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Klinger – Leben und Werk 09:47 min

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Transkript Klinger – Leben und Werk

Guten Tag liebe Lernende. In diesem Lehrvideo geht es um den deutschen Dichter Friedrich Maximilian Klinger, der also ungefähr die gleichen Lebensdaten wie Johann Wolfgang von Goethe hat und mit ihm auch noch zwei andere Dinge, eigentlich sogar drei andere Dinge gemeinsam hat. Zum einen gehört er zu den Dichtern, die dem Sturm und Drang zuzuordnen sind. Zum anderen schrieb er ein Buch, das “Faust” hieß und das Gleiche machte ja auch Goethe. Und schließlich gibt es noch einen Bezugspunkt zu ihrer Herkunft. Beide stammen also aus Hessen, sind also Söhne der Stadt Frankfurt am Main, wobei Goethe mit einem silbernen Löffel im Mund geboren wurde, der kam ja in Frankfurt am Main als Sohn eines Ratsherrn, der zwar aus dem Thüringischen eingewandert war, aber seine Mutter war schon seit Generationen in Frankfurt zu Hause. Also ist Goethe ein klassischer Fall von Begabtenförderung, währenddessen Klinger sich als Sohn einer Wäscherin und eines früh verstorbenen Vaters schon seit seiner frühesten Kindheit durchs Leben schlagen musste. Er kam also aus der untersten gesellschaftlichen Schicht. Umso erstaunlicher ist es, dass beide dann bis in die gesellschaftlichen Spitzen vorstießen, Goethe die Entwicklung, die sowieso in seiner Familie angelegt war, noch forcierte und Klinger bis zum General in russischen Diensten aufstieg und hoch geachtet im Alter von fast 80 Jahren in Russland starb. Das also zu Klinger. Was seine Biografie betrifft: In seiner literarischen Bedeutung müssen wir ihn in zwei Abschnitte einteilen. Zum einen der Abschnitt, als er in Deutschland sein Unwesen trieb, und zwar als einer führenden Vertreter des Sturm und Drang. Er schrieb ein Stück, das er selbst “Plimplamquam” nannte oder so ähnlich. Ich glaube, es hieß “Plimplamquam”. Und das dann sein Freund, sein schweizer Freund Kaufmann, der auch bekannt war als ein Naturheiler, heute würde man sagen ein Kurpfuscher, umbenannte in “Sturm und Drang” und damit einem ganzen Zeitalter den Namen verpasste. Das Stück selbst soll uns nicht weiter interessieren, uns interessiert nur, dass also Klinger als Stürmer und Dränger immer eine Bodenhaftigkeit besaß und immer darauf ging, die Dinge beim Namen zu nennen, den Dingen ihren Platz zuzuweisen und in irgendeiner Form auch einen Nutzen und einen Sinn in den Tatsachen des Lebens also zu finden und dann dementsprechend auch darzustellen. Also Klinger ist nicht der Typus Schriftsteller, der aufgrund seines Genies die Welt erkennt und dann dem Publikum darreicht, die das dann in irgendeiner Weise fressen müssen. Das wird auch in der Darstellung des Faust deutlich. Klinger beschloss um 1790 herum, jedenfalls sind uns da Zeugnisse in Briefform bekannt, den Faust literarisch zu bearbeiten. Nun schrieb er dazu kein Drama wie Goethe, sondern einen Text in Romanform und er wollte in diesem Faust selbst die überordende Bestrebung des Menschen hinsichtlich des Erkenntnis- und Schaffensdranges in allen gesellschaftlichen und irdischen Schichten des Daseins also formulieren. Er schrieb dieses Buch etliche Jahre, es ist dann erstaunlicherweise nicht sehr dick. 200, 250 Seiten ist es stark geworden, aber er macht in diesem Buch einen Rundumschlag, ja, für und gegen alle Wahrnehmungsformen, die also Klinger in seinem reichhaltigen Leben begegneten. Was ist für uns hier auch noch interessant, und was ist das Problem? Es geht ja auch immer darum, dass also ein Dichter sein Problem besitzt und dieses Problem in irgendeiner Weise aufs Tapet bringen möchte, dieses Problems Herr werden möchte. Klingers Problem ist, dass er also zwischen Aufklärung und Klassik so hin und her wuselt. So richtig kann er sich nicht zuordnen. Vielleicht fehlen ihm da auch einfach aufgrund seiner Entfernung in Moskau Erfahrungen und Gespräche, Diskurse mit dem Publikum, Diskurse mit den deutschen Intellektuellen, die ja doch relativ weit weg sind. Zur damaligen Zeit gab es kein Telefon, kein Internet, also der Mann war einfach weg vom Schuss und blieb eben in seiner Entwicklung irgendwo in diesem Sturm und Drang haften. Er blieb also zeit seines Lebens ein Stürmer und Dränger, auch als er bereits 1814, 1815 rum den Faust dann endlich veröffentlichen konnte, war das nur ein Buch, das dem Stürmer und Dränger letztendlich zuzuschreiben war. Was bedeutet das? Aufklärung ist in jeder Form also die Einsicht in die Notwendigkeit mit der Betonung des Verstandes und die Stürmer und Dränger, die haben also dieses maßlose Begehren im Sinne fehlender Einsicht in die Notwendigkeit. Als politisches Paradigma, als politisch ästhetisches Paradigma in die Welt posaunt, das ist also auch das, was also Klinger letztendlich im Faust anlegt. An der Figur, das thematisiert er auch, dass also es im Faust eine Figur gibt, die diesen Charakter des Genies, des maßlos Begehrenden in jederlei Hinsicht, ob das Erkenntnis, ob das Liebesleben, ob das gesellschaftliche Position oder was auch immer ist, es gibt dieses maßlose Begehren im Menschen und dieses führt ihn dazu, sich selbst auch zu überschätzen, sich selbst also in eine Rolle hinein zu bewegen, die an Uneinsichtigkeit und an Impertinenz kaum zu überbieten ist. Dagegen haben wir das klassische Konzept, was also Klinger auch kennt, aber woran er sich nicht so richtig knüpfen lässt: die Emanzipation von eben diesem maßlosen Begehren. Klassik ist immer Maß, ist immer Form, ist immer Ausgeglichenheit, ist Gleichförmigkeit, ist der ruhige Fluss im Ganzen bei beständiger Verbesserung des Daseins. Das ist Klassik. Und nicht dieses wütende, kraftvolle geniebehaftete Stürmen an die gesellschaftliche Oberfläche, um dann die Gesamtgesellschaft zu verbessern. Und daraus kommt er eben nicht raus. Und das führt also Klinger dann auch dazu, im vierten Buch des Faust den Leviathan auftreten zu lassen, der die gesamte Menschheit in einem bitteren Ton analysiert. Und das bringt dann nun unseren guten Klinger dann vielleicht sogar in eine vierte Berührung zu Goethe, nämlich wir wissen, dass Rousseau also auch der Meinung war, dass die Menschheit mit ihrer Gesellschaft, mit ihrer zunehmenden Vertragsgesellschaft, also keinen guten Weg eingeschlagen hat und dass deshalb der Aufruf zurück zu den natürlichen Wurzeln des Menschen gelten müsse. Und das ist natürlich etwas, was die Klassik so nicht gelten lassen kann, denn Klassik ist ja, wie gesagt, Form, und ist ja, wie gesagt, allmähliche Verbesserung des Menschengeschlechts. Und diese Verbesserung des Menschengeschlechts kann nach Auffassung der Klassik eben auch über fixierte Normativität erfolgen. Das heißt, Gesellschaft ist notwendig, Gesellschaft ist Regel, Gesellschaft ist Norm, Gesellschaft ist Paragraphenwerk. Und dafür trat die Klassik dann eben auch ein. Dass die verbessert werden müssen, das steht außer Frage. Aber Rousseau hat das ja völlig abgelehnt, ja? Er war ja der Meinung, dass das letztendlich nur die natürliche Entwicklung des Menschen eindämme. Und dieser Leviathan, der also von Friedrich Klinger im vierten Buch dann die bittere Analyse der Menschheit vornimmt, der tritt quasi in einen Kontrapunkt zu dem Faust, der natürlich in seinem Sturm und in seinem Drang und in seiner Maßlosigkeit die gesellschaftlichen Grenzen sprengen möchte und immer noch glaubt, dass er aufgrund seiner Erfahrung und aufgrund seiner Weltwahrnehmung das Ganze bessern könne. So viel also zu Friedrich Maximilian Klinger, dem also am Ende seines Fausts im Gegensatz zu Goethes Faust nur eine bittere Analyse der Menschheit obliegt und der darin auch seine Grenze hat, weil er den Begriff der Emanzipation des Menschen nicht positiv, sondern bloß negativ deuten kann.

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