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„Klein Zaches genannt Zinnober“ – Entstehungsgeschichte (Hoffmann) 06:17 min

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Transkript „Klein Zaches genannt Zinnober“ – Entstehungsgeschichte (Hoffmann)

“[Klein Zaches genannt Zinnober ist das] Humoristischste, was ich geschrieben habe.”, schreibt E.T.A. Hoffmann über sein Kunstmärchen, das 1819 in Berlin erscheint. “Superwahnsinnig”, betitelt er die Geschichte sogar. Doch was trieb den damals 43-jährigen dazu, ein solch fantastisches Märchen zu schreiben? Wir wollen uns auf Spurensuche begeben und versuchen herauszufinden, welche Ereignisse ihn veranlassten, mit dem Schreiben zu beginnen und welche Einflüsse sich finden lassen. Die genaue Entstehungszeit von “Klein Zaches genannt Zinnober” ist nicht ganz geklärt. Entgegen der Aussage seines Biographen Julius Hitzig, der angibt Hoffmann habe sie 1819 binnen zwei Wochen geschrieben, sind die meisten Wissenschaftler mittlerweile davon überzeugt, dass Hoffmann im Mai oder Juni 1818 schon mit ersten Skizzen zum Märchen begonnen hat. Es sind stürmische Zeiten in Europa. Napoleon ist besiegt. Die politische Restauration, also der Versuch, alte Herrschaftsformen wiederherzustellen, ist in den deutschen Staaten in vollem Gange. Nationale und Liberale Strömungen werden weitestgehend unterdrückt und es gibt viele Auseinandersetzungen zwischen Studenten und Ordnungsmächten. In diesen unruhigen Zeiten, die noch bis 1848 anhalten sollten, arbeitet Hoffmann als Kammergerichtsrat in Preußen. Seine Sehnsucht nach einem aristokratischen Staat und die Abneigung gegen jene nationalistischen und liberalen Strömungen sowie gegen die Aufklärung, zeigen sich sehr deutlich in “Klein Zaches genannt Zinnober”. Doch zurück zur Entstehung; gehen wir davon aus, dass das Märchen Mitte 1818 entstand. Zu dieser Zeit leidet Hoffmann an starken Unterleibsschmerzen. Es besteht der Verdacht, dass es sich dabei um die Gicht handelt. Die Krankheit und die damit verbundenen Schmerzen sorgen dafür, dass E.T.A. Hoffmann mehrere Wochen das Bett kaum verlassen kann. In fiebrigen Träumen entspinnt sich über diese Zeit die Idee und die Figur des Klein Zaches. Gleichzeitig wird ihm in diesen Wochen klar, dass er das Märchen mit einem Hauch ironischer Satire verbinden will. Wir können uns sicher sein, dass er die Rohfassung recht schnell niederschrieb, denn noch während seiner Krankheit schreibt er Mitte Juni an seinen Berliner Verleger, er arbeite “mit Eifer an dem Buch”. Nachdem er die Krankheit überwunden hat, lässt er sich jedoch Zeit mit dem Feinschliff am Buch. Zum einen nimmt seine Arbeit am Gericht ihn wieder mehr in Anspruch, zum anderen sind es die Details der Geschichte, auf die er besonders achten möchte. Zeugnis davon liefert uns ein Brief an den befreundeten Autor und Naturwissenschaftler Adelbert von Chamisso. In diesem fragt Hoffmann nach einer möglichst gräßlichen Affenart, mit welcher Klein Zaches dann im Buch verglichen wird. Diese Bitte stellt er im Oktober 1818. Erst im Frühjahr 1819 jedoch wird das Märchen im Berliner Ferdinand Dümmler Verlag verlegt. Wir können also davon ausgehen, dass er bis zu diesem Zeitpunkt weiter und immer detaillierter an dem Buch gearbeitet hat. Es ist nicht das erste Märchen, das E.T.A. Hoffmann veröffentlicht hat. Bereits 1814 erscheint das Märchen “Der goldene Topf”. Der Freiraum für das Fantastische im Märchen zieht ihn auch weiterhin an und in den Folgejahren entstehen Kunstmärchen wie “Nußknacker und Mäusekönig” und “Prinzessin Brambilla”. Die intensive Beschäftigung mit dieser Gattung hat ohne Frage auch Einfluss auf “Klein Zaches”; Die französischen Feenmärchen des 18. Jahrhunderts spiegeln sich in der Figur der Fee Rosabelvedere wider. Aber auch das Magierduell zwischen ihr und dem Magier Prosper Alpanus hat literarische Vorbilder - zum Beispiel bei Shakespeares Sommernachtstraum, in welchem die Elfen Oberon und Titania einen ähnlichen Wettstreit austragen.

“Klein Zaches genannt Zinnober” spiegelt viele Aspekte und Ideale der Spätromantik wider: Die Skepsis gegenüber der Aufklärung, die Form des Märchens, das Fantastische und die Sehnsucht nach Harmonie sind nur einige Beispiele. E.T.A. Hoffmann verdichtet diese Themen und erzählt ein neues Märchen, kein überliefertes Volksmärchen, sondern ein von ihm erdachtes Kunstmärchen. Er sieht Missstände und äußert in der Fantasie des entzauberten Fürstentums ganz klare Ängste. Dennoch ist dieses superwahnsinnige Werk - wie er schreibt: “[ein] ohne allen weitern Anspruch leicht hingeworfene[r] Scherz”. Inwiefern wir ihm darin vertrauen dürfen, wenn wir uns die lange Zeit der Bearbeitung vor Augen führen, ist eine andere Frage.