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Erzählperspektiven – Überblick 07:53 min

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Transkript Erzählperspektiven – Überblick

Hallo, ich bin deine Deutschtutorin Sarina... ...und ich werde mit dir zusammen in diesem Video deine Kenntnisse in Bezug auf die vier grundlegendsten Erzählperspektiven in epischen Texten, also erzählenden Werken, praktisch anwenden.

Dazu werde ich die Hauptmerkmale des Ich-Erzählers sowie des auktorialen, personalen und neutralen Erzählers kurz wiederholen, bevor das Ganze danach an konkreten Textbeispielen verdeutlicht wird. Da der Schwerpunkt des Videos auf der Übung liegt, solltest du schon Vorwissen über die Hauptmerkmale der Erzählperspektiven mitbringen. Der Ich-Erzähler macht sich selbst zum Bestandteil der erzählten Welt und wird für den Leser als Person greifbar. Diesen Erzähler kannst du ganz leicht an den Personalpronomen “ich” oder “mir”, “mich” erkennen. Wenn der Erzähler sich in einer Gruppe befindet, erkennst du ihn an den Personalpronomen “wir” beziehungsweise “uns”.

Natürlich kann der Ich-Erzähler auch andere Figuren mit den Personalpronomen “er” oder “sie” beschreiben, doch dies geschieht stets aus seinem eingeschränkten Blickwinkel, den Augen einer Figur. Er kann nur in seine eigene Gefühlswelt sehen. Anders ist das beim auktorialen Erzähler. Dieser kann in die Gedanken- und Gefühlswelt aller Figuren sehen und wird deshalb auch der allwissende Erzähler genannt. Der auktoriale Erzähler ist eine für dich, den Leser, spürbare Instanz, da er sich durch persönliche Wertungen, Kommentare und Reflexionen bemerkbar macht. Bei diesen persönlichen Einschüben verwendet er auch gerne die Ich-Perspektive. Er befindet sich im Gegensatz zum Ich-Erzähler jedoch außerhalb der erzählten Wirklichkeit und nimmt die Rolle des Vermittlers ein. Unter einem personalen Erzähler versteht man einen Erzähler, der -ähnlich wie der Ich-Erzähler- in die Rolle einer oder mehrerer Figuren schlüpft, also deren Gedanken und Empfindungen kennt. Allerdings beschreibt er diese stets in der Er- beziehungsweise Sie-Form, weshalb er von manchen auch als Er-/Sie-Erzähler bezeichnet wird. Ein Perspektivwechsel ist möglich, aber nicht zwingend notwendig. Persönliche Kommentare wie die des auktorialen Erzählers sind nicht vorhanden - der Erzähler verschwindet quasi hinter der Figur. Der letzte der vier Erzähler, der neutrale Erzähler, beschreibt ebenso wie der auktoriale und der personale Erzähler die handelnden Figuren in der Er- beziehungsweise Sie-Form.

Du kannst ihn allerdings daran erkennen, dass er weder persönlich kommentiert noch in das Innere der Figuren blickt. Er interagiert nicht mit dem Leser, spricht dich also nicht direkt an, und ist durchweg objektiv. Los geht’s mit dem ersten Textbeispiel, einem Auszug aus William Makepeace Thackerays Roman “Jahrmarkt der Eitelkeit”:

“Da sie keine Heldin ist, brauchen wir ihre Person nicht zu beschreiben; ich befürchte sogar, dass ihre Nase etwas zu klein und ihre Wangen viel zu rot und rund für eine Heldin waren; aber ihr Gesicht strahlte von blühender Gesundheit, und auf ihren Lippen lag das munterste Lächeln[...]”

Wer erzählt hier - der personale, neutrale, auktoriale oder doch der Ich-Erzähler?

Der Erzähler ist nicht objektiv, sondern wertet eine Figur und ihr Äußeres, zum Beispiel mit “viel zu rot und rund”. Somit scheidet der neutrale Erzähler für diese Textstelle aus. Außerdem bezieht der Erzähler zwischendurch Position, indem er das Personalpronomen “ich” verwendet, wodurch der personale Erzähler ebenfalls wegfällt. Nun hilft die Frage, ob der Erzähler direkt am erzählten Geschehen teilnimmt und alles durch die Augen einer Figur sieht oder ob er eine Art Vermittler zwischen Leser und erzählter Welt darstellt.

Letzteres ist der Fall, was man zum Beispiel an dem Personalpronomen “wir” nachvollziehen kann, mit dem er sich selbst und den Leser, also dich, mit einschließt. Der auktoriale Erzähler nimmt nicht direkt am Geschehen teil. In der Textstelle beschreibt er eine Figur detailliert von außen, urteilt und bezieht den Leser direkt mit ein. Ein zweites Beispiel stammt aus dem Roman “Tschick” von Wolfgang Herrndorf:

“Offensichtlich hatte ich einen riesigen Fehler gemacht. Ich wusste zwar nicht, welchen. Aber es war Schürmann einfach anzusehen, dass ich mit dieser Geschichte einen absolut riesigen Fehler begangen hatte.”

Wieder kannst du das Personalpronomen “ich” finden, also ist es kein neutraler und auch kein personaler Erzähler. Diesmal ist der Erzähler jedoch direkt am erzählten Geschehen beteiligt. Schürmann, eine andere Figur, wird aus dem eingeschränkten Blickwinkel des Erzählers betrachtet, der in eine Figur schlüpft und aus der Ich-Perspektive erzählt. Der Erzähler weiß nur das über Schürmann, was er ihm ansieht. Er kann nicht in ihn hineingucken. Die Textstelle ist somit ein Beispiel für einen Ich-Erzähler. Der nächste Auszug stammt aus der Kurzgeschichte “Eis”, welche von Helga M. Novak verfasst wurde:

Ein junger Mann geht durch eine Grünanlage. In einer Hand trägt er ein Eis. Er lutscht. Das Eis schmilzt. Das Eis rutscht an dem Stiel hin und her. Der junge Mann lutscht heftig, er bleibt vor einer Bank stehen. Auf der Bank sitzt ein Herr und liest eine Zeitung. Der junge Mann bleibt vor dem Herrn stehen und lutscht.

Diese Textstelle zeichnet sich durch betonte Objektivität aus. Der Erzähler tritt in die Rolle eines Beobachters und lässt an keiner Stelle einen persönlichen Kommentar fallen. Es werden zudem keine Gefühle deutlich, weder die des jungen Mannes noch die des auf der Bank sitzenden Herrn. Es ist ein Beispiel für einen neutralen Erzähler. Der Anfang der Erzählung “Die Verwandlung” von Franz Kafka lautet:

“Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt. Er lag auf seinem panzerartig harten Rücken [...]”

Diese Textstelle ist, wie du dir vielleicht schon denken kannst, ein Beispiel für einen personalen Erzähler. Es wird in der männlichen dritten Person Singular, also “er fand”, “er lag”, erzählt. In diesem Fall ist “er” Gregor Samsa. Der Erzähler hat Einblick in die Innenwelt der Figur Gregor Samsa - er weiß, was er träumt und beschränkt sich innerhalb der Erzählung auf dessen Blickwinkel. Nachdem du die verschiedenen Erzählperspektiven nun einmal an konkreten Textpassagen nachvollziehen konntest, habe ich noch zwei Tipps für dich, auf die du bei der nächsten Analyse eines Erzähltextes achten solltest. Erstens, verwechsle niemals den Autor mit dem Erzähler. Wenn du zum Beispiel schreibst: “der Autor beschreibt die Figuren ausführlich”, ist das ein Fehler. Es muss heißen: “der Erzähler beschreibt die Figuren ausführlich”.

Mein zweiter Hinweis an dich besteht darin, dass die Erzählperspektive innerhalb eines epischen Werks auch wechseln kann. Lass dich dadurch nicht verunsichern - manche Autoren benutzen dies als stilistisches Mittel. Ich hoffe, dieses Video konnte dein Wissen über die verschiedenen Erzählperspektiven festigen.

Viel Erfolg bei der nächsten Textanalyse und bis zum nächsten Mal!

7 Kommentare
  1. Default

    Sehr anschaulich👍

    Von Niklas Wesch, vor etwa einem Monat
  2. Default

    sehr gut erklärt, ich hab`s verstanden!!!

    Von S Heidersdorf, vor 9 Monaten
  3. Default

    sehr anschaulich erklärt! Grenzt die einzelnen Erzähltypen anschaulich von einander ab.... für mich ist es jetzt viel greifbarer als vorher

    Von B J Niesel, vor 12 Monaten
  4. Default

    super video!!:))

    Von Lilian Mittelstaedt, vor etwa einem Jahr
  5. Rene redaktion

    Vielen Dank für eure Kommentare. Wir freuen uns, dass euch das Video gefällt. Ihr findet passend zum Video auch interaktive Übungen, in denen ihr euer Wissen vertiefen und anwenden könnt.

    Beste Grüße
    Eure Deutschredaktion

    Von René Perfölz, vor mehr als 2 Jahren
  1. Default

    herzlichen dank dafür!

    Von C Valanti K, vor mehr als 2 Jahren
  2. Default

    Super Video ich hab alles gut verstanden und es war auch schön zum mitdenken gestaltet

    Von Tanya Elshorst, vor etwa 3 Jahren
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