung der Welt“. Darin erzählt er jedoch nicht historische Ereignisse wie sie waren, sondern wie sie hätten sein können.
    4. Und schließlich blühte in Nachfolge der „Harry-Potter“-Reihe von J.K. Rowling die Fantasy-Literatur wieder auf. Zu deren Vertretern zählt u.a. Cornelia Funke („Herr der Diebe“/„Tintenherz“).
  • Charakterisiere den historischen Kontext der Zeit nach der Wende.

    Tipps

    Der Kalte Krieg führte dreimal fast zu einer kriegerischen Auseinandersetzung zwischen den Ost- und Westmächten: in der Berlin-Blockade 1948/49, in der Kubakrise 1962 und im Streit um die Mittelstreckenraketen von 1979–1982/83.

    Lösung

    Mit dem Ende des Kalten Krieges zwischen Ost und West in Europa, zwischen Kommunismus und Kapitalismus, blieb nur eine Möglichkeit offen: Der Mensch in der freien Marktwirtschaft. Die Auflösung der bis dato festgeschriebenen Staatenwelt führte ein Vakuum der Macht in vielen Regionen mit sich und ließ die Menschen orientierungslos zurück. Andererseits wurde die Zeit der neuen Freiheit mit Aufbruchstimmung empfangen.

    Doch friedlich war die Welt lange nicht: Der Kapitalismus, der den Menschen als Konsumenten brauchte, verlangte auch von ihm, dafür Geld zu verdienen und Leistung zu erbringen. Die 90er Jahre lassen sich jedoch eher als eine Zeit der sich vergrößernden Ungleichheiten charakterisieren. Die 90er Jahre waren für die meisten frei, aber für die wenigsten führten sie zu Wohlstand. Viele zogen sich zurück in Träume von besseren und anderen Welten und Zeiten. Andere, wie die Vertreterinnen und Vertreter der Popliteratur, empfingen die neue Zeit weniger kritisch.

  • Ordne den Werktiteln deren Thematik oder Inhalt zu.

    Tipps

    Achte auf die Titel – sie enthalten meist schon Assoziationen, Inhalte oder Anspielungen auf die Thematik.

    Lösung
    • „Rave“ stammt aus der Feder Rainald Goetzes. Er beschreibt darin seine Erfahrungen in der Techno- und Clubszene der 90er Jahre.
    • „Herr der Diebe“ ist von Cornelia Funke. Es geht um zwei Waisenkinder, die ihrer Tante entfliehen, nach Venedig reisen und sich dort einer Gruppe junger Diebe anschließen.
    • „1979“ stammt von Christian Kracht. Das Buch erzählt semi-autobiographisch von den Erlebnissen des Protagonisten im Teheran der iranischen Revolution, vom Tod von dessen Freund und von seinen Reisen nach Asien.
    • In „Helden wie wir“ beschreibt Thomas Brussig das Leben vor und nach der Wende in der DDR und erzählt von seinem Protagonisten, der es ganz allein geschafft hatte, die Mauer zu stürzen.
    • „Drachenreiter“ von Cornelia Funke gehört zum Fantasy-Genre. Ein paar Drachen und ein Menschenkind machen sich auf ins Himalaya, um ein verborgenes Tal zu suchen, in dem sie noch alte Drachen vermuten.
  • Nenne einige zeitgenössische Autoren und deren Werke.

    Tipps

    Rainald Goetz war ein Vertreter der Popliteratur in den Neunziger Jahren.

    Daniel Kehlmann hat einen der bekanntesten historischen Romane der Nachwendezeit geschrieben.

    Lösung
    • Christian Kracht („Faserland“) und Rainald Goetz („Rave“) gehören zu Literaten der neu entstandenen Popliteratur, die sich nach der Wende formierte und jugendliches Leben und Subkulturen beschrieb.
    • Thomas Brussig („Am kürzeren Ende der Sonnenallee“) beschäftigte sich mit der friedlichen Revolution und dem Leben in der DDR.
    • Daniel Kehlmann („Die Vermessung der Welt“) hatte großen Erfolg mit seinem historischen Roman, auch wenn dieser nicht unbedingt die wahre Geschichte, sondern eine Vergangenheit, wie sie hätte sein können, wiedergibt.
    • Vertreter des Fantasy-Genres wie Cornelia Funke („Tintenherz“) bauten mit ihrem Erfolg auf den der englischen Autorin J.K. Rowling und ihrem Bestseller „Harry Potter“ auf.
  • Untersuche den folgenden Text auf typische Merkmale der Popliteratur.

    Tipps

    Der Text wendet sich gegen eine bestimmte Verhaltensweise seiner Altersgenossen. Kritisiert er eher Hochkultur oder Subkultur? Mit welchen sprachlichen Mitteln verteidigt er seine Kritik?

    Lösung

    Der Text lässt sich dem Genre der Popliteratur zuordnen, denn er beschäftigt sich mit einem typischen Thema: der Parteinahme für Popkultur, Mainstream und Subkultur durch die Abgrenzung von einem kulturellen Event der Hochkultur: einer Vernissage.

    • Andere Themen, mit denen sich Popliteratur beschäftigte, die im obigem Ausschnitt allerdings nicht vorhanden sind, sind z. B.: Beschreibung von Nachtleben, Party und Drogen oder Ich-Bezogenheit und der Fokus auf das eigene Leben.
    • Auch sprachlich kann man eine Abwendung von der Hochkultur feststellen. Der wenig distanzierte, fast autobiographisch klingende Erzähler verwendet eine bis in die Umgangssprache hineinreichende Alltagssprache, in der er sich herablassend über die Altersgenossen äußert, die sich mit anderen Interessen abgeben.
    Der Popliteratur geht es in ihrem Schaffen darum, die neue und freie Welt nach der Wende erstmal auf sich wirken zu lassen, um sie danach zu beschreiben. Will man vorurteilslos nicht erst einmal alles ausprobieren, das von Autoritäten verboten und von der Hochkultur verpönt war?

    Quelle: Benjamin von Stuckrad-Barre (2002): Soloalbum.