30 Tage kostenlos testen: Mehr Spaß am Lernen.
30 Tage kostenlos testen

Überzeugen Sie sich von der Qualität unserer Inhalte.

30 Tage kostenlos testen

Heiner Müller – Biografie 12:03 min

Textversion des Videos

Transkript Heiner Müller – Biografie

„Soll ich von mir reden Ich, wer von wem ist die Rede wenn von mir die Rede geht Ich wer ist das“ dichtete Heiner Müller 1981 in „Landschaft mit Argonauten“. Diesen Text stellte er seiner 1992 veröffentlichten Autobiographie „Krieg ohne Schlacht“ voraus. Heiner Müller gilt nach Bertolt Brecht als wichtigster deutscher Dramatiker des 20. Jahrhunderts. Geboren wurde er 1929 im sächsischen Eppendorf. Also in der Endphase der Weimarer Republik, die von 1918 bis 1933 dauerte. Sein Vater, ein SPD-Politiker, vermittelte Heiner antifaschistische Werte. Als 1933 das nationalsozialistische Regime an die Macht kam, wurde der Vater in einem Konzentrationslager interniert. Diese Erfahrung verarbeitete Müller später in unterschiedlichen Texten. Bereits in seiner Kindheit verschlang er, bedingt durch des Vaters Einfluss, sämtliche Stücke von Schiller. Jedoch sollte ein anderer Autor in seiner Jugend von weit größerer Bedeutung werden: Ernst Jünger. Müller betonte stets, dass Jünger, noch lange vor Bertolt Brecht, ihn stark beeindruckte. Ernst Jünger gilt als sehr umstrittener Autor, der in seinen Erinnerungen aus dem ersten Weltkrieg „In Stahlgewittern“ das Kriegsgeschehen als großes Abenteuer beschrieb. Von den Nationalsozialisten distanzierte sich Jünger jedoch Ende der 20er-Jahre deutlich. 1939 veröffentlichte Jünger mit „Auf den Marmorklippen“ ein Buch, das als Parabel des Widerstands gegen das Naziregime verstanden wurde. An Jünger, so Müller später, bewunderte er dessen Sprachduktus, der ohne Moral auskam. Fehlende Moral, beziehungsweise fehlender Optimismus in seinen Texten wurde Müller später auch immer wieder vorgeworfen. Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs verschlägt es den jungen Müller in das damalige Ost-Berlin. Hier lebten viele Autoren und Theatermacher. Auch Bertolt Brecht ließ sich nach Jahren des Exils hier nieder und bekam mit dem Theater am Schiffbauerdamm ein eigenes Haus zugesprochen, an dem Heiner Müller arbeiten wollte. Jedoch wurde er von dem Berliner Ensemble, wie das Theater mittlerweile hieß, abgelehnt. Auch zwei Treffen mit Bertolt Brecht, bei denen Müller den Intendanten von seinen Qualitäten zu überzeugen versuchte, führten zu keinem Erfolg. Müller schlägt sich in den Folgejahren mit dem Schreiben von Buchrezensionen durch. Viel Geld brachte dies nicht ein. Müller, der ohnehin nicht gut mit Geld umgehen konnte, war stets auf die Unterstützung von Freunden angewiesen. Parallel dazu versuchte er sich ersten Stückentwürfen, die jedoch noch nicht zur Aufführung kamen. Als am 17. Juni 1953 Bauarbeiter in Ost-Berlin gegen die Erhöhung der Normen und für mehr Lohn demonstrierten, wurde der Protest von sowjetischen Panzern niedergeschlagen. Für viele Intellektuelle in der DDR bedeutete dies einen Einschnitt. Selbst Bertolt Brecht war schockiert von der Brutalität des Vorgehens und der mangelnden Dialogbereitschaft der Herrschenden. Müller jedoch zeigte sich unbeeindruckt. Er glaubte an die DDR als das bessere Deutschland, was sicherlich auch mit seiner Erziehung und der Inhaftierung des Vaters zusammenhing. Zu dieser Zeit lernte Müller die Autorin Ingeborg Schwenkner kennen, die er 1955 heiratete. Es war bereits die zweite Ehe für den damals 26-Jährigen. Mit seiner Frau arbeitete er auch zusammen. So recherchierten sie 1955 auf einer Großbaustelle in Sachsen. Daraus entstand 1956 das Stück „Der Lohndrücker“, das Müllers erster Erfolg wurde. Im Stile des Realismus beschreibt der die Aufbauschwierigkeiten des Sozialismus in der jungen DDR. Gleichwohl enthielt das Stück auch kritische Töne. Vor lauter Ideologie sehen die Genossen den Kommunismus nicht. Die Premiere seines nächsten Stücks „Die Umsiedlerin oder das Leben auf dem Lande“ verschob sich mehrere Male. In der Komödie werden die Probleme der Kollektivierung auf dem Land beschrieben. Schließlich wurde das Stück 1961 vom Regisseur B.K. Tragelehn in Berlin inszeniert. 1961 markiert einen wichtigen Punkt in der deutschen Geschichte, den Mauerbau. Die Grenze zwischen der DDR und BRD wurde zum Bollwerk. Die DDR-Bürger durften nicht mehr nach Westdeutschland reisen. Manche Intellektuelle in der DDR hofften, dass dadurch aber ein offeneres Klima in ihrem Land herrschen würde. Diese Hoffnung erfüllte sich jedoch nicht. Müllers Stück geriet zum Skandal, in dessen Folge er aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen wurde. Dies kam einem Berufsverbot gleich. Müller wurden konterrevolutionäre Absichten unterstellt. Während Regisseur B.K. Tragelehn in die Kohleproduktion strafversetzt wurde, schrieb Müller nun unter Pseudonym, zum Beispiel Max Messer, Krimis. Ebenso begann er zunehmend antike Stoffe zu bearbeiten. So zum Beispiel „Philoktet“, im Jahre 1964 fertig gestellt, von Sophokles. Müller reduzierte es auf ein Drei-Personen-Stück, das zeigt, wie Politik den Menschen korrumpiert. Wie Macht die Moral untergräbt. Als er schließlich wieder veröffentlichen durfte, produzierte er mit „Der Bau“ 1965 gleich den nächsten Skandal. Basierend auf Erik Neutsch Roman Spur der Stein“ offenbart das Stück gesellschaftliche Widersprüche und Hindernisse beim Aufbau des Sozialismus. Erneut werden Müller umstürzlerische Absichten unterstellt. Dieses Stück markiert gleichzeitig Müllers Abschied vom Realismus. Auf dem 11. Plenum des ZK der SED, der führenden Partei in der DDR, wurden Künstler, die zu kritisch schreiben oder malen, scharf kritisiert. Jedoch reagierte die Literatur auf den Druck mit dem sogenannten „Gegendruck durch das Drama“, das gesellschaftliche Entwicklungen kritisch darlegte. In den nächsten Jahren bearbeitete Müller antike Stoffe. So zum Beispiel „Herakles 5“ im Jahre 1966, im gleichen Jahr „Ödipus Tyrann“ und zwei Jahre später „Prometheus“. Ebenso begann die Auseinandersetzung mit Shakespeare, von dem Müller sagte, dass das Lesen des englischen Dichters einer Bluttransfusion gleichkäme. 1972 veröffentlicht er seine Macbeth-Bearbeitung, in der er die Eingangsszene mit den Hexen strich, um zu verdeutlichen, dass politische Intrigen und Revolutionen nicht das Produkt überirdischer Kräfte darstellen, sondern menschengemacht sind. Auch Hamlet übersetzte Müller neu und verfasste 1977 einen darauf basierenden Text: „Die Hamletmaschine“. Darin heißt es: „Ich war Hamlet. Ich stand an der Küste und sprach mit der Brandung. Bla, Bla, Bla. Im Rücken die Ruinen von Europa. Die Glocken läuteten das Staatsbegräbnis ein. Mörder und Witwe ein Paar. Im Stechschritt hinter dem Sarg des hohen Kadavers die Räte heulend in schlecht bezahlter Trauer.“ Müller reflektiert darin den Stillstand, den politischen ebenso wie den ästhetischen. „Die Hamletmaschine“ markiert das Ende eines für Müller jedoch produktiven und erfolgreichen Jahrzehnts. In Stücken wie „Die Schlacht“ 1974 oder „Germania. Tod in Berlin“ 1977 setzt er sich mit der deutschen Geschichte auseinander. Diese Stücke verhelfen ihm zu einem internationalen Renommee. Selbst in den USA wird Müller mittlerweile inszeniert. Diese Erfolge verhelfen ihm zu Privilegien. 1983 erhält er ein sogenanntes Dauervisum. Er muss nun Reisen in die BRD oder in die USA nicht mehr begründen, sondern bewegt sich problemlos zwischen Ost und West. Macht mit seiner West-Berliner Freundin Margaretha Breuch Urlaub in Brasilien, schließt Freundschaft mit dem texanischen Regisseur Robert Wilson, den er oft in New York besucht. Was bereits „Die Hamletmaschine“ andeutete, so wandte sich Müller anderen Theaterformen zu, schrieb mit „Bildbeschreibung“ einen Text, an dem sich Regisseure lange Zeit mit der Inszenierung schwer taten. Ebenso setzte er sich mit Brechts „Fatzer“-Fragment auseinander, das einen pessimistischen Blick auf die Durchführbarkeit von Revolutionen warf. Müllers Texte enthalten nunmehr eine deutliche Absage an Aufklärung und menschliche Vernunft. Als Heiner Müller am 4. November 1989 auf dem Ost-Berliner Alexanderplatz an einer Demonstration teilnimmt, auf der Intellektuelle und Künstler sowie die fast 500.000 weiteren Teilnehmer politische Reformen fordern, liest Müller ein Manifest einer unabhängigen Gewerkschaft vor. Er endet mit seinen eigenen Worten: „Wenn heute die Regierung zurücktritt, darf auf Demonstrationen getanzt werden.“ Die Regierung tritt zwar noch nicht zurück, aber fünf Tage später fällt die Mauer. Heiner Müller wird zum Präsidenten der Akademie der Künste Ost gewählt, heiratet ein viertes Mal; die Fotografin Brigitte Meyer und leitet ab 1992 das Berliner Ensemble, also jenes Theater, das ihn in jungen Jahren abwies. Müller reagierte auf die neue Zeit nicht mit einem neuen Stück, sondern gab zahlreiche Interviews, die Literaturwissenschaftler zu der berechtigten Frage veranlassten, ob auch diese Gespräche einen Teil von Müllers Werk ausmachten, mithin nicht nur journalistische Texte darstellen. Müller wandte sich der Lyrik zu und verfasste Aphorismen, zum Beispiel „Hoffnung ist der Mangel an Information“. Die Uraufführung seines letzten Stücks „Germania 3 Gespenster am toten Mann“ erlebt Müller nicht mehr. Die Aufführung erfolgt posthum. Am 30. Dezember 1995 erlag Heiner Müller einem Krebsleiden. Er wird heute regelmäßig an allen großen Theatern inszeniert. In Ländern wie Frankreich und den USA ist er mittlerweile mindestens so bekannt wie sein Vorbild Bertolt Brecht.

Videos im Thema

Heiner Müller (1 Videos)

zur Themenseite