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„Der Prozess“ – Entstehungsgeschichte (Kafka) 06:56 min

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Transkript „Der Prozess“ – Entstehungsgeschichte (Kafka)

Franz Kafka „Der Prozess“ Entstehungsgeschichte: Franz Kafka sitzt an einem Tisch im Hotel „Askanischer Hof“ in Berlin. Sein Blick ist gefasst, die Hände zittern nur leicht. Ihm gegenüber sitzen drei Frauen. Eine davon ist seine Verlobte Felice Bauer. „Hast du noch etwas zu sagen?“, spricht sie ihn an. Ihre Stimme ist klar und scharf wie ein Messer. Wie immer in solchen Situationen weicht Kafka ihrem Blick aus. „Nein, nicht.“ Er sieht aus dem Fenster auf die Straßen Berlins. Menschen, die einfach leben können, Menschen, denen nicht gerade der Prozess gemacht wurde. Menschen, die nichts von seinem Leiden verstanden. Kafka steht auf, er streift seine Kleidung glatt. Er bringt kein Wort heraus, nickt Felice kurz zu. Ihr Blick ist hart. Dann zur nächsten, Grete Bloch. Sie blickt auf den Tisch. Dabei war sie es doch, die es ihm eingebrockt hatte. Oder war er es selbst gewesen? „Ein Tribunal.“ denkt er, während er durch die Glastür auf die Straße geht „Wie ein Tribunal.“ Diese Szene ist der Hauptauslöser, der Kafka dazu bewegt, „Der Prozess“ zu schreiben. Seit 1912 hatte der eine Beziehung zur Berlinerin Felice Bauer. Diese Beziehung ist geprägt von Kafkas Selbstzweifeln und Vorwürfen gegen sich, kein geeigneter Ehemann sein zu können. Da Kafka in Prag lebt, wird die Beziehung nur über Briefe am Leben erhalten. Allerdings schreibt Kafka zu dieser Zeit auch Grete Bloch, einer guten Freundin von Felice, zweideutige Briefe. Wenn er Felice schreibt, dass er sich auf die geplante Hochzeit freue, so schreibt er gleichzeitig Grete, dass die Ehe für ihn undenkbar sei. Am 12.Juli kommt Kafka auf Bitten Felices nach Berlin gereist. Sie möchte mit ihm reden im Hotel „Askanischer Hof“. Doch sie ist nicht allein. Zwei Freundinnen, darunter Grete Bloch, begleiten sie. Vor diesem Tribunal, wie Kafka es später beschreibt, wird er nun zur Rede gestellt. Die widersprüchlichen Briefe werden vorgelegt und Kafka kann nichts entgegensetzen. Er fühlt sich angeklagt und schuldig, ohne sich praktisch schuldig gemacht zu haben. Schließlich stimmt er zu, die Beziehung zu beenden. Diese Gerichtsszene ist prägend für Kafka. Das Treffen in Berlin gibt den Startschuss für die literarische Verarbeitung. Wie immer, wenn es in Kafkas Leben nicht weiterzugehen scheint, brodelt die Energie zu schreiben in ihm. Schon seit Beginn des Jahres treibt ihn das Thema der Gerichtsbarkeit ohne verbindliche Rechtsbasis um. Er hat es lange mit dem Philosophen Martin Buber besprochen, ironischerweise ebenfalls in Berlin. Jetzt hat er endlich eine Idee, wie er dieses Thema in eine Erzählung einbinden kann. Am 29.Juli 1914 beginnt er eine Geschichte über einen gewissen Josef K. in sein Tagebuch zu schreiben. Der Anfang ist gemacht. In den nächsten zwei Wochen ordnete er einiges Material zu der Geschichte. Relativ schnell fasst er den Entschluss, dass es sich um einen Roman handeln wird. Auch der Titel ist rasch gefunden: „Der Prozess“. Am 11.August 1914 beginnt er den Text auszuformulieren. Entgegen seiner sonstigen Arbeitsweise legt sich Kafka dieses Mal ganz genaue Pläne zurecht. Er will eine geschlossene, große Form erreichen, wie er sie bei Heinrich von Kleist und Adalbert Stifter bewundert. Zu diesem Plan gehört auch die Tatsache, dass er noch im August das erste sowie das letzte Kapitel vollendet. Es ist damit das einzige Romanfragment Kafkas, von dem wir genau wissen, wohin Kafka mit dem Text wollte. Die Arbeit am Roman geht nun sehr zügig voran. Kafka fühlt sich wohl mit seiner Arbeit, was schon seit zwei Jahren nicht mehr der Fall war. Bis Mitte Oktober schafft er es auf etwa 200 Manuskriptseiten. An diesem Punkt gibt es einen Bruch in seiner Arbeit. Er lässt vom „Prozess“ ab und schreibt die Erzählung „In der Strafkolonie“ sowie ein Kapitel des Romans „Der Verschollene“, auch unter dem Namen „Amerika“ bekannt. Als er sich Anfang November wieder an „Der Prozess“ setzt, stockt die Arbeit zusehends. Kapitel werden nicht mehr vollendet, vieles immer wieder verworfen. Bis zum 20.Januar 1915 schafft er es nur auf 80 neue Seiten. Dann schließlich verwirft er das Projekt, belässt es als Fragment. Es gibt mehrere wichtige Ereignisse, die in dieser Zeit das Schreiben sowohl gefördert als auch gehindert haben mögen. Historisch am wichtigsten ist wohl der Ausbruch des Ersten Weltkrieges genau in dem Zeitraum, in dem Kafka mit dem Schreiben beginnt. Er wird aufgrund seiner Arbeit als Versicherungsangestellter zwar nicht eingezogen, muss allerdings in der Firma seines Schwagers Arbeiten übernehmen. Diese hindern ihn zunehmend am Schreiben. Auf der anderen Seite lebt Kafka ab Herbst 1914 zum ersten Mal außerhalb des elterlichen Hauses. Dies verschafft ihm etwas Ruhe vor der Familie, besonders vor dem dominanten Vater. Franz Kafka steht verloren in Mantel und Hut vor dem „Askanischen Hof“. Ein Neuanfang muss her. Ein großes Werk, soviel scheint klar zu sein. Langsam macht sich der Mann mit dem Mantel und dem Hut auf den Weg zum Bahnhof. „Der Prozess“ wird Kafkas erstes Romanfragment. Er wird es nicht vollenden können, ebenso wenig wie die beiden anderen Fragmente „Der Verschollene“ und „Das Schloss“. Während er langsam die Straße entlang geht, beginnt er die persönlichen Erlebnisse zu verarbeiten, zu Literatur zu machen.